Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achtzehntes Kapitel.

– Was seht Ihr dort,
Was gleich dem Feigling Euch das Blut verjagt
Aus Eurem Antlitz?

Heinrich der Fünfte.

Wir müssen nach Edinburg zurückkehren, wo jetzt die große kirchliche Versammlung gehalten wurde, deren wir bereits erwähnt haben. Es ist gebräuchlich, daß Einer vom schottischen Adel erwählt wird, den Sitzungen als Stellvertreter des Königs beizuwohnen. Um diesen Rang mit einer gewissen Feierlichkeit, Pracht und Gastfreiheit zu behaupten, erhält er eine zu diesem Zweck bestimmte Summe. Alle, die in und neben der Hauptstadt sich durch Rang oder Amt auszeichnen, ermangeln nicht, dem königlichen Stellvertreter ihre Aufwartung zu machen, und ihn zu begleiten, wenn er sich zu den Sitzungen begibt.

Der Edelmann, dem gegenwärtig dieses Amt zugetheilt war, stand in genauer Verbindung mit Georg Staunton, und in seinem Gefolge wagte es dieser zum erstenmal seit der unglücklichen Nacht, wo Porteous war hingerichtet worden, durch die High Street von Edinburg zu gehen. Dem Vertreter der Majestät zur Rechten, in prächtig gestickten Kleidern, und mit Allem, was von Rang und Reichthum zeugte, ausgestattet, zog der schöne, obgleich kränklich aussehende Fremde alle Blicke auf sich. Wer konnte wohl in diesem vornehmen Manne den Aufrührer eines rohen Pöbelhaufens wiedererkennen, ihn, der einst in Magda Wildfeuers Lumpen gehüllt, jene furchtbare Rache übte. Es war unmöglich; sollte auch einer seiner früheren Bekannten die Spanne Zeit überlebt haben, die Uebelthätern zugemessen zu sein pflegt. Ueberdies war die ganze Sache so gut als vergessen, und Staunton durfte keine Entdeckung fürchten. Allein mit welchen Gefühlen betrat er dennoch den Schauplatz seiner früheren Verwegenheit! Es war ein Gegenstand von nicht geringer Bedeutung, der ihn vermocht hatte, so peinlichen Erinnerungen zu begegnen.

Auf Jeanie's Bericht an ihre Schwester hatte Staunton sich nach Carlisle begeben, und dort den Beichtiger der Margaretha Murdockson, den Archidiaconus Fleming noch am Leben gefunden. Diesem würdigen Manne hatte er entdeckt, er sei der Vater des Kindes, welches einst von der wahnsinnigen Magda geraubt worden. Nachdem der Geistliche sich alle früheren Umstände wieder in's Gedächtniß gerufen, erinnerte er sich, daß Margaretha vor ihrem Tode einen Brief an Georg Staunton nach Willingham geschrieben, und er ihn nach diesem Orte abgesandt, von dem dortigen Pfarrer, Herrn Staunton, aber den Brief zurückerhalten, mit dem Bemerken, es sei ihm keiner jenes Namens bekannt.

Da dies gerade in der Zeit geschehen war, als Georg zum zweitenmal der Heimath entfloh, um Effie der ihrigen zu entführen, konnte er sich leicht erklären, weshalb sein erzürnter Vater ihn ganz und gar verläugnet hatte.

Der Brief, der ihm jetzt von dem Geistlichen eingehändigt wurde, enthielt eine genaue Beschreibung jener Zigeunerin, Annaple Bailzou genannt, der das Kind übergeben worden, und einige sie betreffende Nebenumstände. Es ging aus dem Briefe hervor, daß Margaretha Murdockson dies Geständniß weniger aus Reue abgelegt, als in der Hoffnung, von Georg Staunton oder seinem Vater Schutz für ihre Tochter Magda zu erlangen, die sie völlig hülflos zurückließ.

Der Geistliche berichtete ihm ferner, wie die alte Murdockson bis an ihr Ende in völliger Verstocktheit geblieben, ihre Tochter aber, als sie während der Mutter Hinrichtung aus dem Arbeitshause entsprungen, von dem Pöbel bis auf den Tod gemißhandelt worden, und als Folge dieser Behandlung bald darauf gestorben sei. Welches auch Staunton's Empfindungen sein mochten, als er diese traurige Geschichte, besonders das jammervolle Ende des unglücklichen Mädchens vernahm, die er ins Verderben gestürzt, so hatte er doch noch so viel von seiner Hartnäckigkeit des Willens, die Augen gegen alles Andere zu verschließen, als gegen die Hoffnung, seinen Sohn wiederzufinden. Es war freilich schwierig, ihn anzuerkennen, ohne mehr von seiner Geburt und den Schicksalen seiner Aeltern zu erzählen, als mit der Klugheit bestehen mochte. Doch wäre er nur erst gefunden, dachte Staunton, so würden sich auch Mittel finden lassen, ihn auf irgend eine Art zu seinem Erben zu machen. Beharrlich in Allem, was er einmal wollte, war es jetzt sein einziges Verlangen, diesen Sohn wiederzusehen, sollte auch die Entdeckung eine Reihe ebenso großer Unglücksfälle zur Folge haben, als ehemals sein Verlust.

