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Viertes Kapitel.

– Ich bitte Euch –
Die Thränen fleh'n Euch an, und diese keuschen Hände,
Die sich vor heil'gen Dingen bis dahin nur erhoben –
Vor Wesen wie Ihr selbst – Ihr seid für uns ein Gott –
So seid denn wie ein Gott – voll Gnaden und Erbarmen.

Der blutige Bruder.

Nicht ohne Scheu sah Jeanie sich an einem so einsamen unbekannten Ort mit einem Mann von so hohem Range. Das Ganze hatte etwas wunderbar Geheimnißvolles. Wo war sie und vor wen sollte sie treten? Sie bemerkte, daß der Herzog einfacher gekleidet war, als sie ihn das erste Mal gesehen, und auch heute keines der äußern Ehrenzeichen seines Standes trug. Es war Jeanie schon eingefallen, sie solle vielleicht gar ihr Anliegen in königlicher Gegenwart vortragen. Der eben erwähnte Umstand machte ihr dies jedoch unwahrscheinlich. »Gewiß hätte er seinen glänzenden Stern und seine Orden angethan,« dachte sie, »wenn er vor königlichem Antlitz erscheinen sollte. – Und hier sieht es im Grunde auch nicht aus wie in einem Königspalast.«

Jeanie schloß so übel nicht; doch war sie zu wenig Meisterin der Hofsitte, und der hier obwaltenden Umstände, um eine ganz richtige Folgerung ziehen zu können. Wie schon gesagt, hatte der Herzog in jener Zeit sich den Maßregeln der Regierung widersetzt, und es war allgemein angenommen, daß er bei dem königlichen Hause nicht in Gunst stehe. Die Königin Caroline hatte es sich aber zum Grundsatz gemacht, gegen ihre Anhänger so viel Vorsicht zu beobachten, als könnten sie einst ihre Feinde werden, und ihre Gegner mit solcher Feinheit zu behandeln, als ob sie sich nach ihrem Willen fügen würden. Ihr Gewicht in Regierungsangelegenheiten war ungemein groß. Der König, mehr Krieger als Staatsmann, ließ sich völlig von seiner klugen Gemahlin leiten, obgleich er sich öffentlich den Schein geben wollte, nur nach eigenem Willen zu handeln.

Bei vielen Annehmlichkeiten ihres Geschlechts besaß die Königin einen männlichen Geist. Sie war stolz, und konnte Aeußerungen des Unwillens nicht leicht unterdrücken, doch suchte sie Uebereilungen dieser Art schnell wieder gut zu machen, sobald ihre Klugheit über ihre Leidenschaft siegte. Sie unterhielt geheime Verbindungen mit solchen, die öffentlich nicht gut mit dem Hof oder mit dem ersten Minister Robert Walpole standen. Hiedurch lenkte sie die Fäden manches verborgenen Staatsgewebes, und konnte oft verhüten, daß Unzufriedenheit nicht zum Haß ward und Widerstand nicht in Empörung ausartete. Auch mit dem Herzog von Argyle hatte sie nicht ganz brechen wollen. Seine hohe Geburt, seine großen Fähigkeiten, sein Ansehen bei den Schotten, die Möglichkeit, daß er sich an die Spitze der Unzufriedenen seines Vaterlandes stellen könne, machten es nothwendig, sich einigen Einfluß auf einen so wichtigen Mann zu erhalten. Caroline benutzte zu diesem Zweck die Vermittlung einer Frau, deren günstiges Verhältniß zur Gemahlin Georgs des Zweiten etwas ziemlich Ungewöhnliches hatte.

Die schlaue Caroline hatte zu bewirken gewußt, daß eine ihrer vornehmsten Hoffrauen, Lady Suffolk, das dem Anschein nach Widersprechende in sich vereinigte, zugleich die Geliebte des Königs, und seiner Gemahlin demüthige Vertraute zu sein. Hiedurch sicherte die Königin ihre Macht gegen eine ehrgeizige Nebenbuhlerin; und wenn sie sich der Kränkung unterwarf, in ihres Gatten Untreue zu willigen, so hatte sie dafür die Freiheit, »ihrer guten Howard« dann und wann einige höfliche Beleidigungen zufließen zu lassen, obgleich sie im Allgemeinen ihr mit vielem Anstand begegnete. Lady Suffolk hatte dem Herzog von Argyle große Verpflichtungen, und durch sie war bei Gelegenheit Manches zwischen ihm und der Königin verhandelt worden. Doch hatten die Mißhelligkeiten wegen des Aufstands zu Edinburg diese Verbindung ziemlich unterbrochen, wenn auch nicht gänzlich aufgelöst. Zu besserm Verständniß des Folgenden war es nöthig dies vorauszusenden.

