Sir John Retcliffe
Nena Sahib
Sir John Retcliffe

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5. Der Pavillon.

Wir haben noch zu erzählen, wie es kam, daß Major Maldigri – oder vielmehr Marcos Grimaldi, wie wir ihn wenigstens im Verkehr mit seinen Freunden und Vertrauten wieder nennen müssen – also Marcos Grimaldi, der ionische Flüchtling und der Agent des Kaisers Napoleon – bei der Sotti der Fürstin von Ihansi zugegen sein konnte, während wir ihn doch in der entfernten Präsidentschaft Madras auf dem Jagdzug zum Nissam von Heiderabad verlassen haben.

 

Der Kopf der Riesenschlange fuhr erschreckt zurück vor dem Pulverblitz aus dem Rahmen des Fensters. Diesen kurzen Augenblick benutzte Eglinton, um die Jalousien zuzuwerfen und den inneren Laden zu schließen.

Man hörte die Schlange sich draußen auf und nieder wälzen und rund um das kleine Gebäude hin und her fahren. Doch fand jene an der glatten Außenseite des Pavillons keinen Halt, sich zu stützen, und die Stämme der Palmen standen zu weit entfernt, um von hier aus ihre gewaltige Muskelkraft gegen die Wände und Fenster des Gebäudes anwenden zu können.

Er bemühte sich nun, die Geliebte ins Leben zurückzurufen, indem er ihr Wasser ins Gesicht goß.

Lady Helene schlug endlich die Augen auf – ihr Blick, erst träumerisch, suchte bald mit Entsetzen umher.

»Um Gottes willen, Lionel – was ist geschehen – ich erinnere mich – welch furchtbarer Anblick – was hat das zu bedeuten? Welche Gefahr bedroht uns?«

»Beruhigen Sie sich, Helene, ich beschwöre Sie, wir sind für den Augenblick in Sicherheit, aber nur Ruhe und Fassung kann uns aus der Gefahr helfen. Ein unglücklicher Zufall muß eine der gefürchteten Riesenschlangen aus den unzugänglichen Wildnissen des Gebirges hinab in die Täler getrieben haben. Sie hat sich auf diesen Hügel verirrt und war im Begriff, sich durch die geöffnete Jalousie in den Kiosk zu stürzen. Gottes allmächtige Hand hat uns alle gerettet durch die Stimme unseres Kindes. Die Schlange tobt zwar noch draußen zwischen den Stämmen der Palmen, aber wenn sie hier keine zugängliche Beute findet, so wird sie sich in kurzer Zeit einen anderen Aufenthalt suchen.«

»Aber bis dahin? – Es können Stunden vergehen, und bis dahin wird man längst gekommen sein, mich zu suchen, und dich hier finden.«

Der Offizier blickte finster vor sich hin. »Es sind noch vier Schüsse in diesem Revolver, ich will versuchen, die Schlange zu vertreiben oder wenigstens mir den Weg zu bahnen, um Hilfe zu holen, wenn du nur den Mut haben willst, so lange allein zu bleiben.«

»Um Gottes willen – bist du wahnsinnig? Ich sterbe hundertfachen Tod, wenn du gehst.«

»So laß uns ausharren und auf Gott vertrauen.«

Die junge Frau sah, die Hand gefaltet, starr vor sich hin. »Auf Gott? – Ist es nicht seine Strafe, daß er dies Ungeheuer gesandt hat?«

Ein tiefes Weh durchzuckte das Herz des Offiziers. »Ja, das ist die Schuld der Sünde, zu der ich dich verleitet und die du mir vorwirfst. Arme Helene! Durch mich wirst du verderben, die du glücklich und geehrt hättest leben können. Ich bin ein Elender, der Vernichtung dem bringt, was er am meisten geliebt auf der Welt.«

Sie flog an seinen Hals, sie preßte ihr tränenvolles, kaltes Gesicht an das seine. »O verzeihe mir, Lionel, daß ich, die so viel Mut hatte, die mit dir über Berge und Meere fliehen wollte, um dich endlich ganz zu besitzen, bei der ersten Gefahr so kleinmütig sein konnte. Nur daß sie in so häßlicher Gestalt kam, daß sie das Haupt unseres Kindes bedrohte, machte mich einen Augenblick erbeben. Nicht du, ich war es, die dich hierher rief. Ich will deine starke Helene sein, das Weib, das treu zu dir hält in Not und Tod, und ob uns das Schlimmste geschieht, wir wollen mutig und fest sein.«

Nachdem sie das Kind auf das Ruhebett gelegt und mit den Vorhängen bedeckt hatten, traten sie Arm in Arm an eine der Jalousien, um vorsichtig nach dem Feinde zu lauschen, der draußen umhertobte.

Als sie den inneren Laden geöffnet, gewährten die Spalten der Jalousie Raum genug, um durch sie hindurch die Schlange zu beobachten.

Der Anblick war furchtbar und mußte selbst das stärkste Männerherz erschüttern.

Jetzt erst begriff der Offizier die große Furcht der Eingeborenen vor diesem Ungeheuer.

Die Schlange hatte sich auf eine der höchsten und stärksten Palmen, etwa 30 Schritt von dem Pavillon entfernt, zurückgezogen.

Der Kopf, deutlich sichtbar, war platt und lang und öffnete von Zeit zu Zeit einen Rachen, der fast zwei Fuß weit aufgähnte und aus dem ein heißer, dicker Brodem qualmte, durch den die spitze, gespaltene Zunge wie ein Blitz umherfuhr. Die Augen, in grünem Feuer leuchtend, waren von der Größe einer Untertasse und erweiterten sich und zogen sich zusammen, je nach der Aufregung der Schlange.

Das Ungeheuer mußte an elf Yards oder über dreißig Fuß messen.

Der schreckliche Anblick drohte alle Standhaftigkeit, allen Mut der zarten, jungen Frau über den Haufen zu werfen, und sie zitterte im ersten Augenblick wie im Fieber.

Bei allem Mut, bei aller Willigkeit, sein Leben zu opfern, sah der Offizier ein, daß sein Verlassen des Pavillons unvermeidlich seine Vernichtung herbeiführen müsse, ohne etwas zur Rettung der Geliebten beitragen zu können.

Dann schlug er vor, die ihm noch übrig gebliebenen Schüsse des Revolvers gegen die Schlange zu versuchen, wenn ihr Leib in die Nähe des Pavillons käme. Aber er selbst begriff, wie schwer es sein würde, den einzig empfindlichen Teil derselben zu treffen, und daß die schwachen Kugeln an jeder anderen Stelle von dem Schuppenpanzer zurückprallen würden.

Der Knall der Schüsse konnte außerdem früher, als nötig war, seine Anwesenheit in dem Pavillon verraten, was ein glücklicher Zufall vielleicht ganz verhinderte.

Es blieb also nur das Warten – das geduldige Abwarten und Ausharren.

So beobachteten sie die Schlange und den Rand des Wäldchens.

Plötzlich stießen beide einen Schrei aus.

Zwischen den Lianen, den Geranien und Oleanderbüschen erschienen auf beiden Seiten menschliche Gestalten.

Auf der nach Süden wurden der Fakir und Caulathy Mudaly, der Ryot, sichtbar – auf der entgegengesetzten erschienen der Baronet, das Hindumädchen, die Marquise und mehrere Diener.

Jeder dieser Punkte mochte etwa 200 Schritt von dem Pavillon entfernt sein.

Deutlich erkannte die Lady die Gestalten, sie sah das Händeringen ihrer jungen Dienerin, die entsetzten, furchtsamen Gebärden der indischen Diener, die alsbald wieder hinter den Tamarindenstämmen verschwanden, – endlich die Flucht ihrer treulosen Gesellschafterin bei dem Anblick des den Pavillon umtobenden Ungeheuers.

Nur ihr Gemahl blieb unerschüttert wohl zwei Minuten lang zwischen den Bäumen stehen, ja er trat einen oder zwei Schritte vor, die Arme über die Brust gekreuzt, den gefährlichen Feind beobachtend, der seine Familie bedrohte.

