Julius Wolff
Das schwarze Weib
Julius Wolff

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Vierzehntes Kapitel.

Judika wanderte mit hurtigen Schritten gen Norden durch den knospenden Wald, der noch durchsichtig, weil noch wenig belaubt, der nicht erhellt, doch auch nicht ganz dunkel war, denn der abnehmende Mond sandte noch so viel Licht durch die Kronen der Bäume, daß sie ihren Weg finden konnte ohne gegen Stämme zu rennen oder an Wurzeln zu stoßen. Laubholz und Nadelholz stand gemischt durcheinander. Manchmal glitt der Fuß der Eilenden lautlos über weiche Nadelstreu, manchmal raschelte ihr Schritt in welkem Buchenlaub auf wurzelübersponnenem Boden, so daß sie ihren Speer vorsichtig tastend als Wanderstab gebrauchen mußte. Ein leiser Nachtwind strich säuselnd durch die Wipfel der Fichten und sang und summte sein Lied vom anbrechenden Frühling und von kommender schönerer Zeit. Sonst war tiefes Schweigen ringsum; dort gähnten tiefe Schatten unter dicht wachsenden Tannen, und dort glänzten, mondbeschienen, glatte Buchenstämme, oder das knorrige Geäst mächtiger Eichen reckte sich wirr und kraus gegen den dämmergrauen Himmel, an dem hie und da ein paar Sterne glitzerten. Ein leichtes, weißes Gewölk, bald in größeren Ballen, bald in kleineren Flocken, zog träge dahin, und seine Ränder wurden gelblich gefärbt, wenn es in die Nähe des Mondes kam, den es auch zeitweise verhüllte.

Zunächst dachte die dem Lager heimlich Entflohene nur daran, rasch und weit genug vorwärtszukommen, ehe sie von Jäcklein vermißt oder gar verfolgt und eingeholt würde. Sie war froh, endlich einmal seiner sie stets überwachenden Aufsicht entrückt zu sein und nun sozusagen unter Florians Befehl zu stehen, der ihr ja den schwierigen, durchaus nicht gefahrlosen Auftrag erteilt hatte. Ihr bisheriger Beschützer, Klaus Hornschuh, schlummerte in der kühlen Erde, und es war nicht unbemerkt von ihr geblieben, daß Jäcklein nichts weniger als Trauer über den Tod des braven Alten gezeigt hatte, in der irrigen Hoffnung, daß Judika sich fortan nur noch an ihn als ihren Fürsorger halten und sich ihm enger anschließen würde. Aber ebensowenig waren ihr die finsteren, eifersüchtigen Blicke entgangen, die er stets auf sie und Florian heftete, sobald er sie beieinander sah, und sie fürchtete einen heftigen Auftritt, wenn Jäcklein den Ritter nach ihrem Verbleib fragte, die er zuletzt in dessen Gesellschaft gesehen hatte.

Sie stellte zwischen Florian und Jäcklein keine Vergleiche mehr an, denn ihre himmelweit voneinander verschiedenen Meinungen über beide waren längst abgeschlossen. Je vertrauter sie mit dem einen wurde, je lästiger und widerwärtiger wurde ihr der unvermeidliche Verkehr mit dem anderen, und hier in der nächtlichen Waldeinsamkeit legte sie sich die Frage vor: wie stand sie zu Florian? und wie stand er zu ihr?

Wenn sie sich seine oft innigen Blicke, seinen warmen Händedruck und den Ton seiner Stimme, in dem er manchmal zu ihr sprach, vergegenwärtigte, so war sie von seiner aufrichtigen Teilnahme an ihrem Wohl und Weh' fest überzeugt und glaubte selbst an die Gefühle einer herzlichen Freundschaft von ihm zu ihr. Doch diese genügsame, ruhige Zuneigung entsprach nicht ihren heißen Empfindungen für ihn. Denn schon war ihre Liebe zu einer Leidenschaft erglüht, die von Besitz und Hingebung träumte und keine Sünde darin sah, wenn sie aus diesem verlorenen Leben wenigstens etwas von dem, wonach ihr Herz begehrte, um jeden Preis für sich zu retten suchte. Käme Florian ihrer eigenen Sehnsucht mit der verführerischen Macht der Versuchung entgegen, so wollte sie frei und freudig ihm alles geben, was sie zu geben hatte, aber um seine Liebe werben und buhlen wollte sie nicht.