Aus dem schmalen Baumgang, durch den sie gekommen waren, wandte der Herzog sich zu einem andern ähnlicher Art, breiter und länger jedoch. Hier erblickte Jeanie einige Gestalten in der Ferne.

Sie näherten sich; es waren zwei Frauen. Eine ging ein wenig hinter der andern, doch blieb sie nahe genug, um Alles, was jene sagte, hören und darauf antworten zu können. Indem sie langsam herankamen, hatte Jeanie Zeit, sie genau zu betrachten. Der Herzog verzögerte gleichfalls seine Schritte, als wolle er ihr Zeit lassen, sich zu sammeln, und er bat sie wiederholt, nicht ängstlich zu sein. Die von den Frauen, welche die Vornehmere schien, hatte angenehme Züge, obgleich sie von den Pocken gelitten, glänzende Augen und schöne Zähne. Eher stark als schlank, war doch ihre Gestalt nicht ohne Anmuth; und das Feste und Bestimmte ihres Einherschreitens ließ nicht vermuthen, daß sie oft an einem jeder Fußbewegung hinderlichen Uebel litt. Ihre Kleidung war reich aber nicht prunkend, ihr Wesen edel und gebietend.

Ihre Begleiterin war kleiner als jene. Sie hatte hell braunes Haar und sprechende blaue Augen. Ohne regelmäßig schön zu sein, waren ihre Züge doch sehr angenehm. Ein Ausdruck von Schwermuth, oder mindestens von sinnendem Ernst, sehr erklärlich bei ihrem Loose, war vorherrschend, wenn sie schwieg, doch wich er einem lieblichen wohlwollenden Lächeln, sobald sie zu Jemand sprach.

Als sie ungefähr noch dreißig Schritte von den beiden Frauen entfernt waren, gab der Herzog ein Zeichen stehen zu bleiben. Er selbst trat näher, und mit der ihm eignen Anmuth machte er eine tiefe Verbeugung.

Die Königin erwiederte sie mit feierlicher Würde. »Ich hoffe,« sagte sie dann mit herablassendem Lächeln, »einen so großen Fremdling am Hof, als der Herzog von Argyle es jetzt ist, bei so guter Gesundheit zu sehn, als seine Freunde hier und in Schottland es wünschen.«

Der Herzog erwiederte, er habe sich vollkommen wohl befunden, und sei nur durch wichtige Geschäfte und eine Reise nach Schottland abgehalten worden, bei Hofanlässen seine Pflicht zu beobachten.

Wenn er Zeit zu so Geringfügigem fände, versetzte die Königin, würde er stets willkommen sein. Ihre Bereitwilligkeit, den Wunsch, den er gestern gegen Lady Suffolk geäußert, zu gewähren, zeige ihm, daß mindestens ein Mitglied des königlichen Hauses nicht frühere wichtige Dienste wegen dieser spätern Vernachlässigung vergessen habe. Dies ward in halb scherzhaftem Ton gesagt, und schien eine Aussöhnung zu bezwecken.

Er empfände die Ehre sehr tief, die sie ihm jetzt erzeigte, sagte der Herzog; und er hoffe Ihrer Majestät bald zu beweisen, daß die Sache, um welche er so kühn gewesen, sie hierher zu bemühen, auch für sie selbst von Wichtigkeit sei.

