Joseph Roth
Tarabas
Joseph Roth

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XXVII

Ein paar Wochen später – der Sommer ging schon zu Ende, die Kastanien wurden reif, und die Juden von Koropta bereiteten sich vor, ihre hohen Feste zu feiern – erschien im Kramladen des Händlers Nissen der sanfte Bruder Eustachius aus dem nahen Kloster Lobra. Die guten Brüder des Klosters Lobra beschäftigten sich mit der Pflege der Kranken, einige unter den Brüdern waren tüchtige Ärzte, und es gab sogar Juden in Koropta, die, wenn sie krank wurden, nicht zum Feldscher oder zum Doktor gingen, sondern zu den Mönchen. Manchmal, zu gewissen Jahreszeiten, kamen zwei von ihnen in das Städtchen Koropta, um für arme Kranke zu sammeln. Der Juden bemächtigte sich dann ein merkwürdiges, aus Vertrautheit, Fremdheit, Anerkennung, Achtung und Furcht gemischtes Gefühl. Waren ihnen auch die runden Käppchen vertraut, welche die Mönche auf ihren glatten Schädeln trugen, so erschreckte sie um so stärker das starke, metallene Kreuz, das wie eine Waffe an der Hüfte der Brüder hing, das Kreuz, das einst zu grauenhaftem Zweck errichtet zu haben man ihren Vorvätern vorwarf, das allen Völkern der Erde Segen zu bringen verhieß und ihnen allein nur Fluch und Jammer brachte. Dem und jenem Juden hatte schon ein Mönch einen schlimmen Zahn gezogen, Blutegel angesetzt, einen Abszeß aufgeschnitten. Nur während sie Schmerzen litten, waren sie vielleicht ihren Helfern nahe; die Angst vor der Pein der Krankheit verdrängte für ein paar Stunden die andere, viel größere, nämlich die Furcht des Blutes. In den gesunden Tagen aber lebte in ihnen die Dankbarkeit für die frommen Brüder hart neben dem Mißtrauen gegen sie. Da die Brüder kein Geld nahmen wie der Feldscher oder gar der Arzt, suchte man sie zwar gerne auf; aber nach der Heilung fragte man sich auch, welch einen Grund diese unbegreiflichen Menschen hatten, Juden umsonst zu behandeln. Nun, die frommen Brüder mochten diese Überlegungen kennen oder ahnen, und sie verbanden mit dem Gebot, ihres Nächsten Menschenliebe durch fromme Mahnungen um Almosen zu wecken, auch den Zweck, ihre rätselhafte Selbstlosigkeit vor den klugen Juden klugerweise ein wenig zu verbergen. In den Häusern der Juden gab man die Almosen schnell und beinahe hastig. Man trug den Mönchen Geld, Kleider und Nahrungsmittel vor die Türen entgegen, nur, damit sie diese nicht überschritten. Ihre wallenden, groben, braunen Kutten, die rundliche Fülle ihrer wohlgenährten Körper, ihre geröteten, leuchtenden Gesichter, ihre stete Sanftheit, ihre vollkommene Gleichgültigkeit gegen Frost und Hitze, Regen, Schnee und Sonne: unheimlich schien all dies den Juden, die geneigt waren, sich ständige Sorgen zu machen, geradezu in Sorgen zu schwelgen, die jeden Morgen aufs neue den kommenden Tag zu fürchten begannen, die, lange noch vor dem Einbruch des Winters, vor dem Frost schon zitterten und in der Hitze des Sommers zu Skeletten abmagerten, die, immer aufgeregt, weil niemals heimisch in diesem Lande, schon längst den Gleichmut verloren hatten und die zwischen Haß oder Liebe, Zorn oder Untertänigkeit, Empörung und Pogrom hin und her gewirbelt wurden.

Sie waren seit Jahren daran gewöhnt, die Brüder vom Kloster Lobra zu ganz bestimmten Jahreszeiten auftauchen zu sehn. Nun aber, da sie einen von ihnen zu einer ungewöhnlichen Zeit erblickten, begannen sie, Unheil zu fürchten. Was mochte er bringen? Wohin wollte er gehen? Sie standen in zitternder Erwartung vor ihren Läden, jeden Augenblick bereit sich zu verbergen. Der sanfte, rundliche Bruder Eustachius aber ging gemessen und ahnungslos an all diesen Schrecken vorbei, in der kotigen Straßenmitte, die Schöße der Kutte ein wenig gehoben, mit seinen groben, gleichmäßig ausschreitenden, doppelt gesohlten Zugstiefeln. Da und dort sprang eine bigotte Bäuerin vom hölzernen Bürgersteig, um ihm die Hand zu küssen. Er war es gewohnt. Und mit einer mechanischen Würde streckte er seine braune, kräftige Hand aus, ließ sie küssen und wischte sie an der Kutte ab. Die furchtsamen Blicke der jüdischen Krämer folgten ihm. Man sah, wie er vor dem Laden des Händlers Nissen stehenblieb, das Schild las und mit einem gewaltigen Schritt den hohen Bürgersteig bestieg. Er verschwand im Laden.

