Julius Wolff
Das schwarze Weib
Julius Wolff

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Elftes Kapitel.

Die Tage gingen dahin, und wenn die Sonne versank, so hatte sie im deutschen Reiche blutige Kämpfe, schaudervolle Taten der Verwüstung, des Hasses und der Rache und Erschlagene und Verwundete gesehen, schuldige und unschuldige Opfer des immer weiter um sich greifenden Aufstandes. Und der nächtliche Himmel war fort und fort gerötet vom Widerschein lodernder oder verglimmender Brände, von denen Schlösser und Klöster bis auf die schwarzen Mauern zerstört wurden. Da ging viel edler, kunstvoll gearbeiteter Hausrat, manche wertvolle Bücherei, manche wichtige pergamentene Urkunde in Flammen auf; unschätzbare und unersetzliche Dinge fielen der Vernichtung anheim, und die Erde trank das Blut von Tausenden erbitterter Streiter.

Was alles geschehen war, davon hatten – die einen mit wildem Frohlocken, die anderen mit Entsetzen – die im Klostergarten der Abtei Schönthal Versammelten soeben den ausführlichen Bericht aus Wendel Hipplers Munde vernommen, kühl und geschäftsmäßig wie die Rechnungslegung vor den Teilhabern eines gewagten Unternehmens. Er wußte alles, ihm war alles übermittelt, jede Eroberung und Erstürmung, jeder Zuwachs an Macht durch gewonnene Städte oder in den Bund gezwungene Adlige, jeder Gewinn und Verlust, und mit keinem Worte der Anerkennung oder Mißbilligung verriet er, ob er mit den Erfolgen zufrieden oder unzufrieden war.

Das sehr weitläufig gebaute Kloster hielt Georg Metzler bereits seit einigen Tagen mit seinem Haufen besetzt und hatte dafür gesorgt, daß von den überreichen Vorräten an Lebensmitteln nichts unnütz vergeudet wurde, damit auch die Späterkommenden noch ihren Unterhalt finden sollten. Aber nicht zu hindern hatte er vermocht, daß der Silberschatz des Klosters, kostbares Kirchen- und Tafelgerät, geraubt, das Innere der prächtigen Kirche zerstört, der Altar, die geschnitzten Chorstühle, die schöngemalten Fenster zertrümmert wurden und besonders eifrig, wenn auch vergeblich, nach den Zinsbüchern des Klosters gesucht wurde, um durch ihre Verbrennung alte Schulden ohne Zahlung zu tilgen.

Heute war der Tag des Vollmonds, der zu der allgemeinen Versammlung in Schönthal bestimmt war, und die Bauernhaufen aus Franken, Schwaben, dem Breisgau, dem Oden- und Schwarzwald, dem Neckar- und Taubertal hatten sich pünktlich eingefunden und lagerten innerhalb und außerhalb der weiten Klostermauern.

Da waren wenig Hände, die noch rein von Blut gewesen wären; auch die Judikas waren es nicht mehr. In Tauberbischofsheim hatte sie die Feuertaufe empfangen.

Der Rat, durch die vorherige Ansage Jäckleins auf seine Ankunft vorbereitet, war, Brandschatzung und Plünderung fürchtend, verblendet genug gewesen, ihm die Tore der Stadt, sich auf ihre noch schnell verstärkten Verteidigungsmittel verlassend, zu verschließen und den Einzug zu verweigern. Da war es zum Kampfe gekommen, und Judika hatte sich in heldenmütiger Weise daran beteiligt. Die Wälle wurden erstürmt, eines der Tore wurde von den aus Grünsfeld entführten Feldschlangen eingeschossen, ein anderes durch Verrat von innen geöffnet, so daß die Bauern von zwei Seiten zugleich in die Stadt eindrangen und sich ein Straßenkampf Mann gegen Mann entspann, der mit der Niederwerfung der Bürger und einer zügellosen Plünderung und Zerstörung ihrer Wohnungen endete, wobei die junkerlich gesinnten Mitglieder des Rates ihren törichten Widerstand am schwersten, zum Teil mit dem Leben büßen mußten.

