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Sechzehntes Kapitel.

Mein Haupt trug eine unfruchtbare Krone,
Und einen dürren Scepter meine Hand,
Daß ihn ein fremder Sproß entreißen sollte,
Kein Sohn mir folge in der Herrscherwürde.

Macbeth.

Nach dieser Zeit schrieben die Schwestern einander vielleicht zweimal im Jahr, mit der äußersten Vorsicht. Lady Staunton's Briefe sprachen von der schwankenden Gesundheit und dem Trübsinn ihres Mannes, und auch sie selbst schien körperlich und geistig zu leiden. Worüber sie am meisten klagte, war ihre Kinderlosigkeit. Georg Staunton, heftig in Allem, haßte den nächsten Erben des Hauses Willingham, den er im Verdacht hatte, daß er während seiner Abwesenheit seine Freunde gegen ihn gereizt; und er erklärte, er wolle Willingham, und alles dazu gehörige Gebiet einer Armenanstalt vermachen, ehe dieser Verläumder einen Morgen Landes davon erben sollte.

»Hätte er nur ein Kind,« schrieb die Unglückliche, »wäre nur jenes arme Geschöpf am Leben, so würde er selbst doch wieder einen Trieb zum Leben und zur Thätigkeit haben. Allein der Himmel versagt uns einen Segen, den wir nicht verdient haben.«

Klagen dieser Art erfüllten die Briefe, die von den weiten trüben Hallen des Schlosses Willingham zu dem ruhigen heitern Pfarrhause von Knocktarlitie gingen. Jahre rollten dahin in diesem vergeblichen Gram. Johann, Herzog von Argyle und Greenwich, starb im Jahre 1743, allgemein bedauert, doch von Niemand mehr, als von Butlers, denen er ein so ausgezeichnetes Wohlwollen bewiesen. Ihm folgte sein Bruder, der Herzog Archibald. Mit diesem standen sie zwar nicht in so genauer Verbindung, doch gewährte er ihnen ebenfalls seinen Schutz. Dies wurde bald nöthiger als je; denn nach der unterdrückten Empörung des Jahres 1745 wurde die Ruhe des an die Hochlande grenzenden Gebiets sehr gestört. Räuberisches Gesindel warf sich in die unzugänglichen Gebirgspässe, und plünderte von dort aus das Land.

Die Geißel des Kirchspiels von Knocktarlitie war ein gewisser Donacha oder der schwarze Duncan. Er war ursprünglich ein herumziehender Kesselflicker gewesen, als aber der Bürgerkrieg alle öffentliche Ordnung zerstörte, hatte er sein Gewerbe aufgegeben, und war aus einem halben Dieb ein ganzer Räuber geworden. Und da er meistens an der Spitze von drei oder vier rüstigen jungen Burschen erschien, und selbst listig, verwegen und wohlbekannt mit dem Gebirge war, trieb er sein neues Handwerk mit beträchtlichem Vortheil für sich, und zum großen Schaden Anderer.

Man glaubte in der Gegend, daß Duncan von Knockdunder seinen Namensvetter Donacha wohl hätte zu Paaren treiben können, wenn es ihm nur darum zu thun gewesen wäre; denn es befand sich in dem Kirchspiel eine Anzahl starker junger Leute, die früherhin mit dem Hauptmann unter Argyle's Fahnen gedient, und sich bei manchen Gelegenheiten sehr tapfer bewiesen hatten. Da nun Niemand an Knockdunder's Muth zweifelte, so hielt man dafür, Donacha habe Mittel gefunden, sich seine Gunst zu erwerben; etwas nicht Ungewöhnliches zu jener Zeit und in jenem Lande. Dies gewann um so größere Wahrscheinlichkeit, da die Heerden des David Deans (das Eigenthum des Herzogs) unberührt blieben, und des Pfarrers Kühe hinweggetrieben wurden. Bei einem folgenden Versuch dieser Art legte Butler aus Noth sein friedliches Amt auf Augenblicke bei Seite, stellte sich an die Spitze einiger Nachbarn und jagte den Räubern die Beute wieder ab – ein Heldenzug, bei welchem David Deans, auf einem hochländischen Klepper und mit einem alten Schwert umgürtet, ihn ungeachtet seines hohen Alters treulich begleitete. Dies muthvolle Betragen war von so guter Wirkung, daß Donacha sich längere Zeit in ziemlicher Entfernung hielt. Man hörte noch gelegentlich von seinen Räubereien, doch blieb diese Gegend verschont.