Der Baronet trat zurück – seine hagere Gestalt verschwand zwischen den Stämmen der Tamarinden.

Auch Sofi, der geheimnisvolle Derwisch, und sein Gefährte, der Ryot, waren auf ihrer Seite unter den Schutz des Gehölzes zurückgekehrt.

Die beiden Unglücklichen im Pavillon sahen sich aufgeregt an – mit stockenden Worten verkündeten beide einander, was sie gesehen.

Die Entdeckung des, Offiziers – selbst im glücklichsten Fall der Rettung – war jetzt unvermeidlich.

Ihre Hände umschlossen sich fest – jetzt war es entschieden, jetzt galt es den offenen Kampf und Widerstand nicht bloß gegen das Ungeheuer des Urwaldes, sondern auch gegen die Menschen,

Leise weinte das Kind! – – – – – – – – –

Der Baronet wandte sich ab von dem Anblick, den der belagerte Pavillon bot, und lehrte in die Tiefe des Wäldchens zurück.

Nur Zelima, die Tochter des Ryot, und Burton, der Verwalter, außer dem Baronet der einzige anwesende Europäer, hatten es gewagt, in seiner Nähe zu bleiben. »Goddam, Mylord!« sagte der würdige Mann, »das ist eine böse Geschichte. Ich hoffe, daß Mylady und der junge Lord glücklich in dem Pavillon sind und nicht etwa schon in dem Magen des Scheusals. Es soll einen höllischen Appetit haben und könnte wohl drei Menschen auf eine Mahlzeit verschlingen.«

Der Nabob sah ihn mit durchbohrendem Blick an. »Drei Menschen? – was wissen Sie von drei Menschen, Burton?«

»Ei, Mylord – ich meinte nur so, von wegen des Appetits der Bestie. Es könnte indes nichts schaden, wenn Mylady einen tüchtigen Mann zu ihrem Beistand in dieser Not in jener schwachen Baracke hätte.«

»Die Herrin ist mit dem kleinen Sahib noch unverletzt in dem goldenen Hause,« erklärte das Hindumädchen.

Der Baronet wandte sich rasch zu ihr. »Woher weißt du das mit solcher Bestimmtheit?«

»Siehe selbst, Sahib – die Jalousien sind geschlossen; als ich von dem Pavillon ging und die Herrin mir unter den Tamarinden zu warten befahl, war das Fenster, das hierher geht, geöffnet.«

Der Rat starrte finster vor sich hin, ohne eine Antwort zu geben.

»Was ist zu tun, Mylord?« fragte der Verwalter, »wir erwarten Ihre Befehle.«

Sie waren jetzt bis zu der Stelle gekommen, wo die Marquise bei der Flucht vor dem schrecklichen Anblick innegehalten und unter dem Beistand einiger Dienerinnen sich wieder erholte.

»O Sir, das entsetzliche Unglück! Um Gottes willen, sagen Sie mir – was ist geschehen? Die arme Frau – so schrecklich das unvorsichtige Verweilen zu büßen! – unser armer Master Eduard, der liebe Knabe! – und am Ende auch Eglinton – –«

Der Rat faßte sie scharf am Arm. »Schweigen Sie,« fügte er rauh, »bis ich die Überzeugung habe. Noch sind jene da drinnen mein Weib und mein Sohn.«

Er wandte sich zu dem Verwalter.

»Lassen Sie sofort alle Gewehre, die in dem Hause vorhanden sind, hierherbringen, und das ganze Dorf aufbieten. Vielleicht, daß wir mit großem Lärmen die Schlange verscheuchen. Wir müssen Mylady durch irgendein Zeichen in Kenntnis setzen, daß Hilfe in der Nähe ist.«

Ohne auf seine Umgebung weiter zu achten, ging er nach dem Saume des Wäldchens zurück und feuerte hier nacheinander die beiden Pistolen ab.

Unterdes waren auf das schnell verbreitete Gerücht von allen Seiten die Dorfbewohner herbeigeeilt, alles aber hielt sich in respektvoller Entfernung von dem Platz der Gefahr.

Während der Zeit waren unter dem Gewühl der Landleute langsam auch der Derwisch und sein Wirt herbeigekommen. Der Ryot gebärdete sich kläglich wie ein Kranker und Lahmer, weil er die Aufforderung, die Jäger zu begleiten, unter diesem Vorwand abgelehnt hatte.

Auf Befehl des Rates war man beschäftigt, an einigen Stellen große Feuer anzuzünden, teils um die Schlange zu erschrecken und zum Rückzug zu bewegen, teils um sie abzuhalten, sich auf diese Seite zu stürzen.

Mit aller Mühe war es dem Baronet nicht gelungen, einen Kreis von Wachen um den offenen Raum zu ziehen; die Bauern und Diener verweigerten geradezu den Gehorsam.

Es waren jetzt, seit der Entdeckung der Schlange, wohl an zwei Stunden vergangen, und der Abend begann sich rasch über die Hügel niederzusenken. Der Baronet entwickelte eine fieberhafte Tätigkeit, sprach aber nur selten ein Wort. Man hatte verschiedene Flintensalven auf das Ungetüm abgefeuert und die Hindus hatten auf das Gebot ihres Herrn mit allen möglichen Gegenständen einen schauderhaften Lärm erhoben, aber die Anaconda hatte sich um die leichten, aus großer Entfernung und mit unsicherer Hand abgeschossenen Kugeln wenig gekümmert, und wenn sie nur eine Bewegung machte, als wolle sie auf diese Gegend des Waldes sich zuwälzen, stürzte die feige Menge im eiligsten Laufe davon.

An den riesigen Stamm einer Tamarinde gelehnt, stand der reiche und mächtige Mann, dessen Wink Millionen armer Menschen beherrscht, und schaute starr und finster hinüber nach dem Pavillon, dessen Formen in dem Schatten des Abends versanken. Seine Hand hielt ein Fernrohr, das er von Zeit zu Zeit an sein Auge brachte, nach dem unglücklichen Gebäude zu sehen, das alles barg, was er im Leben liebte oder zu lieben glaubte.

Der Verwalter, nicht bösartig gerade von Herzen, nur gewissenlos und ohne alle Grundsätze, wenn es galt, sein Ziel zu verfolgen, war seinem Herrn dienstfertig zur Seite und tat alles mögliche, seine Befehle auszuführen, denn ihn jammerte wirklich das Schicksal der armen jungen Frau und des Kindes.

»Mylord,« sagte der Mann, »diese Leute, die ich befragt, behaupten, daß die Anaconda Tage, ja Wochen lang auf dem Fleck zuzubringen pflegt, den sie einmal zu ihrem Aufenthalt gewählt. Es fehlt uns an Männern, sie zu vertreiben. Soll ich nicht lieber einen Eilboten den Gentlemen nachsenden, die diesen Morgen zur Jagd aufgebrochen sind.«

Der Baronet erwachte aus seiner Erstarrung. »Sie haben recht, Burton. Der Rat ist gut – wir hätten es längst tun sollen. Senden Sie einen Boten auf dem besten Pferd an Major Maldigri und die Offiziere, sie um die schnellste Rückkehr zu bitten.«

Burton erteilte einem der Hindu-Diener den ersten Auftrag; ein Pferd war zur Stelle und der Diener jagte eilig davon.

Wenige nur achteten darauf, daß der Fakir sich zu seinem Wirt beugte und ihm einige Worte zuflüsterte. Caulathy Mudaly verschwand sogleich.

»Ich will selbst gehen und das schnellste Pferd satteln,« sagte der Verwalter. »Es sind noch Diener im Bungalow, und ich werde den geschicktesten aussuchen.«

Der Rat nickte schweigend Zustimmung und der Verwalter eilte nach dem Landhause, um die Befehle auszuführen.

Er hatte jedoch noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als sich eine Hand schwer auf seine Schulter legte.