Da hatten die Bauern ihr schwarzes Weib zum erstenmal im Kampfe gesehen und selbst in der Hitze des Gefechtes mit Bewunderung wahrgenommen, mit welcher hinreißenden Gewalt und wahrhaft ansteckenden Begeisterung sie nicht nur die Ihrigen mit zündenden Worten und lauten Zurufen zum Vordringen angefeuert, sondern wie sie sich selber todverachtend in das Handgemenge gestürzt hatte, daß die Gegner, erschreckt und verblüfft von dem Anblick eines ungestüm kämpfenden Weibes, vor ihr zurückgewichen waren. Als der Kampf entschieden war, wußte sie selber kaum, was sie getan hatte. Mit bleichem Antlitz und starrem Blick betrachtete sie die blutige Spitze ihres Speeres und winkte wie geistesabwesend mit der Hand denen Schweigen zu, die sie umringten und ihre mannhafte Tapferkeit mit hellem Jubel preisen und feiern wollten.

Seitdem waren auf den Märschen mehrere Tage vergangen, an denen sie sich auffallend schweigsam und nachdenklich verhalten hatte, oft unruhig und düster gestimmt, als fühlte sie reumütig auf ihrem Herzen das Rieseln des durch ihre Hand vergossenen Blutes. Aber ihr Ruf und Name wuchs im Bauernheere. Die Tausende hier in Schönthal frugen und forschten, wer das seltsame, so gebieterisch aussehende Weib im Haufen der Neckartaler wäre, und diese, auf ihre schöne und kriegerische Landsmännin stolz, vergrößerten und übertrieben ihre Taten und die Macht ihres Wesens, so daß alle mit Staunen und Ehrfurcht auf Judika blickten, ihr einen übernatürlichen Einfluß auf Menschen und Dinge zuschreibend.

Jetzt stand sie, an eine Säule des Kreuzganges gelehnt, dicht hinter Jäcklein, von diesem halb verdeckt, doch in nächster Nähe der Gewalthaber in der Versammlung, die hier Kriegsrat halten wollte. Außer allen Hauptleuten, Führern und Unterführern hatten sich so viel Bauern in den Klostergarten hineingedrängt, als das vom Kreuzgang umschlossene, längliche Viereck zu fassen vermochte. An seiner Schmalseite, der hohen Kirchenwand mit den zerbrochenen Fenstern gegenüber, erhob sich ein mächtiges steinernes Kruzifix, an dessen oberem Teil man die Bundesfahne befestigt hatte. Diese war halb weiß, halb blau, in der Mitte das Bild des Gekreuzigten, rechts davon ein kniender Bauersmann und links ein großer Bundschuh, ringsherum aber die Inschrift: »Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes!« Unter diesem Kreuze befanden sich, von der Menge durch einen kleinen freien Raum geschieden, die obersten Leiter und Befehliger des Aufstandes: Wendel Hippler, Hans Berlin, Georg Metzler, Hans Reyter von Bieringen, Ehrenfried Kumpf und andere Führer selbständiger Haufen. Ein wenig seitwärts aber, Judikas Platz gegenüber, standen zwei vorzüglich gewappnete Herren in Helm und Harnisch: Florian Geyer und Götz von Berlichingen.

Florian war nicht allein gekommen; er hatte eine stattliche Anzahl gerade beschäftigungsloser Landsknechte geworben und mit zur Stelle gebracht, die er seine »schwarze Schar« nannte. Diese anspruchsvollen und großsprecherischen Draufgänger waren bei den Bauern eigentlich nicht beliebt, ihnen aber wegen ihrer Kriegserfahrung und Waffentüchtigkeit jetzt eine willkommene Unterstützung.

Florian und Judika hatten sich noch nicht gesprochen, aber längst gesehen, und ihre Blicke begegneten sich zuweilen, denn Judika wandte nicht die Augen von dem, den sie hier zu treffen sehnlichst gehofft hatte.

