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Zwanzigstes Kapitel.
Nach- und Ausklänge

Tage und Wochen sind vorübergezogen, das Leben treibt im breiten Bett der Alltäglichkeit ruhig und einförmig weiter, Vergangenes ist ausgekostet, die Gegenwart regt keine ereignisreichen Wogen auf, und die Zukunft ruht und wirkt geräuschlos hinter dichtem Vorhang.

In solchen Tagen scheint der Naturgeist die Oberhand zu haben, durch die Wälder zieht ein geheimnisvolles Brausen, aus den Bergen steigen wie aus Riesenessen, weiße und graue Wolken, die einzeln oder in Gruppen weiter ziehen, unter sich Ebene, Flüsse und Täler flüchtige beschattend … Still und emsig hat die Ernte begonnen, das Kornfeld, das noch eben in rauschenden Wellen sich wiegte, liegt in goldenen Schwaden danieder, die zu Garben gebunden bald auf hochbeladenen Wagen schwankend heimgeführt werden, manchmal von jäh losbrechenden Wettern bis an die Schwelle des schützenden Tores verfolgt … Wandeln aber die Tage der Arbeit in ruhigem Wechsel dahin: die Tage des Herrn lieben noch stillere Feier, eingeläutet und abgeschlossen von friedlich stimmenden Glocken, die weithin über Länderstrecken, von Turm zu Turm, zur Andacht stimmen, zur Eintracht mahnen, zu Freude und Frieden auf Erden!

Zur Eintracht!

Dort zieht aus laubgeschmücktem Tore ein bräutliches Paar, gefolgt von Eltern, Verwandten und Gästen, die in freudig feierlichem Zuge den Weg zur Kirche wandeln, den sie vor Wochen noch einzeln in Zwietracht gegangen, Verdruss und Ärgernis sinnend, das Leben einander verbitternd …

Monika ist's, die mit ihrem Erwählten aus dem Tore des Klosterhofes zieht, gefolgt von Meinböck, der Mutter, den Anverwandten, aber auch von Roland und von manchen früheren Feinden des Hauses, die, zum Frieden, zur Eintracht bekehrt, stimmungsvolle, würdige Begleiter des Zuges geworden …

Und doch fehlt ein Gast im Zuge, den alle zuverlässig erwartet hatten: Hilarius fehlt, wie jede Nachricht von ihm. Wehmütig sinnend geht die Klosterwirtin im Zug, an ihrer Seite die kleine Hedwig, die einen Spruch in Reimen gelernt hat, um Hilarius am Hochzeitmorgen zu begrüßen; und nun war er nicht gekommen, nun ging er nicht mit! …

»Wo aber ist er?« fragt die Kleine öfter, zur Mutter aufblickend, verwundert und unruhig.

Die Gefragte legt die Hand auf den Scheitel des Kindes, schaut nachdenklich vor sich hin, den Rosenkranz noch einmal um den Daumen wickelnd, eine Antwort kann sie nicht geben …

Der Zug bewegt sich an einer vorspringenden Waldstelle vorüber, die Kirchenglocken geben das zweite Zeichen vor dem Gottesdienste; da wird ein Freudenruf hörbar – »Hedwederl« springt aus dem Zuge und eilt nach einer Baumgruppe des vortretenden Waldes, wo – den Hochzeitszug erwartend, Hilarius hält. Er winkt, da er die Gäste in Unordnung geraten sieht, sich nicht berirren zu lassen, grüßt lächelnd das Brautpaar, Eltern und Bekannte, tritt an der Hand der kleinen Hedwig in die Reihen des Zuges, reicht der freudig bewegten Klosterwirtin die Hand und geht an der Seite derselben, sein spätes Erscheinen erklärend, mit nach der Kirche …

*

Die kirchliche Feier ist endlich vorüber; das »Ja« ewiger Treue geschworen; der Bund des bräutlichen Paares gesegnet … Unter den Klängen heiterer Musik, unter Gewehr- und Böllerschüssen, kehrt der Zug in den Klosterhof zurück, um sich den Freuden einer reichen Hochzeitsmahlzeit ungetrübt hinzugeben, umso mehr als nun auch der erste und gefeiertste Gast zur Freude aller eingetroffen ist und frohbelebend teilnimmt … So kommt der Abend, die Nacht, die Mitternacht. Der Klosterhof widerhallt noch von lustigen Klängen der Musik, und in der großen Schenkstube neben dem Tore wogt die wildentzückte Schlacht des Hochzeitstanzes; ein wundersamer Gegensatz zur stillen, ungestörten Behaglichkeit eines der entlegensten Zimmer, in welches sich schon lange und unbemerkt Hilarius, Roland und Meinböck zurückgezogen haben …

Sie waren noch voll der Erinnerung an die Jubiläumsfeier, welche erst in später Nachtstunde, in weinseliger, lebhafter Stimmung und unter ergötzlichen Vorfällen geendet hatte.

