Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fünftes Kapitel.

Sobald ich gewinne den erzürnten König,
Geb' ich mich kund als Euren Anwald.

Cymbeline.

Schweigend gelangten der Herzog und seine Begleiterin zu dem Pförtchen, das ihnen den Einlaß in Richmond Schloß, den Lieblingsaufenthalt der Königin Caroline, gewährt hatte. Derselbe halb sichtbare Pförtner öffnete, und sie befanden sich außerhalb der Grenzen des königlichen Parks. Noch immer ward von beiden Seiten kein Wort gesprochen. Der Herzog wollte der erstaunten geblendeten Jeanie Zeit lassen sich zu sammeln; und Jeanie's Gemüth war zu bewegt von dem, was sie gesehen, gehört, geahnt hatte, als daß es ihr möglich gewesen wäre, eine Frage zu thun.

Sie fanden den Wagen des Herzogs, wo sie ihn verlassen, und als sie ihre Plätze darin wieder eingenommen, rollte er schnell von dannen der Stadt zu.

»Ich glaube, Jeanie,« fing der Herzog nach einer Weile an, »Du kannst Dir zu dem Ausgang Deiner Unterredung mit Ihrer Majestät Glück wünschen.«

»Und war das also wirklich die Königin?« sagte Jeanie; »ich dachte es wohl, als ich Euer Gnaden den Hut nicht aufsetzen sah. Und doch konnte ich es kaum glauben, sogar als sie es selbst sagte.«

»Es war ganz gewiß die Königin Caroline,« erwiederte der Herzog. »Bist Du nicht neugierig zu sehen, was in dem Etui ist?«

»Glauben Sie, Herr, die Begnadigung werde darin sein?« fragte Jeanie mit dem raschen Eifer der Hoffnung.

»Nun, das wohl nicht. Dergleichen Dinge pflegen sie nicht bei sich zu tragen. Und Ihre Majestät sagten ja auch, nur der König und nicht sie, könne die Begnadigung gewähren.«

»Es ist wahr; aber mein Kopf ist mir so verwirrt. – Und glauben Euer Gnaden denn, daß Effie's Rettung gewiß ist?« fuhr sie fort, das ungeöffnete Etui in der Hand haltend.

»Nun, Könige und stätische Pferde sind schwer zu beschlagen, sagen wir in Schottland. Aber seine Frau weiß mit ihm umzugehn, und ich hege nicht den mindesten Zweifel an der Sache.«

»O Gott sei Dank! Gott sei Dank!« rief Jeanie; »und möge es der guten Königin nie an der Zufriedenheit mangeln, die sie mir in diesem Augenblick gibt! – Und Gott segne auch Sie, Mylord! Ohne Ihre Hülfe wäre ich niemals vor das Angesicht der Königin gekommen.«

Die Gefühle der Freude und Dankbarkeit waren so mächtig in Jeanie, daß sie darüber des Geschenks der Königin vergaß. Der Herzog mußte sie nochmals erinnern, das Etui zu öffnen. Sie that es endlich, und fand die gewöhnlichen Erfordernisse zu weiblichen Arbeiten, Zwirn, Nähnadeln, eine Scheere und dergleichen, in dem Seitentäschchen war eine Banknote von fünfzig Pfund.

Als der Herzog Jeanie von dem Werth dieses Papiers unterrichtet hatte, äußerte sie ihr Bedauern über den vorgefallenen Irrthum. Das Etui selbst, sagte sie, mit dem Namen »Caroline,« vermuthlich von der Königin eigner Hand, darin geschrieben, und eine Krone darüber, sei ein sehr schätzbares Andenken. Die Note aber reichte sie dem Herzog hin, mit der Bitte sie der Eigenthümerin wieder zuzustellen.

»Nein, nein, Jeanie, hier findet kein Irrthum Statt. Ihre Majestät weiß, daß Du viel Kosten gehabt hast, und will sie Dir ersetzen.«

»Ach, sie ist allzu gut! und es freut mich recht, daß ich Stummendeich sein Geld wieder bezahlen kann, ohne meinem Vater zur Last zu fallen.«

»Stummendeich? Hat er nicht ein Landgut in der Nähe von Dalkeith, trägt eine schwarze Perücke und einen Tressenhut?«

»Ja, Herr,« sagte Jeanie ganz kurz; denn sie hatte ihre Gründe, nicht bei diesem Gegenstand zu verweilen.