Sie wanderte rastlos weiter und dachte nun an das, was vor ihr lag am Ziel ihres Weges. Warum hatte Florian gerade sie zum Grafen Helfenstein geschickt? Nur deshalb, weil sie wegen ihrer früheren Beziehungen zu diesem der geeignetste Bote war? Oder weil er sie aus der todbringenden Nähe des Kampfplatzes entfernen wollte? Aber es standen ja immer neue Kämpfe bevor, in denen sie dasselbe wieder tun konnte, was sie heute getan hatte, und den wahren Grund, warum sie den Tod im Gefecht gesucht hatte, ahnte er ja nicht. Jetzt schämte sie sich ihrer sündhaften Absicht und schwor sich, diese Schwäche niemals wieder in sich aufkommen zu lassen, sondern ihr Leben und ihre Kraft dem heiligen Kampfe zu widmen und gerade im lautesten, wildesten Kriegslärm die Ruhe ihres Herzens zu suchen.

Vorerst jedoch sollte sie die Stätte wieder betreten, wo ihr unberechtigtes Dasein begonnen und wo sie trotzdem eine im ganzen glückliche Jugend verlebt hatte. Aber wie geschah dies jetzt? Nicht als Gast kam sie, nicht einmal als Schutzflehende, sondern als ungerufene Warnerin und Retterin eines vom Volke Verfemten, ihm von einem ehemaligen Genossen heimlich zugesandt mit einer vertraulichen Meldung, die genau genommen ein Verrat an der Partei war. Widerwillig hatte sie den Auftrag an den von ihr tief Gehaßten übernommen, hatte es nur aus Mitleid mit seiner jungen, schuldlosen Gemahlin getan, der sie ein anhängliches, dankbares Gefühl bewahrt hatte. Und keines freundlichen Empfanges hatte sie sich von dem zu versehen, den sie zu seinem Heile warnen sollte und der sicher wußte, daß sie auf seiten seiner unversöhnlichen Gegner stand. Sie konnte sich im Voraus keinen Plan ihres Verhaltens ihm gegenüber machen; sie wollte ihren Auftrag ehrlich ausrichten und den Gewarnten dann seinem Schicksal und seinen eigenen Entschlüssen überlassen.

Wie aber, wenn sie ihn ohne Warnung seinem Schicksal überließe? Hatte sie es zu verantworten, wenn er durch seine Schuld Weib und Kind mit in das Verderben riß? Freilich, er war ihr Halbbruder, was Florian noch nicht einmal wußte; aber er wußte auch nicht, wie schwer sich der Graf einst gegen sie vergangen, wie furchtbar er sie beleidigt hatte. Wenn Florian das wüßte, hätte er sie gewiß nicht nach Weinsberg geschickt, wäre vielleicht gar nicht auf den Gedanken gekommen, den Kränker ihrer Ehre schonen und retten zu wollen. Handelte sie unter diesen Erwägungen nicht in Florians Sinne, wenn sie nun nicht nach Weinsberg ging? wenn sie den Verhaßten ungewarnt – –

