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Drittes Kapitel.

– Ersteig mit mir,
So lang der Sommer seinen Stolz entfaltet,
Den schönen Hügel dort, und unser Blick
Soll durch die unbegrenzte Landschaft schweifen.

Thomson.

Von ihrer gefälligen aber etwas schwatzhaften Freundin, der Frau Glas, hatte Jeanie ein genaues Verhör auszustehen, indem sie sich zu jenem Theil der Stadt begaben, wo der Dornbusch mit seiner Umschrift: – Nemo me impune in vollem Glanz prunkte, und einen Laden bezeichnete, der damals allen Schotten hohen und niedern Ranges gar wohl bekannt war.

»Und hast Du ihn auch hübsch immer Eure Durchlaucht genannt?« fragte die gute Matrone. »Was müßte er von Deinen londoner Freunden denken, wenn Du ihm mit Herr und Euer Gnaden gekommen, ihm, der ein Herzog ist.«

»Er schien sich nicht sonderlich viel daraus zu machen,« sagte Jeanie; »er sah, daß ich vom Lande bin.«

»Nun, Seine Durchlaucht kennt mich recht gut, und so bin ich weniger in Sorgen deshalb. Ich fülle ihm nicht ein einzig Mal die Schnupftabaksdose, wo er nicht spricht; ›Wie geht's, meine alte Frau Glas? – Was machen Eure Freunde im Norden?‹ – oder auch – ›Habt Ihr neuerdings Nachrichten aus Schottland?‹ – Und dann mache ich meine beste Verbeugung, und antworte: ›Mein Herr Herzog, ich hoffe Euer Durchlaucht hohe Frau Herzogin, und Euer Durchlaucht junge Fräulein sind alle bei gutem Wohlsein; und ich hoffe, Eure Durchlaucht sind noch immer mit dem Tabak zufrieden.‹ Und dann solltest Du die Leute im Laden Augen machen sehen; und wenn Schotten dabei sind, herunter fliegen die Hüte wie der Blitz, und dann sehen sie ihm nach: ›Da geht der Prinz von Schottland, Gott segne ihn.‹ – Aber Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, was er Alles mit Dir gesprochen.«

Eine so umständliche Mittheilung lag nicht in Jeanie's Absicht. Sie besaß eben so viel von der schlauen Behutsamkeit als von der kunstlosen Einfalt ihres Landes. Sie antwortete nur im Allgemeinen, der Herzog habe sie theilnehmend angehört, und ihr versprochen, sich für ihre Schwester zu verwenden, sie werde in den nächsten Tagen von ihm hören. Seiner Aufforderung, sie solle sich bereit halten, augenblicklich zu erscheinen, wenn er nach ihr sende, erwähnte sie nicht, noch minder seines Winks, ihre Wirthin nicht mitzubringen, so daß die gute Frau Glas sich endlich mit jenem allgemeinen Bericht begnügen mußte, nachdem sie Alles, was in ihren Kräften stand, gethan, mehr herauszupressen.

Jeanie lehnte am folgenden Tage alle Einladungen ab, das Haus zu verlassen, und blieb ruhig in dem engen, etwas gewerbsmäßigen Dunstkreis des kleinen Wohnzimmers der Frau Glas. Es verdankte diesen Dunst einem gewissen Schrank, der unter andern Dingen einige Körbchen ächten Havannah enthielt. Aus Ehrfurcht vor der Waare, oder aus Furcht vor den Zolldienern mochte Frau Glas sie nicht dem offnen Laden anvertrauen; und sie theilte dem Zimmer einen Geruch mit, der in den Nasen der Kenner vielleicht erfreulich, es doch für Jeanie nicht im Mindesten war.

»Du lieber Gott!« dachte sie, »ich weiß nicht, wie meiner Muhme seidner Mantel, oder ihre goldne Uhr, oder irgend etwas in der Welt ihr der Mühe werth sein kann, ihr ganzes Leben lang in diesem erstickenden Zimmerchen zu sitzen und zu niesen, und sie könnte auf den freien grünen Bergen gehen, wenn sie wollte.«

Eben so verwundert war Frau Glas über ihre Gleichgültigkeit gegen die Merkwürdigkeiten Londons. »Es vertreibt einem doch die Zeit, etwas Neues anzusehen,« sagte sie, »wenn man auch dabei betrübt ist.« Allein Jeanie blieb unerbittlich.