Es sollte zur Wahl eines Feldhauptmanns geschritten werden. Herrn Götzens gute Freunde, Wendel Hippler und Hans Reyter, der einen großen Einfluß im Bauernheere besaß, hatten schon vorher mit dem Ritter über die Annahme dieser Würde verhandelt, und er hatte sich auch nach langem Zureden und halb gezwungen dazu bereit erklärt unter der Bedingung, daß man seine Brüder, namentlich seinen Bruder Hans auf dem nahen Jaxthausen, in Ruhe ließe. Nun schlug Hippler den Ritter mit der eisernen Hand der Versammlung zum Feldhauptmann vor, wies mit wenigen Worten auf seinen weitverbreiteten Ruhm als tapferer Kriegsmann hin und fügte hinzu, daß Götz sich anheischig mache, den gesamten fränkischen Adel dem evangelischen Bunde zuzuführen. Ein Gemurmel und Geräusch von Stimmen, bei dem sich nicht recht unterscheiden ließ, ob es Beifall oder Widerspruch bedeuten sollte, erhob sich im Kreise, und dann folgte eine tiefe Stille.

Judika flüsterte Jäcklein ins Ohr: »Wir sind Bauern und bedürfen des Adels nicht.« Und laut wiederholte Jäcklein: »Wir haben einen Bauernkrieg; wozu bedürfen wir des fränkischen Adels?«

»Nein! nein! wir brauchen die Adligen nicht, wir wollen ihnen unseren Willen schon selber vorschreiben,« klang es von allen Seiten aus der Versammlung heraus.

»Der Beistand des Adels ist nicht so kurzer Hand abzuweisen,« bemerkte Hans Reyter. »Wenn er sich uns freiwillig anschließt, so brauchen wir keine Zeit damit zu verlieren, seine Burgen zu belagern und ihn zu zwingen. Vor allen Dingen würde er uns Geschütze und Reiterei zuführen, die wir so nötig haben.«

»Würden uns teuer genug zu stehen kommen. Nein, nichts da vom Adel! wir trauen den Junkern nicht,« lauteten rechts und links die Antworten.

»Wenn Herr Götz von Berlichingen die Verhandlungen führt, so kann von Mißtrauen keine Rede sein,« erwiderte Hans Berlin. »Der Ritter ist gut Freund mit all den vermögenden Herren.«

»Mit Ulrich von Württemberg auch,« flüsterte Judika.

»Jawohl! mit dem Herzog Ulrich von Württemberg – Gott verdamm' ihn!« rief Jäcklein.

»Herzog Ulrich wird uns nicht mehr schaden,« versetzte Hippler mit lächelndem Munde.

»Laßt uns bei der Sache bleiben, Brüder!« nahm Metzler das Wort. »Wißt ihr einen besseren Feldhauptmann, als den ehrenwerten Ritter Götz von Berlichingen, so nennt ihn! ich wüßte keinen.«

Ein kurzes Schweigen folgte. »Florian Geyer!« raunte Judika.

»Ich schlage den Ritter Florian Geyer von Geyersberg vor,« rief Jäcklein, während sich Judika hinter ihrem Nachsprecher möglichst zu verbergen suchte.

Der Vorschlag fand vielseitige und laute Zustimmung in der Versammlung. Aber Florian Geyer trat einen Schritt vor und sagte: »Nein, Freunde! kein anderer als Herr Götz von Berlichingen muß unser Feldhauptmann werden, ich werbe für ihn, und wenn er die Wahl annimmt, wie ich hoffe, so werdet ihr an ihm einen Obersten haben, dem ihr mit Freuden folgen könnt. Er wird euch in keiner Gefahr im Stich lassen, dafür möcht' ich euch bürgen.«

»Gut! was Florian Geyer sagt, lassen wir gelten. Er versteht sich auf den Krieg. Wenn er selber nicht will, so wählen wir den Ritter Götz,« sprach einer zum anderen in der Versammlung, und das Stimmengewirr schwoll mächtig an im Klostergarten.

»Jetzt ein Wort von Euch, Götz, und die Sache ist abgemacht,« sagte Hippler halblaut zu dem Ritter.

Götz von Berlichingen trat vor, und es ward wieder still. Er sprach mit ruhiger, fester, tiefer Stimme: »Wenn ihr mich haben wollt, so will ich das Amt für die nächsten vier Wochen annehmen.«

»Vier Wochen? eine Hintertür!« flüsterte Judika schnell.

