Joseph Roth
Tarabas
Joseph Roth

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XXII

Viele Landstreicher wandern über die Straßen der östlichen Länder. Sie können von der Barmherzigkeit der Menschen leben. Die Wege sind zwar schlecht, und leicht ermüden die Füße; zwar sind die Hütten armselig und bieten wenig Platz: aber die Herzen der Menschen sind gut, das Brot ist schwarz und saftig, und die Türen öffnen sich schneller. Auch heute noch, nach dem großen Krieg und nach der großen Revolution, obwohl die Maschinen ihren unheimlichen, stählernen und präzisen Gang nach dem Osten Europas angetreten haben, sind die Menschen dem fremden Elend zugetan. Auch die Toren und die Tröpfe verstehen noch die Not des Nächsten rascher und besser als anderswo die Weisen und die Gescheiten. Noch sind nicht alle Straßen vom Asphalt bedeckt. Die Launen und die Gesetze des Wetters, der Jahreszeiten und des Bodens bestimmen und verändern das Aussehen und die Beschaffenheit der Wege. In den kleinen Hütten, die sich an den Schoß der Erde drücken, sind die Menschen dieser ebenso nahe wie dem Himmel. Ja, dort läßt sich der Himmel selber zur Erde und zu den Menschen herab, während er anderwärts, wo ihm die Häuser entgegenstreben, immer höher zu werden scheint und immer ferner. Weit voneinander, verstreut im Lande, liegen die Dörfer. Selten sind die Städtchen und die Städte, aber lebhafter Wege und Straßen. Viele Menschen sind ständig unterwegs. Ihre Not und ihre Freiheit sind innige Schwestern. Der ist zur Wanderschaft gezwungen, weil er kein Heim hat; der andere, weil er keine Ruhe findet; der dritte, weil er keine haben möchte oder weil er ein Gelübde getan hat, die Ruhe zu meiden; der vierte, weil er die Wege liebt und die fremden, unbekannten Häuser. Zwar hat man auch schon in den Ländern des Ostens gegen Bettler und Landstreicher zu kämpfen begonnen. Es ist, als könnten die Unrast der Maschinen und Fabriken, die Windigkeit der Menschen, die im sechsten Stockwerk wohnen, die Unbeständigkeit der trügerischerweise Festgesetzten die stete, ehrliche und ruhige Bewegung der guten, ziellosen Wanderer nicht mehr aushalten. Wohin gehst du, was willst du dort? Warum bist du aufgebrochen? Wie kommt es, daß du ein eigenes Leben führst, da wir anderen doch ein gemeinsames ertragen? Bist du besser?! Bist du anders?!

Unter jenen, die hie und da dem früheren Obersten Nikolaus Tarabas begegneten, gab es manche, die derlei Fragen stellten. Er antwortete nicht. Längst waren die Kleider Kristianpollers zerfetzt. Zerrissen waren die Stiefel. Den Militärmantel trug Tarabas noch. Er hatte die Epauletten abgetrennt und in die Tasche gesteckt. Er befühlte sie manchmal, zog sie heraus und betrachtete sie. Ihr Silber war gelblich angelaufen, gealterte Spielzeuge. Er steckte sie wieder in die Tasche. Von seiner Mütze hatte er die Rosette abgeschnitten. Über seinem wuchernden, dichten Haar saß sie, ein viel zu kleines Rädchen. Ihre schöne graue Farbe hatte sie verloren. Sie schimmerte weiß an einigen Stellen, graugelblich und grün. An der Brust, unter dem Hemd, trug der frühere Oberst zwei schwesterliche Säckchen nebeneinander. In dem einen lagen Münzen und Geldscheine. Im andern bewahrte er einen Gegenstand, den er auch um sein Leben und um seine Seligkeit nicht hergegeben hätte.

Sooft er ein Kreuz oder ein Heiligenbild an seinem Wege traf, kniete er nieder und betete lange. Er betete, inbrünstig, obwohl es ihm schien, daß er nichts mehr zu erflehen hatte. Er war zufrieden, sogar heiter.