Allein wo war der Jüngling, der die Güter und Ehren dieses alten Geschlechts erben sollte? Auf welcher Haide wanderte er umher, und welche niedrige Hütte verbarg ihn? Erwarb er sein mühseliges Brod durch Taglöhnerarbeit, durch Diebstahl oder Gewaltthätigkeit? Seines ängstlichen Forschens ungeachtet konnte Staunton kein Licht darüber erhalten.

Viele erinnerten sich, daß Annaple Bailzou als Bettlerin und Wahrsagerin durchs Land gewandert; Manche wußten auch, daß sie in den Jahren 1737 und 1738 ein Kind bei sich gehabt; allein seit mehr als zehn Jahren war sie nicht in jener Gegend gesehen worden, und man sagte, sie sei nach einem fernen Theil von Schottland gegangen, woher sie gebürtig. Staunton beschloß ihr dorthin zu folgen, und da sein Aufenthalt in Edinburg mit der Kirchenversammlung zusammenfiel, so nöthigte ihn seine Bekanntschaft mit dem königlichen Abgeordneten zu einem öffentlichen Erscheinen, welches er gern vermieden hätte.

An der Tafel dieses Edelmannes saß Staunton neben einem Geistlichen von ehrwürdigem Aeußern und gut gesittetem, obgleich höchst einfachem Betragen. Er hörte sein Name sei Butler. Staunton hatte nie gewünscht, daß sein Schwager um sein Geheimniß wissen solle, und Effie's Versicherungen, daß Frau Butler, die Redlichkeit und Zuverlässigkeit selbst, sogar gegen ihren Mann geschwiegen, waren ihm daher höchst erfreulich gewesen. Doch war es ihm nicht unangenehm, hier eine Gelegenheit zu finden, einen so nahen Verwandten kennen zu lernen, ohne von ihm gekannt zu sein. Was er sah und hörte, gab ihm die günstigste Meinung von Butler. Er fand ihn allgemein geachtet, sowohl von den geistlichen als weltlichen Mitgliedern der Kirchenversammlung. Er hatte sich in den bereits gehaltenen Sitzungen durch Verstand, Kenntniß und Freimüthigkeit ausgezeichnet, und war als vernünftiger und gewandter Kanzelredner bekannt.

Dies Alles war für Georg Staunton sehr befriedigend, dessen Stolz sich verletzt gefühlt, daß die Schwester seiner Frau in so untergeordnetem Stande verheirathet war. Die Verbindung schien ihm jetzt um Vieles besser als er erwartet, und er glaubte, wenn die Entdeckung seines Sohnes es erfordern sollte, allenfalls eingestehen zu dürfen, daß Lady Staunton's Schwester, durch die unglückliche Lage ihrer Familie gezwungen, einen Geistlichen geheirathet habe, der jedoch in großem Ansehen stehe.

Als die Gesellschaft aufbrach, lud Staunton Butler ein, ihn nach seiner Wohnung auf dem Linnenmarkt zu begleiten, und den Kaffee mit ihm zu trinken. Butler willigte unter der Bedingung ein, daß jener ihm erlaube, sich im Vorübergehen bei Freunden, in deren Hause er wohne, zu entschuldigen, daß er nicht zu ihrer Theestunde komme. Sie gingen durch die High Street, traten unter die Buden und kamen zu dem Gefängniß, bei welchem eine Almosenbüchse ausgestellt war, um jene, die so glücklich sind, der Freiheit zu genießen, an die Noth der armen Gefangenen zu erinnern. Staunton trat hinzu, und am andern Tage fand man eine Banknote von zwanzig Pfund darin.

Als er zu Butler zurückkehrte, stand dieser in tiefen Gedanken, die Augen auf den Eingang des Kerkers gerichtet.

»Es scheint eine wohlbefestigte Thür,« bemerkte Staunton, um doch etwas zu sagen.