Es war im Jahr 1751, als der ehrwürdige Patriarch von St. Leonard's zu seinen Vätern versammelt wurde. David Deans starb alt und geehrt. Er erreichte ein Alter von beinahe neunzig Jahren. In den Armen seiner geliebten Tochter hauchte er den letzten Seufzer aus, dankbar für alle die Segnungen, welche die Vorsehung ihm in diesem Prüfungsthal beschieden, dankbar zugleich für alle Prüfungen, die sie ihm auferlegt. Sie wären nothwendig gewesen, sagte er, jenen geistlichen Stolz, jenes Vertrauen auf sich selbst zu demüthigen, durch welche der böse Feind ihm am schlimmsten zugesetzt. Er betete auf die rührendste Weise für Jeanie, ihren Gatten, ihre Kinder, und daß ihre kindliche Liebe für einen armen alten Mann durch ein langes Leben hier, und Seligkeit dort belohnt werden möchte. Mit einer Inbrunst, denen gar wohl verständlich, die seine Geschichte kannten, flehte er zu dem Hirten der Seelen, er wolle, wenn er seine Heerde sammele, nicht jenes verirrte Schäflein vergessen, das vielleicht noch jetzt sich in den Klauen des räuberischen Wolfs befinde. Er betete für das Heil seines Vaterlandes, für die Wohlfahrt des edlen Hauses Argyle, und für die Bekehrung Duncan's von Knockdunder. Dann schwieg er erschöpft, und man hörte nichts Deutliches mehr von ihm. Er murmelte zwar noch Einiges von Irrthümern der Zeit, Uebertreibung zur rechten Hand und Verderben zur linken. Allein Marie Hettly meinte, er habe seine Besinnung nicht mehr; und so kamen diese Ausdrücke ihm vermuthlich nur aus Gewohnheit, und nur der Geist der Liebe war in ihm, als er entschlief.

Sein Tod war ein harter Schlag für Frau Butler, ein so hohes Alter er auch erreicht hatte. Seiner Pflege war viel von ihrer Zeit gewidmet gewesen, und es kam ihr vor, als sei ein Theil ihres Geschäfts auf Erden beendet, nun der gute alte Mann nicht mehr war.

Sein hinterlassenes Erbe, ungefähr fünfzehn hundert Pfund, vermehrte den Wohlstand des Butlerschen Hauses. Wie diese Summe am sichersten unterzubringen sei, lag dem Pfarrer, als besorgtem Hausvater, jetzt sehr am Herzen. Er überlegte die Sache mit seiner Frau; ihm schien es am besten, ein kleines Gütchen zu kaufen, das eben feil stand. Nur reiche das Geld nicht hin, sagte er, und borgen wolle er nicht gern, man komme dadurch leicht in Verlegenheit.

»Und wenn wir mehr Geld hätten, könnten wir das schöne Wiesenland erstehn, wo das Gras so früh wächst?« fragte Jeanie.

»Ja wohl, mein Kind. Und Knockdunder, der die Sache versteht, räth mir sehr dazu. – Der Verkäufer ist freilich sein Neffe.«

»Nun Ruben,« sagte Jeanie, »so schlage doch eine Stelle in der Bibel auf, wie Du schon früher einmal gethan, als Du Geld brauchtest. Versuch es nur.«

»Ach Jeanie,« sagte Butler lachend, und drückte ihr die Hand, »selbst die besten können in den jetzigen Zeiten nur ein einzigmal Wunder wirken.«

»Wir wollen sehen,« erwiederte sie, und ging in die Nebenkammer, wo sie ihren Honig und Zucker, ihre Töpfe voll Eingemachtes, ihre Gläser mit Hausarzneien und dergleichen aufbewahrte. Auf einem Brett im dunkelsten Winkel rückte sie so lange mit Flaschen und Krügen, bis sie hinter der dreifachen Reihe dieser Gefäße einen geborstnen braunen Topf hervorbrachte, der oben mit einem Stück Leder zugebunden war. In diesem ungewöhnlichen Geheimschrank lagen einige Päcke Schriften über einander gehäuft. Jeanie holte eine alte Taschenbibel darunter hervor, ehmals die stete Begleiterin ihres Vaters, die er aber seiner Tochter geschenkt, als zunehmende Schwäche des Gesichts ihn genöthigt, sich eines größern Drucks zu bedienen. Diese gab sie Butler, der ihrem Treiben mit einiger Verwundrung zugesehen, und sagte, er solle einmal versuchen, was das Buch für ihn thun werde. Er öffnete die Haken, und zu seiner noch größeren Verwunderung flatterte ein Haufen von fünfzig Pfund Banknoten heraus, die zwischen den Blättern zerstreut gelegen, und nun einzeln zu Boden fielen.

