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Siebentes Kapitel.
Fliegende Schatten

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der blutigen Tat im Garten des Klosterhofes. Das Aufsehen, die Bestürzung war umso größer, als den meisten Jubilaren die Anwesenheit eines unter so schwerer Anklage stehenden Kollegen noch gar nicht bekannt geworden war, vielmehr erst in der Versammlung durch die Eröffnungsrede des Präsidenten mitgeteilt werden sollte. Den Unglücklichen womöglich noch lebend zu sehen, war das mit Grauen vermischte Verlangen der einen; andere begnügten sich, den Schauplatz des blutigen Ereignisses aufzusuchen und in lebhafter Umfrage über den Kollegen die nächstwichtigen Aufschlüsse zu erhalten. Und so drängte sich ein Teil der Jubilare, im Festanzug, wie man bereits war, am Eingang in die Gefängniszelle, wohin der Gefangene gebracht worden war, ein Teil umstand die Gartenstelle, wo die Unglückstat geschehen und wo das blutige Messer noch im Sande lag.

Hier hatte sich kurz vorher auch die nicht das Geringste ahnende Monika eingefunden, um ihr zurückgelassenes Messer vom Baum zu holen und eine zweite Sammlung von Gemüsen nach der Küche zu bringen. Entsetzt vernahm sie, was daselbst geschehen war, und musste sich eine Weile am Baume halten, um nicht hinzusinken; mit einem dumpfen Aufschrei und noch halb taumelnd, floh sie nach dem Klosterhof zurück, wo sie das Grässliche stockend erzählte und dann in die Küche eilte, um das sämtliche, mit dem Unglücksmesser früher ausgestochene und abgeschnittene Gemüse schaudernd in den fernsten Winkel des Hofes zu werfen, damit niemand davon esse.

Der Gefangene war nach der Bluttat sofort in eine tiefe Ohnmacht gefallen, aus welcher er in der Gefängniszelle erst wieder erwachte. Den ersten Verband hatte er von einem Mitjubilar, einen Medizinalrat, erhalten, welchem kürzlich in Würdigung seiner hohen wissenschaftlichen Verdienste eine seltene Staatsauszeichnung zuteilgeworden war. Derselbe erteilte und leitete auch ferner die ärztliche Hilfe und sprach die Überzeugung aus, dass der Gefangene, trotzdem die Wunde tödlich war, noch einige Tage leben könne.

Er gestattete Altringer, welchen der Gefangene wiederholt und lebhaft zu sehen wünschte, nach einiger Zeit den Zutritt in die Gefängniszelle, um die vertraulichen Mitteilungen und Aufschlüsse, die der Verlorene, wie er sagte, zur Erleichterung seines Gewissens noch zu machen habe, entgegenzunehmen. Diese Mitteilungen und Aufschlüsse betrafen noch einige nähere Umstände, unter welchen der Verbrecher einst das Herzensglück Altringers und der Tochter des Posthalters zerstört hatte; sie wurden unter schweren Schmerzen und Atembeschwerden, mit dem Ausdruck reuevollster Abbitte vorgebracht. In Bezug auf den Mord zur Zeit des Maskenballs gestand der Unselige, das er das Verbrechen in Folge maßloser Leidenschaft zu der ältesten Tochter des Oberschulrates begangen habe; jetzt hege er nur den Wunsch, dass dieser Umstand Geheimnis bleibe, damit bei Bekanntwerden des Täters weder die ältere noch die jüngere Schwester – diese Ideale weiblicher Schönheit und Vollkommenheit – nicht in die trübe und boshafte Diskussion hineingezogen werden. Die schönen Schwestern waren offenbar Opfer tödlichsten Schreckens, als sie während der Fahrt zum Maskenball gewahrten, dass ihr Begleiter starr und leblos in der Ecke des Wagens sitze. – Beim Abschied, den der Gefangene unter der martervollsten Seelenpein nahm, bat derselbe noch, dahin wirken zu wollen, dass Richter und Staatsanwalt zu ihm gelassen werden und dass man sofort Anstalt treffen möge – ihn nach Sonndorf zurückzubringen.

»Meine Anwesenheit«, sagte er, »hat ihren Zweck früher erfüllt, als beschlossen war. Meine Geständnisse, soweit sie irdischen Richtern noch wissenswert sein können, habe ich abgelegt. Das Weitere wird ein höherer Richter – ich fühle es – bald in seiner Weise mit mir in Ordnung bringen. Seit der Bluttat an mir selbst ist meine Anwesenheit hier nur Anlass zu Grauen und Entsetzen und müsste das schöne Erinnerungsfest meiner besseren, glücklicheren Freunde stören. Men Tod im Klosterhofe wäre auch der Tod des Jubiläums …«

Altringer sagte die Erfüllung der vorgebrachten Wünsche zu und verließ den Unglücklichen ernst und tief bewegt.

Vor dem Eingang in die Gefängniszelle von den harrenden Jubilaren umringt und mit Fragen aller Art bestürmt, bat Altringer nur, sich in den Versammlungssaal bemühen zu wollen, wo er alsbald erscheinen und alle erwünschten und statthaften Mitteilungen machen werde. Er wäre dem Andrang höchst wahrscheinlich nicht so bald entgangen, wenn ihn nicht sein Sohn Hilarius lebhaft am Arm gefallt und mit sich fortgezogen hätte.«

Es war dies die erste und in Folge der Ereignisse seltsame Begrüßung des Sohnes seit seiner Rückkehr mit der Mutter.

Unaufhaltsam dem Vater Bahn brechend durch immer neu zudringliche Gäste im Hof, unter dem Torbogen, auf der Treppe, war es Hilarius erst im Korridor, der zu seinem früher bewohnten Zimmer führte, möglich, einen Augenblick sich und dem Vater Muße zu herzlicher Begrüßung und Umarmung zu gönnen und zu bitten, nach Empfang der Mutter, die bei der Uhrahne warte, ihm und dem Untersuchungsrichter in dringendster Angelegenheit einen Moment Gehör zu schenken.

Altringer versprach's und delegierte den Sohn, dafür zu sorgen, dass die Jubilare sich nicht länger durch alle Räume des Hauses und Gartens zerstreuen, sondern im Versammlungssaale einfinden und der Eröffnung des Festes und den erwarteten Mitteilungen mit freundlicher Geduld entgegensehen mögen.

Hilarius beeilte sich, diesen Auftrag auszuführen – während Altringer, freudig und wehevoll bewegt, zur Urgroßmutter eintrat, um die einst so schmerzlich Entrissene – die Mutter seines vielgeliebten Sohnes zu begrüßen …


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