Julius Wolff
Das schwarze Weib
Julius Wolff

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Viertes Kapitel.

In ihrem späten, oft unterbrochenen Schlafe hatte Judika gegen Morgen hin einen merkwürdigen Traum. Sie sah eine lichterloh brennende Burg, die heftig angegriffen und tapfer verteidigt wurde. Sie selber war unter den Stürmenden, doch als sie im Burghof auf den um sein Leben fechtenden Ritter mit dem Spieß in den Händen zusprang, um ihn niederzustechen, erkannte sie auf der Stelle sein Gesicht. Vor seinem sie ganz durchdringenden, vorwurfsvollen Blick entfiel ihr die Waffe; machtlos sank sie in seine Arme, und die Flammen schlugen hoch über beiden zusammen, so daß sie einen lauten Angstruf ausstieß, von dem sie erwachte.

Was sollte der Traum bedeuten? wollte er ein Bild der Zukunft sein, das ihr weissagte, auf welche Weise sie in der Bewegung, in die sie sich Hals über Kopf gestürzt hatte, einmal untergehen würde, untergehen in den umfangenden Armen eines von denen, denen sie Tod und Verderben geschworen hatte? Gegen diese Auslegung sträubte sich ihr Inneres mit aller Gewalt. Allein wenn sie auch keine von den empfindsamen Naturen war, die sich durch Träume bestimmen oder beängstigen lassen, so hatte doch die Deutlichkeit und Lebhaftigkeit des bildlichen Vorganges und besonders die Erscheinung des dabei die Hauptrolle spielenden, ihr wohlbekannten Ritters sie so ergriffen, daß sie sich von dem nachhaltigen Eindruck nicht so schnell freimachen konnte. Sie schüttelte heftig das Haupt und strich sich mit der Hand über die Stirn, um die sich ihr aufdrängenden Gedanken zu verscheuchen, aber immer noch standen, von Feuersglut beleuchtet, der bannende Blick und die ausgebreiteten Arme des Ritters vor ihren erregten Sinnen. Da sprang sie auf vom Lager, wusch mit kaltem Wasser das heiße Antlitz, ordnete ihre Kleider und das aufgelöst lang flutende Haar und verließ den engen Raum, der ihr durch das schreckhafte Traumgesicht noch unheimlicher geworden war.

Als sie dann, durch eine magere Morgensuppe wenig gestärkt, sich von ihren Wirten dankend verabschiedet hatte und aus der Hütte heraustrat, sah sie dort Jäcklein stehen, der ausgekundschaftet hatte, in welcher Behausung sie genächtigt hatte, und ihrer hier schon wartete. Er begrüßte sie freundlich und teilte ihr mit, daß die anderen Haufen bereits abgezogen seien, der Odenwalder unter Georg Metzler nach dem Jaxttale und die Rotenburger und Ohrenbacher unter Ehrenfried Kumpf nach Ingelfingen und Langenburg. »Komm,« sagte er, »wir müssen auch weiter.«

Sie mochte nicht fragen wohin und ging schweigend mit zu der Stelle, wo sich der Haufen aus dem Neckartale schon gesammelt hatte, um unter Jäckleins Führung abzumarschieren.

»Du bist noch waffenlos, Judika,« sprach er. »Wir werden aber bald eine Rüstkammer finden, aus der du dir einen Jagdspieß wählen kannst, der dir zugleich als Wanderstab dient; vorläufig nimm dieses Messer, für alle Fälle!«

»Für alle Fälle!« murmelte sie vor sich hinnickend und steckte das dolchartige Messer mit der Scheide in ihren Gürtel.

Es war ein heiterer Frühlingstag heute. Wolken und Nebel waren verstoben, und die Sonne schien warm vom blauen Himmel herab. Judika hatte ihren Mantel über den Arm geworfen, und im rüstigen Vorwärtsschreiten kam die elastische Kraft und Schönheit ihrer hohen, schlanken Gestalt zur vollen Geltung. Die halb schlummerlos verbrachte Nacht hatte ihr nichts anhaben können; sie sah frisch und gesund aus trotz der bleichen, etwas dunklen Gesichtsfarbe. Das starke, schwarze Haar umschlang wohlgeordnet den ausdrucksvollen Kopf, der auf breiten Schultern und einem kräftigen Nacken saß. Ihre Brust hob und senkte sich, wie sie mit tiefen Atemzügen durch die leicht geöffneten Lippen die würzige Luft einsog. Mit großen, festen Schritten ging sie neben Jäcklein an der Spitze der bewaffneten Schar. Alle in ihrer Nähe blickten mit Bewunderung, die sich in mancherlei, nicht immer zarten Bemerkungen äußerte, auf das schöne Weib, das so mutig den Männern voranging, als wollte es sie in prophetischer Begeisterung von Sieg zu Siege führen, und noch unter dem Eindruck der gestrigen Rede war ihnen, als stünden sie mehr unter den Befehlen Judikas, als unter denen Jäcklein Rohrbachs. Das jungfräulich Spröde, Unnahbare, das sie, jede Zudringlichkeit fernhaltend, umgab, erschien heute mit einer frauenhaft gereiften Sicherheit und Entschlossenheit gepaart, die Alten wie jungen Scheu und doch zugleich Vertrauen einflößte.