»Ich wollte Dir meinen Reichthum erst auf meinem Todbette entdecken, Ruben,« sagte sie lächelnd, »oder wenn wir einmal in eine große Verlegenheit kämen; aber es ist doch besser, man wendet das Geld zu jenem schönen Wiesenland an, als daß es hier unbenützt in dem alten Topf liegt.«

»Aber um Alles in der Welt, wie kommst Du dazu, Jeanie? – Hier sind ja mehr als tausend Pfund,« sagte Butler, indem er die Papiere aufnahm und überzählte.

»Wie viel es ist, weiß ich nicht, es ist aber Alles, was ich habe. Und wie ich dazu gekommen bin? – Auf redliche Weise, Ruben, in Wahrheit. Es ist aber nicht mein Geheimniß, sonst solltest Du es längst gewußt haben. Und nun frage mich nicht mehr deshalb, ich darf Dir doch nicht antworten.«

»Nur Eins sage mir noch. Ist es Dein unbezweifeltes Eigenthum, und kannst Du damit machen, was Du willst?«

»Es war mein, ich konnte damit machen, was ich wollte, und habe es bereits gethan, denn nun gehört es Dir, Ruben. Doch wünschte ich nur, daß Femie einen guten Antheil davon bekäme, wenn wir nicht mehr sind.«

»Ohne Zweifel, es sei ganz wie Du es wünschest. Allein wer suchte jemals solch einen Platz zu einer verborgenen Schatzkammer aus?«

»Das ist so nach meiner altfränkischen Art, wie Du es nennst, Ruben. Ich dachte, wenn Donacha uns einmal unerwartet überfiele, würde die Bibel gerade das Letzte sein, womit er sich belüde. – Doch wenn noch mehr dergleichen einlaufen sollte, was nicht unmöglich ist, will ich es Dir geben, und Du magst es auf Deine Weise bewahren.«

»Und ich darf Dich also durchaus nicht fragen, wo es herkommt.«

»Nein, gewiß nicht, Ruben; denn wenn Du darauf bestündest, würde ich es Dir vielleicht sagen, und das wäre unrecht.«

»Und ist es auch nicht etwas, das Dir Leid bringt?«

»Mit weltlichem Gut kommt immer Leid sowohl als Freude, Ruben. Aber Du mußt mich nicht mehr fragen. – Dies Geld legt mir keine Verpflichtung auf, und kann nicht zurückgegeben werden.«

»Nun in Wahrheit,« sagte der Pfarrer, indem er die Banknoten noch einmal überzählte, als wolle er sich von der Wirklichkeit des Reichthums überzeugen, »niemals hatte ein Mann ein Weib wie das meine, ein Segen folgt ihren Schritten.«

»Nie,« sagte Jeanie scherzend, »seit der bezauberten Prinzessin im Kindermärchen, der die Goldstücke aus ihren blonden Locken fielen. – Aber geh nun, Pfarrer, und lege das Geld fort, sonst wünsche ich es wieder in den alten braunen Topf zurück; wir sind hier zu nah an den Bergen, und müssen nicht sehen lassen, daß wir so viel im Hause haben. Und Knockdunder darf es auch nicht wissen, sonst läßt er nicht einen Pfennig von dem geforderten Kaufpreis herunter.«

Jeanie zeigte hier, daß sie etwas von ihres Vaters Schlauheit in Betreff weltlicher Angelegenheiten ererbt, hatte sie gleich mit ihren Schätzen nichts anders anzufangen gewußt, als daß sie sie barg und aufhäufte. Und Ruben Butler war ein verständiger Mann, er ging und that wie seine Frau es ihm rieth.

Die Neuigkeit, daß der Pfarrer das Gütchen Craigsture gekauft, verbreitete sich bald. Einige wünschten ihm Glück, Andere beneideten es ihm. Da nun seine Amtsbrüder vernahmen, er müsse sich, um die Kaufsumme zu erlegen, am nächsten Pfingstsonntag nach Edinburg begeben, dort einige ausstehende Gelder von David Deans Erbschaft einzuziehen, so bedienten sie sich dieser Gelegenheit, und ernannten ihn zu ihrem Abgeordneten bei der großen kirchlichen Versammlung, welche gewöhnlich zu Ende des Monats Mai dort stattfindet.


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