Halt! was war das? sie schrak jäh zusammen. Hinter sich im Walde glaubte sie Stimmen gehört zu haben und blieb horchend stehen. Sie hatte sich nicht getäuscht, denn sie vernahm, und jetzt deutlicher, denselben Ton wieder. In der Stille des Waldes unter den hohen Bäumen hallten die Stimmen der Sprechenden weithin, und nun hörte sie auch schon ihre Schritte und das Knacken dürrer Äste unter derben, fest auftretenden Sohlen. Es mußten mindestens ihrer zwei sein, gewiß die Verfolger, die Jäcklein ihr nachgeschickt hatte, wenn er nicht selber unter ihnen war. Wurde sie von den ihr Nachsetzenden erwischt, so war sie verloren und ihrer rohen Gewalt hilflos preisgegeben, ein Gedanke, der ihr das Blut in den Adern erstarren machte. In zitternder Angst sah sie sich nach einem Versteck um. Dort das Tannendickicht! Dahinein schlüpfte sie und legte sich unter den breit schirmenden Zweigen einer jungen Tanne gekrümmt auf den Boden nieder, wo sie in ihrem schwarzen Kleide so leicht nicht zu entdecken war. Die Verfolger kamen heran, es waren zwei. Judika sah ihre Gestalten, konnte jedoch ihre Gesichtszüge nicht unterscheiden, sondern nur so viel erkennen, daß Jäcklein nicht dabei war. Desto schlimmer für sie; er hätte sie vielleicht geschützt und geschont, was die zwei Burschen sicher nicht tun würden, wenn sie die Gesuchte fänden; sie hörte ihr Herz klopfen.

Jetzt blieben, ganz in ihrer Nähe, die beiden stehen. »Du,« sagte der eine, »da wird es immer dunkler; ich denke, wir geben's auf und kehren um.«

»Hier muß sie gewesen sein,« erwiderte der andere, »ich weiß, was ich gehört habe.«

»Wird wohl ein Stück Wild gewesen sein; willst du das einfangen?«

»Ach was, Wild! das Wild, dem wir auf der Fährte sind, ist der Mühe wert, es zu erjagen,« sprach der erste wieder. »Ein Weib wie das schwarze haben wir unser Lebtag noch nicht in den Armen gehabt; das wäre ein Braten, der uns munden sollte!«

»Ja, wenn wir sie gleich hätten!« lachte der andere, »da wüßt' ich schon, was geschähe, und wenn sie sich noch so sehr sträubte.«

»Das Sträuben sollte ihr wenig helfen; wir sind unser zwei, da soll sie wohl stillhalten!«

»Wären wir ihr nur gleich gefolgt, als wir sie fortgehen sahen!«

»Das ging nicht; wir hätten uns von den anderen nicht so schnell losmachen können ohne Verdacht zu erregen. Jetzt heißt es wittern und spüren.«

»Na, denn vorwärts! weit kann sie nicht mehr kommen, bis wir sie haben.«

Und die Gesellen eilten, an Judikas Versteck dicht vorüber, weiter im Walde.

Ihr stand der Angstschweiß auf der Stirn. Noch lange wagte sie nicht, eine Bewegung zu machen. Erst als sie beim gespanntesten Lauschen auch nicht das entfernteste Geräusch mehr hörte, kroch sie unter der Tanne hervor und schlich mehr, als sie ging, seitwärts im Gebüsch nach Westen zu, allmählich einen immer schnelleren Schritt auf ihrer Flucht annehmend. Wenn Florian ahnte, welcher Gefahr sie soeben mit knapper Not entgangen war!

Verstört irrte sie durch den immer dichter werdenden Wald, der eingeschlagenen Richtung pfadlos folgend und nicht wissend, wie sie sich wieder zurechtfinden sollte. Da drangen auf einmal wieder fremde Laute zu ihrem Ohr und hemmten ihren Schritt mit Angst und Schrecken. Aber was waren das für Töne? das war keine menschliche Stimme, das klang wie Musik. Behutsam und angestrengt horchend ging sie den Tönen entgegen, die ihr, je näher sie ihnen kam, immer lieblicher deuchten, bis sie zweifellos erkannte, daß es Saitenspiel war, was sie hörte, die langgezogenen Klänge einer Geige. Es mußte ein Einsamer sein, der seine Seele tröstlich in den sanften Schwingungen der Saiten ergoß, und – wer es auch sein mochte – mit einem einzelnen nahm sie es in ihrer ungewöhnlichen Kraft beim Ringen wohl auf, falls sie auch in jenem wieder einen Feind und Angreifer begegnen sollte. Aber von einem Menschen, der so schön spielen konnte, hatte sie nichts zu fürchten; also nur mutig darauf zu!

