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Achtzehntes Kapitel.
Eine Maske fällt

Erst nach einer langen Pause war die Ruhe soweit wieder hergestellt, dass der Professor der Ästhetik sich Gehör verschaffen konnte, um auf den Spender der heutigen Tafelfreuden seinen wohldurchdachten Trinkspruch auszubringen, der, sich durch Reminiszenzen an römische und griechische Tafelgenüsse hindurcharbeitend, sachte und bedächtig in die Pointe zuspitzte: so leicht sich die feinen Spenden vertragen ließen, so schwer sei es, die Abwesenheit des Bruder-Spenders zu ertragen! – Trotz dieser wenig an- und aufregenden Worte klangen die von Perlwein überschäumenden Gläser lebhaft an, und Heimann und Gattin wurden oft und dankbar ausgerufen.

Zur heiteren Überraschung der Jubilare klopfte jetzt der Tafelmeister Heimanns an ein Glas und erbat sich in Abwesenheit seiner Herrschaft das Wort, um für die dargebrachte Huldigung zu danken. Es wurde ihm gewährt. Der überraschend gewandte, aber von heimlichen Schlückchen mehr als nötig aufgeregte Redner bemerkte nach einer kurzen Äußerung des Dankes, dass es ihm am zweckmäßigsten erschiene, seiner Herrschaft in einer telegraphischen Depesche über den Stand und Zustand des Banketts und der Festgäste Nachricht zu geben, und er erlaube sich auch gleich einen Entwurf dieser Depesche vorzulesen. Dieser enthielt so drastische Bemerkungen über einzelne Feinschmecker, voran den Ästhetiker, dass unter schallendem Gelächter, in welches die Getroffenen einstimmten, die Erlaubnis zur Absendung der Depesche gegeben wurde. Hierauf lieferte der Redner, dessen Gewandtheit immer mehr Verwunderung erregte, eine so übermäßige Belobung seiner Herrschaft, insbesondere der Herrn »Heimannleben«, wie ihm einmal entschlüpfte, dass dieselbe große Heiterkeit hervorrief, insbesondere als er bemerkte, er sei nur deshalb gezwungen, hierin etwas mehr zu tun, als wahr und nötig sei, nachdem der Herr Bühne-Jubilar durch sein »maßvolles Selbstlob« alle seine Jubelfreunde verkürzt und verdunkelt habe. Plötzlich in ein Durcheinander von feinen, herben und burlesken Ausdrücken geratend, fuhr er fort: »Übrigens hat mein ausgezeichneter Herr mehr Glück als Verstand!« (Lebhaftes Oho! Zurücknehmen! Das Wort entziehen!) »Mehr Glück als Verstand, sag' ich, und ich weiß, warum ich's sage! (Das ist wider den Respekt! Ruinenwirt: Lasst ihn fortbrodeln!) Mehr Glück als Verstand, sag' ich«, wiederholte der Redner in größter Aufregung und komischen Gebärden – (Lebhafter Tumult; Gläserklingen und Rufe: Herr und Frau Heimann sollen leben!) »Mehr Glück als …«

Hier wurde es dem Redner unmöglich, fortzufahren; es brach ein alles übertönender Lärm los, der in einen nicht endenwollenden Jubel überging, als der Redner Perrücke und falschen Bart abwarf und mit hoch aufgehobenen Händen gestikulierend rief:

»Ich bin Heimann – und als Heimann kann ich über Heimann sagen, was ich will!«

Nun ging alles aus Rand und Band. Eine neue Batterie Champagner wurde demaskiert, ein Pelotonfeuer von entkorkten Falschen lärmte durch den Festraum, die überschäumenden Gläser suchten irrend an den Tafelseiten hin und wieder, nicht nur Freund und Feind stieß an, es umarmte sich, wer sich im Gewirre traf, auch Freund und Gegner, auch der Pastor und der Philosoph …

Und während dieser tollen Freudenszene erschien zwischen der offenen Kapellentür, vorgebeugt, starrschauend, Strohhalme im wirren Haar – das bemooste Haupt – welches bis zu dieser späten Stunde geschlafen hatte, ohne die schwere Betäubung der vorigen Nacht noch ganz überwunden zu haben …


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