Der Händler Nissen erhob sich, überrascht und erschrocken, von seinem Schemel. Der Bruder Eustachius lächelte sanft, zog aus den Tiefen seiner Kutte eine elfenbeinerne Dose und bot dem Juden eine Prise Schnupftabak an. Der Jude griff in die Dose, nieste kräftig und fragte:

»Hochwürdiger Herr Pater, was wünschen Sie?«

»Erschrick nicht«, sagte der Mönch, »ich komme in einer todtraurigen Angelegenheit. Bei uns im Kloster liegt ein kranker Mann. Er wird bald sterben! Bei dir wohnt der närrische Schemarjah. Du hast ein gutes Werk getan! Du hast ihn aufgenommen! Ja, ich wollte, es gäbe so gute Herzen bei allen Christen!«

Ruhiger, aber immer noch mißtrauisch, machte Nissen die allgemeine Bemerkung: »Gott gebietet die Barmherzigkeit!«

»Aber die Menschen folgen Gott selten!« erwiderte Eustachius. »Du hast freiwillig eine Last auf dich genommen. Es muß sehr schwer sein, mit diesem Schemarjah auszukommen! Glaubst du, daß ich mit ihm reden kann?«

»Hochwürdiger Herr, es ist unmöglich!« sagte der Händler Nissen. Und er sah auf die Kutte, den Rosenkranz, das Kreuz. Der Mönch verstand ihn. Er sagte: »Gut, willst du mich begleiten? Siehst du, der kranke Mensch, der bei uns liegt, sagt, er könne nicht sterben, er hätte diesem Schemarjah eine Unbill zugefügt. Schemarjah müsse ihm vorher verzeihen. Verstehst du das? Es ist ja möglich«, fuhr Eustachius fort, denn er hatte beschlossen, eine Konzession an die Vernunft der Juden zu machen, »es ist ja möglich, daß er im Fieber redet, daß er so einfach ohne Besinnung daherredet. Aber man muß ihm helfen, damit er ruhig sterbe. Verstehst du?«

»Gut!« sagte Nissen. »Ich gehe mit!«

Und der Händler Nissen führte, nicht ohne Bangnis, den Mönch die schmale Leiter zu Schemarjahs Dachzimmer hinauf. Vor der Tür sagte er: »Ich werde zuerst hineingehn, hochwürdiger Herr.« Er trat ein; aber er ließ die Tür offen.

Schemarjah blickte von dem großen Buch auf, in dem er ewig zu lesen schien. Hinter seinem Wirt und Freund Nissen nahm er die erschreckende, fremde, fettige Gestalt des Mönches in der braunen Kutte wahr, klappte das Buch zu, stand auf und drückte sich an die Wand. Er stand jetzt, den mageren Kopf vor der runden Dachluke, dem einzigen Fenster seiner Kammer, und er erinnerte den sanften Bruder Eustachius an einen Heiligen oder einen Apostel. Schemarjah streckte beide hageren, lang aus den Ärmeln ragenden Hände seinen Gästen entgegen. Sein Mund zitterte. Aber er sagte nichts.

»Schemarjah, hör zu und gib gut acht!« begann Nissen und trat an den Tisch. »Du brauchst dich nicht zu fürchten! Der Herr kommt nicht hierher, um dich einzusperren. Er hat eine Bitte, er will dich nur um eine Kleinigkeit bitten! Sag ja! – Und wir gehen sofort wieder hinaus!«

»Was will er?« fragte Schemarjah.

»Ein Mensch liegt im Sterben, bei ihm zu Hause!« Nissen zeigte mit dem Kopf nach dem Mönch, der immer noch im Türrahmen stand. »Dieser Mensch sagt, er hätte dir einmal was Böses getan! Und er kann deshalb nicht ruhig sterben. Du sollst sagen, daß du ihm nicht bös bist! Du brauchst nur ja zu sagen.«

Es dauerte eine Weile. Dann verließ Schemarjah den Platz, an den er sich geflüchtet hatte. Und zur Überraschung Nissens sagte er laut: »Ich weiß, wer es ist! Er soll ruhig sterben! Ich bin nicht bös auf ihn!« Und, zur höchsten Verblüffung des Händlers, ging Schemarjah rings um den Tisch, trat nahe an Nissen, erhob die rechte Hand, legte den Nagel des Daumens und des Zeigefingers aneinander und sagte: »Nicht so viel habe ich gegen ihn! Er soll ruhig sterben! Sag ihm das!«


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