Der Tag nach ihrer Unterredung mit dem Herzog floß in banger Erwartung dahin. Minuten verstrichen nach Minuten, Stunden verflogen nach Stunden. Es war spät geworden, und keine Wahrscheinlichkeit mehr da, heut noch von dem Herzog zu hören; dennoch konnte sie sich nicht losreißen von der Hoffnung, an deren Erfüllung sie selbst verzweifelte, und bei jedem zufälligen Geräusch im Laden unten fuhr sie zusammen, und ihr Herz schlug gewaltig. Es war stets vergeblich.

Der nächste Morgen begann auf dieselbe Weise. Kurz vor Mittagszeit jedoch trat ein wohlgekleideter Mann in den Laden der Frau Glas, und fragte nach einem Mädchen aus Schottland. »Habt Ihr eine Botschaft von Sr. Durchlaucht dem Herzog von Argyle an sie, Herr Archibald?« fragte Frau Glas. »Ich will es ihr augenblicklich bestellen.«

»Ich werde Ihre Muhme wohl selbst herunter bemühen müssen, Frau Glas.«

»Jeanie, – Jeanie Deans!« schrie Frau Glas die kleine Treppe hinauf, die vom Hintergrunde des Ladens aus zum obern Stockwerk führte. »Jeanie, – Jeanie Deans, sage ich, komm ganz geschwind herunter. Hier ist des Herzogs von Argyle Kammerdiener, der Dich gleich sprechen will.« Dies ward laut genug verkündet, um alle, die sich zufällig in der Nähe befanden, die wichtige Botschaft vernehmen zu lassen.

Mit welcher Hast schickte Jeanie sich an, dem Ruf zu folgen! Und doch versagten ihr die Füße beinahe ihren Dienst, indem sie die Treppe hinunterstieg.

»Ich muß Sie um die Gefälligkeit ersuchen, mich zu begleiten,« sagte Archibald höflich.

»Ich bin völlig bereit, Herr,« erwiederte Jeanie.

»Geht meine Muhme aus, Herr Archibald? Dann muß ich wohl mit ihr gehen. – Jakob Raspler! – Gib auf den Laden Acht, Jakob. – Herr Archibald,« sie schob ihm einen Steintopf hin, »Sie schnupfen gern von dem, den Se. Durchlaucht schnupft, glaube ich? Füllen Sie gefälligst Ihre Dose aus alter Bekanntschaft, indeß ich mich ein Bischen in Ordnung bringe.«

Herr Archibald that ein bescheidnes Theilchen Tabak in seine Dose, sagte aber, er müsse das Vergnügen ablehnen, sich von Frau Glas begleitet zu sehn, indem seine Botschaft das junge Mädchen allein beträfe.

»Das junge Mädchen allein? Ist das nicht ein Bischen ungewöhnlich, Herr Archibald? Doch Se. Durchlaucht verstehen es freilich besser; und Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen kann, Herr Archibald. Einem jeden würde ich meine Muhme nicht anvertrauen. – Aber, Jeanie, Du mußt nicht mit Deinem Schleiertuch über den Kopf durch die Straßen gehn, als kämest Du hinter einer Heerde hochländischen Viehes her. Warte bis ich Dir meinen seidenen Mantel herunterhole. Die Gassenbuben laufen Dir ja nach!«

»Ich habe eine Miethkutsche für sie in Bereitschaft,« unterbrach Herr Archibald die dienstfertige Matrone, welcher Jeanie sonst schwerlich hätte entwischen können, »und darf ihr wohl nicht mehr Zeit zu einigem Kleiderwechsel erlauben.« Bei diesen Worten führte er Jeanie eilig hinaus, während sie im Herzen die ungezwungene Art pries, womit er die Fragen und Anerbietungen der Frau Glas ablehnte, ohne sich in eine Erklärung einzulassen, oder der Befehle seines Herrn zu erwähnen.