Der Spielende hörte beim Tönen seiner Geige die Schritte der Nahenden nicht, und so konnte sie unbemerkt vordringen, bis sie an eine kleine Lichtung im Walde kam, wo sich ihren erstaunten Blicken ein seltsames Bild bot.

An den Stamm einer uralten, mächtigen Eiche gelehnt, stand eine Hütte, aus Steinen und Moos gefügt und von einem Dach aus Binsen und Moos überschirmt. Davor saß auf einer Bank, vom Monde beschienen, ein stattlicher Greis in grauem Mönchsgewande, mit langem, silberglänzendem Bart, ein Einsiedler, der sich eben sein Nachtlied spielte.

Judika blieb, die fesselnde Erscheinung betrachtend, im Gebüsche stehen, bis der Alte sein Spiel beendet haben würde. Jetzt setzte er den Bogen ab, und schon wollte sie hervortreten und auf ihn zuschreiten, als er von neuem begann und nun zum Klange der Saiten mit tiefer, etwas zitternder Stimme zu singen anhub.

»Ihr Sterne dort in eurer Pracht,
Die ihr so freundlich blinkt,
Euch frag' ich einsam jede Nacht,
Ob ihr mir noch nicht winkt.

Mein irdisch Gut war groß genug,
Fest hing mein Herz daran,
Nun höbe gern den leisen Flug
Die Seele himmelan.

Auch ich hab' einst in Sturm und Streit
Das heiße Blut gekühlt,
Und Liebesglück und Seligkeit
Hab' einst auch ich gefühlt.

Stark war mein Arm und stolz mein Gang,
Und trotzig war mein Sinn,
Ich nahm allzeit mit Sang und Klang
Das Leben fröhlich hin.

Und einer denk' ich immerdar,
Die, längst in jenen Höh'n,
Auf Erden mir das Liebste war
Und ach, so wunderschön!

Ob annoch rollt und rauscht die Welt
Wie damals, weiß ich kaum,
Mir war ein köstlich Los bestellt,
Es war ein süßer Traum.

Versunken ist des Sommers Lust,
Der Jugend Lied verhallt,
Nun ist es Winter in der Brust
Und alles still und kalt.

Ihr endlos langen Tage, bringt
Mich Müden bald zur Ruh!
Ihr goldnen Sterne droben, schwingt
Mir Gottes Frieden zu!«

Der Sänger ließ die Hand mit dem Bogen sinken, stützte die Geige auf das Knie und saß schweigend, in andächtiges Sinnen verloren, den Blick nach oben gerichtet.

Gerührt von dem Liede des Alten, ging Judika sacht an ihn heran, kniete vor ihm nieder und legte die gefalteten Hände auf seinen Schoß.

Er zuckte ein wenig zusammen, und sie frug bedauernd: »Hab' ich Euch erschreckt, ehrwürdiger Vater?«

»O nein, meine Tochter!« sprach er ruhig, »ich erschrecke vor nichts mehr. Und wenn du in deinem schwarzen Gewande der Engel des Todes wärest, du solltest mir in Gottes Namen willkommen sein. Was führt dich zu mir?«

»Ich bin auf der Flucht und rettete mich hierher, dem Klang Eurer Saiten zustrebend,« erwiderte sie, »dort im Gebüsche lauscht' ich Eurem Liede.«

»Hast du eine Tat begangen, um derentwillen du verfolgt wirst?« frug er.