Er gab sich Mühe, Qualen zu finden, Leid und Unbill. Die Menschen waren zu gut gegen ihn. Man versagte ihm selten eine Suppe, ein Stück Brot, ein Obdach. Geschah es aber, so antwortete er mit einem Segen. Er sprach sanft noch zu den Hunden, die ihm an die Beine fuhren. Und sagte ihm ein Mensch: »Geh fort, wir haben selber gar nichts!«, so erwiderte Tarabas: »Gott segne dich! Er gebe dir alles, was du brauchst.«

Schwer war nur die erste Woche gewesen.

Der heitere Herbst hatte sich über Nacht in einen strengen Winter verwandelt. Zuerst kam der harte Regen, dessen Tropfen einzeln im Fallen gefroren und wie Körner aus Eisen gegen Gesicht und Körper schlugen. Hierauf wurden es deutliche, gewaltige Hagelstücke, die in schräger Wucht niedersausten. Tarabas begrüßte den ersten Schnee, den guten, milden Sohn des Winters. Die Straßen wurden weich und grundlos. Der Schnee schmolz. Man sehnte sich nach einem bitteren, guten Frost. Eines Tages brach er an, begleitet von seinem Bruder, dem beständigen und ruhig wehenden Wind aus dem Norden, der wie ein Schwert daherkommt, flach, breit und furchtbar geschliffen. Er schneidet Panzer durch. Kein Kleid kann ihm standhalten. Man steckt die Hände in die Taschen. Der Nordwind aber bläst durch den Stoff wie durch ein Pauspapier. Unter seinem Atem gefriert die Erde im Nu und schickt ihrerseits einen eisigen Hauch empor. Der Wanderer wird federleicht, ja leichter als eine Flaumfeder, der Wind kann ihn davonwehn wie die ausgespuckte Schale von einem Kürbiskern. Das nächste Dorf liegt weit, weiter als gewöhnlich. Alles Lebendige hat sich verkrochen und verborgen. Selbst die Raben und die Krähen, die Vögel des Frostes, die Besinger des Todes, sind stumm. Und zu beiden Seiten des gefrorenen Weges, rechts und links vom Wanderer, breitet sich die Ebene aus, lagern die Felder und Wiesen unter einer dünnen, durchsichtigen, körnigen Haut aus weißlichem Eis.

Es gibt in dem Lande, in dem die Geschichte unseres Nikolaus Tarabas spielt, eine Gilde der Bettler und Landstreicher. Eine sichere, gute Gemeinschaft der Heimatlosen, mit eigenen Sitten, eigenen Gesetzen, einer eigenen Gerichtsbarkeit zuweilen, eigenen Zeichen, einer eigenen Sprache. Auch Häuser besitzen diese Bettler: Baracken, verlassene Schäferbuden, teilweise abgebrannte Hütten, vergessene Eisenbahnwaggons, zufällige Höhlen. Wer einmal vier Wochen unterwegs gewesen ist, hat von den zwei größten Lehrern des Menschen: der Not und der Einsamkeit, die geheimen Zeichen lesen gelernt, die einen Unterschlupf ankündigen. Hier liegt ein Zwirnsfaden, dort der Fetzen von einem Schnupftuch und drüben ein verkohlter Zweig. Hier bemerkt man in einer Mulde am Wegrand die Aschenreste eines Feuers. Dort sind unter der Glasur des Frostes noch menschliche Fußspuren zu entdecken, die einen Weg und eine Richtung zeigen. Der Frost schneidet ins Fleisch, und er schärft auch die Sinne.

Tarabas lernte die Zeichen verstehen, die Wärme und Sicherheit verheißen. Der Krieg hatte viel brauchbares Material im Lande gelassen, Eisen und Wellblech, Holz und zerbrochene Automobile, einsame Waggons auf schmalspurigen, improvisierten Geleisen, jämmerliche Baracken, halbverbrannte Häuschen, verlassene, gut betonierte Schützengräben. In einem Land, in dem der Krieg die Güter der Festgesessenen zerstört hat, haben es die Landstreicher gut.