»Ja wohl,« erwiederte Butler, indem er sich wieder zu Staunton wandte und weiter ging; »doch war es einst mein Unglück, sie viel zu schwach zu sehen.«

Da sein Blick jetzt zufällig auf seinen Begleiter fiel, fragte er ihn, ob ihm etwas fehle, und dieser gab zu, er sei so thöricht gewesen, Eis zu essen, welches er nicht vertragen könne. Mit wohlwollender Dienstfertigkeit, die keinen Widerspruch gestatten wollte, führte Butler Sir Georg eiligst in das Haus des Freundes, wo er seit seiner Anwesenheit in Edinburg wohnte. Dieser Freund war kein anderer als unser alter Bekannter, Bartel Sattelbaum, und ehe Staunton sich noch besinnen konnte, wohin er gehe, sah er sich in dem Hause, wo seine Frau einst als Ladenmädchen gedient. Diese Erinnerung drängte sich ihm auf, und jene Blässe, welche die Furcht vor der Entdeckung ihm verursacht, wich dem unwilligen Erröthen der Scham.

Indessen lief die gute Frau Sattelbaum geschäftig herbei, den reichen englischen Baronet, den Freund des Herrn Butler, zu empfangen, und bat eine ältliche schwarz gekleidete Frau nur still zu sitzen, doch als wünsche sie, jene solle gehen und vornehmeren Leuten Platz machen. Als sie von dem Uebelbefinden des Fremden hörte, eilte sie hinaus, ihm einige stärkende Wasser herbeizuholen. In ihrer Abwesenheit stand die Frau im schwarzen Kleide auf, um fortzugehen, stolperte aber an der Thürschwelle, und Staunton, der sich in der Nähe befand, kam ihr zu Hülfe und half ihr hinaus.

»Die Frau Porteous ist schon ganz blödsinnig geworden,« sagte Frau Sattelbaum, als sie mit dem Fläschchen in der Hand zurückkam, »nicht, daß sie gerade so sehr alt ist, aber das schreckliche Schicksal ihres Mannes hat sie so mitgenommen. – Sie haben auch Kummer genug von der Sache gehabt, Herr Butler. – Mein Herr, Sie sollten lieber noch ein wenig nehmen,« – sie bot Staunton nochmals von ihrer Arznei, »mich dünkt, Sie sehen jetzt noch schlimmer aus, als da Sie eintraten.«

Und in der That war er bei dem Gedanken todtenbleich geworden, daß sie, die sein Arm so eben unterstützt, dieselbe sei, welche durch seine Schuld zur Wittwe geworden.

»Die Sache mit Porteous ist jetzt verjährt,« sagte der alte Sattelbaum, den die Gicht an seinen Lehnstuhl fesselte, »rein verjährt und verschollen.«

»Das scheint mir doch noch nicht so ganz ausgemacht, Nachbar,« meinte Süßpflaum, »denn man hat mir immer gesagt, dazu gehören zwanzig Jahre, jetzt zählen wir Anno ein und fünfzig, und die Geschichte mit Porteous war im Jahr sieben und dreißig.«

»Ihr werdet mir doch nicht die Rechte kennen lehren, Nachbar. Ich sage Euch, stände auch die ganze Porteousrotte da, wo jetzt dieser fremde Herr steht, der königliche Anwalt machte sich nichts damit zu schaffen.«

»So schweigt einmal,« fiel Frau Sattelbaum ein, »und laßt den Herrn in Ruhe seine Tasse Thee trinken.«

Doch Staunton hatte genug von dieser Unterhaltung. Auf sein Verlangen sagte Butler der Sattelbaum einige entschuldigende Worte und begleitete ihn zu seiner Wohnung. Hier fanden sie einen andern Gast, die Rückkehr Sir Georg Staunton's erwartend.

Es war Ratcliffe. Durch seine Wachsamkeit und Treue war dieser nach und nach zu den Posten eines Oberaufsehers des Gefängnisses gestiegen, und unter diesem Titel hatte man ihn Staunton als einen Mann empfohlen, der ihm vielleicht Auskunft über Annaple Bailzou geben könnte.

Mit welcher neuen unangenehmen Ueberraschung sah er jetzt seinen alten Bekannten Jakob Ratcliffe vor sich; denn er erinnerte sich augenblicklich seiner Züge. Der Unterschied zwischen Georg Robertson und Sir Georg Staunton täuschte sogar Ratcliffe's Scharfblick, und er verbeugte sich sehr tief vor dem Baronet und seinem Gast, den er um Entschuldigung bat, wenn er sich ihm als ein Bekannter aus früherer Zeit darstelle.