»Nein,« sagte sie, »ich habe denen nichts getan, die mich verfolgten. Nur um ihrer Gier zu entgehen, hab' ich mich vom Wege verirrt.«

»Aber man sucht doch nicht umsonst die Einsamkeit der Wälder auf,« bemerkte er, »wenn du auch nicht wie ein Sünderin aussiehst, die bereuen und büßen will.«

Sie schüttelte das Haupt. »Ich habe auch nichts zu büßen und zu bereuen als höchstens sündige Gedanken.«

»Willst du sie mir bekennen, so sprich!« erwiderte er. »Der Herr ist über uns, er hört dich, wie ich dich höre.«

Der Einsiedler hatte in seiner Haltung und seiner milden Art und Weise etwas Ritterliches und Vertrauenerweckendes, und Judika überkam in der Stille der Nacht, in dem bestrickenden Zauber des Mondlichtes und nach der bestandenen Gefahr eine ihr sonst fremde, der Mitteilung bedürftige Gemütsverfassung, als sagte ihr eine innere Stimme, daß sie hier eine Menschenseele gefunden hätte, der sie ihr volles Herz endlich einmal ausschütten könnte. Aber daran gewöhnt, ihre Gefühle verschlossen zu halten, zögerte sie noch, überlegend, ob sie reden oder schweigen sollte, und erst nach einigem Besinnen sprach sie: »Ich habe den Tod gesucht.«

Es klang so schlicht und einfach und zugleich so ergreifend wie das Geständnis einer drückenden Schuld, und ein solches war es ja auch, was sich jetzt aus ihrer drangvollen Brust losgelöst hatte.

»Du hast den Tod gesucht und ich warte hier auf ihn seit manchem Jahre,« sprach der Klausner mit einem forschenden Blick in das bleiche Antlitz der vor ihm Knieenden. »Warum suchtest du ihn, jung, wie du bist?«

»Weil ich mein verlorenes Leben nicht länger tragen wollte,« gab sie gepreßt zur Antwort.

»Warum verloren? – einer getäuschten Hoffnung wegen?«

Sie schwieg und neigte das Haupt, nicht mehr imstande, ihre tiefe Erregung zu verbergen.

Ein Zug innigen Mitleids umspielte den Mund des alten Mannes. Er fuhr ihr mit weicher Hand kosend über das Haar und sagte: »Du hast mein Lied vernommen und weißt nun, daß mir nichts Menschliches fremd ist. Erhebe dich und öffne mir dein bekümmertes Herz!«

»Laßt mich hier liegen,« bat sie, »mir ist, als sollt ich Euch beichten.« Dann sich sammelnd sprach sie mit ruhigerem Ton: »Ich kämpfe im Bauernheere gegen die Adligen, die Unterdrücker –«

»Ich weiß nichts von einem Kampfe,« unterbrach er sie. »Um was ist er entbrannt?«

»Wir wollen nichts denn die Gerechtigkeit Gottes auf Erden.«

»Die Gerechtigkeit Gottes auf Erden? ein großes Wort, ein hohes Ziel! Und das willst du schwaches Weib erringen?« frug er, die Hand gegen sie bewegend.

»Ich bin nicht schwach und bin auch nicht allein,« erwiderte sie. »Tausende und Abertausende haben sich zusammengetan, alle die Frevel, die sie erdulden mußten, blutig zu rächen und die Freiheit zu erkämpfen von denen, die sie uns herrschsüchtig vorenthalten.«

»Freiheit! Freiheit!« sprach er ihr wieder nach und strich sich gedankenvoll den weißen Bart. »Wenn du mir doch sagen könntest, was Freiheit ist! – Laß nur!« schnitt er ihr die Antwort ab, die sie schon auf den Lippen hatte, »du weißt es doch nicht, und niemand weiß es. Sage mir lieber: wessen ist der Sieg in diesem Kampfe?«

»Noch ist er nicht entschieden. Schon viele sind ihm zum Opfer gefallen, auch einige von dieser Hand,« sprach sie, von ihm zurückweichend, als fühlte sie sich unwert, den frommen Greis zu berühren.