»Mein alter Freund Stummendeich! Ich habe ihn dreimal lustig gesehen, aber nur ein einzigmal den Ton seiner Stimme gehört. – Ist er ein Vetter von Dir, Jeanie?«

»Nein, Mylord.«

»So muß er wenigstens Dein Anbeter sein?« Zögernd und erröthend stotterte Jeanie ein Ja hervor.

»Ei, wenn der Lord kommt, ist wohl einige Gefahr für meinen Freund Butler vorhanden?«

»Ach nein, Herr,« antwortete Jeanie weit schneller als zuvor, aber auch mit weit tieferm Erröthen.

»Nun, Du bist ein Mädchen, die wohl weiß, was sie zu thun hat, und ich will nicht ferner nach Deinen Angelegenheiten fragen. Die Begnadigung werde ich, sobald sie erfolgt, durch einen Eilboten nach Schottland senden. Du magst unterdeß Deinen Freunden von dem glücklichen Erfolg Deiner Reise schreiben.«

»Und meinen Euer Gnaden dies sei besser, als wenn ich mein Bündel unter den Arm nähme und alsbald wieder nach Hause ginge?«

»Bei weitem besser. Du weißt, es ist nicht allzu sicher zu reisen für ein junges Mädchen allein.«

Jeanie empfand im Herzen das Richtige dieser Bemerkung; und war daher sehr erfreut, als der Herzog ihr den Vorschlag that, mit Archibald und einer der Frauen der Herzogin, welche er ohnedies nach Schottland sende, dahin zurück zu reisen. »Und ich bitte Dich,« setzte er hinzu, »Deine Begleiterin unterwegs das Käsemachen zu lehren, denn sie ist zur Aufsicht über die Milchkammer in Inverary bestimmt, und Du bist gewiß so geschickt und sauber bei Deinem Milcheimer, als in Deinem Anzuge.«

»Essen Euer Gnaden gern Käse?« fiel Jeanie ein, und die Freude des Selbstbewußtseins strahlte auf ihrem Gesicht.

»Ihn gern essen?« versetzte der Herzog, dessen Gutmüthigkeit voraussah, was folgen sollte; »Käse und Brod ist ein Essen für einen Kaiser, geschweige für einen Hochländer.«

»Denn,« sagte Jeanie mit bescheidener Zuversicht und sichtbarer Befriedigung, »man hält unsren Käse für so gut, daß man ihn dem ächten Dunlopkäse an die Seite setzt. Und wenn Euer Gnaden ein zehn oder zwanzig Pfund annehmen wollten, würde es uns recht glücklich und recht stolz machen. Aber Sie mögen vielleicht lieber den Ziegenkäse, da Sie aus dem Hochlande sind, und darauf verstehe ich mich freilich nicht so gut, ich könnte aber mit meiner Muhme aus Lammermoor sprechen und« –

»Ei behüte, gerade den Dunlopkäse esse ich so gern, und es soll mir sehr lieb sein, wenn Du mir welchen schickst. Mache ihn aber hübsch selbst, Jeanie, und suche Ehre damit einzulegen, denn Du mußt wissen ich bin ein Kenner.«

»O mir ist nicht bange, Euer Gnaden Beifall zu erlangen,« sagte Jeanie zuversichtlich, »ich werde mir gewiß alle Mühe geben, und Sie sind viel zu gut, um zu tadeln, wenn einer sein Bestes gethan hat.«