»Warum nur auf vier Wochen?« frug Jäcklein laut, »in vier Wochen ist der Krieg nicht beendet.«

»Auf vier Wochen hab' ich gesagt!« antwortete Götz sehr bestimmt. »Wir müssen uns erst kennen lernen, ich euch und ihr mich. Nun macht es kurz mit ja oder nein! ich bettle nicht um meine Wahl.«

»Bedenkt euch nicht länger!« rief Metzler. »Stimmt alle zu!« unterstützte ihn Reyter, und Hippler nickte nach allen Seiten den immer noch Zögernden aufmunternd zu.

Da trat Florian Geyer neben seinen ritterlichen Genossen und sprach: »Ich erhebe zuerst meine Stimme und rufe zum Feldhauptmann aus – Herrn Götz von Berlichingen!«

»Und Götz von Berlichingen! Götz von Berlichingen!« brauste nun der allgemeine Ruf innerhalb des sonst so stillen Kreuzganges, hallte an den Wänden der Kirche und des Kapitelsaales wider und pflanzte sich außerhalb der Klostermauern durch das ganze Bauernlager fort: »Götz von Berlichingen! Götz von Berlichingen unser Feldhauptmann!«

Götz reckte seine eiserne Hand empor und sprach: »Hiermit gelobe ich mich euch auf vier Wochen zum Hauptmann. Vertrauet mir, wie ich euch vertraue!« Dann reichte er Florian, Hippler, Metzler, Reyter und den anderen Nächststehenden die linke Hand, und die Wahl war beendet.

Jetzt handelte es sich um den Entwurf des für die nächste Zeit zu befolgenden Kriegsplanes.

Götz von Berlichingen wollte vor allem den geistlichen Fürsten und den Klöstern zu Leibe, um sich ihrer großen Reichtümer zu bemächtigen, deren man zur nachdrücklichen Führung des Krieges dringend bedürfte. Die Mönche sollten arbeiten, graben und reuten wie die Bauern. Metzler stimmte dem zu und riet, mit dem trutzigen Würzburg, der Hochburg des fränkischen Adels, den Anfang zu machen. Götz aber, an kecke Reiterstücklein gewöhnt, wollte sich auf eine langwierige Belagerung des festen, fast uneinnehmbaren Frauenberges bei Würzburg nicht eher einlassen, als bis man über eine genügende Anzahl großer Kartaunen zur Beschießung verfügen könnte, und schlug vor, Metzler solle sich zunächst mit seinen Odenwäldern mit dem großen Gaildorfer Haufen vereinigen und dann die Reichsstadt Schwäbisch Hall überziehen. Diese Meinung vertrat auch Florian Geyer mit dem Hinzufügen, daß man nach erfolgter Vereinigung von Hall aus dem in der Bildung begriffenen Heere des schwäbischen Bundes entgegenziehen und diesem eine offene Feldschlacht liefern sollte, wozu man alle Kräfte fest zusammenschließen müßte. Nun teilte aber Wendel Hippler der Versammlung mit, daß ein Schreiben der Grafen Albrecht und Georg Hohenlohe von Schloß Neuenstein eingegangen sei, in welchem die Grafen in hochfahrendem Tone ihre Versprechungen, Geschütze und Pferde zu stellen, wieder zurückzögen oder wenigstens nichtige Ausflüchte dagegen machten. Diese Mitteilung erregte großen Unwillen bei den Versammelten, und Jäcklein Rohrbach, nachdem ihm Judika wieder etwas zugeflüstert hatte, rief mit mutwillig siegessicherem Tone: »Die Hohenlohe und Schloß Neuenstein überlaßt mir! ich hole heraus, was drin steckt!«

»Recht so!« sprach Florian Geyer, über den Wortbruch empört, »und ich ziehe mit Euch, Jäcklein Rohrbach!«

»Ich auch!« rief Ehrenfried Kumpf, »und ich biete hiermit dem Herrn Florian Geyer den Oberbefehl über uns Rothenburger an; der Ritter mit seinen tapferen Landsknechten versteht sich aufs Stürmen noch besser als wir.«

»Angenommen, Ehrenfried Kumpf!« sprach Florian und schüttelte dem biederen, bescheidenen Manne dankbar die Hand.