»Wenn es in ehrlichem Kampfe geschah, so weise ich sie nicht zurück,« erwiderte er und faßte ihre Hand. »Nun weiter! warum nennst du dein Leben ein verlorenes?«

»Ach! – wie sag' ich's nur?!« stöhnte sie. »Aber Ihr sollt alles wissen. In unseren Reihen ficht ein Ritter, ein edler, herrlicher Mann, den – den ich liebe!!« stieß sie laut schluchzend hervor und schlug die Hände vor's Gesicht, es in erglühender Scham auf die Knie des Alten drückend und am ganzen Körper bebend.

»Und er verschmäht deine Liebe?«

Sie zuckte die Achseln und antwortete nicht.

Er ließ ihr Zeit, sich ein wenig zu beruhigen. Dann frug er: »Bist du selbst eine Edelgeborene?«

»Nein! das ist ja mein Fluch!« fuhr sie wild empor. »Ich bin von niedriger, ehrloser Geburt; einem Verbrechen verdank' ich mein Dasein, und dasselbe Verbrechen ist auch an mir versucht worden. Diesen Makel werd' ich mein Leben lang nicht los, und darum kann ich nie das Weib des Ritters werden. Auch nicht, wenn – wenn er mich liebte,« setzte sie, wie mit sich selber redend, flüsternd hinzu und starrte mit weit offenen Augen wie geistesirr zu Boden.

»Aber warum kämpfst du nun an seiner Seite?«

»Ihr fragt noch, warum?« sprach sie, ihn mit verwundertem Blicke groß ansehend, »um der Rache willen! Meine Mutter will ich rächen, mich selber will ich rächen, unser ganzes Volk will ich rächen für tausend an ihm begangene ruchlose Untaten.«

»Von euren Kämpfen weiß ich nichts, aber die Bibel ist auch in meine Einsamkeit gedrungen, und darin steht geschrieben: Vor Gott sind alle Menschen gleich, und die Liebe hofft alles,« suchte der Lebensmüde die Verzweifelnde zu trösten.

»Hoffen? hoffen?« sagte sie bitter. »Das hab' ich verlernt, und darum sucht' ich den Tod im Kampfgewühl, vergebens; er hat mich nicht gewollt.«

»Nimm das für einen Fingerzeig Gottes und gelobe mir hier in meine Hand, den sündhaften Gedanken nie wieder zu hegen,« sprach der Alte sehr ernst.

Sie schlug ein: »Ich gelob' es; ich will leben, der Rache will ich leben.«

Der Greis schüttelte das Haupt und sagte: »Steh' auf, setze dich her zu mir und enthülle mir dein Woher und Wohin.«

Sie tat, wie er sie geheißen, und sagte ihm alles, was sie erlebt hatte bis zu dem Augenblick, wo sie sein Geigenspiel im Walde hörte. Sie erzählte ihm von ihrer Jugend auf dem Grafenschlosse und ihrem Leben in Böckingen, schilderte ihm mit beredten Worten die traurigen Verhältnisse des armen Bauernvolkes, offenbarte ihm ihre Begeisterung für den Kampf um seine Befreiung und gab dabei ihrem Haß gegen den hochmütigen Adel noch einmal unverhohlenen Ausdruck.

Der Klausner folgte ihrem Bericht mit Aufmerksamkeit und oft mit Verwunderung. Als sie geendet hatte, sprach er: »Wenn ich das noch wäre, was ich gewesen bin, so wäre auch ich vielleicht einer deiner Feinde, die du verderben willst. Erschrick nicht!« fügte er freundlich hinzu, als sie ihn nach diesen Worten bestürzt anblickte, »ich habe meine Sünden gebüßt und bin mit meinem Gewissen im reinen. Wie heißt der Ritter, der in euren Reihen ficht?«

»Florian Geyer von Geyersberg.«

»Ich kenne das Geschlecht dem Namen nach, ein altberühmtes, tapferes Geschlecht, aber dieser Sprößling ist für meine Erinnerungen zu jung.«

»O kenntet Ihr ihn!« rief sie mit leuchtenden Augen.