Im Wagen setzte sich Herr Archibald auf die Rückseite, Jeanie gegenüber; und sie fuhren eine Zeitlang mit einander, ohne ein Wort zu wechseln. Beinahe eine halbe Stunde war so vergangen, und es schien Jeanie, sie habe bereits einen größern Raum durchmessen, als auf ihrem frühern Wege nach der Wohnung des Herzogs von Argyle. Sie konnte endlich nicht umhin, ihren schweigsamen Gefährten zu fragen, wohin sie führen.

»Mein Herr, der Herzog, wird es Ihnen selbst sagen,« erwiederte Archibald mit derselben feierlichen Höflichkeit, die er in seinem ganzen Benehmen zeigte. Beinahe in demselben Augenblick hielt der Wagen an, der Kutscher stieg ab, und öffnete die Wagenthür. Archibald stieg aus, und half Jeanie ebenfalls aussteigen. Sie sah sich außerhalb der Stadt, auf einer Stelle, wo zwei große Straßen in einander liefen. Dem Wege, auf dem sie gekommen, gegenüber stand ein feiner aber einfacher Wagen mit vier Pferden bespannt, es war kein Wappen daran, die Diener trugen keine Livree.

»Du bist pünktlich gewesen, Jeanie, sehe ich,« redete der Herzog sie an, als Archibald die Wagenthür öffnete. »Den übrigen Theil des Weges bin ich Dein Gefährte. Archibald wird mit der Miethkutsche hier bleiben bis wir zurückkommen.«

Ehe Jeanie antworten konnte, fand sie sich, zu ihrer nicht geringen Verwunderung, an der Seite des Herzogs in einem leicht und sanft dahinrollenden Wagen, merklich verschieden von dem rüttelnden, schleichenden Fuhrwerk, dem sie so eben entstiegen war.

»Mein Kind,« sagte der Herzog, »nach längerem ernstlichen Nachdenken über Deiner Schwester Angelegenheit bin ich stets der Meinung, es könne durch ihre Hinrichtung eine große Ungerechtigkeit geschehen. Derselben Meinung sind einige vernünftige Rechtskundige, englische sowohl als schottische, mit denen ich über die Sache gesprochen. – Nein, höre mich weiter, ehe Du mir dankst. – Ich habe Dir bereits gesagt, meine eigne Ueberzeugung sei von wenigem Gewicht, wenn ich nicht andre deren theilhaft machen kann. Ich habe deshalb für Dich gethan, was ich gewiß nicht gethan hätte, um etwas für mich selbst zu erlangen – ich habe mir das Gehör einer Frau erbeten, deren Einfluß bei dem König sehr bedeutend ist. Es ist mir zugestanden worden, und ich wünsche nun, daß du selbst für Dich sprächest. Du brauchst nicht ängstlich zu sein, erzähle nur Deine Geschichte ganz einfach wie Du sie mir erzähltest.«

»Ich bin Euer Durchlaucht sehr dankbar,« sagte Jeanie, der Weisung ihrer Muhme gedenkend, »und gewiß, wenn ich den Muth hatte über die Sache der armen Effie mit Euer Durchlaucht zu sprechen, so werde ich auch wohl nicht zu blöde sein, mit einer Frau davon zu sprechen. Aber, Herr, ich möchte gern wissen wie ich sie nennen soll, Ihre Durchlaucht, oder Ihre Gnaden, oder wie sonst, und ich will mir Mühe geben es nicht zu vergessen; denn ich weiß, daß die Frauen weit mehr auf Ehrentitel halten, als die Männer.«

»Du brauchst sie nur gnädige Frau zu nennen. Sage das, wovon Du glaubst es könne am meisten Eindruck machen. – Sieh mich von Zeit zu Zeit an, wenn ich meine Hand auf solche Weise an meine Halsbinde lege,« – (er zeigte ihr die Bewegung,) – »so halte inne; ich werde dies aber nur thun, wenn Du etwas sagst, das mißfällig sein könnte.«

»Doch, Herr, wenn ich Euch nicht allzu sehr damit bemühe, wäre es nicht besser, Sie sagten mir, was ich sprechen soll, und ich lernte es auswendig?«