»Hat es Jack Slingsby so eilig, die Befehle eines harten Gebieters zu vollführen?« fragte eine fremde Stimme ihn im Hindostani.

Der Mann erbebte. »Höll und Teufel! wer ist es, der mich seit drei Tagen in diesem Lande zum zweiten Male an den verfluchten Namen erinnert?« Seine Hand fuhr nach dem Gürtel, als suche sie dort eine Waffe, sein Auge maß die Gestalt, die ihm in den Weg getreten und erkannte mit Erstaunen den indischen Fakir.

»Also du bist es, bettelnder Schurke, der dem Weibsbild diesen Namen zugeflüstert? Was weißt du von ihm? – was willst du von mir? sprich, oder ich erwürge dich!«

»Wenn du Jack Slingsby bist, den man im Lande der Faringi den schönen Jack nannte,« fuhr der andere ruhig fort, »so habe ich einen Auftrag an dich!«

»Hund von einem Hindu – ob ich den Namen kenne oder nicht, es kann dir gleich gelten. Immerhin sage deinen Auftrag, und von wem er kommt.«

»Du bist im Begriff, den Peons und Soldaten des Deputy- Kollektor einen Boten nachzusenden, um sie zurückzuholen?«

»Das siehst du, schwarzer Schuft!«

»Ay, wohl! Du wirst es unterlassen!«

»Wer – ich? – ich wollte den sehen – –«

»Es ist deine Sache, Freund! Wenn ein Mann zurückkehrt, so wird der Havildar sofort benachrichtigt werden, daß Burton, der Verwalter, vor drei Jahren aus Botany-Bay mit fünf anderen Deportierten zum zweiten Mal entsprungen ist und ein Preis von hundert Pfund auf seinem Kopf steht, da er zu zwanzig Jahren in den Bergwerken verurteilt war.«

»Damned! wer bist du, Verräter?«

»Ein armer Fakir, wie du siehst, der im Auftrag eines Mächtigeren handelt.«

»Wenn ich's auch wollte, es könnte eben so gut Verdacht erregen, den Befehl des Baronets nicht auszuführen,« sagte er unentschlossen.

»Törichter Faringi, du brauchst deinem Boten nur eine falsche Richtung anzugeben oder zu sagen, du hättest ihn abgeschickt. Bist du ein so geringer Lügner in deinem Gewerbe?«

»Und bin ich deines Schweigens sicher, wenn ich tue, was du willst?«

»Ich verlasse morgen – wenn die Sache dort oben,« der Derwisch wies nach dem Palmenhügel zurück – »entschieden ist, diese Gegend. Ich gelobe es dir bei Allah!«

Der ehemalige Dieb bedachte sich einen Augenblick. »Gut – ich will dein Verlangen erfüllen. Im Grunde, was kümmert es mich, ob die Schlange die Lady und ihre Krabbe frißt!« Auf Englisch setzte er, sich abwendend, hinzu: »Gott verdamm! Der Kerl hat mich wahrhaftig ins Bockshorn gejagt, und ich habe keinen ähnlichen Schrecken gehabt, seit der Nacht, wo ich die Leiche in der Cleveland-Straße stahl und die schöne Lady in der Mount-Street tot vor mir sah. Am besten, ich versuche, ihn stumm zu machen, wie sie war.«

Er steckte die Hand in die Tasche und kehrte sich zu dem alten Fakir, entschlossen, ein neues Verbrechen für seine Sicherheit zu begehen.

Im nächsten Moment war das Knie des Fakirs auf seiner Brust, der Dolch, den er gefaßt, seiner Hand entwunden, und funkelte, zum Stoß erhoben, über ihm.

»Keinen Laut – keinen Zuck,« sagte eine klare, feste Stimme in gutem Englisch – »oder du bist des Todes, Bursche!«

Der Überwundene ächzte unter der gewaltigen Faust seines Siegers und schnappte nach Luft.

»Antworte jetzt auf die Fragen, die ich dir tun werde,« befahl der seltsame Fakir, »aber rasch und der Wahrheit gemäß. Bei dem ewigen Gott! Bursche, es soll dir nichts geschehen für vergangene Taten, welche sie auch sein mögen. Aber beim geringsten Versuch einer Lüge zerschneidet dieses Messer deine Kehle.«

Unwillkürlich den alten prahlerischen Gewohnheiten folgend, stammelte er: »Lassen Sie mir Luft, Sir, und behandeln Sie mich als Gentleman. Sie sind ein Engländer, wie ich vermute, obschon ich Ihr Interesse an längst vergangenen Geschichten nicht begreife, und wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß ich keinerlei Schaden davon haben soll, will ich alles aufrichtig sagen, was Sie verlangen und was ich weiß.«

Der Fakir erleichterte den Druck, den er auf den Niedergeworfenen übte, ohne jedoch dabei die Vorsicht aus den Augen zu lassen.

»Du sprachst von einem Leichendiebstahl, den du in der Cleveland- Straße begangen. Wessen war die Leiche?«

»Die eines reichen Nabobs, wie ich später hörte. Eigentlich war nicht ich, sondern Hampton, der Burker, der Dieb. Es war großes Gerede und Nachforschung darum, aber die Sache kam niemals heraus.«

»War der Diebstahl des Toten eure eigentliche Absicht bei dem Einbruch?«

»Nein, Sir – er geschah bloß aus Zufall und Mutwillen.«

»Und was wolltest du in der Wohnung? Ich weiß, daß Kostbarkeiten damals nicht geraubt worden sind.«

Diese Kenntnis der Sache machte den Dieb noch kleinlauter. »Ich stahl gewisse Papiere, die sich dort befanden – ein Portefeuille.«

»Für dich?«

»Nein, Sir – im Auftrage eines Dritten.«

»Wer war dieser?«

»Eine Dame, Sir – aber – ich versprach auf meine Ehre, sie nicht zu verraten.«

»Das Ehrenwort eines Spitzbuben,« sagte der Fragende verächtlich. »Wer war die Dame? Sprich oder ich werde dich reden machen!« Die Spitze seines Dolches kitzelte die Kehle des Liegenden.

»Bleiben Sie davon, Sir,« rief dieser – »solchen eindringlichen Gründen kann man nicht widerstehen, überdies ist die Dame nicht mehr am Leben, Ihren Namen sagte sie mir nicht, obschon ich ihn später in den Zeitungen las. Ich mußte ihr das Portefeuille nach ihrer Villa im Hyde-Park an der Mount-Street bringen und tat es als Gentleman.«

»So warst du der Mörder der Lady Georga Savelli? Gestehe, Bube!« herrschte der Fremde mit furchtbarem Ernst und hob den Dolch zum Stoß.

»Um Gottes willen, Sir – gedenken Sie Ihres Wortes. Bei allem, was einem Kerl, wie ich bin, heilig sein kann, ich schwöre Ihnen, Sir, ich tat der Lady kein Leid an. Man hat den wahren Mörder ja entdeckt und verurteilt. Es war ein vornehmer Liebhaber – ein Parlamentsmitglied – er wurde deportiert, noch früher als ich.«

»Aber ich hörte deine Worte, Lügner – ich hörte dich murmeln von der ermordeten Dame!« und wiederum zuckte die Hand mit dem Dolche zum Stoß empor.

»Halten Sie ein, Sir, auf meine Ehre, meine Hände sind rein von diesem Verbrechen. Ich gestehe es, ich schlich mich in derselben Nacht noch in das Schlafzimmer der Dame, um nötigenfalls Gewalt gegen sie zu gebrauchen, denn ihre Reize hatten meine Sinne bis zum Rasendwerden entflammt, aber was ich sah, kühlte mein Blut für Jahre ab.«

»Und du sahst?«

»Ich sah die Lady als Leiche – erwürgt – mit gräßlich hervorquellenden Augen und zusammengepreßtem Mund. So lag sie auf ihrem seidenen Bett. Der schurkische Mörder, Gott verdamme ihn!, war mir zuvorgekommen. Das kommt von den Tändeleien mit Kammermädchen!«

Der Fakir wischte den kalten Schweiß von seiner Stirn, seine sehnige Gestalt zitterte vor innerer Erregung.