»Und wie nennst du dich, liebe Tochter?« frug er.

»Judika; die Bauern nennen mich das schwarze Weib,« erwiderte sie.

»Judika, du junges, schwarzes Weib,« begann der Greis, »wenn du den Rat eines alten, weltentflohenen, aber einstmals welterfahrenen Mannes, der selber schwere Schicksale durchlebt hat, hören willst, so will ich ihn –«

»Ich weiß, was Ihr sagen wollt,« unterbrach sie ihn. »Ich soll mich nicht in den Streit der Männer mischen.«

Der Alte nickte.

»Denselben Rat hat auch Florian Geyer mir gegeben.«

»Und hast ihn doch nicht befolgt? Dann will ich dir auch sagen, warum du es nicht getan hast: um dem Geliebten zu folgen und in seiner Nähe, an seiner Seite zu bleiben.«

»Nein! nicht darum! nicht darum!« beteuerte sie lebhaft.

»Kind, täusche dich nicht!« sprach der Greis und hob warnend die Hand. »Frage dein Herz, ob nicht die Liebe der stärkste Beweggrund ist, der dich in das Heer der Bauern trieb.«

»Noch einmal: nein!« versicherte sie. »Als ich mit ihnen auszog, konnte ich nicht wissen, daß ich Florian Geyer begegnen würde. Und wenn er morgen fiele, so würde ich auch ohne ihn weiterkämpfen, und es wäre noch einer mehr, dessen Tod ich zu rächen hätte. Genug davon, ehrwürdiger Vater! Wenn Ihr mir in Eurem weisen, milden Sinn und aus Eurer reichen Lebenserfahrung einen Rat erteilen wollt, so bitt' ich darum in einer anderen Sache, die mein Gewissen bedrängt, und in der Ihr mir sicher das Rechte sagen werdet, das ich zu tun habe.«

»Gern, liebe Tochter!« erwiderte der Klausner, »aber ehe du dich näher erklärst, wisse: das Rechte von zwei Dingen, zwischen denen wir zu wählen haben, ist meistens das Schwere, das Mühevolle, selten das Bequeme. Nun gib mir kund, worin ich dir raten soll.«

Judika begann: »Ich habe vom Ritter Florian Geyer eine Botschaft übernommen an den Grafen Helfenstein auf Schloß Weinsberg. Er ist der gehaßteste von allen Adligen, und die Bauern wollen nächstens sein Schloß stürmen und die ihnen von ihm zugefügten Untaten in seinem Blute rächen. Ich soll ihn von diesem Vorhaben in Kenntnis setzen und zur Flucht veranlassen, um ihn vor dem sicheren Tode zu retten. Er ist mein Halbbruder, ich habe auf seinem Schlosse lange Jahre Wohltaten genossen und möchte gern sein Weib und Kind vor dem Untergange bewahren, nicht aber ihn, den ich hasse wie niemanden sonst, hasse wegen seiner zahllosen begangenen Grausamkeiten und weil er es war, der mich einst verführen und vergewaltigen wollte. Letzteres weiß Florian Geyer nicht; sonst hätte er mich nicht zu dem Schändlichen gesandt. Ich aber bin in Zweifel, ob ich den Auftrag ausrichten und den Bedrohten warnen oder ob ich nicht zu ihm gehen, sondern ihn dem Verderben verfallen lassen soll.«

»Wie kannst du nur zweifeln, schwarzes Weib?« sprach nach kurzem Besinnen der Einsiedler in ernstem Ton. »Wenn du einen Menschen, und wäre er noch so schuldig, und vollends mit zwei anderen, schuldlosen, vom Tode retten kannst, so mußt du unbedingt es tun. Du bist seines Blutes, wie du sagst, und hast Wohltaten von ihm empfangen; das möge die Schuld aufwiegen, der du ihn gegen dich selbst zu zeihen hast. Was er sonst noch gefehlt und gesündigt hat, möge ein anderer, Höherer richten, vor dessen Thron er sich einst zu verantworten hat. Nicht den Menschen steht es zu, hienieden zu strafen und zu rächen, denn wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Also erfülle deinen Auftrag, wie der edle Ritter dir geboten und du ihm versprochen hast.«