»Und der einst meiner Frau einen wesentlichen Dienst geleistet,« sagte Butler, »wofür sie Ihnen ein dankbares Andenken sandte. Ich hoffe, Sie haben es richtig erhalten, und es ist Ihnen nicht unwillkommen gewesen.«

»Ei, zum Teufel, das wollt' ich meinen,« erwiederte Ratcliffe mit einem pfiffigen Kopfnicken; »aber Sie haben sich recht zu Ihrem Vortheil verändert, Herr Butler, seitdem ich Sie nicht gesehen habe.«

»So sehr verändert, daß ich mich wundere, nach so langer Zeit noch von Ihnen erkannt zu werden.«

»Ei, zum Teufel, wie sollt' ich nicht! Ich vergesse kein Gesicht, welches ich einmal gesehen habe.«

Staunton war wie auf der Folter und verwünschte von Herzen die Schärfe seines Gedächtnisses.

»Und doch,« fuhr Ratcliffe fort, kann auch der Scharfsichtigste sich zuweilen irren. Hier in diesem Zimmer ist ein Gesicht, das, – wenn ich so dreist sein darf es zu sagen, – mir einige Aehnlichkeit mit einem alten Bekannten zu haben schiene, wüßte ich nicht, wer der geehrte Herr ist, dem es angehört.«

»Ich würde mich nicht sehr geschmeichelt fühlen,« entgegnete der Baronet streng, und gereizt durch die obwaltende Gefahr, »wenn ich es sein sollte, dem Ihr etwas so Verbindliches sagt.«

»Keineswegs, Herr,« sagte Ratcliffe, sich sehr tief verbeugend, »ich komme nach Euer Gnaden Befehlen zu fragen, und ganz und gar nicht, Euer Gnaden mit meinen demüthigen Bemerkungen zur Last zu fallen.«

»Gut; man hat mir gesagt, Ihr verständet Euch auf Polizeisachen. Auch ich bin nicht ganz unbekannt damit. Euch davon zu überzeugen, sind hier zehn Guineen als Aufgeld. Ich mache sie zu fünfzig, wenn Ihr mir Nachricht von einer gewissen Frau gebt, deren Bezeichnung Ihr in diesem Papier findet. Ihr mögt mir Eure schriftliche Antwort nur durch meinen Geschäftsträger hier zusenden.«

Er nannte diesen, Ratcliffe verbeugte sich und ging.

»Es hat den stolzen Kerl geärgert,« sagte er zu sich selbst, »daß ich eine Aehnlichkeit ausgefunden. Aber hätte Georg Robertson's Vater in der Nachbarschaft seiner Mutter gelebt – Gott verdamm' mich, ich wüßte nicht, was ich davon denken sollte, so hoch er auch die Nase trägt.«

Als Staunton mit Butler allein war, ließ er Thee und Kaffee bringen und fragte ihn dann nach einigem Zögern, ob er kürzlich Nachricht von den Seinigen gehabt. Ein wenig verwundert über diese Frage antwortete Butler, er habe schon seit längerer Zeit keinen Brief erhalten, seine Frau führe keine sehr gewandte Feder.

»So muß ich der Erste sein, Sie zu benachrichtigen, daß die Ruhe Ihres Hauses in Ihrer Abwesenheit ist gestört worden. Meine Frau, welcher der Herzog von Argyle erlaubt, einige Zeit in Roseneath zuzubringen, hat den Aufenthalt im Pfarrhause vorgezogen, die Ziegenmolken näher zu haben, wie sie sagt, vermuthlich aber, weil die Gesellschaft der Frau Butler ihr angenehmer ist, als die des Herrn Hauptmanns von Knockdunder.«

Butler bezeigte sich vollkommen zufrieden mit dieser Anordnung. Staunton dankte ihm für seine Gastfreiheit und fragte ihn, wann er nach Hause zu reisen gedenke.

In einigen Tagen, sagte Butler; seine Geschäfte seien beendet, und er wünsche so schnell als möglich zurückzukehren. Da er aber eine beträchtliche Summe in baarem Gelde und Papieren mitnehme, wolle er, um nicht allein zu reisen, auf einige seiner Amtsbrüder warten.

»Mein Geleit wird sicherer sein,« sagte Staunton; »ich denke morgen abzureisen, und wenn Sie mir das Vergnügen Ihrer Gesellschaft gewähren wollen, übernehme ich es, Sie ungefährdet in Ihre Heimath zu geleiten.«

Butler nahm das Anerbieten dankbar an; einer von Staunton's Bedienten wurde vorausgeschickt, um den Bewohnern des Pfarrhauses ihre Ankunft anzumelden, und bald verbreitete sich die Nachricht durch das ganze Kirchspiel, der Pfarrer komme mit einem vornehmen englischen Herrn und all dem Gelde zurück, womit er den Kaufpreis für das Gütchen Craigsture entrichten wolle.