»Aber die Papiere, die du der Lady gebracht?«

»Ich weiß nichts davon, ich kümmerte mich wenig darum, sondern rannte, als hätte ich den Teufel gesehen, davon. Anfangs hielt ich einen Kameraden, einen schurkischen Juden und Hehler, für den Täter, bis sie später den rechten ermittelten.«

»Das, was du mir gesagt – ist alles? ist wahr?«

»Bei meiner armen Seele, Sir, wenn ich eine habe. So wahr ich seit zwei Jahren bemüht bin, ein ehrlicher Mann zu werden!«

Der Fakir stand auf. »Geh,« sagte er finster, »und bedenke, daß du meinen Worten unbedingt zu gehorchen hast, wenn du nicht Verderben über dein eigenes Haupt bringen willst.« Er schritt langsam und nachdenkend in die Gebüsche.

Burton – alias Jack – schüttelte sich wie ein begossener Hund. »Ist mir doch, als hätte ich diese Stimme schon gehört – ich kann mich nur nicht besinnen, wo? – Einerlei – es wird sein Vorteil so gut sein, wie der meine, zu schweigen.«

Mit dieser Betrachtung machte er sich auf, seinem Herrn die Nachricht zu bringen, daß er einen Eilboten hinter dem Deputy- Kollektor und seiner Begleitung her gesandt habe.

Die Lage am Schauplatz der unglücklichen Katastrophe hatte sich seitdem nicht geändert. Obschon die Nacht jetzt völlig eingetreten war, schien der Glanz der Feuer die Schlange doch in fortwährender Unruhe zu erhalten.

Der Rat hatte die Ältesten des Dorfes um sich versammelt, niemand aber wußte zweckmäßigen Rat zu erteilen, und als der einzige, der solchen zu geben vermöchte, wurde Caulathy Mudaly, der freie Ryot, bezeichnet,

Man hatte nach ihm gesandt, aber Caulathy Mudaly, den viele noch kurz vorher in Gesellschaft des Derwisch auf dem Platze gesehen, war jetzt verschwunden.

Mit gekreuzten Armen, das Haupt auf die Brust gesenkt, schritt er ruhelos und nur selten ein Wort sprechend an dem vordersten Feuer auf und nieder. Vergeblich hatte sich selbst die Marquise bis hierher gewagt, ihn zu bitten, sich einige Ruhe zu gönnen. Er wies sie kurz und rauh zurück, seinen Gang fortsetzend.

Nur das Weib, das so boshaft das Gift in seine harte, stolze, bisher so unempfindliche Seele gegossen, begriff den Kampf, der ihn verzehrte.

So verging die Nacht – entsetzlich den Eingeschlossenen, Bedrohten im Innern des Pavillons – aber gewiß eben so bitter, eben so furchtbar dem Gatten und Vater, dem zwischen Tod und bitterm Betrogensein die schreckliche Wahl blieb.

»Wallah!« sagte einer der Diener – »Gott und der Prophet allein wissen, ob die Herrin und Massa Eduard noch am Leben. Es ist nicht möglich, in dem giftigen Dunst dieses Tieres, das bis hierher dringt, zu atmen.«

Plötzlich erscholl die Stimme des Verwalters von der vordern Baumreihe her: »Ein Zeichen! ein Zeichen! Mylady lebt und gibt uns ein Zeichen davon!«

In der Tat sah man aus den oben beschriebenen, von einem vergoldeten Eisengitter gebildeten Öffnungen des obersten Doppeldaches des Pavillons eine Art von Stange oder Stock sich erheben, von dessen Ende ein daran befestigtes Tuch wehte.

Trotz des erweckten Argwohns blitzte eine heilige, ermutigende Freude in die Seele des reichen Mannes, als er damit den Beweis erhielt, daß die Frau, der er seinen Namen gegeben, noch unter den Lebendigen sei.

Und wenn es die Mutter war, mußte es auch das Kind sein!

Aber das Zeichen konnte nicht allein verkünden, daß die Bedrohten noch am Leben – es konnte auch bedeuten den dringenden Ruf um Hilfe, den letzten Notschrei der Sterbenden.

Die Anaconda schien erst jetzt die hin- und herbewegte Stange mit dem wehenden Fähnchen daran zu bemerken. Sie hielt es für etwas Lebendiges und schoß mit einem gewaltigen Sprung darauf zu, um das Dach des Pavillons ihren langen Schuppenleib windend. Man sah, wie das Fähnchen in ihren Ringen zerbrach und verschwand.

In dieser entsetzlichen Situation hörte man von dem Pavillon her den schwachen Knall eines Schusses – dann einen zweiten – einen dritten!

Der Baronet blieb stehen; sein von der Aufregung des beabsichtigten Unternehmens gerötetes Gesicht überzog eine noch fahlere Totenblässe als früher und er mußte sich auf das Gewehr stützen. Hierauf, nach wenigen Augenblicken, warf er dasselbe über seine Schulter, wandte sich um und kehrte nach dem sichernden Gehölz zurück. »Es ist nichts zu machen,« sagte er mit erstarrender Kälte, »wir müssen die Lady ihrem Schicksal überlassen und abwarten, was die Anaconda tun wird.«

Diese Schüsse hatten jeden Zweifel in der Seele des hochmütigen Briten beseitigt; er wußte jetzt mit Bestimmtheit, daß die Nachricht der Französin richtig, daß sein Nebenbuhler im Pavillon bei Gattin und Kind, daß er selbst ein schmählich Verratener und Betrogener war.

Ein neues Ereignis, das in diesem Augenblick eintrat, hätte ohnedies jeden Zweifel verbannen müssen.

Den Abhang eines entfernten Hügels herab sah man den Ryot Caulathy herangekommen, am Zügel hinter sich ein Pferd führend, in dem man »Rookeby«, den trefflichen Renner des Leutnant Eglinton, erkannte.

Der Baronet erwartete, an den Stamm einer Tamarinde gelehnt, stumm das Herankommen des Mannes.

Erst als der Mann dicht von ihm war und seinen demütigen Salem machte, wandte der Baronet die Augen auf ihn.

»Du bist der Ryot Caulathy Mudaly?«

»Ja, Sahib.«

»Wie kommst du zu diesem Pferde?«

»Ich fand es an der Quelle im Tal nach Mittag, als ich diese Nacht mich dorthin begab, die Anaconda zu belauern.«

»Es wird sich losgerissen und seinen Reiter abgeworfen haben, und durch seinen Instinkt zurückgekehrt sein,« sagte hastig der Rat, gleich als wolle er den Umstehenden eine natürliche Erklärung der auffallenden Tatsache geben.

»Es ist möglich, Sahib,« bemerkte der Bauer, »aber ich fand es angebunden an einen Stamm.«

»Du versteht dich auf die Jagd, wie man mir gesagt hat, Mann.«

»Ich habe einiges Geschick dafür, Sahib, und das geringe Feld, das ich besitze – oder besaß – ließ mir hinlänglich Zeit, die Jagd auf wilde Tiere zu betreiben.«

»Hast du die Riesenschlange eurer Wildnisse bereits gejagt?«

»Ja, Sahib. Es ist selten, daß man auf sie stößt, aber mit des Propheten Hilfe habe ich zwei Reihen ihrer Zähne als Zeichen guten Glückes in meiner Hütte aufgehängt.«

»Wenn du die Anaconda zu jagen verstehst,« sagte der Baronet nach einigem Zaudern, »so gib uns die Mittel an, wie das Untier dort zu vertreiben ist.«

Der Jäger sah mit wenig verstecktem Hohn zuerst nach der Schlange und dann auf den harten Gebieter.