»Es ist das Schwere,« seufzte Judika, »aber wenn Ihr es mir ratet, so wird es wohl das Rechte sein, und ich werde meinen Haß bewältigen, so stark sich auch mein Gefühl dagegen sträubt, und werde dem Unseligen die Botschaft überbringen.«

»Es ist das Rechte,« nickte der Alte. »Gehe hin und tue, was deine Pflicht ist. Und wenn du das vollbracht hast, dann meide diesen furchtbaren und vergeblichen Kampf. Überlaß' es Gott dem Herrn allein, seine Gerechtigkeit auf Erden herzustellen und wolle nicht vorwitzig mit menschlicher Schwachheit in seine weisen Pläne greifen, die wir kurzsichtigen Sterblichen nicht verstehen und denen wir uns in kindlicher Ehrfurcht und Demut unterwerfen müssen.«

»Und dazu die Hände in den Schoß legen, wenn man sie nicht zu harter Frone braucht? immer nur dulden und leiden und sich jeder Unbill und Entwürdigung fügen? auch die linke Wange hinhalten, wenn man auf die rechte einen Schlag erhalten hat? nimmermehr!« rief Judika wieder heftig aufwallend. »Ich kämpfe auch für mein eigenes Geschlecht, für die unglücklichen, unterjochten Frauen, die von den Rittern und Junkern nicht grausamer, aber schmachvoller behandelt werden als die Männer. Auch mein Los wäre das der Erniedrigung und Schande, dem keine von uns entrinnt, die noch einen anderen Herrn über sich hat als den Gatten. Wenn nicht alle gerettet werden, ist auch für mich keine Rettung. Das Weib eines Hörigen mag ich nicht werden; nur ein freier Mann könnte mich gewinnen, wenn nicht mein Herz an dem einen, einzigen hinge, den ich doch nie besitzen werde. Was bleibt mir übrig, als zu kämpfen und kämpfend zu siegen oder zu sterben?«

»Der Glaube und die Hoffnung auf ein besseres Jenseits,« sprach der Greis, zum Sternenhimmel deutend. »Und wenn du auf Erden Frieden in deinem Herzen haben willst, so entsage für immer allen zeitlichen Wünschen, wende dich dem Ewigen zu und fliehe die Welt, wie ich es getan habe.«

»Alles, nur das nicht, ehrwürdiger Vater!« entgegnete sie leidenschaftlich. »Von dem Kampf um die Freiheit lass' ich nicht! und geh' ich in ihm zugrunde, nun, – dann habe ich den Frieden.«

»So möge der allmächtige Gott dir helfen und dir seinen Segen gehen, mein armes Kind!« sprach feierlich der Alte, »ich kann ihn dir nicht erteilen, denn ich bin kein Gesalbter des Herrn. Für dich beten will ich, das ist alles, was ich tun kann; einen anderen Trost hab' ich nicht mehr für dich. – Und nun komm in meine Hütte und ruhe dich, bis der Morgen graut,« fuhr er sich erhebend fort. »Dein Weg ist nicht schwer zu finden, und vor Gefahren wirst du morgen hoffentlich sicher sein. Wenn du ein halbes Stündchen in dieser Richtung gehst, so kommst du an einen Bach; folge seinem Lauf, er ergießt sich bei Ellhofen in die Sulm, und dann –«

»O dann weiß ich Bescheid,« fiel sie ihm erfreut ins Wort und trat mit dem Einsiedler in die Hütte, um nach den heftigen Gemütserschütterungen der letzten Stunden noch einer kurzen Nachtruhe zu pflegen.


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