Die wichtigen und eigenartigen, ernsten und heiteren Vorkommnisse des Festes wurden in teilnahmsvolle oder unterhaltende Betrachtung gezogen, und manche kostbare Bemerkung fiel. – Dass der Pastor gegen Ende des Banketts mit dem Philosophen, Theaterdirektor und Verehrer schöner weiblicher Talente ein sehr weltliches Lied anstimmte, wirkte jetzt noch höchst ergötzlich, und das Ereignis konnte nur noch mit der kostbaren Raserei verglichen werden, die der Schauspieldirektor als wahres Meisterstück seiner Kunst zum Besten gab, als er gewahrte, dass die schönen Schwestern in aller Stille, wie durch ein Wunder, von der Festtafel verschwunden waren und blieben. – Heimann seinerseits ermangelte nicht, durch Improvisationen allerlei Art die Unterhaltung im Fluss zu erhalten und dabei mit großem Geschick die Rolle des Wirtes zu spielen; er überwachte sich bis zum Schlusse des Festes mit tapferer Selbstbeherrschung, trotz der tollsten Fröhlichkeit, und überraschte am folgenden Morgen die Jubilare sowohl als das sämtliche Hauspersonal durch einen Akt seltener Gastfreundschaft. Alle Auslagen, welche in Folge des Aufenthaltes und der Genüsse der Jubilare im Klosterhofe erwachsen waren, hatte er am nächsten Morgen beglichen und eine Anzahl Wagen, hinreichend, um die Jubilare nach allen Windrichtungen zu entführen, waren auf seine Kosten beigestellt. Jedes Widerstreben machte er durch die liebenswürdigste Überredung vergeblich. – Die Geschenke, welche Heimann an das Hauspersonal verteilte, waren namhaft und bestanden in Geld und wertvollen Andenken. So verehrte er der Monika als Brautgeschenk eine Dukatenschnur, die dreimal um den Hals reichte und in ein schweres, goldenes Kreuz auslief; das Geschenk hatte auch heute, am Hochzeitstage, großes Aufsehen erregt. – Von allen, die in Folge der Jubelfeier erfreut oder belohnt worden waren, stand jedoch Meinböck obenan. Denn von dem denkwürdigen Tage an datierte en ungeahnter Aufschwung des Klosterhofes. Nicht nur aus nächster Nähe, sondern auch aus weiterer Ferne kamen zahlreiche Gäste, um über das Jubiläum und einzelne Ereignisse, von denen die öffentlichen Blätter so viel zu erzählen wussten, Näheres zu erfahren; selbst Reisende ließen sich durch Zeitungsberichte bestimme, im Klosterhofe Aufenthalt zu nehmen. Meinböck trug sich angesichts der vielversprechenden Zukunft bereits mit bedeutenden Neuerungen. Der Klosterhof sollte verschönert, der Klostergarten zu einem angenehmen Aufenthalt für Sommergäste umgestaltet werden. Bereits hatten die namhaftesten Bewohner von Thalbrücken erklärt, für diesen Fall ihre Sommervergnügungsabende nur im Klosterhofe zuzubringen. Selbst aus dem nahen Badeorte waren bereits Ausflügler angemeldet. Meinböck fühlte den Ehrgeiz, diese Neuerung noch selbst ins Leben zu rufen, bevor er seinem Schwiegersohne die Leitung des Ganzen übertrug … »Und den ersten und wichtigsten Anstoß zu meinem Glücke haben Sie gegeben«, sagte er gerührt zu Hilarius, »denn das Aufsehen, das Sie bei Ihrer Ankunft machten, und die liebe Art, wie Sie uns von unserem Prozesswahnsinn heilten …«

»Nichts mehr davon«, fiel ihm Hilarius in die Rede und suchte dem Gespräche eine andere Wendung zu geben.

Allein da trat auch Roland für die Erinnerung in die Schranken und sagte, indem er des jungen Freundes Hand ergriff:

»Sollen wir fremder Dinge und Anliegen gedenken und der eigenen nicht? Wie war es möglich, in dem Gewirr und Durcheinander auf einen so rührenden und poetischen Einfall mit den Erinnerungskränzen zu geraten, der mein Herz so um und um gefangen nahm?«

»Inspiration – oder wenn Sie lieber wollen, das poetische Dunkel unseres Pastors, in welchem mein erregtes Herz damals schwebte«, sagte Hilarius halb in Gedanken.

