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Achtes Kapitel.

Willst Du nicht geh'n mit mir?
Der Mond scheint hell, die See ist still,
Und ich kenne des Meeres Pfade –
Ja, Du wirst gehn mit mir.

Thalaba.

Der heftige Eindruck, den die Hinrichtung der Alten und das Schicksal ihrer Tochter auf Jeanie gemacht hatte, war dem sorgsamen Archibald nicht unbemerkt geblieben. Er wollte daher Alles vermeiden, was sie an diese unglücklichen Vorfälle erinnern könnte, und es fand sich bald Gelegenheit zu einer solchen Vorsicht.

Zu einem Dorfe nahe bei Carlisle, wo sie einige Stunden anhielten, brachte ein Krämer unter andern Waaren ein Pack großer gedruckter Blätter, enthaltend: »Die Hinrichtung und die letzten Worte der Margarethe Murdockson, so wie auch von dem jämmerlichen Tode ihrer Tochter, Magdalena Murdockson, genannt Magda Wildfeuer; und von ihrer gottesfürchtigen Unterredung mit seiner Ehrwürden dem Erzdechant Fleming,« welche glaubwürdige Schrift am nämlichen Tage zu Carlisle erschienen war. Der Mann ward seine Waare früher los, als er erwartet hatte. Archibald kaufte ihm das ganze Bündel gedruckter Blätter auf einmal ab, und der erfreute Krämer ging sogleich wieder in die Stadt, um mehr zu holen.

Es war Archibald's Absicht, das erstandene Gut ganz und gar zu verbrennen; die wirthschaftliche Jungfer Dutton rettete jedoch einen Theil davon. Es sei Schade, sagte sie, so viel gutes Papier zu verderben, welches zu Haarwickeln und andern nützlichen Dingen zu gebrauchen sei. Sie wolle es schon in ihren eigenen Koffer legen, daß es Jeanie nicht vor Augen käme.

Kurz vor Glasgow, wo Jeanie sich von ihren Begleitern trennen sollte, empfing Archibald eine Botschaft von des Herzogs Geschäftsführer in Edinburg. Er theilte hierauf Jeanie einen veränderten Reiseplan mit, nach welchem sie, wie er vorgab, zwar auf einem größern Umwege, aber sicherer zur Heimath gelangen würde. Die Sehnsucht nach ihren Freunden ließ sie jedoch nicht sogleich einwilligen, bis Archibald ein Zettelchen von des Herzogs eigner Hand aus der Tasche zog, worin er sie bat, seinem Diener noch über Glasgow hinaus zu folgen, und keine Fragen an ihn zu thun wegen dieser Veränderung.

Jeanie war in Besorgniß gewesen, es habe sich etwas Trauriges ereignet, das man ihr zu verhehlen wünsche, und man halte sie deshalb so lange von der Heimath zurück. Archibald hatte ihr jedoch versichert, so viel er wisse, befänden alle ihre Freunde sich wohl. Und da sie dem Herzog zu viel schuldig war, um sich seinem bestimmt ausgesprochenen Willen zu widersetzen, folgte sie schweigend wohin ihre Begleiter sie führten.

Der Weg zog sich an dem Fluß Clyde hinauf. Aus tausend und tausend herrlichen Gesichtspunkten stellte sich ihnen die Gegend dar, indem sie das Ufer des edlen Stroms verfolgten. Schon begann er je mehr und mehr anzuschwellen und die Würde eines großen schiffbaren Gewässers anzunehmen, das bald sich dem weiten Meere verbünden wird. Der Einfluß der Ebbe und Fluth ward immer sichtbarer. Der Wasserrabe, die schwarzen triefenden Flügel halb dem Winde geöffnet, stand auf den hervorragenden Klippen.

Auf der entgegengesetzten Seite des Flusses sah Jeanie die dunkeln übereinander gethürmten Berge des Hochlandes. Wie ein großes, schwarzes Meer lagen sie da, von hellen Seen wie von Lichtpunkten unterbrochen. »Liegt hier Inverary?« fragte Jeanie ihren Begleiter; »ist jenes hohe Schloß des Herzogs Wohnung?«

»Es ist das alte Castell Dumbarton,« erwiederte Archibald, »die stärkste Festung in ganz Europa. Der Herzog von Argyle ist Befehlshaber derselben, denn sie wird immer dem besten Manne Schottlands anvertraut.«

»Und wohnt der Herzog auf dem hohen Felsen, wenn er hier ist?«

»Nein, in jenem weißen Hause dort am Fuß des Berges.«

Archibald berichtete seinen beiden Reisegefährtinnen hier, daß sie jetzt über den Fluß nach der kleinen anmuthigen Insel Roseneath schiffen müßten. Es sei dort ein hübsches Haus des Herzogs, wo Jeanie mit ihren Gesellschaftern zur Heimreise zusammentreffen sollte. Jungfer Dutton machte viele Einwendungen gegen eine Wasserfahrt. Sie fürchte sich, sagte sie, und bestünde darauf zu Lande zu gehen, wenn es auch ein Umweg von zehn Meilen sei.