Staunton's schneller Entschluß nach Knocktarlitie zu gehen, war durch die Begebenheiten dieses Tages herbeigeführt worden. Er fühlte, wie verwegen er gewesen, sich dem Schauplatz seiner früheren Gewaltthätigkeiten so nahe zu wagen, und er kannte Ratcliffe's Scharfsicht zu gut, um ihm zum zweitenmal begegnen zu wollen. Unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit blieb er am zweiten zu Hause und nahm schriftlichen Abschied von seinem Freunde, dem königlichen Abgeordneten. Seinem Geschäftsführer trug er auf, ihm alle Nachrichten, die über Annaple Bailzou einlaufen würden, durch einen Eilboten nach Knocktarlitie zu senden. Seine eifrigen Erkundigungen nach dieser Frau zu beschönigen, hatte er vorgegeben, daß sie im westlichen England einer ihm befreundeten Familie ein Kind gestohlen.

Die Reise, welche die beiden Schwäger mit einander machten, war selbst für Staunton angenehmer, als er erwartet. Sein Herz wurde ihm leichter, als er Edinburg aus dem Gesicht verlor, und das ruhig verständige Gespräch Butler's war ganz geeignet, ihn von peinlichen Betrachtungen abzuziehen.

Er fand so viel Gefallen an Butler, daß er auf den Gedanken kam, ihm die Pfarre von Willingham zuzuwenden, um ihn in der Nähe zu haben. Er hoffte auch dadurch seine Frau bei besserer Laune und nachgiebiger zu erhalten, denn es war ihm oft sehr verdrießlich, daß sie in der Stadt bleiben wollte, wenn er Lust hatte, sich auf's Land zurückzuziehen, und dann immer den gänzlichen Mangel an Gesellschaft zu Willingham vorschützte. »Deine Schwester ist ja dort,« meinte er, würde eine hinlängliche Antwort auf jene stets bereite Entschuldigung sein.

Er fragte Butler, ob er wohl eine Pfarre mit zwölfhundert Pfund jährlicher Einkünfte annehmen würde, unter der Bedingung zur englischen Kirche überzutreten.

Butler verneinte es. Er sei in den Lehren der seinigen erzogen und von der Wahrheit derselben überzeugt. Er wolle unter der Fahne sterben, zu der er einmal geschworen. Dann fragte Staunton weiter, was seine gegenwärtige Pfarre einbringe?

»Im Durchschnitt hundert Pfund jährlich, ohne Aecker und Wiesen.«

»Und Sie weigern sich, dies gegen ein Einkommen von zwölfhundert zu vertauschen?«

»Jenes ist bis jetzt hinreichend für mich und die Meinigen gewesen, jetzt ist es durch die Erbschaft meines Schwiegervaters und noch einiges Andere um das Doppelte vermehrt worden, und ich weiß in der That noch nicht, wie wir das Hinzugekommene benutzen wollen. Wäre es vernünftig, da ich weder den Wunsch noch die Gelegenheit habe, dreihundert jährlich aufwenden zu können, um den Besitz einer vierfachen Summe höhere Rücksichten aufzuopfern?«

»Das ist wahre Lebensweisheit,« sagte Staunton; »ich habe wohl davon gehört, sie aber bis jetzt nie angetroffen.«

»Es ist gesunder Menschenverstand,« entgegnete Butler, »der öfter mit jener übereinstimmt, als man wohl anzunehmen pflegt.«

Staunton fühlte sich von der Reise angegriffen. Um sich zu erholen, hielt er einen Rasttag in einer kleinen Stadt zwischen Edinburg und Glasgow, und einen zweiten in der letztern Stadt.

In Dumbarton mietheten sie ein Boot, sie den Garesee hinauf nach dem Pfarrhause zu bringen, da man sich in dieser Gegend nicht länger der Räderfuhrwerke bedienen kann. Zwei Bedienten sollten sie begleiten, die übrigen bei dem Wagen bleiben. Als sie abfahren wollten, kam ein Eilbote von Staunton's Geschäftsführer in Edinburg an. Er überbrachte Schriften, die Staunton mit großer Aufmerksamkeit durchlas, und von dem Inhalt sehr bewegt schien. Sie waren gleich nach seiner Abreise von Edinburg ihm nachgeschickt worden, allein der Bote hatte ihn verfehlt und war bereits in Roseneath gewesen, von wo er jetzt zurückkehrte, um ihm zu begegnen. Staunton schrieb sogleich eine Antwort nach Edinburg zurück, belohnte den Boten reichlich und machte es ihm zur Bedingung nicht zu rasten, bis er den Brief abgegeben.