Wenn der frühere Oberst Tarabas einen solchen Unterschlupf betrat, fühlte er sich weit über Verdienst belohnt. Und fast bereute er, daß er ihn aufgesucht hatte. Ja, manchmal kam es vor, daß er, kaum eingetreten und von der Wärme umfangen, nach einigen Minuten wieder aufbrach. Ihm stand es nicht an, mehr Schutz und Wärme zu genießen, als er nötig hatte, um sein Leben zu erhalten. Denn er genoß seine Qualen, und er wollte sie verlängern. Also trat er wieder in Schnee, Eis und Nacht hinaus. Begegnete ihm ein Landstreicher, der dem Obdach entgegenstrebte, und fragte er, warum und wohin des Wegs, so erwiderte Tarabas, er hätte heute noch ein Ziel zu erreichen; heute nacht noch.

Eines Abends geriet er in einen Unterschlupf, in dem schon ein anderer lagerte. Es war ein schadhafter Waggon zweiter Klasse, er stand auf einem verlassenen Geleise einer alten Feldbahn. Die Fenster der Kupees waren zerbrochen und durch Bretter und Pappendeckel ersetzt. Die Türen zwischen dem Gang und den Abteilen schlossen nicht mehr. Die ledernen Bezüge der Sitze hatte man längst herausgeschnitten. Aus den Sitzen quollen die grauen, harten Roßhaarknäuel, und durch die Ritzen und Sparren blies der erbarmungslose Wind. Tarabas ging in das erste Kupee. Ein Kupee zweiter Klasse, wie es früher einmal Tarabas benützt hatte! Er war sehr müde, er schlief sofort ein. In den Schlaf nahm er die Erinnerung an jene Zeit hinüber, in der er als »der Kurier des Zaren« in »besonderen Staatsgeschäften« heimgefahren war. »Schaffner«, hatte er gerufen, »hol mir einen Tee!« Oder: »Schaffner! Ich möchte Weintrauben!« – Platz, Platz hatten die Leute im Korridor dem besonderen Kurier des Zaren gemacht. Ach, was war Nikolaus Tarabas einst für ein Mann gewesen! Was machten jetzt seine Getreuen ohne Tarabas? Sieh da, dachte Tarabas, da hat nun so ein Mann großartig gelebt, ein mächtiger Tarabas, und hat gedacht, ohne ihn würde die Welt ihr Angesicht verändern! Aber nun bin ich aus der Welt geschieden – und sie hat ihr altes Aussehn nicht im geringsten verändert. Nichts bedeutet ihr ein Mensch; und wär's auch so ein gewaltiger, wie ich einer gewesen bin!

Nach zwei Stunden erwachte Tarabas. Er schlug die Augen auf und erkannte im Dämmer einen Mann, einen greisen Landstreicher. Das weiße Haar wallte über den Kragen seines dunklen Mantels, und der Bart reichte fast bis zum Strick an den Hüften. »Du hast einen gesegneten Schlaf!« sagte der Alte. »Eine Viertelstunde stehe ich da, huste und spucke, und du hörst nichts. Ich hörte dich wohl, als du kamst, du aber hast nicht einmal bemerkt, daß ein Mensch in diesem Waggon lebt. Du bist noch jung. Ich wette, es ist nicht lange her, daß du wanderst!«

»Woher weißt du das?« fragte Tarabas und setzte sich auf.

»Weil der halbwegs erfahrene Mensch jeden Raum, den er betritt, zuerst durchforscht. Wie leicht kann man da was Nützliches finden! Ein Geldstück, Tabak, eine Kerze, ein Stück Brot, oder auch einen Gendarmen. Diese merkwürdigen Männer verbergen sich manchmal, warten geduldig, bis unsereins kommt, dann fragen sie nach den Papieren. – Ich habe Papiere!« setzte der Greis nach einer Pause hinzu. »Ich könnte sie dir sogar zeigen, wenn wir Licht hätten.«

»Hier ist eine Kerze, mach Licht«, sagte Tarabas.

»Ich darf's nicht!« erwiderte der Alte. »Du mußt es selbst machen!« Tarabas entzündete den Kerzenstumpf und klebte ihn auf die schmale Holzkante am Fenster. »Warum wolltest du kein Licht machen?« fragte er und betrachtete ein wenig neidisch den Alten, der schon um so viel älter war und leidvoller aussah als Tarabas. Ach, es war ein General unter den Elenden! Tarabas war nur ein Leutnant.