»In jenem Kiosk ist dein Weib und dein Kind?«

»Ja.«

»Und sie zu retten, soll ich die Anaconda vertreiben?«

»Allerdings. Fordere jede Belohnung – sie soll dir gewährt sein.«

»Es ist gefährlich – ja der sichere Tod, einer Schlange, wie dieser, entgegenzutreten,« meinte zaudernd der Ryot. »Es gibt nur ein Mittel, sie zu besiegen. Und dieses Mittel –«

»Nenne es und fordere, was du willst!«

»Du hast mich hart behandelt, Sahib,« erwiderte ausweichend der Bauer. »Du hast mir das Land genommen, das ich frei von meinem Vater besaß und nicht zum Lehen, schau diese Gelenke an, Sahib, sie sind wund von den Knebeln deiner Diener.«

»Du sollst Gold haben für deine Schmerzen. Man wird dir die Steuern erlassen. Aber nun das Mittel – sage dein Mittel!«

Der Ryot lachte höhnisch auf.

»Es ist so einfach, daß deine Hand es greifen, das Auge eines Maulwurfs es sehen kann, stolzer Faringi. Warum seid ihr in dieses Land gekommen, wenn ihr nicht einmal wißt, eure Weiber und Kinder vor seinem Ungetüm zu schützen? Was kümmert mich dein Blut, daß ich mein Leben dafür einsetzen sollte? – Behalte dein Gold – ich behalte mein Mittel. Ich habe mein eigen Fleisch und Blut leiden sehen unter den Händen eines weißen Teufels, ärger als die Anaconda dort! Was sie dem deinen tut, ist nichts gegen den Jammer, den dieses Kind erduldete!«

Er zog den Kopf seiner Tochter, die sich ihm mit aufgehobenen Händen genaht, an seine Brust.

»O habe Erbarmen, Vater,« flehte das Mädchen. »Die weiße Begum ist gut und hat mir Liebes erwiesen. Rette sie vom Tode um meinetwillen.«

»Nein,« sagte der Mann hart. »Eher sollen sie mich in Stücke reißen. Diese Faringi mögen ernten, was sie gesäet, und die Verzweiflung kennen lernen, wie ich sie fühlen mußte!«

Aber er schien sich zu täuschen in diesem Punkt. Burton, der sich des Widerspenstigen bemächtigen und ihm mit Gewalt sein Geheimnis entreißen wollte, wurde zu seinem Staunen von dem Baronet kalt zurückgewiesen.

»Lassen Sie den Mann,« sagte er ruhig, gleich als habe er von dem Ryot nur zur Wahrung äußeren Scheines seine Hilfe verlangt; »ein jeder ist Herr seiner Geheimnisse, und das Gesetz gibt uns keine Macht, ihn zu zwingen, sein Leben für einen anderen in Gefahr zu bringen.«

Er setzte sich am Fuß des Baumes nieder und ließ sich einige Nahrung bringen. Niemand durfte auf seinen Befehl Caulathy Mudaly belästigen, der in einiger Entfernung abgesondert und gleich hartnäckig am Boden kauerte und allein mit dem Derwisch sprach, der mit unveränderter Gleichgültigkeit ein Beobachter der Szene geblieben war. – – – Kehren wir noch einmal in das Innere des Kiosk zu den armen Eingesperrten zurück in dem Augenblick, als die Schüsse des Offiziers den Kopf der Schlange von den Öffnungen des oberen Gitters vertrieben.

Während der Nacht hatte das arme Weib mit heldenmütiger Anstrengung ihre Fassung bewahrt; – sie bedurfte deren umsomehr, als der Knabe immer unruhiger wurde, Fieberhitze sich bei ihm einstellte und er zu phantasieren begann.

Mit dem Rest des Wassers und der Früchte versuchte der Vater und die Mutter, das unglückliche Kind ihrer Sünde zu laben. Aber die Glut des Fiebers nahm von Stunde zu Stunde zu, wie sie an dem heiseren Ton des Knaben, an seiner glühenden Stirn, seinen heißen Händen wahrnehmen konnten.

So kam der Morgen, und mit ihm erwachte der Knabe aus dem leichten, fieberhaften Schlummer zu neuen Schmerzen. Hand in Hand knieten die Eltern an seinem Lager, ihre eigene schreckliche Lage, ihre Sorge um das geliebte Kind vergessend.

Der Blick des Offiziers ruhte kummervoll auf dem bleichen, tränenbenetzten Antlitz seiner Gefährtin. Das Kind verlangte zu trinken, aber der Krug war leer, verzweifelnd irrte das Auge der Mutter in allen Winkeln des kleinen Gemachs umher, um eine Labung für den leidenden Liebling zu finden.

»Es muß sein,« sagte Eglinton, »wir müssen auf jede Gefahr hin uns jenen Feiglingen draußen verständlich zu machen, ihnen unsere Not zu verkünden suchen und ihre Hilfe anrufen.« Er brach die Gardinenstäbe des Ruhebettes ab, band sie zusammen und verfertigte daraus die Fahne, welche der Verwalter zuerst aus dem Dach des Pavillons wehen sah.

Die schreckliche Wirkung haben wir bereits beschrieben.

Das Kind richtete sich plötzlich mit dem Ausdruck wilden Schreckens empor und streckte seinen Arm nach der Decke.

»Zu Hilfe, Mama, zu Hilfe! Da ist es wieder, das garstige französische Weib – ihre Augen brennen auf mich – sie will mich verschlingen!«

Der Instinkt des Kindes warf die beiden Schlangen zusammen, die sein Leben bedrohten.

»Hilfe! Rettung Lionel! Wir sind verloren!«

Der junge Offizier entlud zwei-, dreimal rasch hintereinander den Revolver, um den Feind zurückzuscheuchen, was ihm auch glücklich gelang.

»Barmherziger Gott – Luft! Luft! Ich ersticke!«

Die unglückliche Frau war neben dem Lager ihres Kindes zusammengesunken, das bald nach Wasser schrie, bald in seinen Fieberphantasien nach seinem Vater rief, es vor der Schlange und der Marquise zu schützen.

»Luft! Luft!« wiederholte halb bewußtlos die Lady.

»Allgütiger! Strafe mich nicht so hart für unseren Frevel gegen dein Gebot! Lade die Schuld und die Sühne auf mein unglückselig Haupt, aber errette sie und das Kind!« – – – – – – –

Es war Mittag geworden, immer drückender, entsetzlicher die Hitze und die eingeengte Luft.

Der Knabe lag im Sterben – selbst das Mutterherz konnte sich darüber nicht täuschen.

Und draußen, im Tamarinden-Hain, schaukelte der betrogene Gatte in der Hängematte, die er an den Ästen des Baumes aufzuhängen befohlen.

Fertig, abgeschlossen mit seinen Gefühlen, hatte er die Vergeltung der scheckigen, glänzenden Bundesgenossin überlassen, welche die Gipfel der Palmen beugte. Es galt nur noch, über dem Geheimnis und der Ehre seines Namens zu wachen! – – – – –

An der gegenüberliegenden Wand kniete der Offizier – das Auge tränenleer – seine Kraft, sein Herz gebrochen.

»Lionel, zu Hilfe! Er stirbt!«

Das erlöschende Auge des Knaben verlor die Starrheit der Fieberhitze und nahm einen himmlischen Ausdruck an. Er hob die kleinen Händchen nach denen seiner Erzeuger, gleich als wolle er diese segnend und verzeihend vereinigen.

Das Kind war tot! –

»Er ist tot!« keuchte sie, »das Licht unseres Lebens, die Hoffnung unserer Zukunft, und wir, wir sind seine Mörder! Was sollen mir noch im Leben, wenn wir alles verloren – nimm deine Waffe, Lionel, laß uns zusammen sterben!«

Sie faßte konvulsivisch nach der Pistole; er wehrte ihr mit schmerzlichem Lächeln.

