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Zwölftes Kapitel.
Still entlastet. Spiel des Lebens

Hilarius sah dem scheidenden Freunde in peinlicher Verlegenheit nach. Die letzten Worte hatten ihn überzeugt, dass derselbe an seiner Vermutung festhalte und von ihrer späteren Bestätigung überzeugt sei.

Gegen den Freund nicht offener gewesen zu sein, fiel ihm jetzt sehr beschwerlich, ja fast unverträglich. Er war versucht, dem Scheidenden nachzueilen und nachträglich zu gestehen, was er von den schönen Schwestern wisse; allein es war zu spät – der Staatsanwalt hatte bereits den Wagen bestiegen und fuhr mit seinen Begleitern, dem Richter und Verteidiger, von dannen …

Diesem Umstande verdankte es Hilarius, dass er aus Rücksicht für den Freund nicht ein größeres Verschulden auf sich lud als jenes war, das er eben gut machen wollte; denn mit dem Geständnis, das er dem Freunde machen wollte, musste er notwendig einem Versprechen untreu werden, das er kurz zuvor mit einer gewissen Feierlichkeit dem Untersuchungsrichter gegeben.

Die Erinnerung hieran und die letzten Worte des Freundes versetzten Hilarius in eine höchst verworrene Stimmung, und er beeilte sich, eine einsame Stelle aufzusuchen, welche ihn vor neuen Aufregungen und Belästigungen schütze und ihm Muße gönne, jene Fassung wieder zu gewinnen, die ihm bis vor Kurzem so wohl zu Statten gekommen war.

Da, wo zwischen der Kapelle und einer verfallenen Klostermauer ein schmaler Streif Grundes sich hinzieht, der, wie halbversunkene Grabsteine bezeugen, einst als Begräbnisstätte gedient hatte, fand Hilarius die gewünschte Zuflucht und ließ, hin und wieder gehend, die letzten Ereignisse nochmals auf sich wirken …

Wie wir gesehen haben, war Hilarius heiter und vergnügt mit der wiedergefundenen Mutter nach dem Klosterhofe zurückgekehrt. Kaum angekommen, überraschte und erschütterte ihn die Kunde von dem Selbstgericht des Gefangenen von Sonndorf; dieser Kunde folgte das Gerücht, dass der Verbrecher Bekenntnisse gemacht, dass er nicht nur den Mord am Bankier Buller, sondern auch jenen Mord begangen habe, der zur Zeit des letzten Maskenballes so großes Aufsehen erregt hatte. – Nach dem, was Hilarius von den unglücklichen Beziehungen der schönen Schwestern zu den äußeren Umständen der letzten Bluttat wusste, war es nur natürlich, dass er den nächsten Augenblick benützte, um den Untersuchungsrichter aufzusuchen und mit ihm, der seine Überraschung und Bestürzung teilte, zu den Zeugen der verhängnisvollen Aussagen, dem Richter, Staatsanwalt und Verteidiger aus Sonndorf sich zu begeben.

Diese, eben damit beschäftigt, die betreffenden Erlebnisse zu Protokoll zu nehmen, hatten kein Hehl, die Aussagen des Verbrechers mitzuteilen und auf die Fragen des Untersuchungsrichters, der sich jetzt mit seiner amtlichen Mission auswies, auch die von dem Verbrecher bekannt gegebenen Nebenumstände des letzten Mordes darzulegen.

Hilarius fühlte alle Pulse fliegen, als der Untersuchungsrichter fragte, ob der Verbrecher auch über die Damenmasken, welche mit dem jungen Manne nach dem Balle gefahren waren, Aufschluss gegeben habe. Der Richter verneinte dies und bemerkte, dass derlei Aufschlüsse jetzt auch ohne Belang seien, da aus den übrigen Bekenntnissen des Mörders die Unschuld jener Masken zweifellos hervorgehe.

Kaum im Stande, seine Bewegung zu verbergen, zog sich Hilarius mit dem Untersuchungsrichter zu einer vertraulichen Besprechung zurück, und beide wurden einig über die zarte und vorsichtige Art und Weise, wie unter Benützung des eben Gehörten um den Frieden Wahrbergs und seiner Töchter ein unvergängliches Verdienst erworben werden sollte. – Unter dem Vorwande, den Oberschulrat zur Festversammlung abzuholen, traten beide in dessen Zimmer. Sie trafen den wackeren Schulmann bereits im Festanzug, aber noch vertieft in die Bemerkungen seines Jubiläumsheftes. Wie erwünscht, fanden sich auch die schönen Schwestern in der Nähe, im anstoßenden Kabinette, dessen Türe etwas offen stand.

Der Untersuchungsrichter hatte es übernommen, das Wort zu führen; es sollte alles scheinbar nur für den Oberschulrat gesprochen werden, aber doch hauptsächlich bestimmt sein, auf die beiden Schwestern zu wirken. – Dem Oberschulrat war von dem blutigen Vorfalle im Garten noch nichts bekannt geworden; er war bestürzt und betrübt, davon zu hören. Nur ein kurzer, aber vielsagender Ausruf war es, den ihm die Mitteilung über den tiefen Fall eines so hochbegabten Kollegen entriss. Aus seiner Bewegung im Kabinette und aus dem Erscheinen eines Kleidersaumes an der Türe entnahm Hilarius, der nur Ohr und Auge für die dortigen Vorfälle war, dass die schönen Schwestern von dem, was bei ihrem Verlassen des Gartens hinter ihnen vorfiel, gleichfalls erst jetzt Kenntnis erhielten.