Roland lachte und sagte dann: »Da hätte sich freilich das scharf bekämpfte Dunkel meines pietistischen Mitjubilars in einem schönen Falle bewährt, was indessen nicht hindert, dass ich einem anderen Dunkel – dem Dunkel des Geheimnisses, in welches sich mein zweiter Mitjubilar, der Mönch, so anziehend zu hüllen verstand, bei Weitem den Vorzug gebe. Ich gestehe aufrichtig«, fuhr Roland fort, »dass ich der Versuchung kaum widerstehe, meinen geheimnisvollen Kollegen bis in seine einsame Klosterzelle zu verfolgen, um dahinter zu kommen, was derselbe mit seinem Erscheinen hier, mit der finstern Verschlossenheit während meines Aufenthaltes, mit seiner mitternächtigen Flucht und insbesondere mit seinem Rätselwort: ›Salvavi animam meam‹ eigentlich wollte und bezweckte? … Dass der Geheimnisvolle keine gewöhnliche Mönchs-Erscheinung ist, geht aus vielen Anzeichen hervor, und es wäre, dächt' ich, anziehend und lohnend genug, den priesterlichen Löwen in seiner Klosterhöhle aufzusuchen …«

*

Die letzten Töne der Musik waren erstorben, der Morgen dämmerte durch die Fenster, und Meinböck bemerkte: »Wollen wir nicht auch die Ruhe suchen?«

»Wohl erinnert«, sagte Roland und strich mit der flachen Hand über die ermüdenden Augenlider. »Die Natur will ihre Rechte haben. Bette uns freundlich und bette uns gut unter Deinem berühmten Dache, Nachbar … Gute Nacht, meine Freunde; guten Morgen sollt' ich sagen!«

*

Hilarius suchte nicht die Ruhe. Kaum auf seinem Zimmer angekommen, ließ er sich das bestellte Frühstück bringen, um die Munterkeit des Geistes durch aufgefrischte Nerven zu unterstützen.

Denn nichts Geringeres als eine zweite Wanderung, eine neue geheime Mission sollte in Ausführung kommen; eigenartig genug, nicht weniger belehrend und anziehend als die erste – in gewissem Sinne bedenklicher …

Hilarius hatte seinen Vater gebeten, zur Erweiterung seiner Erfahrung und Lebenskenntnis, ihm diese Wanderung zu gestalten zu dem Zwecke zunächst: einen und den andern Jubilar in seiner Häuslichkeit zu überraschen, die weggebliebenen Kommilitonen von Angesicht kennen zu lernen – insbesondere aber den – Mönch aufzusuchen, welcher sein lebhaftestes Interesse wach gerufen hatte.

Altringer gestattete die Reise. Als ihn Hilarius um Andeutungen über den Lebenslauf und Aufenthalt des Mönches fragte, war es nicht gewiss, ob Altringer Bedenken trage, mitzuteilen, was er wusste, oder ob er in der Tat nur unsichere Angaben machen könne; Hilarius nahm auch die wenigen Winke dankbar und vertrauensvoll an und fand seine Aufgabe gerade dadurch anziehender, als sie ihm schwerer gemacht wurde und abenteuerlicher erschien …

Als der Wanderer von dem Vater Abschied nahm, sagte dieser:

»Lebe wohl, mein Sohn. Möge Dir die Reise nach Wunsch gelingen und fruchtbringend werden … Da Du die Hauptstadt berührt, wirst Du unsern trefflichen Oberschulrat sehen … Grüße ihn; auch seine schönen Töchter …«

Altringers Auge ruhte forschend und nachdenklich auf der leicht errötenden Stirn des Sohnes, der einen Augenblick verlegen zu Boden sah und erst nach einer Pause die Hand zum Abschied reichte.

*

An diesen Abschied dachte Hilarius jetzt und meinte den vielsagenden, väterlichen Kuss noch auf der Stirne zu fühlen.

Fabian trat herein; er war reisefertig.

»Alles ist bereit«, sagte er. »Wenn wir nicht einen Koffer voll Weibertränen mitnehmen wollen, müssen wir jetzt fort!«

»Du hast recht«, sagte Hilarius, seine muntere Stimmung wieder gewinnend. »Komm' und sei eine Weile mein Reisegefährte, um dann auf dem Gute meines Vaters als Ackerminister oder Unterhaltungshofrat Ruhe – und ein braves Weib zu finden!«

»O, Euer Gnaden …«

»Wie? Fabian, Du weinst?«

»Ich hab' in diesem Haus so viel gelitten – und jetzt soll ich's verlassen!«

»Wir werden wieder einmal kommen …«

»Ich will mir ein paar Ecksteine zum Andenken mitnehmen!«

*


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