Es befanden sich aber in Jäckleins Haufen neben den ehrsamen Bauern auch viel verdorbene Leute, die sich ihm in den letzten Tagen angeschlossen hatten, wüste, rohe Gesellen, die nichts zu verlieren hatten und denen es weniger um die zu erringende Freiheit zu tun war, als um ein abenteuerliches Leben und die Plünderung von Schlössern und reichen Klöstern, ein Gelüst, das sie unter dem gewalttätigen Jäcklein am ehesten befriedigen zu können hofften. Es bedurfte daher großer Willenskraft seinerseits, dieses Gesindel im Zügel zu halten, daß sie nicht hierhin und dorthin abschweiften, sondern ihm gehorchten und nur nach seinen Plänen handelten. Er hatte allerdings aus den verschiedenen Ortschaften zuverlässige Vertrauensmänner zu seiner Unterstützung, die ihre Leute kannten und zu nehmen wußten, so daß er seiner Gefolgschaft sicher zu sein glaubte. Judika jedoch, bei all ihrer Unerschrockenheit, fühlte sich als einziges weibliches Wesen inmitten dieser verlotterten und verwegenen, zu jeder Schandtat fähigen Menschen nicht ganz ungefährdet. Sie wußte zwar, daß Jäcklein auch nicht die kleinste ihr zugedachte Unbill dulden würde, aber in Anbetracht der Leidenschaftlichkeit, mit der er selber nach ihrem Besitze trachtete, und der keine Regung in ihrem eigenen Herzen entgegenkam, mochte sie sich seiner schirmenden Gunst und Aufsicht allein nicht anvertrauen, sondern stellte sich unter den besonderen Schutz eines älteren verheirateten Bauern, Klaus Hornschuh aus Böckingen, eines rechtschaffenen Mannes, dessen väterlicher Obhut sie sich getrost überlassen durfte.

»Hast du an meinem Schutze nicht genug?« herrschte Jäcklein sie an, als er von dem Abkommen hörte. »Wozu brauchst du noch einen Vormund außer mir?«

»Du hast anderes zu tun, als für mich zu sorgen,« gab sie ihm entschieden zurück. »Ich bin das einzige Weib unter euch Männern, und wenn ich euch etwas nützen soll, so muß ich unverdächtig und unanfechtbar bleiben. Deine Gehilfin will ich sein, aber nicht als dein Trautliebchen angesehen werden, das ich nicht bin und niemals sein werde.«

Da zog er mildere Seiten auf. »Judika,« sprach er mit warmem Tone, »wer dir zu nahe treten, dich nur mit einem Worte antasten wollte, der kriegte es mit Jäcklein Rohrbach zu tun; ich denke, das weißt du!«

»Ja, Jäcklein, das weiß ich, aber ich möchte auch, daß es in allen Ehren so bliebe,« erwiderte sie und reichte ihm freundlich die Hand.

Das ging vor sich während einer kurzen Rast, die man auf dem Marsche machte, um den weit auseinander geratenen Haufen wieder fester geschlossen zu sammeln. Einer von denen, die den Handdruck gesehen hatten, sagte zum anderen: »Was mag unser schwarzes Weib mit dem Händedruck dem Jäcklein wohl versprochen haben?«

»Du!« lautete die Antwort, »das schwarze Weib sieht mir nicht danach aus, als ob es mit sich spielen ließe.«

»Meinst du, daß Jäcklein viel Federlesens macht bei dem, was er will?« sprach der erste wieder.