Das Boot hatte schon eine Zeitlang auf sie gewartet, und sie schifften sich endlich ein. Es ging langsam vorwärts, denn sie fuhren gegen den Strom, und es mußte beständig gerudert werden. Während der Fahrt that Staunton mit auffallendem Eifer viele sehr umständliche Fragen an Butler über die hochländischen Räuber, die seit dem Jahre 1745 diese Gegenden unsicher machten. Butler gab ihm die verlangte Auskunft und nannte dabei den Namen Donacha. Begierig erkundigte sich Staunton nach diesem Manne und allen, die zu ihm gehörten. Butler konnte wenig mehr hierüber sagen, als daß Donacha immer nur drei oder vier um sich habe, und nicht darnach strebe Anführer einer größern Räuberbande zu sein. Er wisse nicht viel von ihm, sagte er, und die geringe Bekanntschaft, die er bereits mit ihm gemacht, habe ihm ganz und gar keine Lust zu einer noch genauern eingeflößt.

»Und dennoch möchte ich ihn einmal sehen,« sagte Staunton.

»Das würde eine gefährliche Zusammenkunft sein, Sir Georg; oder Sie müßten ihn denn die verdiente gesetzliche Strafe empfangen sehen, und dann wäre es eine traurige Zusammenkunft.«

»Behandeln Sie jeden nach seinem Verdienst, Herr Butler, und wer entgeht dem Staubbesen? Doch ich spreche in Räthseln zu Ihnen. Ich werde mich deutlicher über Alles erklären, wenn ich mit Lady Staunton über den Gegenstand gesprochen habe. – Frisch, Bursche,« rief er den Ruderern zu, »der Himmel droht Sturm.«

Und die todte, ängstigende Reglosigkeit der Luft, die schweren Wolkenmassen im Westen von der untergehenden Sonne mit glühendem Roth gefärbt, die bange Stille, in welcher die ganze Natur den Ausbruch des Ungewitters erwartete, waren in der That Vorboten eines herannahenden Sturmes. Von Zeit zu Zeit fielen große schwere Tropfen herab und bewogen die Schiffenden, sich in ihre Mäntel zu hüllen. Doch der Regen hörte wieder auf, und eine drückende Hitze, in Schottland so ungewöhnlich zu Ende des Mai, nöthigte sie, die schwere Bekleidung wieder abzuwerfen. Die Fahrt wurde jetzt jeden Augenblick beschwerlicher. Heftige Windstöße jagten mit plötzlichem Ungestüm über die Wellen dahin und machten alle Bemühungen der Ruderer vergeblich. Sie hatten nur noch ein schmales Vorgebirge zu umschiffen, um zu einem guten Landungsplatz, der Mündung eines kleinen Flusses, zu gelangen. Doch bei der Schwere des Boots und dem Kampf mit Wind und Wellen war dies Ziel nicht so bald erreicht, und sie sahen sich indessen dem Sturm ausgesetzt.

»Könnten wir nicht diesseits des Vorgebirges landen und so vielleicht einigen Schutz finden?« fragte Staunton.

Butler kannte keinen Landungsplatz hier, wenigstens keinen solchen, von welchem ein Weg die steilen Felsen hinaufführte, die das Ufer umgaben.

»Besinnen Sie sich,« sagte Staunton, »der Sturm wird immer heftiger.«

»Ei nun,« sagte einer von den Bootsleuten, »da ist die Zigeunerbucht. Man darf nur dem Herrn Pfarrer nicht davon sagen; und dann weiß ich auch nicht, ob ich das Boot dorthin steuern kann, die Bucht ist so voller Untiefen und versunkener Felsstücke.«

»Versuch's,« sagte Staunton, »Du sollst eine halbe Guinee haben.«

Der alte Schiffer nahm das Steuerruder und meinte, wenn sie nur erst hinein wären, so gäbe es von da aus einen steilen Fußpfad zu den Bergen hinauf und von dort oben könnten sie dann in einer halben Stunde zum Pfarrhause kommen.

»Kennt Ihr auch den Weg recht?« fragte Butler.

»Vor fünfzehn Jahren, als Andreas Wilson mit seinem Kutter hier im Meerbusen lag, kannte ich ihn vielleicht besser. Er hatte damals einen wilden jungen Engländer bei sich, er hieß« –

»Wenn Du so viel schwatzest,« unterbrach ihn Staunton, »stößt das Boot auf den Wetzstein. Bringe die Segelstange in gerade Linie mit dem weißen Felsen dort.«

»Beim Teufel,« sagte der Alte, ihn anstarrend, »Euer Gnaden kennen die Bucht so gut wie ich. Euer Gnaden müssen Ihre Nase schon früher bei dem Wetzstein gehabt haben.«

Sie näherten sich jetzt der kleinen Bucht, die hinter Felsen verborgen, und von allen Seiten durch Klippen und versunkene Felsstücke vertheidigt, nur von denen entdeckt und benutzt werden konnte, die genau mit der Schifffahrt bekannt waren. Ein altes gebrechliches Boot lag bereits darin, hinter Gebüsch und vorspringenden Felsen versteckt.