»Heute ist Freitagabend!« sagte der Alte. »Ich bin Jude. Es ist uns verboten, Licht anzuzünden.«

»Wie kommt es, daß du nicht in einem warmen Hause bist, heute? fragte Tarabas, und der Neid erfüllte ihn jetzt ganz und gar, wie ihn einst nur der Zorn hatte erfüllen können. »Deine Glaubensgenossen essen und schlafen in den Häusern der Juden, wenn der Sabbat kommt. Ich habe noch nie an einem solchen Tage einen jüdischen Bettler getroffen!«

»Nun, siehst du«, sagte der alte Jude und ließ sich Tarabas gegenüber auf der Bank nieder, »bei mir ist es anders. Ich war ein angesehener Mann in meiner Gemeinde. Ich habe jeden Sabbat gefeiert, wie Gott es befiehlt. Aber manches andere, was Er auch befiehlt, habe ich nicht getan. Nun sind es schon acht Jahre her, daß ich so herumwandere. Die ganze Zeit des Krieges bin ich herumgewandert. Das waren nicht einmal die schwersten Jahre. Ich bin sehr weit herumgekommen, ich war in vielen Teilen Rußlands und manchmal hinter der Front. In der Etappe ist immer etwas losgewesen. Für einen Bettler ist immer etwas abgefallen.«

»Weshalb verzichtest du auf den Samstag?« fragte Tarabas.

Der Alte fuhr mit den Händen durch den Bart, neigte sich vor, um Tarabas besser zu sehn, und sagte: »Rück nur ein bißchen näher zum Licht, damit ich dich anschaun kann.«

Tarabas rückte näher zur Kerze.

»So!« sagte der alte Jude. »Es scheint mir, daß ich dir meine Geschichte erzählen kann. Ich erzähle sie gerne, offen gestanden. Aber es gibt Leute, denen man etwas erzählt, und die sagen dann: ja ja! oder: so, so! oder sie lächeln gar, oder sie sind ganz stumpf, und sie sagen gar nichts. Sie drehen sich um und beginnen zu schnarchen. Nun bin ich beileibe nicht etwa eitel, und ich will keinen Beifall, im Gegenteil: ich will, daß man mich ganz kennt, in meiner ganzen Art. Und wenn jemand meine ganze Natur nicht zur Kenntnis nimmt, hat es keinen Sinn, daß ich ihm etwas erzähle.«

»Ja, ich verstehe dich!« sagte Tarabas.

»Nun will ich dir sagen«, fuhr der Jude fort – und er sprach zu Tarabas' Verwunderung die Sprache des Landes, ohne zu stocken, nicht wie die anderen Juden –, »nun will ich dir sagen, daß ich ein sehr reicher Mann war. Ich heiße Samuel Jedliner. Und weit und breit in diesem Lande kennt mich jeder. Aber ich rate dir nicht, jemanden nach mir zu fragen. Wenn einer meinen Namen hört, wird er dich verfluchen. Merk dir das. Besonders, wenn du zufällig einmal nach Koropta kommen solltest. Denn dort habe ich gewohnt.«

»Koropta?« fragte Tarabas.

»Ja, Kennst du's?«

»Flüchtig!« sagte Tarabas.

»Ja«, sagte der alte Jedliner. »Ich habe ein Haus gehabt, groß wie der Gasthof in Koropta, der Gasthof Kristianpollers. Ich hatte eine hübsche, kräftige, breithüftige Frau und zwei Söhne. Ich handelte mit Holz, mußt du wissen, und verdiente einen Haufen. Man verkauft viel, wenn der Winter kalt ist, wie dieser hier, den wir jetzt haben zum Beispiel. Es gab da noch andere Holzhändler. Aber ich war klüger als alle. Du mußt wissen: im Frühling, wenn noch kein Mensch daran denkt, daß einmal Winter sein wird, gehe ich zum Gutsherrn und besehe mir den Wald und lasse diese und diese Bäume anzeichnen und gebe ein Handgeld. Dann holze ich ab. Ich verlasse mich nicht auf den Gutsherrn selbst. Mag er abholzen, was er will. Ich lasse meine Bäume fällen. Dann hole ich mir das Holz nach Hause. Dann lasse ich es im Freien liegen, wenn es regnet – und wenn es trocken ist, spanne ich Zelte darüber. Damit es nämlich an Gewicht zunimmt. Denn es war mein oberstes Prinzip: nach Gewicht verkaufen; und zwar möglichst zersägtes und schon zerkleinertes Holz. Nicht wahr? – Wozu sollten die Leute sich noch Holzhacker kommen lassen und sie extra bezahlen? Sie kaufen nach Klaftern, nach Ellen, und dann kommt erst die Notwendigkeit, die Stämme zu zersägen. Nein, bei mir ist das nicht so. Ich verkaufe gebrauchsfertiges Holz nach Gewicht. Siehst du, bei uns zu Lande war ich mit meiner Methode ganz originell.«