»Sie können mich nicht mehr verpflichten, Mylord,« erwiederte sie, »als durch Mittheilung Ihrer Erfahrungen und Ansichten in allem, was den Dienst des Königs betrifft. Eure Durchlaucht wissen, daß ich nur das Mittel sein kann, eine Sache der höhern Weisheit seiner Majestät darzustellen; doch soll ein Anliegen des Herzogs von Argyle nicht minder günstig aufgenommen werden, wenn ich es vortrage.«

»Es ist nicht mein eigenes Anliegen, allergnädigste Frau,« sagte der Herzog; »es ist eher eine Sache, die meinen Herrn den König als einen Freund der Gerechtigkeit und Gnade angeht, und die nach meiner Ueberzeugung sehr dazu beitragen kann, Seiner Majestät getreue Unterthanen in Schottland zu besänftigen.«

Diese Worte des Herzogs mißfielen der Königin aus zwiefachem Grunde. Zuerst weil sie sich dadurch in der schmeichelhaften Hoffnung getäuscht fand, Argyle habe diese Zusammenkunft erbeten, um durch ihre Vermittlung wieder zu Gunst und Ansehn zu gelangen; und ferner weil er davon sprach, die unruhigen Gemüther in Schottland auszusöhnen, und nicht, sie zu zügeln.

Von diesen Gefühlen angeregt, antwortete sie hastig: »daß Seine Majestät getreue Unterthanen in England hat, Mylord, verdankt er Gott und den Gesetzen, – daß er Unterthanen in Schottland hat, dankt er, glaube ich, Gott und seinem Schwert.«

Der Herzog erröthete ein wenig, so sehr er Hofmann war. Sie erkannte ihren Fehler sogleich, und ohne die Miene zu verändern, fügte sie hinzu, als gehörten die Worte ursprünglich zu dem Satz: – »und den Schwertern edler, dem Hause Braunschweig wahrhaft getreuer Schotten, vorzüglich dem des Herzogs von Argyle.«

»Mein Schwert, allergnädigste Frau, ist gleich dem meiner Väter stets für meinen rechtmäßigen König, so wie für mein Vaterland bereit gewesen. Ich halte es für unmöglich, den wahren Vortheil beider zu trennen. Das gegenwärtige betrifft jedoch keine öffentliche Angelegenheit, sondern nur einen einzelnen wenig beachteten Gegenstand.«

»Was ist es, Mylord?« sagte die Königin. »Laßt uns endlich wissen, wovon die Rede ist, damit wir einander nicht mißverstehen.«

»Es betrifft das Schicksal eines unglücklichen jungen Mädchens in Schottland, zum Tode verurtheilt wegen eines Verbrechens, an welchem sie aller Wahrscheinlichkeit nach unschuldig ist. Und ich wage das unterthänige Gesuch an Ihre Majestät, durch Ihre mächtige Verwendung den König zu einer Begnadigung zu bewegen.«

Die Reihe des unwilligen Erröthens war nun an der Königin, und diese zornige Glut überzog ihre Wange und Stirn, Hals und Busen. Sie schwieg einen Augenblick, als wolle sie den ersten Ausbruch ihres Mißfallens zurückhalten. Dann nahm sie die Miene der Würde und strenger Selbstherrschaft an, und sagte: »Mylord, ich will nicht fragen, in welcher Absicht Sie eine Bitte an mich richten, welche die Umstände zu einer höchst seltsamen machen. Als Pair und Mitglied des geheimen Raths stand Ihnen der Weg zum König offen, und Sie konnten mir die Mühe dieser Erörterungen ersparen. Ich wenigstens habe genug der schottischen Begnadigungen.«

Der Herzog, auf diesen Ausbruch des Unwillens vorbereitet, ließ sich dadurch nicht zurückschrecken. Er machte keinen Versuch zu einer Antwort, blieb aber in derselben ruhig ehrerbietigen Stellung wie zuvor. Ihm keinen Vortheil über sich zu geben, bezwang die Königin ihren Zorn; und in demselben milden Ton, mit dem sie die Unterredung begonnen, fügte sie hinzu: »Sie müssen mir einige der Vorrechte meines Geschlechts einräumen, Mylord. Urtheilen Sie nicht zu hart von mir, wenn das Andenken jener Beschimpfung der königlichen Gewalt, die Ihre Hauptstadt sich erlaubte, mich ein wenig unwillig macht. Sie können sich nicht wundern, daß ich damals, als Stellvertreterin des Königs, sie doppelt empfand, und jetzt mich deren erinnere.