»Sie sind seit Jahren gut Freund miteinander,« mischte sich ein Dritter in das Gespräch. »Ich kenne die Schwarze; sie hat mehr Stacheln und Dornen als Distel und Rose zusammen.«

»Aber auch heißes Blut in den Adern,« fügte noch einer hinzu. »Seht ihr mal in die Augen hinein, da werdet ihr was merken! Ich stand gestern dicht bei ihr, als sie die Rede hielt, – heiliger Florian! wie Wetterleuchten zuckte und flammte das in ihren Blicken. Wenn die im Land umherzöge, so brauchten wir keine Prädikanten; wie das Läuten von Sturmglocken klingen ihre Worte, ihre Stimme schon greift einem mitten ins Herz.«

»Beim Helfensteiner, dem dreimal Verfluchten auf Schloß Weinsberg, hat sie den Haß in sich eingesogen. Gnade Gott jedem Ritter und Junker, der ihr in die Hände fällt!«

»Ja, sie paßt zu Jäcklein Rohrbach, wie Dolch und Schwert miteinander verschwistert sind.«

»Vorwärts!« tönte jetzt Jäckleins befehlender Ruf, und der Zug setzte sich langsam wieder in Bewegung.

Judika ging jetzt nicht an Jäckleins Seite, sondern schritt, ohne mit jemand zu reden, für sich allein dahin, und die Männer hielten sich alle in einem kleinen Abstand von ihr, um sie in ihrem Sinnen nicht zu stören. Das Gespräch der vier Bauern über sie während der kurzen Rast hatte sie nicht gehört, dagegen zufällig ein anderes aufgefangen, das sie be[un]ruhigte. Einer der Unterführer hatte Jäcklein gefragt. »Wo wird uns heute der Tisch gedeckt werden? den Leuten fängt der Magen an zu knurren, und Durst haben sie natürlich auch; ist kein Kloster in der Nähe?« Da hatte Jäcklein geantwortet: »In Bütthard wollen wir haltmachen und sehen, ob es dort etwas zu brechen und zu beißen gibt; das ist die gute Hälfte des Weges.«

Nun blieb Judika kein Zweifel mehr, daß der Zug nach Giebelstadt ging, der Burg des Ritters Florian Geyer von Geyersberg. Welch ein widriger Zufall! Gestern abend hatte sie mit zündenden, hinreißenden Worten die Tausende zur blutigen Rache gegen den Adel aufgestachelt und sie aufgefordert, keinen zu schonen, der den Rittersporn trüge, und heute schon ging der erste Kriegs- und Raubzug, den sie mit den Beutegierigen unternahm, gerade zur Burg dessen hin, den sie von allen einzig und allein so gern geschont hätte. Sie kannte den ritterlichen Mann von mehreren Begegnungen her, aber besonders ein kleines, an sich unbedeutendes, jedoch für sie erinnerungswertes Ereignis hatte sein Bild und Wesen ihr unauslöschlich eingeprägt.

Es war auf Weinsberg beim Ballspiel im Baumgarten des Schlosses gewesen. Sie bot den Junkern und Fräulein zur Erfrischung Orangen in einer Schale dar, und einer der Spielenden, Junker Achaz von Rosenberg, hatte sie bei einer raschen Bewegung unversehens hart angestoßen, so daß ihr die Orangen aus der Schale in das Gras fielen. Statt sich zu entschuldigen, hatte der Hochmütige sie heftig angefahren: »Geh mir aus dem Wege, Schwarzhaarige! Du gehörst nicht hierher!« Da hatte ihm Junker Florian zornig zugerufen: »Schäme dich, Achaz!« war schnell herzugesprungen und der Erschrockenen behilflich gewesen, die entfallenen Orangen wieder aufzusammeln. Seine Partnerin im Spiel aber, Agathe von Rosenberg, Achaz' Schwester, hatte ihm höhnisch zugeflüstert: »Wie könnt Ihr Euch so tief herablassen, Florian! hier nehmt den Ball und werft ihn dem ungeschickten Balg fest an den Kopf, daß es sich schleunig von dannen trollt!« Florian aber hatte ihr mit einem verweisenden Blick darauf erwidert: »Nein, Fräulein, das tu' ich nicht.« Sie hatte trotz ihrer Verwirrung alles gehört, und nach dem Spiel war Florian noch einmal zu ihr gekommen und hatte so recht treuherzig zu ihr gesprochen: »Laßt es Euch nicht kränken, liebe Judika, was die beiden Rosenbergs vorhin gesagt haben! es geschah in der Hitze des Spieles und war nicht bös gemeint.« Und dabei hatte er ihr leise die Hand gedrückt, daß ihr vor Dank und freudiger Rührung die Tränen in die Augen gekommen waren. Sie hatte das alles Wort für Wort treu im Gedächtnis behalten und dem Junker Florian Geyer seine Gutherzigkeit nie vergessen.