Dies führte das Gespräch auf einen Gegenstand, über den beide Reisegefährten, obgleich so verschieden an Stand und Erziehung, sehr viel zu sagen fanden. Der Herzog war ein Kenner der Landwirthschaft. Er unterhielt Jeanie mit seinen Bemerkungen über die Viehzucht in Schottland; und sie wußte ihm wiederum so viel von ihren Erfahrungen darüber mitzutheilen, daß er ihr ein paar Devonshirer Kühe zum Lohn für die Belehrung versprach. Und so ganz und gar versetzte seine Seele sich zurück zu jenen ländlichen Beschäftigungen und Freuden, daß er ungern seinen Wagen bei der Miethkutsche anhalten sah, mit welcher Archibald indessen auf jenem Scheidewege gewartet. Während der Lohnkutscher sein mageres Vieh anschirrte, dem er in der Zwischenzeit ein wenig Heu vorgelegt hatte, ermahnte der Herzog Jeanie, nicht zu mittheilend gegen ihre Muhme zu sein; sie solle sie nur Archibald überlassen, wenn sie allzu sehr mit Fragen in sie dränge. Sie sei seine alte Bekannte, und er wisse schon mit ihr umzugehen. Er sagte ihr dann ein herzliches Lebewohl, hieß sie sich in der nächsten Woche zur Rückreise bereit halten, sah sie einsteigen, und rollte dann in seinem eigenen Wagen davon, indem er die Weise eines schottischen Volkslieds vor sich hin summte.

Als Jeanie und ihr Begleiter bei dem Dornbusch anlangten, stürzte Frau Glas nach langer neugieriger Erwartung voll Eifers auf das arme Mädchen los, und überströmte sie mit einer Fluth von Fragen: Hatte sie den Herzog gesprochen? Oder die Herzogin, oder die jungen Fräulein? Hatte sie den König gesehn, oder die Königin, oder den Prinz von Wales, oder sonst einen vom königlichen Hause? Hatte sie ihrer Schwester Begnadigung erlangt? War es ein völliges Erlassen der Strafe, oder nur eine Milderung? Wie weit war sie gefahren? Wohin? Was hatte man gesprochen? Warum war sie so lange geblieben?

Jeanie hätte sich sehr verlegen gefühlt, wäre nicht Archibald dazwischen getreten. »Frau Glas,« sagte er, »Seine Durchlaucht der Herzog wünscht selbst mit Ihnen über diese Angelegenheit zu sprechen, und Ihren Rath über Einiges zu vernehmen; er wird morgen oder in den nächsten Tagen herkommen, und bittet Sie, das junge Mädchen indeß nicht zu befragen, da sie doch nicht recht Auskunft zu geben weiß.«

Diese überzuckerte Pille schlug den Eifer der Frau Glas ein wenig nieder. »Seine Durchlaucht sind sehr gnädig; ganz nach Seiner Durchlaucht Befehl. Aber Sie haben einen weiten Weg gemacht, Herr Archibald, wie ich aus der Zeit Ihrer Abwesenheit schließe, und ein Gläschen Rosa Solis ist Ihnen vielleicht nicht unangenehm,« setzte sie mit freundlichem Lächeln hinzu.

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Frau Glas, ich muß sogleich zu meinem Herrn,« und mit höflicher Begrüßung verließ er den Laden.

Als er fort war, hatte Jeanie ein neues Verhör auszustehn. Gern hätte sie durch eine freie Mittheilung des für sie so wichtigen Vorgangs sich ihrer gastfreundlichen Verwandten dankbar gezeigt. Doch einer Schwätzerin, wie der Frau Glas, von deren Herzen Jeanie eine bessere Meinung hegte, als von ihrem Verstande, war das Geheimniß einer Unterredung mit der Königin Caroline nicht anzuvertrauen. Sie antwortete daher nur im Allgemeinen, der Herzog habe die außerordentliche Güte gehabt, sich sehr für ihre Schwester zu bemühen, er hoffe, daß Alles gut gehen würde, und es sei seine Absicht, das Nähere selbst mit der Frau Muhme zu besprechen.

Als Frau Glas alles Fragen umsonst sah, wies sie Jeanie hinauf zu dem kleinen Wohnzimmerchen, wo der Tisch gedeckt stehe, sagte sie, es sei drei Uhr vorbei, und sie selbst habe schon ein wenig gegessen, nachdem sie über eine Stunde lang auf sie gewartet. Jeanie solle nun auch essen, denn das Gespräch eines Hungrigen mit einem Satten tauge nicht.


 << zurück weiter >>