»Zusammen, Helene, aber nicht so! Nur eine Kugel noch enthält der Lauf – genug für den einen – zu wenig für uns beide. Gott wird selbst mit uns ein Ende machen.«

»Ich fühle es – diese Luft –« sie sank an ihm nieder und preßte die Hände auf den entfesselten Busen, »o, ich ersticke! Bringe mich zu unserem Kinde, Lionel, daß ich neben ihm sterbe.«

Bald erkannte der Offizier, daß auch die Geliebte seines Herzens, die Gefährtin seiner Sünde dasselbe schreckliche Fieber ergriffen hatte, welches das Leben seines Kindes zerstört.

Der arme junge Mann selbst fühlte seine Kräfte schwinden. Die giftige, verpestete Luft um ihn her begann auch auf seine kräftigeren Organe ihre Wirkung zu üben und die Anstrengung des tollen Rittes verband sich damit zu einer todesähnlichen Erschlaffung seiner Glieder.

Es war Abend geworden, zum zweitenmal stieg die kühlende Nacht nieder auf die Täler.

Der Schein zweier Fackeln leuchtete durch das Tal den Weg hinauf zum Bungalow des reichen, armen Mannes, eine dunkle Masse bewegte sich rasch vorwärts, der Trab eines mächtigen Elefanten, in dessen Haudah ein einzelner Mann saß, während die Wärter des Tieres zur Seite mit den Fackeln rannten.

Auf demselben Platz, von dem die Jäger zwei Morgen vorher ausgezogen, hielt der Mahoud sein Tier an, und der einsame Reiter sprang aus der Haudah und eilte nach der Veranda, unter der ihm die Marquise und einige Diener entgegenkamen.

»Wo ist Leutnant Eglinton, Kusine?« fragte Major Maldigri, denn dieser war der Angekommene, rasch. »Wissen Sie etwas von dem Schicksal des jungen Mannes? Er ist spurlos verschwunden von der Jagdgesellschaft, und Besorgnis um ihn hat mich zurückgetrieben.«

Ihre Hand zog ihn in ein Gemach, wo sie allein waren.

»So ist Ihnen der Bote des Rates nicht begegnet? Sie wissen von nichts, was geschehen?«

»Ich habe niemand gesehen. Diesen Morgen, bereits über der Grenze von Heiderabad, verließ ich die Gesellschaft. Aber antworten Sie mir, Marquise, was ist geschehen? Mir ahnet nichts Gutes!«

»Wenn Sie klug sind, Signor,« flüsterte die Intrigantin, »so können wir einen großen Schritt vorwärts auf dem Weg zu unserem Ziel tun. Ein glücklicher Zufall ist uns zu Hilfe gekommen, lassen Sie ihn gewähren und den Dingen ihren Lauf, und ich bürge Ihnen dafür mit meinem Wort, daß, ehe sechs Monate vergehen, Ihre ergebenste Dienerin Lady Mallingham, die Gattin eines der einflußreichsten Mitglieder des Geheimen Rats von Indien ist.«

»Aber ich verstehe Sie noch immer nicht! Erklären Sie mir ...«

»Eglinton ist Narr genug gewesen, gestern nachmittag hierher zurückzukehren, zu einem Rendezvous mit der Lady. Alle drei – sie, der Liebhaber und das Kind, die Frucht ihres verbrecherischen Verhältnisses – befinden sich dort oben im Kiosk auf dem Palmenhügel, und der Baronet weiß es.«

»Der Unvorsichtige! Ich fürchtete es! Welch unglücklicher Zufall hat dem Rat das Geheimnis verraten? Hält er die Zeugen seiner Schande eingesperrt?«

»Das tut ein mächtigeres Wesen als er,« sagte sie mit Hohn.

»Welches? – was meinen Sie, Madame?«

»Die Anaconda!«

»Die Anaconda? Was soll das bedeuten?«

»Es bedeutet, Major – daß während das Paar im Kiosk sich seinen Liebesfreuden überließ, der Teufel in seiner Bosheit eine Riesenschlange gesandt hat, die von dem Hügel Besitz genommen und sie in Ihrem Boudoir gefangen hält, bis der Herr Gemahl sie lebendig oder tot in Empfang nehmen kann.«

Der Piemontese fuhr erschrocken zurück. »Barmherziger Gott – seit mehr als dreißig Stunden sind die Unglücklichen dort eingeschlossen, und niemand ist ihnen zu Hilfe gekommen?«

»Soll der Baronet etwa für die Verkündigung seiner Schande noch sein Leben wagen?«

»Das darf keinen Augenblick länger so bleiben. Den Ärmsten muß geholfen werden!«

Den Forteilenden hielt die Hand seiner Bundesgenossin zurück.

Der ehemalige Offizier stieß sie mit Verachtung zurück, »Mein Leben, mein Dienst gehört Ihrem Kaiser – meine Ehre, mein Gefühl mir allein.«

Er eilte davon, nur die Büchse und Jagdtasche aus der Haudah reißend, dem Palmenhügel zu.

Es ließ sich in der Tat nicht entscheiden, ob seine Ankunft dem Baronet angenehm oder widrig war. Er erzählte kurz das Unglück, das Gattin und Kind betroffen, ohne des Offiziers mit einer Silbe zu erwähnen, und daß alle ihre Versuche die Schlange zu vertreiben, erfolglos geblieben wären.

Major Maldigri erklärte mit Energie, daß er, ohne einen Augenblick zu zögern, den Angriff gegen die Schlange unternehmen werde, und wenn auch niemand ihm beizustehen wagen sollte. Mit kalter Ruhe traf der Baronet seine Anstalten, ihn bei dem Angriff zu begleiten.

In diesem Augenblick, als der Major bis an den Rand des Gehölzes vorangegangen war, tauchte eine dunkle Gestalt an seiner Seite auf, und eine Hand legte sich auf seinen Arm.

Sich umwendend, erkannte er erstaunt den Derwisch und den Ryot.

»Warum will der weiße Mann, der nicht zum grausamen Volk der Faringi gehört,« fragte die gedämpfte Stimme des ersteren, »für Wesen aus dem verfluchten Stamm sein kostbares Leben wagen?«

»Das schwache Weib mit dem Kinde ist unschuldig an den Leiden deines Volkes, an den Grausamkeiten, die man den Indiern angetan.«

»Der Edelmut ist törichte Schwäche, wenn man auf die Rache eines unterdrückten, mißhandelten Volkes sinnt,« sagte der Derwisch mit strenger Stimme. »Denke an den Eid, den du am leeren Grab von Sankt Helena geleistet. Verderben über alles, was den Namen eines Faringi trägt!«

»Nicht über Weiber und Kinder,« entgegnete entschlossen der Piemontese. »Du sollst mich nicht hindern, nach meinen Kräften zu tun zur Rettung der Unschuldigen.«

Er wandte sich um, aber der Derwisch hielt ihn zurück.

»So bist du fest entschlossen, gegen die Anaconda zu kämpfen?«

»So wahr ich ein Mann bin – ich werde es tun. Die Folgen sind in Gottes Hand.«

»Dann ist es ein anderes. Eine Stütze der guten Sache, wie du, darf nicht untergehen um eines Eigensinns willen im Ringen mit einem eklen Getier, wo ihr Schwert einst Tausende zum heiligen Kampfe führen soll. Tritt hierher, Caulathy Mudaly.«

Der Ryot trat näher.

»Du wirst die Schlange in die Hände der Feigen geben.«

Der Bauer verneigte sich mürrisch, zum Zeichen des Gehorsams.

»Kehre zu dem Faringi und seinen Dienern zurück,« fuhr der Derwisch befehlend fort, »und verkünde ihnen, daß dieser beraubte und gemißhandelte Mann ihren Stolz durch seinen Witz beschämen wird. Geh – wir folgen dir sogleich!«

Der Major, vergeblich nachsinnend, wer unter dieser Maske verborgen sein könne, eilte erfreut zu dem Baronet zurück, die Nachricht zu verkünden.