Und noch eines anderen, späteren Vorfalles erinnerte sie sich. Bei einem Ringelrennen auf Weinsberg war Florian der Sieger über alle geblieben, und Agathe von Rosenberg wieder war es, die ihn als Preis dafür mit einem Kranze schmückte. Judika aber, damals schon eine in voller Schönheit erblühte Jungfrau, bot, zum eifersüchtigen Mißfallen Agathes, dem Erhitzten ein Glas Wein dar. Er blickte ihr tief in die Augen und bat mit zutraulichem Lächeln: »Kredenzt ihn mir, Judika!« Zitternd nippte sie daran. Er nahm ihr darauf das Glas aus der Hand, leerte es und gab es ihr herzlich dankend zurück. Sie schlich sich damit beiseite, setzte den Mund an dieselbe Stelle, die seine Lippen berührt hatten, sog die letzten Tropfen aus dem Glase und zerschmetterte es dann durch einen Wurf gegen die Mauer. Daß Florian dies alles beobachtet hatte, wußte sie jedoch nicht.

In den nächstfolgenden Jahren, nachdem sie schon das Schloß verlassen, hatte sie ihn noch dreimal wiedergesehen. Einmal auf der Jagd im Walde mit ein paar anderen Adligen, wobei sie sich aber im Gebüsch versteckt hatte, um nicht gesehen zu werden, weil sie sich ihrer Dürftigkeit vor ihm schämte. Das zweite Mal, wie er als geächteter Freund und Bundesgenosse Franz von Sickingens verwundet aus heißen Kämpfen und schweren Niederlagen heimkehrte. Da hatte er sie trotz ihrer ärmlichen Kleidung erkannt und ihr freundlich grüßend zugenickt, daß sie sich heiß erröten fühlte. Das dritte Mal war er wieder hoch zu Rosse gewesen, fröhlich und übermütig zu seiten der schönen, blonden Agathe von Rosenberg und ihres Bruders Achaz. Da hatte er sie nicht beachtet, weil er nur Sinn und Aufmerksamkeit für seine stolze, mit ihm liebäugelnde Begleiterin hatte, und das hatte Judika – es war im letzten Herbst gewesen – einen Stich ins Herz gegeben.

Als ihr jetzt die Erinnerung daran kam, sagte sie sich selbst: wie töricht! wie sollte er ihrer noch gedenken, er, der Hochgeborene, ihrer, der Tochter einer hörigen Magd! Und war er nicht ein Ritter wie die anderen alle? Also fort mit ihm! es darf keiner gespart werden!

Aber er war doch einmal gut und liebevoll zu ihr gewesen und hatte mit ihr aus einem Glase getrunken, und nun sollte sie diese Bande hier auf ihn hetzen wie die blutlechzende Meute auf ein edles Wild und sie anfeuern, seine Burg zu stürmen, zu brennen und zu plündern, ihn niederzuschlagen oder gefangen zu nehmen und in die Spieße zu jagen! Und das war der Anfang ihres Mittuns im heiligen Kampf um die Freiheit!

Sie mußte des Traumes gedenken, den sie diese Nacht auf dem Strohsack des Bauern in Unterschüpf gehabt hatte. Herr Gott im Himmel! war das ein Wink von oben gewesen? Wie, wenn sie ihn zu retten suchte? sich mit ausgebreiteten Armen vor sein Burgtor stellte: »Hier kommt niemand hinein, – ich will es nicht!«

»Was willst du nicht?« sprach eine Stimme neben ihr.

Judika erschrak, sie hatte laut gedacht, und Jäcklein Rohrbach, der unbemerkt an ihre Seite gekommen war, hatte die letzten Worte gehört und verstanden. Aber schnell entschlossen und fest erwiderte sie: »Ich will nicht, daß dem Ritter Florian Geyer ein Leid geschieht!«

Jäcklein lachte hell auf und sah sie groß an. »Kennst du ihn denn?« frug er mißtrauisch.

»Ja, ich kenne ihn,« sagte sie in einiger Verwirrung.

»Ich auch,« sprach Jäcklein, und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Judika, ich werde stets und gern alles tun, was du für dich selbst von mir verlangst und ich vermag. Im übrigen erwart' ich Gehorsam auch von dir; also sage niemals wieder: ich will oder ich will nicht! der einzige, der hier im Haufen einen Willen haben darf, bin ich, sonst niemand!«

Sie maß ihn nur mit einem erstaunten Blick und verzog den Mund zu spöttischem Lächeln. sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt.


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