»Es ist wahrlich etwas, das sich nicht so bald vergessen läßt,« erwiederte der Herzog. »Wie ich selbst über diesen Gegenstand denke, ist Ihrer Majestät längst dargelegt worden, und ich muß mich sehr undeutlich ausgedrückt haben, wenn aus meinen Worten nicht die höchste Verabscheuung jenes seltsamen Mordes hervorging. Ich war vielleicht so unglücklich anderer Meinung zu sein, als die Rathgeber Seiner Majestät, in wie weit die Gerechtigkeit oder die Staatsklugheit es gestatte, den Unschuldigen für den Schuldigen zu strafen. Doch Ihre Majestät werden mir hoffentlich erlauben da zu schweigen, wo meine Ansichten nicht den Vorzug genießen, mit den Meinungen derer, die weitsehender sind als ich, übereinzustimmen.«

»Wir wollen einen Gegenstand nicht verfolgen, über den unsre Meinungen verschieden sein möchten,« versetzte die Königin, »ein Wort kann ich jedoch im Vertrauen sagen,« fügte sie etwas leiser hinzu; – »Sie wissen unsre gute Suffolk ist ein wenig taub, – wenn der Herzog von Argyle die Bekanntschaft mit seinem König und seiner Königin erneuern will, wird er wohl nicht viele Gegenstände finden, in welchen sie ihm entgegen sind.«

Der Herzog bückte sich tief bei dieser schmeichelhaften Andeutung: »Lassen Sie mich hoffen, allergnädigste Frau, daß ich nicht so unglücklich sein werde jetzt einen solchen gefunden zu haben.«

»Ich muß Euer Durchlaucht erst die Pflicht des Beichtens auferlegen, bevor ich Ablaß gewähre. Woher der besondre Antheil, den Sie an diesem Mädchen nehmen? Es scheint nicht,« (und sie betrachtete Jeanie mit dem forschenden Auge der Kennerin,) »als sei sie sehr geeignet meiner Freundin, der Herzogin, Eifersucht zu erregen.«

»Ich hoffe Ihre Majestät werden hier meinen Geschmack für mich Bürge sein lassen,« erwiederte der Herzog, gleichfalls lächelnd.

»Dann ist sie wohl irgend eine Muhme des dreißigsten Gliedes in den ungeheuern schottischen Geschlechtsreihen?«

»Nein, gnädigste Frau,« sagte der Herzog, »doch wünschte ich wohl einigen meiner nähern Verwandten die Hälfte ihres Werths, ihrer Redlichkeit, ihrer Liebe.«

»So kommt sie doch gewiß von Inverary oder Argyleshire?«

»Sie ist nie weiter nordwärts gewesen als Edinburg, meine gnädige Königin.«

»Dann bin ich zu Ende mit meinen Vermuthungen, und Eure Durchlaucht müssen selbst die Mühe übernehmen, die Sache Ihrer Beschützten vorzutragen.«

Mit jener leichten Kürze und Bestimmtheit, die nur das gesellschaftliche Leben der höhern Stände gibt, erklärte jetzt der Herzog das sonderbare Gesetz, vermöge dessen Effie Deans verurtheilt worden, und die liebevollen Bemühungen Jeanie's zur Rettung ihrer Schwester, für die sie Alles andre willig opferte, nur Wahrheit und Gewissen nicht.

Königin Caroline hörte ihm mit Aufmerksamkeit zu. Sie liebte das Bestreiten eines Gegenstandes, und fand bald in des Herzogs Darstellung etwas aus, um Einwendungen gegen sein Begehren zu machen.

»Dies Gesetz scheint mir ein strenges, Mylord,« sagte sie. »Doch muß ich voraussetzen, daß es aus triftigen Gründen gegeben worden, da es ein Landesgesetz ist. Das Mädchen ist nach demselben verurtheilt worden, weil die Muthmaßungen, die man als Beweis der Schuld annimmt, in ihrem Fall stattfinden. Was Sie, Mylord, in Betreff der Möglichkeit ihrer Unschuld sagen, ist vielleicht ein sehr guter Grund das Gesetz aufzuheben, doch kann es nicht zum Vortheil der bereits Verurtheilten sprechen, so lange jenes besteht.«