Als ihnen dies Fahrzeug sichtbar wurde, bemerkte Butler zu seinem Gefährten, wie schwer es ihm geworden, das Völkchen hier von der Gesetzwidrigkeit und dem Nachtheil des Schleichhandels zu überzeugen, obgleich sie die schädlichen Folgen desselben selber vor Augen hätten. Seiner Meinung nach sei nichts der Sittlichkeit nachtheiliger, als dieses verderbliche Treiben.

Staunton bemühte sich, etwas über die jugendliche Neigung zu Abenteuern zu sagen; und daß gewiß die meisten bei zunehmenden Jahren sich bessern würden.

»Dies ist nur allzu selten der Fall,« erwiederte Butler, »besonders bei denen, welche durch ihr Geschäft zu gewaltsamen und blutigen Thaten verleitet worden. Sie kommen früher oder später zu einem unglücklichen Ende. Erfahrung sowohl, als die heilige Schrift lehrt uns, daß die Rache den Gewaltthätigen verfolgt, und der Todtschläger nicht die Hälfte seiner Tage erlebt. – Doch wollen Sie sich nicht meines Arms bedienen, um an's Land zu steigen?«

Staunton bedurfte in der That der Unterstützung, indem er, bei seinen jetzt so veränderten Ansichten, der Gefühle gedachte, mit denen er ehemals diesen Ort betreten hatte. Als sie an's Land stiegen, hörte man ein fernes, dumpfes Donnern.

»Das ist von böser Vorbedeutung, Herr Butler,« sagte Staunton.

» Intonuit laevum – es bedeutet also Gutes,« entgegnete Butler lächelnd.

Die Bootsleute erhielten die Weisung das Schiff mit dem Gepäck um das Vorgebirge herum nach dem gewöhnlichen Landungsplatz zu bringen; die beiden Männer, von einem Diener begleitet, suchten ihren Weg durch das dichte Gebüsch auf einem wild verworrenen Pfade, um das Pfarrhaus, wo man ihrer Ankunft wartete, so bald als möglich zu erreichen.

Die Schwestern hatten die Ankunft ihrer Gatten schon am vergangenen Tage vergeblich erwartet. Auch der Abend des heutigen nahte, und die Reisenden ließen sich noch nicht blicken. Lady Staunton sah diese Verzögerung gewissermaßen als eine Frist an. Sie fürchtete den Unmuth ihres Mannes bei dem demüthigenden Zusammentreffen mit ihrer Schwester, der seine ganze unglückliche und schmachvolle Geschichte bekannt war. Welchen Zwang er auch seinen Gefühlen in Gegenwart Anderer anthat, so wußte sie nur zu gut, daß es ihr beschieden sei, sie insgeheim in ihrer ganzen Heftigkeit ausbrechen zu sehen, zu sehen, wie sie seine Gesundheit zerrütteten, seine Laune verstimmten, und ihn zugleich zu einem Gegenstande der Furcht und des Mitleids machten. Sie ermahnte Jeanie wiederholt, zu thun als ob sie ihn nicht kenne, ihn ganz und gar wie einen Fremden zu empfangen, und Jeanie erneuerte ihr Versprechen, sich völlig nach ihrem Willen zu richten.

Auch Jeanie wurde etwas ängstlich, wenn sie an die Verlegenheit dieser Zusammenkunft dachte. Allein ihr Gewissen war unbefleckt, und so ließ das überwiegende Verlangen, Butler nach so langer Abwesenheit wiederzusehen, sie dennoch die Ankunft der Reisenden sehnsüchtig herbei wünschen.

In solcher Stimmung waren die Schwestern, als der Hauptmann erschien, an der Spitze eines halben Dutzend rüstiger Burschen auf hochländische Weise gekleidet und bewaffnet.

Er begrüßte die Frauen und erbat sich von Jeanie etwas Branntwein und andere Lebensmittel für seine Burschen, denn sie wären seit dem frühsten Morgen auf den Beinen, und über Haide und Moor getrabt, aber Alles vergebens. Er bekräftigte die Sache mit einem derben Fluch, setzte sich nieder, schob seine Knotenperücke zurück und wischte sich vornehm wichtig den Kopf, ohne auf den Blick des Erstaunens zu achten, durch welchen Lady Staunton ihm zu verstehen geben wollte, er nehme sich zu große Freiheit heraus.