»Es thut mir Leid, daß ich Ihnen nicht dienen kann,« erwiederte Archibald, »da Roseneath eine Insel ist.«

»Und wenn's zehn Inseln wären, so sähe ich nicht ein, warum ich deshalb ertrinken muß,« sagte sie ärgerlich.

Nichts destoweniger ließ Archibald von der Heerstraße ab nach einem Fischerdörfchen einlenken, wo ein Boot nebst zwei oder drei Matrosen und eben so viel Bewohnern des Hochlandes ihrer warteten. Die Wimpel des Schiffchens zeigte ein Eberhaupt mit einer Herzogskrone darüber.

Der Wagen hielt an, und Archibald gab Befehl das Reisegeräth einzuschiffen. »Ist die Caroline schon lange da?« fragte er.

»Sie ist in fünf Tagen von Liverpool herübergekommen, und liegt jetzt zu Greenock,« erwiederte der Schiffer.

»So bringt nur Wagen und Pferde für's Erste nach Greenock, bis ich Euch weitere Nachricht gebe. – Und nun bitte ich Sie, mir in das Schiff zu folgen, damit wir nicht die Fluth versäumen,« sagte er, sich zu Jeanie und Jungfer Dutton wendend.

Diese wollte aber durchaus nichts davon hören. »Kerl,« sagte sie zu einem Hochländer, der einen Reisekoffer aufhob, ihn in das Schiff zu tragen, »der Koffer ist mein, und jene Schachtel und das Kästchen dort, und die sieben Bündel gehören auch mir, und Du bist unglücklich, wenn Du Dich unterstehst, ein Stück davon anzurühren.«

Der Hochländer sah Archibald an, und da er keinen Widerrufsbefehl von ihm erhielt, setzte er sein Geschäft fort, ohne sich irre machen zu lassen.

Archibald reichte Jeanie die Hand, sie aus dem Wagen zum Schiff zu führen, und sie folgte ihm willig, obgleich mit einem kleinen Bangen, denn sie war nie zu Wasser gefahren, und die Wellen gingen hoch. Jungfer Dutton aber lehnte Archibald's Höflichkeit ab. Sie wollte den Wagen nicht verlassen. Es müsse ihr Alles haarklein ersetzt werden, was sie hier von dem Ihrigen einbüße, sagte sie, indem sie die Kleider und Anderes zum Putz gehörige, wovon sie jetzt sich auf immer zu trennen schien, Stück für Stück herrechnete.

Herr Archibald gab sich nicht die Mühe, viel Gegenvorstellungen zu machen. Er sagte den Hochländern einige Worte in der Landessprache, worauf diese sich dem Wagen listig näherten, und, ohne ihr Vorhaben ahnen zu lassen, die Widerspänstige plötzlich ergriffen, auf ihre Schultern luden, und mit Pfeilesschnelle zum Schiff mit ihr hinabliefen. Sie sprangen hinein, zogen das Segel auf, ergriffen ihre Ruder, und lustig ging es über den gewaltigen Strom.

»Ihr schottischer Teufel,« sagte die erzürnte Dutton zu Archibald, »wie dürft Ihr Euch solch ein Verfahren gegen mich erlauben?«

»Sie müssen wissen,« erwiederte dieser sehr ruhig, »daß Sie nun in des Herzogs eignem Lande sind, und daß ein jeder von diesen Leuten Sie eben so willig über Bord wirft, wenn Seine Durchlaucht es befiehlt.«

»Der Himmel sei mir gnädig!« rief Jungfer Dutton; »wär' ich doch niemals hierher gekommen.«

Nach einer Weile fragte sie Jeanie, die auch ein wenig zaghaft neben Archibald saß, ob sie sich nicht vor diesen wilden Männern mit ihren nackten Knieen, und vor dieser Nußschaale von einem Dinge fürchte, das immer auf und ab ginge wie eine Schaumkelle in einem Milchfaß.

»O nein, nein,« sagte Jeanie zögernd, »ich habe wohl schon sonst Hochländer gesehn, obgleich ich ihnen nie so nah war; und was die Gefahr der tiefen Fluth betrifft, so weiß ich, daß auf der See wie zu Lande eine Vorsehung über uns waltet.«

»Es ist doch hübsch, wenn Einer lesen und schreiben gelernt hat,« sagte Jungfer Dutton, »er weiß dann immer gleich allerlei feine Redensarten vorzubringen, es begegne ihm was da wolle.«


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