Der Herzog sah und vermied die Gefahr. Er durfte nicht durch ein ferneres Erörtern die Königin so beharrlich in ihrer Behauptung werden lassen, bis sie zuletzt sich genöthigt sähe die Verurtheilte aufzugeben, damit sie selbst nicht schwankend erschiene. »Wenn Ihre Majestät,« sagte er, »die Gnade haben wollten, meine arme Landsmännin selbst zu hören, fände sie vielleicht einen Fürsprecher in ihrem Herzen, der besser als ich die Zweifel ihres Verstandes zu bestreiten vermag.«

Die Königin schien einzuwilligen, und der Herzog gab Jeanie ein Zeichen die Stelle zu verlassen, wo sie bis jetzt ängstlich dastand, und auf Gesichtern zu lesen suchte, die allzu sehr gewohnt waren, jedes Zeichen innerer Bewegung zu unterdrücken, um ihr etwas Wesentliches mitzutheilen. Die Herrscherin belächelte die ehrfurchtsvolle Scheu, mit welcher die still ruhige Gestalt des kleinen Schottenmädchens sich näherte, und mehr noch den ersten Laut ihrer nordischen Mundart. Allein Jeanie hatte eine sanfte, süßtönende Stimme und bat so schmelzend, »die gnädige Frau wolle Mitleid mit einem armen verleiteten Kinde haben,« daß das Fremde, Volksthümliche, welches der Königin Anfangs drollig klang, ihr bald als rührender Ernst erschien.

»Steh auf,« sprach sie nicht ungütig, »und sage mir, was für ein rohes Volk das Deine ist, bei dem der Kindermord so häufig geworden, den Zügel solcher Gesetze zu erfordern?«

»Mit Euer Gnaden Erlaubniß,« erwiederte Jeanie, »es gibt auch Länder außer Schottland, wo Mütter hart gegen ihr eignes Fleisch und Blut sind.«

Die Zwistigkeiten zwischen Georg dem Zweiten und seinem Sohn, dem Prinz von Wales, waren damals aufs Höchste gestiegen, und man schrieb die Schuld derselben größtentheils der Königin zu. Sie ward glühend roth, und warf einen durchdringenden Blick zuerst auf Jeanie, und dann auf den Herzog. Beide hielten ihn ruhig aus; Jeanie weil sie keine Ahnung davon hatte, daß sie etwas Beleidigendes gesagt, der Herzog vermöge seiner gewohnten Selbstbeherrschung. Allein im Herzen dachte er: »Durch diese unglückliche Antwort hat die Aermste bewußtlos ihre letzte Hoffnung getödtet!«

Wohlwollend und fein trat Lady Suffolk in diesem entscheidenden Augenblick dazwischen: »Du solltest der gnädigen Frau die Ursachen sagen, die das Verbrechen so häufig bei Euch machen,« sprach sie zu Jeanie.

»Einige meinen es sei das Kirchensitzen, – das ist, – das ist, – das ist der Sündenschemel, mit Euer Gnaden Erlaubniß,« sagte Jeanie, die Augen zu Boden geschlagen, mit gesenktem Ton und einer Verneigung.

»Was?« fragte Lady Suffolk, die vielleicht jenen Gebrauch nicht kannte, und überdies etwas harthörig war.

»Es ist der Stuhl der Buße, gnädige Frau, wegen leichtfertigen Wandels, und weil man das sechste Gebot gebrochen.« Sie wandte hier die Augen auf den Herzog, sah ihn die Hand ans Kinn halten, und ohne zu wissen was sie Unrechtes vorgebracht habe, verdoppelte sie die Wirkung des Gesagten, indem sie plötzlich stockte und verlegen schien.

Lady Suffolk zog sich zurück wie ein fliehendes Häufchen Hülfstruppen, das sich zwischen die geschlagenen Freunde und den Feind geworfen, und nun plötzlich selbst von einem unerwarteten Feuer getroffen wird.