»Nein, Jeanie, das würde nicht von derselben Wirkung sein. Es wäre wie eine ausgeschriebene Predigt, der wir ächten Presbyterianer, wie Du weißt, weniger Salbung zutrauen, als einer freigesprochenen. Sage nur der gnädigen Frau Alles einfach und dreist, wie Du es vorgestern mir sagtest; und wenn Du sie gewinnen kannst, so wollte ich dafür stehen, der König gewährt Dir die Begnadigung.«

Er zog bei diesen Worten eine Flugschrift aus der Tasche, und fing an zu lesen. Jeanie hatte Verstand und ein richtiges Gefühl, deren Vereinigung das bildet, was man natürliche Höflichkeit nennt. Sie nahm dies als einen Wink, der Herzog wolle nicht weiter gefragt sein, und schwieg.

Schnell rollte der Wagen über üppige Wiesen, mit prächtigen alten Eichen geziert. Hier und da ward der glänzende Spiegel eines breiten ruhigen Stromes sichtbar. Nachdem sie durch ein anmuthiges Dorf gekommen, hielt der Wagen auf einer Anhöhe still. Hier stieg der Herzog aus, und forderte Jeanie auf, ein Gleiches zu thun. Sie standen einige Augenblicke auf der Spitze des Hügels still, die wunderbare Schönheit der Landschaft zu betrachten, die vor ihnen entfaltet lag. Ein weites Meer grüner Wiesen, von dicht belaubten Gebüschen durchkreuzt, war der Aufenthalt zahlloser Heerden, die frei und herrenlos die reichen Triften zu durchwandern schienen. Die Themse, hier mit Landhäusern geschmückt, und dort von Wäldchen umkränzt, bewegte sich langsam und geräuschlos vorwärts, als sei sie die mächtige Königin des Ganzen, und alles einzelne Schöne nur ihr zugeordnet; und sie trug auf ihrem Busen hunderte von Barken und Schiffchen, deren weiße Segel und lustig flatternde Wimpel dem herrlichen Bilde Leben verliehen.

Der Herzog von Argyle war mit diesem Anblick bekannt; doch einem Mann von Geist mußte er stets neu bleiben. Indem er mit freudigem Wohlgefallen bei der unvergleichlichen Landschaft verweilte, gedachte er auch seiner eigenen Besitzungen im schottischen Hochlande, wo die Natur in einer erhabenern Gestalt erscheint. »Ein herrlicher Anblick,« sagte er zu seiner Begleiterin, neugierig vielleicht, ihre Meinung zu vernehmen, »wir haben nichts, was dem an die Seite gestellt werden könnte in Schottland.«

»Es ist herrliche reiche Weide für die Kühe, und sie haben auch eine schöne Zucht Vieh hier,« sagte Jeanie, »aber ich muß sagen, ich sehe eben so gern die Felsen rund um Arthurs Sitz, und die See dahinter, als diese vielen grünen Bäume.«

Der Herzog lächelte über diese volksthümliche und ihrer Lebensweise so angemessene Antwort. Er gab dann ein Zeichen, der Wagen solle bleiben wo er war, und führte Jeanie auf einem wenig betretenen Fußpfad durch verschlungene Irrgänge zu dem Pförtchen eines hohen gemauerten Walls. Es war verschlossen. Der Herzog pochte leise an, Jemand sah von innen durch eine kleine vergitterte Oeffnung des Pförtchens und öffnete dann. Sie gingen hinein, und es ward hinter ihnen zugeschlossen. Dies alles geschah äußerst schnell, und der ihnen geöffnet verschwand so plötzlich, daß Jeanie gar nicht wußte wie er aussah.

Sie befanden sich am Ende eines langen schmalen Baumgangs, der Boden zu ihren Füßen war mit grünem, kurz geschnittenem Rasen, wie mit einem Sammtteppich ausgelegt, über ihren Häuptern schlossen sich die Wipfel hoher Ulmen schirmend zusammen, und das Helldunkel, welches sie zuließen, die Säulenreihe ihrer Stämme und die innige Vereinigung ihrer gewölbten Zweige gaben das Bild eines jener engen Bogengänge alter gothischer Kirchen.


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