Der Bauer mit seinem Begleiter war unterdes in den Kreis am Feuer getreten, das man wieder angezündet. Er befahl, es auszulöschen und allgemeine Stille und Schweigen zu beobachten. Dann ließ er durch zwei der Diener das Pferd »Rookeby« vom Bungalow herbeiholen, das er selbst erst verräterischerweise am Morgen herbeigeführt.

Der Derwisch nahm es am Zügel, und es folgte ihm willig, gleich, als erkenne es seine Pflicht der Dankbarkeit gegen diesen Mann.

Der Ryot führte das Pferd eine Strecke weit hinaus auf den freien Ring, welcher den Waldgurt von den Palmen auf der Spitze des Hügels schied, streifte ihm den Zügel ab, koppelte ihm damit die Vorderfüße leicht zusammen, wandte seinen Kopf nach dem Kiosk und gab ihm einen leichten Schlag auf die Kruppe, indem er sich sogleich zur Erde warf und nach dem Gehölz zurückkroch.

Das Pferd versuchte fortzugaloppieren, aber durch die Koppel gehindert, kam es nur langsam vorwärts.

Plötzlich, denn der Mond erleuchtete fast mit Tageshelle eine große Strecke, sah man es stillstehn, die Ohren spitzen, und mit einem lauten Wiehern, so rasch als möglich in der Richtung des Pavillons fortstolpern.

Der Instinkt des edlen Tieres hatte auf irgendeine Weise, selbst in dieser halb verpesteten Luft, die Nähe seines Herrn erraten.

Es war etwa noch zwanzig Schritt von dem Kiosk entfernt und wiederholte sein fröhliches Wiehern, als ein langer, dunkler Streif von der Spitze eines Baumes mit der Geschwindigkeit des Blitzes durch die Luft zu schnellen schien und die Zuschauer bis in ihr entferntes Versteck ein lautes Zischen vernahmen, in das sich ein wildes Schnauben des schönen Pferdes und ein schmerzliches Wiehern mischte.

Der Renner hatte mit einer gewaltigen Anstrengung die Bande gersprengt, die seine Füße gefesselt, und versuchte, davonzugaloppieren. Aber es war zu spät – die Anaconda, die bei seiner Annäherung sich ganz ruhig in dem Gipfel der Palme verhalten, hatte ihn bereits erreicht und schlang ihre Ringe um das edle Tier, das sich kerzengerade auf den Hinterfüßen mit ihr in die Luft erhob.

Alle Anstrengungen des kräftigen Pferdes waren vergeblich. Man sah seine Gestalt wütend kämpfen, mit den Hufen um sich schlagen, sich auf der Erde wälzen – aber sein Widerstand wurde immer schwächer, je mehr und öfter die Schlange ihre Kreise um die zuckenden Glieder zog. Dann durchzitterte ein Schrei die Luft, schneidend und schrill, wie eine Kinderstimme, und doch wieder so laut und durchdringend, daß er gar nichts Menschliches an sich haben konnte.

»Mylady ist in Gefahr – das ist ihr Geschrei,« rief ängstlich Burton, der unfern des Baronet stand.

»Nein,« sagte der Major, »ich kenne diesen seltsamen Ruf von den Schlachtfeldern her. Es ist der Todesschrei eines Rosses von edlem Blut – der arme Eglinton hat seinen Renner verloren, ohne daß ich diese unnütze Grausamkeit gegen ein wertvolles Tier zu begreifen vermag.«

»Das wirst du sogleich, Sahib,« entgegnete der Derwisch, »wenn Caulathy Mudaly dir sagt, daß der Tod dieses Pferdes der Tod der Anaconda ist. Sieh, wie sie den Kadaver nach dem Palmenstamm hinschleift. Die Dunkelheit wird euch ein scheußliches Schauspiel ersparen, aber wenn die Schlange ihre Beute erst verschlungen hat, wird sie so unbehilflich sein, daß ein Knabe sie töten kann.«

Die einfache List des Mannes und ihr notwendiger Erfolg war im Augenblick allen klar.

Der Ryot teilte nun mit, daß die Schlange im Begriff sei, den Körper des Pferdes nach dem nächsten Baum zu schleifen. Dann würde sie die so zerquetschte Masse mit ihrem Geifer überziehen und das greuliche Geschäft des Verschlingens beginnen, das mehrere Stunden andauerte. Erst, wenn dieses vollendet, werde das Ungeheuer sich in einem vollkommen hilflosen Zustand befinden und keinen Widerstand mehr leisten können. Der erfahrene Jäger berechnete den Zeitpunkt auf eine Stunde nach Sonnenaufgang und riet den Europäern, bis dahin nach dem Bungalow zurückzukehren und zu ruhen.

Aber der Baronet, obschon sichtlich durch die Wache der vorherigen Nacht und die Aufregungen ganz erschöpft, verweigerte auf das bestimmteste, von dem Platze zu weichen. Er legte sich wieder in seine Hängematte zurück. Aber die erschöpfte Natur forderte ihr Recht, noch keine halbe Stunde war vergangen, als auch sein starrer Wille ihr den Tribut zollte und er in festen Schlaf gefallen war.

Die meisten der Diener und Dorfbewohner hatten sich zurückgezogen, Maldigri jedoch beschloß, gleich dem Baronet auszuharren auf dem Posten.

Nachdem er noch einmal sich davon überzeugt hatte, daß die Schlange allein mit ihrer Beute beschäftigt war, wickelte auch er sich in eine Decke und warf sich am Fuß einer Tamarinde nieder, der Wachsamkeit des Ryot vertrauend.

Er mochte ungefähr drei Stunden geschlafen haben, als er fühlte, daß eine fremde Hand sich leicht auf seine Schultern legte.

Sogleich schlug er die Augen auf und wollte fragen, was es gäbe, aber dieselbe Hand legte sich auf seinen Mund, und eine Stimme flüsterte an seinem Ohr: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, sagte der Weise. Mein Bruder möge sich still erheben und mir folgen.«

Der Major erkannte den Derwisch, erhob sich, warf das Gewehr über seine Schulter und folgte ihm, vorsichtig an dem festschlafenden Baronet vorüberschreitend.

»Ist alles sicher und können wir uns nahen?« fragte der Fakir.

»Die Schlange hat seit einer Viertelstunde ihr Mahl beendet und liegt regungslos am Fuß der Palme,« sagte der Ryot.

«Ich glaubte, Sahib,« der Derwisch wandte sich dabei an den Major, »du würdest den Faringi, den du beschützest, zu sehen wünschen, ehe der Gatte der weißen Frau erwacht ist und Gerechtigkeit übt.«

»Wunderbarer Mensch – du kommst meinem innersten Gedanken zuvor. Laß uns eilen – durch deine Vorsicht kann noch großes Unglück verhütet werden.«

So nahten sie dem Pavillon. Gern hätte der Offizier sofort einen Versuch gemacht, ihn zu betreten, aber er mußte den vorsichtig voranschreitenden Hindus folgen. Eifrig strengte er sein Gehör an, einen Ton, einen Laut aus dem Innern des kleinen Baues zu erlauschen, der so viel Not und Entsetzen in seinen Wänden eingeschlossen, aber vergeblich.

»Jetzt laß uns den Pavillon öffnen, ich fürchte nur, das Schlimme, was unsere Augen gesehen, ist noch nicht zu Ende.«

Der Major war bereits an der Eingangstür des Kiosk und klopfte daran, indem er den Namen der Lady rief. »Öffnen Sie getrost – alle Gefahr ist Gott sei Dank vorüber – die Anaconda ist so gut wie tot – ich bin allein hier mit zwei vertrauten Männern und dem Hindumädchen! Öffnen Sie ohne Besorgnis!«

Keine Erwiderung – alles blieb still. Ein finsteres, aber doch nicht teilnahmloses Lächeln lag auf dem Gesicht des Fakirs.