»Der Teufel ist in dem Mädchen,« dachte der Herzog, »da haben wir den zweiten Schuß, sie tödtet ohne Unterschied zu beiden Seiten.«

Der Herzog hatte seinen guten Antheil an der Verlegenheit; denn da er diese schuldlose Beleidigerin eingeführt, befand er sich ungefähr in der Lage eines Landedelmanns, der seinen Wachtelhund in ein wohlverziertes Gesellschaftszimmer mitbringt, und nun Zeuge des Schadens sein muß, den seine unzeitigen Sprünge anrichten. Jeanie's letzter zufälliger Hieb machte jedoch die nachtheilige Wirkung des ersten wieder gut. Ihre Majestät hatte die Gefühle des Weibes nicht so ganz in denen der Königin aufgehen lassen, einen Scherz auf Kosten »ihrer guten Suffolk« ungern zu sehn. Sie sah den Herzog an mit einem Lächeln, das von der Freude über ihren Triumph zeugte, und sagte: »Die Schotten sind sehr strenge Sittenrichter.« Dann wandte sie sich wieder zu Jeanie, und fragte sie, wie sie die Reise von Schottland hierher gemacht habe.

»Meistens zu Fuß,« war die Antwort.

»Was, den ganzen ungeheuren Weg zu Fuß? – Wie weit kannst Du in einem Tage gehn?«

»Fünf und zwanzig Meilen ungefähr.«

»Ich hielt mich für eine tüchtige Fußgängerin,« sagte die Königin zu Argyle, »allein diese hier beschämt mich sehr.«

»Mögen Euer Gnaden niemals ein so trauriges Herz haben, daß Sie die Müdigkeit ihrer Füße nicht fühlen,« sagte Jeanie.

»Das kam besser heraus,« dachte der Herzog, »es ist das erste Mal, daß sie etwas Zweckmäßiges sagt.«

»Und ich ging auch nicht ganz und gar zu Fuß; denn ich fuhr zuweilen mit einem Frachtwagen, und von Ferrybridge aus hatte ich ein Pferd, – und verschiedene andre Erleichterungen,« sagte Jeanie, ihre Erzählung kurz abbrechend, denn sie sah den Herzog das verabredete Zeichen machen.

»Aller dieser Bequemlichkeiten ungeachtet mußt Du eine sehr ermüdende Reise gehabt haben,« sagte die Königin, »und das sehr vergeblich, fürchte ich. Denn wollte auch der König Deine Schwester begnadigen, so würden Deine edinburger Landsleute sie vermuthlich ihm zum Trotz hängen.«

»Nun wird sie sich vollends zu Grunde richten,« dachte der Herzog. Allein er irrte. Die Klippen, auf welche Jeanie in dieser gefährlichen Unterredung gestoßen, lagen in der Tiefe, und waren ihr unbekannt; diese Sandbank ragte aus dem Wasser hervor, und sie vermied sie.

Sie sei überzeugt, sagte sie, Stadt und Land würden sich freuen, wenn Seine Majestät sich eines armen verlassenen Geschöpfs erbarmten.

»Seine Majestät hat dies neuerdings anders gefunden,« sagte die Königin; – »Mylord möchten vielleicht ihm rathen die Stimmen des Pöbels selbst zu sammeln, wer gehängt werden soll und wer begnadigt?«

»Nein, gnädigste Frau; allein ich würde Seiner Majestät rathen, sich von seinem eigenen Gefühl und dem Gefühl seiner königlichen Gemahlin leiten zu lassen. Dann, ich bin dessen gewiß, wird die Strafe nur der Schuld folgen, und selbst dieser mit vorsichtigem Zögern.«

»Diese feinen Worte überzeugen mich nicht, Mylord, daß es angemessen sei, Ihrer – ich darf wohl nicht sagen aufrührerischen? – doch mindestens unlenksamen Hauptstadt, so schnell eine solche Gunst zu erzeigen. Ist nicht das ganze Volk im Bunde, die wilden verabscheuungswerthen Mörder jenes Unglücklichen zu schirmen? Wie wäre es sonst möglich, daß man nicht einen von den vielen entdeckt, die Theil an einer so öffentlichen Handlung genommen? Diese Landdirne sogar mag vielleicht um das Geheimniß wissen. Höre, Mädchen, haben welche von Deinen Freunden Theil an der Porteous-Verschwörung genommen?«

»Nein, gnädige Frau,« sagte Jeanie, erfreut die Frage so gestellt zu finden, daß sie sie mit gutem Gewissen verneinen konnte.

»Wenn Du aber solch ein Geheimniß besäßest, würdest Du Dir vermuthlich ein Gewissen daraus machen es weiter zu sagen.«

»Ich würde Gott bitten mich durch sein Licht erkennen zu lassen, welches der Weg der Pflicht sei,« erwiederte Jeanie.