Bei diesen Beschlüssen blieb es. Florian Geyer und Jäcklein Rohrbach sollten mit den Rothenburgern und Neckartalern und allem, was aus weiterem Umkreis noch dazu gehörte, nach Schloß Neuenstein ziehen, Metzler und Reiter aber sich mit ihren und den übrigen noch verfügbaren Haufen der Reichsstadt Hall zuwenden, und Götz von Berlichingen wollte sich ihnen nach einem kurzen Besuche bei seinem Bruder auf Jaxthausen unterwegs anschließen.

Damit war auch der Kriegsrat beendet, und die Versammlung im Klostergarten löste sich auf. Metzler ließ die Bundesfahne vom Kreuze abnehmen und wollte sie Götz überantworten. Aber der Ritter sprach: »Behaltet sie, Jörge! sie ist bei Euch in guten Händen.«

Jäcklein wandte sich zu Judika um und sagte: »Klaus Hornschuh wird ja wohl für dich sorgen; sollte es dir an irgend etwas fehlen, so schicke ihn zu mir, dann werde ich schon Rat schaffen.« Darauf schloß er sich Hans Reyter und Ehrenfried Kumpf an und wandelte mit ihnen den Kreuzgang entlang.

Nun trat Florian Geyer auf Judika zu, begrüßte sie mit herzlichem Händedruck und sagte: »Ich möchte Euch heute noch sprechen, Judika!«

»Sprecht, Herr Ritter!« erwiderte sie leicht errötend.

»O nicht jetzt, nicht hier.«

»Wo sonst? und wann?« fragte sie schüchtern.

»Später, wenn der Mond herauf ist und sie alle beim Weine sitzen,« antwortete er. »Aber wo? hier im Kreuzgange? nein, dort in der Kirche, – sie ist offen, die Tür ist ja eingeschlagen.«

»In der Kirche? vielleicht im Beichtstuhl, Herr Ritter?« lächelte sie und fügte dann leise hinzu: »Ich werde Eurer harren. –«

In den Klosterkellern lagerten, kleinere Gebinde nicht gerechnet, einundzwanzig Fuder Wein, die auf Befehl Metzlers – und mit Metzlers Befehlen war nicht zu spaßen – möglichst geschont waren. Jetzt aber gab er sie den tausenden von durstigen Bauernkehlen preis und behielt nur zwei Fässer, nach Aussage des Bruder Kellermeisters die edelsten Sorten, für die Tafel der Befehlshaber und Anführer zurück, die im Refektorium bereits hergerichtet war. Vor den Keller aber stellte er eine Wache mit stündlicher Ablösung, die Aufsicht zu führen hatte, daß die Verteilung des Weines in gerechter und ordentlicher Weise vor sich ging.

Bald saßen die Führer schmausend und zechend um die Tafel herum. Die Mönche mußten sie bedienen, aber dem Abte wurde die zweifelhafte Ehre erwiesen, an dem Gelage als Gast im eigenen Hause teilnehmen zu dürfen. Er wagte nicht die Einladung auszuschlagen und hatte seinen Platz zwischen Götz von Berlichingen und Wendel Hippler. Viele der Bauernführer tranken aus den silbernen Bechern der Mönche, und Metzler überreichte Götz von Berlichingen den kunstvoll getriebenen, mit Edelsteinen besetzten Pokal des Abtes mit den Worten. »Hier, Herr Feldhauptmann, Euer Beuteteil vom Kloster Schönthal!«

Es wurde viel getrunken, gelärmt und getobt, und es war schon spät, als der Abt, ein alter Herr, bat, sich zurückziehen und zur Ruhe begeben zu dürfen, was ihm bereitwillig gestattet wurde.

»Auch ich bin müde,« sprach Götz, »füllt mir noch einmal halb den Pokal zum Schlaftrunk und dann – gut' Nacht!«

Es geschah nach seinem Wunsch. Er bog mit der linken die eisernen Fingergelenke seiner künstlichen rechten Hand um den Becher, daß sie ihn fest umspannte, und erhob sich. In dem mattbeleuchteten Gange, der zum Dormitorium führte, holte er den Abt ein und sprach zu ihm: »Hier, hochwürdiger Herr, nehmt Euren schönen Pokal wieder! nur so konnt' ich ihn Euch retten. Betrachtet ihn nicht als entweiht, weil eine fleisch- und blutlose Hand ihn umklammerte.«

Gerührt dankte der greise Prälat dem gutmütigen Raubritter.


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