»Sie müssen ohnmächtig sein,« erklärte der Piemontese, sich den kalten Schweiß von der Stirn wischend. »Wir müssen die Tür oder das Fenster erbrechen!«

Der Fakir hatte, ohne weiter ein Wort zu verlieren, sich an eine der fast bis zum Boden reichenden Jalousien gemacht. Ein kräftiger Ruck, und sie war aufgerissen. Der innere Laden bot ebensowenig Widerstand und war im Nu gesprengt.

»Tritt ein,« sagte der Geheimnisvolle, »und suche deinen Freund!«

Der Major sprang in das Gemach – sein Schrei des Entsetzens rief die Begleiter herbei.

Es war bereits hell genug, um die Gegenstände im Innern deutlich zu unterscheiden.

Schwer und dumpf – mit dem Hauch einer in diesem Klima so rasch beginnenden Verwesung geschwängert – war die Luft des kleinen Salons.

Auf dem Ruhebett lag, den bereits im ersten Stadium der Auflösung begriffenen Körper des Kindes in ihren Armen, die Lady – ruhig – die Augen geschlossen, als ob sie schliefe.

Zwischen dem Bett und der Tür – auf dem Fußboden – erblickte man zusammengebrochen die Gestalt des jungen Offiziers.

Der Fakir stand stumm und erschüttert bei dem Anblick, obschon er Ähnliches vermutet. Maldigri aber kniete neben dem unglücklichen Liebhaber nieder, während zugleich das Hindumädchen an die Seite ihrer Gebieterin eilte und sie aufzuwecken suchte.

Die beiden Rufe:

»Sie sind tot!«

kreuzten sich.

»Noch ist nicht alle Aussicht verloren,« sagte hastig der Derwisch, »obschon den beiden besser ist, wenn sie das Opfer des dunklen Engels bleiben. Laßt mich zuerst bei der Frau versuchen, ob Hilfe möglich.« Er trat zu dem Ruhebett, entfernte die Leiche des Kindes und legte die Hand auf den entblößten Busen der Lady.

Der Derwisch zog aus seinem groben Gewand eine kleine Phiole und goß zwei oder drei Tropfen des roten Inhalts auf die Lippen der Leiche, indem er sodann innehaltend den Erfolg beobachtete. Als keine Bewegung, nicht das geringste Zuckes der Nerven erfolgte, verdoppelte er die Dosis, aber selbst als er sie verdreifachte, fand sich keine Spur des Lebens in den kalten bleichen Zügen, und als er das schöne, lang bewimperte Lid ihres Auges hob, zeigte sich unverkennbar das starre, eingefallene Totenauge.

»Es ist zu spät,« sagte er achselzuckend, »jede Spur der Lebenskraft ist seit Stunden schon entflohen. Laßt uns versuchen, ob der Mann besser die Nähe der Anaconda ertragen hat.«

Er wiederholte das Experiment und träufelte einige Tropfen zwischen die fest zusammengepreßten Zähne des jungen Offiziers. Die Wirkung zeigte sich wie ein elektrischer Strom. Der ganze Körper des Armen zuckte zusammen, die Zähne öffneten sich und ließen der Brust einen tiefen Seufzer entschlüpfen. Die offenen Augen verloren die gräßliche Starrheit, rollten einige Male umher und schlossen sich dann.

»Er lebt und wird leben,« erklärte der Fakir mit Bestimmtheit. »Laßt uns zunächst ihn an die freie Luft bringen und bestimmen, was mit ihm geschehen soll, denn die Minuten, die noch die unseren bleiben, sind gezählt.«

Sie hatten ihn kaum auf den Boden niedergelegt, als auch die Morgenluft bereits ihre Wirkung übte, der Kranke mehrere tiefe Atemzüge tat und wieder die Augen aufschlug, deren Ausdruck, wenn auch gestört und ängstlich, jetzt doch milder war als vorhin.

»In einer Viertelstunde wird er zum vollen Bewußtsein gelangt sein, wenn er auch vielleicht noch wochenlang auf die Wiederkehr seiner Kräfte harren muß,« sagte der Derwisch. »Sollen wir ihn hier lassen und jetzt den Sahib wecken?«

»Nimmermehr!« erklärte der Major, »ihr seid nicht so unwissend, daß ihr nicht begreifen solltet, wie das Leben dieses Mannes dennoch verloren ist, wenn Sir Mallingham ihn zu Gesicht bekommt. Er muß sich verstecken.«

»Der Zemindar ist Herr der Gegend,« erklärte der Derwisch. »Er wird jeden Fußbreit nach dem Schänder seiner Ehre durchsuchen.«

»Dann muß er fliehen – sogleich – so weit als möglich!«

Der Derwisch deutete verächtlich auf die hinfällige Gestalt. »Ist der Faringi imstande, seinem Feinde zu entrinnen?«

Major Maldigri trat auf ihn zu. »Geheimnisvoller Mann, wer du auch bist! Wenn du es willst, muß es dir ein Leichtes sein, diesen Unglücklichen zu retten. Ich beschwöre dich bei dem Bunde, an den du selbst mich erinnert, mir darin beizustehen.«

Der Derwisch kreuzte die Arme. »Du siehst, daß der Faringi die Flucht nicht allein unternehmen kann. Willst du ihn begleiten?«

»Ich will es!«

»Wohl – es sei!« sprach der Geheimnisvolle, »dein Wille soll geschehen. Dieses Mädchen wird dich durch das Gebüsch nach dem Bungalow führen – nimm dort, was du für nötig hältst von deinen Sachen und folge ihr an das Ufer des Gandlagama, wo seine Windung aus den Maisfeldern in die Schatten des Bananenwaldes tritt. Ein Boot wird dort mit zwei der Untiefen des Flusses kundigen Ruderern bereit sein. Diesen Faringi werden ich und Caulathy zu dem Boote schaffen, das euch bis zur Meeresküste bringen kann. Deine Sorge ist es, von dort ihn weiter zu schaffen oder ihn seinem Schicksal zu überlassen. Du selbst wende dich nach dem Norden, in Ongol wirst du leicht Gelegenheit finden zur Überfahrt. Geh nach dem Bundelcund, – der Radschah von Ihansi sucht Europäer zur Ausbildung seiner Kriegsmacht – er ist einer der unseren und wird dich mit offenen Armen empfangen, wenn du ihm die Botschaft bringst, die ich dir geben werde.«

»Es sei, diese Umgebung ist mir drückend, ich sehne mich nach kräftigem Tun und Handeln. Aber willst du, Geheimnisvoller, mir nicht mehr von dir sagen, soll ich nicht erfahren, wer du bist?«

»Du wirst es, wenn im Lande, wohin du gehst, die Fackel der Freiheit emporlodert zum Kampf gegen die Tyrannen. Bis dahin bin ich auch für dich, wie für alle, nur Sofi, der Fakir! – Doch fort mit dir, wenn du das Leben dieses Mannes noch retten willst!«

Maldigri fühlte die Wahrheit dieser Mahnung. Einen Blick noch voll Teilnahme und Schmerz warf er nach dem Kiosk, in dem die Leichen der Lady und ihres Knaben ruhten, dann folgte er der voraneilenden Zelima.

Caulathy Mudaly und der Derwisch blieben zurück. Der letztere beschäftigte sich sogleich, dem noch immer halb Bewußtlosen die Uniform auszuziehen und verschiedene Gegenstände abzunehmen, die er wieder in den Kiosk trug, als habe der Flüchtling sie dort zurückgelassen. Ein böses, grimmiges Lächeln verzerrte dabei seine Züge, als er an den Baronet und dessen Gefühle dachte, wenn er diese Stätte des Unheils betreten würde. Dann erst half er seinem Gefährten, den hilflosen Körper des jungen Offiziers den Hügel hinab in das Gebüsch tragen. –

Die Nebel wichen zurück in die Schatten der Wälder und die Gründe der Täler.

Rings umher erwachte das Leben in Hain und Flur, auf den Bergen und in den Tälern!

Nur auf dem Palmenhügel blieb es still – da ruhten Mutter und Kind! – das ohnmächtige Zischen des eklen Ungeheuers allein unterbrach das Schweigen des Todes!


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