»Und den einschlagen, der am meisten mit Deinen Neigungen übereinstimmt,« sagte die Königin.

»Gnädige Frau, ich würde bis ans Ende der Welt gegangen sein, dem Porteous oder irgend einem andern Unglücklichen das Leben zu retten; allein ich darf wohl mit Recht zweifeln, inwiefern ich zu seiner Bluträcherin berufen bin. Er ist dahin, und die ihn getödtet, müssen ihr eigenes Thun verantworten. Aber meine Schwester, – meine arme Schwester Effie lebt noch, obgleich ihre Tage und Stunden gezählt sind! – Sie lebt noch, und ein Wort aus dem Munde des Königs könnte sie einem alten jammervollen Mann wieder geben, der nie in seinem Morgen- und Abendgebet unterlassen, Segen auf den Thron Seiner Majestät herabzuflehen. O gnädige Frau, wenn Sie jemals wußten, was es heißt, sich um ein armes sündhaftes Geschöpf zu grämen, deren Gemüth so erschüttert ist, daß sie weder zu leben noch zu sterben weiß, erbarmen Sie sich unsers Elends! Beschützen Sie ein redliches Haus vor Schmach, und ein unglückliches kaum achtzehnjähriges Mädchen vor einem frühzeitigen furchtbaren Tode. Ach, nicht wenn wir selbst süß schlafen und fröhlich wachen, sind wir der Leiden Anderer eingedenk. Unsre Herzen sind dann leicht in uns; für das Unrecht, welches uns selbst geschieht, wollen wir uns Recht verschaffen, und gegen unsre eigenen Beleidiger wollen wir kämpfen. Wenn aber die Stunde der Trübsal für die Seele oder den Leib kommt, – und selten möge sie Euer Gnaden heimsuchen, – und wenn die Stunde des Todes kommt, die den Hohen so wenig verschont als den Niedern, – und spät nur möge sie Ihnen erscheinen, – o gnädige Frau, dann ist es nicht, was wir für uns selbst, sondern was wir für Andre gethan haben, woran wir mit Freuden denken mögen. Und der Gedanke, daß Sie sich für das Leben einer armen Unglücklichen verwendet, wird Ihnen süßer sein in jener Stunde, sie komme wenn sie wolle, als hätte ein Wort aus ihrem Munde die ganze Porteous-Rotte an einem einzigen Strick aufgehängt.«

Thräne auf Thräne floß Jeanie's Wange herab, ihr Antlitz glühte und ihre Lippe bebte von der heftigen Bewegung ihres Gemüths, indem sie die Sache ihrer Schwester in einer eben so einfachen als feierlich rührenden Sprache vertheidigte.

»Das nenne ich Beredsamkeit,« sagte die Königin zum Herzog von Argyle. – »Mein Kind, ich selbst kann Deiner Schwester keine Begnadigung gewähren, – sei jedoch meiner eifrigen Verwendung bei Seiner Majestät gewiß. Nimm dies,« fuhr sie fort, indem sie Jeanie ein kleines gesticktes Etui in die Hände gab; »öffne es jetzt nicht, bei mehrerer Muße wirst Du etwas darin finden, Dich zu erinnern, Du habest mit der Königin Caroline gesprochen.«

Diese Worte bestätigten endlich Jeanie's Vermuthung; sie warf sich auf die Kniee nieder im Begriff ihre Dankbarkeit ausströmen zu lassen. Allein der Herzog, der wie auf Dornen stand, sie könne mehr oder weniger sagen, als eben recht sei, legte die Hand noch einmal an's Kinn.

»Unser Geschäft ist nun wohl beendet, Mylord,« sagte die Königin, »und ich glaube zu Ihrer Zufriedenheit. Ich hoffe Eure Durchlaucht künftig öfter zu sehn, sowohl zu Richmond als zu St. James. – Kommen Sie, Lady Suffolk, wir müssen dem Herzog Lebewohl sagen.«

Sie begrüßten sich gegenseitig, die beiden Frauen entfernten sich, der Herzog half Jeanie sich vom Boden erheben, und führte sie, die mit dem Gefühl einer im Schlafe wandelnden einherschritt, den Weg zurück, den sie gekommen war.


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