Der Alte hielt ein. Er mochte sich sagen, daß die Leidenschaft, die er jetzt noch für einen abgelegten Beruf aufbrachte, ihm nicht mehr zustand. Er brach ab:

»So war es also – oder ähnlich. Es kommt nicht mehr darauf an. Also: ich war ein reicher Mann. Ich hatte Geld im Hause und auf der Bank. Ich ließ meinen Sohn studieren. Meine Frau schickte ich jedes Jahr ins Ausland, nach Österreich, nach Franzensbad, denn der Arzt sagte, sie müsse was am Unterleib haben, sie habe Schmerzen im Kreuz, und ganz ohne ersichtlichen Grund. Aber der Teufel zwickte mich. Den ganzen Sommer nahm ich kein Geld ein, und ich hatte keine Geduld, bis zum Herbst zu warten. Es gab manchmal auch trockene, späte, sommerliche Herbste, kein Mensch dachte an den Winter – und mein Holz wurde immer leichter und leichter. Das kränkte mich bitter. Da kam eines Tages zu mir dieser Jurytsch und machte mir einen Vorschlag ...«

Jedliner schwieg, seufzte und fuhr fort: »Seit diesem Tage war ich ein gutbezahlter Spitzel der Polizei. Ich gab zuerst die Leute an, von denen ich etwas wußte; hierauf jene, von denen ich nur etwas ahnte; schließlich jeden, der mir nicht gefiel. Ich entwickelte eine mächtige Phantasie, und ich konnte gut kombinieren. Man glaubte mir alles. Ein paarmal hatte ich Glück. Es stellte sich heraus, daß alles richtig gewesen war, was ich lediglich vermutet hatte. Eines Tages aber kam Jurytsch in die Schenke Kristianpollers, betrank sich dort und sagte, daß ich viel mehr Geld verdiene als er selbst.

Nun, ich will dich nicht langweilen: man ließ mich in der Nacht holen. Zwei kräftige jüdische Fleischhauer und der Gastwirt Kristianpoller, der auch kein schwacher Knabe ist, schlugen mich halbtot. Man zwang mich, das Haus und die Stadt zu verlassen. Meine Frau wollte nicht mit mir gehn. Meine Söhne spuckten mich an. Der Rabbiner berief ein Gericht, drei gelehrte Juden saßen da. Ich sah ein, was ich getan hatte. Mindestens zwanzig Juden von Koropta und Umgebung hatte ich in den Kerker gebracht. Und mindestens zehn unter ihnen waren unschuldig. Und ich gelobte vor den Juden von Koropta, daß ich alles verlassen werde. Und daß ich mich den Bettlern des Landes zugesellen werde. Und für mich selbst beschloß und gelobte ich noch, daß ich auch den Sabbat nicht in einem jüdischen Hause zubringen werde. Deshalb bin ich hier. Und das ist meine Geschichte.«

»Ich habe«, sagte Tarabas, »einem deiner Glaubensgenossen den Bart ausgerissen.« Sie saßen einander gegenüber. Der Kerzenstumpf am Fensterrand war längst ausgegangen.

Als der Morgen kam, ein eisiger Morgen, er kündete rot und feurig einen neuen Schneesturm an, verließen sie den Waggon, gaben sich die Hände und wanderten weiter, jeder in eine andere Richtung.


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