»Es ist doch wenigstens ein Trost, wenn man ein schwer Stück Arbeit gehabt,« fuhr Duncan fort, indem er sich mit ritterlicher Miene an Lady Staunton wendete, »daß es geschehen ist, einer schönen Frau zu dienen, oder dem Mann einer schönen Frau, was auf eins herauskommt; denn wer dem Manne dient, dient seinem Weibe, wie Frau Butler gar wohl weiß.«

»Ich weiß nicht, Herr,« sagte Lady Staunton, »da diese Schmeichelei mir zu gelten scheint, was Sir Georg oder ich mit Ihren heutigen Wanderungen zu schaffen haben.«

»Gott verdamm' mich! das ist hart, meine Gnädige! Als ob es nicht auf einen besondern Auftrag des ehrenwerthen Geschäftsführers Seiner Gnaden zu Edinburg und beigefügten gerichtlichen Verhaftsbefehl geschehen wäre, daß ich Donacha aufsuche, um ihn vor mich und Sir Georg zu stellen, damit er seine gerechte Strafe erleiden mag. Den Tod am Galgen, heißt das, den er ohne Zweifel verdient, sowohl weil er Ihre Gnaden so erschreckt hat, als auch wegen anderer Dinge von geringerer Wichtigkeit.«

»Mich erschreckt? Ich schrieb meinem Gemahl keine Sylbe von jenem ängstlichen Begegniß am Wasserfall.«

»Dann muß er auf andere Weise davon gehört haben. Wie käme er sonst zu dem Verlangen, diesen Schurken zu sehen, daß ich ihm über Stock und Stein nachsetzen muß, als könnte ich etwas Rechtes gewinnen, wenn ich ihn treffe, und das Beste ist doch vielleicht nur ein Schuß in's Gehirn.«

»Und ist es wirklich auf meines Mannes Begehren, daß Sie ihm auflauern?«

»Meinetwegen hätte er in Ruhe bleiben können, so lange er die gebührende Achtung vor dem herzoglichen Eigenthum behielt. Doch wenn es einem Freunde des Herzogs beliebt ihn gefangen zu haben, nun so muß er gefangen werden. Und da ich gestern Abend den Boten erhielt, war ich vor Tages Anbruch auf den Beinen, rief mir ein halb Dutzend Burschen zusammen und ließ sie ihre hochländischen Kleider anlegen.«

»Ich wundere mich, daß Sie dies thaten, Herr Hauptmann,« sagte Jeanie, »da Sie den Parlamentsbefehl gegen die hochländische Tracht kennen.«

»Ei, Possen! Das Gesetz ist erst zwei bis drei Jahr alt, und noch viel zu jung, um bis zu uns gedrungen zu sein. Und wie sollten denn die Burschen mit den verdammten Hosen auf den Beinen die Berge hinaufklettern. – Nun, ich kenne doch sonst Donacha's Schlupfwinkel gut genug, und war auch auf dem Platz, wo er noch gestern gehaus't; denn ich sah das dürre Laub, worauf die Spitzbuben gelegen hatten, und die Asche von ihrem Feuer; es war sogar noch Glut darin. Aber sie müssen wohl Lunte gerochen haben von dem, was vorgeht, denn jede Schlucht und jede Höhle im Gebirg durchsuchte ich, aber, Gott verdamm mich, nicht einen Zipfel seines Rocks bekam ich zu Gesichte.«

»Er wird wohl den See hinunter nach Cowal gefahren sein,« sagte David, und Ruben, der früh am Morgen aus gewesen war, um Nüsse zu pflücken, bemerkte, er habe ein Boot nach der Zigeunerbucht steuern sehen. Dieser Ort war den Knaben sehr wohl bekannt, obgleich ihr Vater, der die Abenteuer weniger liebte, bis jetzt nichts davon wußte.

»Nun wahrhaftig,« sagte Duncan, »dann will ich auch gleich fort, sobald dieser Becher geleert ist. Sie sind vielleicht in dem Gehölz. Ich bitte Ihre Gnaden meine eilige Entfernung zu entschuldigen, ich bin sehr bald wieder hier, und bringe entweder Donacha lebend, oder seinen Kopf, was ebenso gut ist.«

Mit diesen Worten und vielen Verbeugungen verließ Duncan das Pfarrhaus und durchstreifte an der Spitze seiner Leute das dichte Gehölz zwischen dem kleinen Gebirgsthal und der Zigeunerbucht. David, wegen seines muthigen Geistes bei dem Hauptmann sehr beliebt, nahm eine Gelegenheit wahr zu entwischen und diesen Helden auf seinem Zuge zu begleiten.


 << zurück weiter >>