Der Untersuchungsrichter fuhr in seinen Mitteilungen mit scheinbarer Ruhe fort, sprach von den freiwilligen Bekenntnissen des Verbrechers über sein Vorleben, seine Abenteuer, sein stufenweises Sinken und Versinken; endlich auch von den Geständnissen des Mordes an dem Bankier Buller und – an dem jungen Manne zur Zeit des letzten Maskenballes … Der Oberschulrat verstummte vor Schauder und Entsetzen – an der Türe des Kabinettes trat der Saum eines Kleides weiter vor – Hilarius glaubte auch eine bebenden Haarlocke an der Türe zu bemerken.

»Man hat seinerzeit so viel von zwei Damenmasken erzählt, die aus dem Wagen entflohen waren, in dem der junge Ermordete gefunden wurde«, sagte der Oberschulrat. »Hat der Mörder auch über diese viel erwähnten Personen Aufschluss gegeben?«

Hilarius hörte das Blut in seinen Schläfen pochen, als der Untersuchungsrichter mit außerordentlicher Selbstbeherrschung, scheinbar trocken, ja gleichgültig fortfuhr:

»Nein – das heißt, er hat über Namen und Familie der betreffenden Masken nichts mitgeteilt – er hat nur gestanden, dass er den jungen Mann ermordet habe aus Eifersucht wegen einer jener Damen, deren unnahbare Tugend ihn hoffnungslos abgewehrt hatte.«

Der Untersuchungsrichter fuhr fort, in Kürze über die Art, wie der Mord an dem jungen Manne ausgeführt worden war, mitzuteilen, und schloss dann mit der Bemerkung:

»Die Geständnisse des Mörders haben ausdrücklich dargetan, dass die beiden Damenmasken an der Bluttat vollkommen unschuldig waren. – Möge nun endlich auch den Armen, die seitdem so viel gesucht und verfolgt worden sind, die Erlösungskunde bald zu Ohren kommen, dass der Mörder selbst ihre Unschuld beteuert, ihre Namen aber der Öffentlichkeit aber nicht preisgegeben habe!«

»Welche Schrecken, welche Abgründe birgt das Leben! Welch' geheimes Herzeleid hat der Mensch durch Jahre seines Lebens oft zu ertragen!« sagte der Oberschulrat und stand auf.

Er gewahrte nicht, dass die Türe des Kabinetts bei diesen Worten sachte und bebend zugezogen wurde; Heft und Hut ergreifend, setzte der Oberschulrat hinzu: »Gehen wir!« Dann trat er an die Tür des Kabinetts, klopfte leise und sagte:

»Kinder, ich gehe. Die Versammlung wird beginnen, seht mit eurer Zeit zurechtzukommen, bis ich wieder bei euch bin!«

Hierauf sah er seine Begleiter gut und freundlich an und begab sich ohne Aufenthalt zur Festkapelle, wohin der Untersuchungsrichter und Hilarius, schweigsam und nur vielsagende Blicke wechselnd, folgten. – Hier kaum angekommen und noch in voller Bewegung über das Erlebte – wurde Hilarius, wie wir gesehen haben, von einem Vorfall zum andern fortgerissen – bis er, flüchtend nach der Einsamkeit einer Stelle hinter der Kapelle, die ersehnte Ruhe – und mit ihr die Muße wieder fand, der Schwestern Wahrberg zu gedenken, die er unter so vielbedeutenden Umständen verlassen hatte …

Wie stand es nun mit den schönen Schwestern? Hatte ihr Gemüt den Ansturm der Empfindungen, der Überraschung und Angst, des Entsetzens und Grauens, glücklich bestanden, und war es endlich durch schmerzhaft-wonnevolle Schauer bei jener ungetrübten Freudigkeit angelangt, die gleich einem lächelnden Maitag drohende Nebel niederschlägt und unbestritten herrscht?

Im ärgsten Drange der letzten Vorfälle hatte Hilarius der schönen Schwestern gedacht, hatte sie alle Phasen ihrer Seelenstürme durchkämpfen sehen vom ersten Erstarren des Schreckens bis zu Aufschrei höchsten Jubels, mit welchem sich die von einem tödlichen Alp so lange fast Erdrückten mit einem Male befreiten und erlösten!

Wo waren sie nun, die Glücklichen? Durfte ein Zeuge ihrer Seligkeit schon jetzt sich nähern?

Hilarius zweifelte nicht, dass die Schwestern nach dem ersten Siegesdurchbruch ihrer Freude die Enge ihrer Wohnung nicht ertrugen und ins Freie zu entkommen suchten. Er vermutete sie im fernsten Teile des Klostergartens, wenn nicht über der Umgrenzung des Klosterhofes hinaus – und wollte eben, um die Glücklichen wenigstens von Ferne beobachten zu können, Erkundigungen einziehen – als im Festraum der Kapelle ein Sturm von Beifall sich erhob, der nach kurzer Unterbrechung wieder und wieder, verstärkt durch Jubelruf, sich erneuerte …

Hilarius stand wie angewurzelt. Ein Gefühl des Schreckens und der Scham durchzuckte ihn; fliegende Röte ergoss sich über seine Wangen.

Sein Vater hatte offenbar die Eröffnungsrede eben beendet. Auf sie war Hilarius fast noch mehr als auf die Bekenntnisse der Jubilare gespannt gewesen. Dieser schöne, feierliche Moment, geeignet, eine unvergessliche Erinnerung zu bleiben, war nun unwiederbringlich verloren. Ja, das Unglaubliche war geschehen. Hilarius, der Schwärmer für die hohe Tagesfeier, bis zum letzten Tage vor dem Feste erkorener Stellvertreter seines Vaters, hatte sich weiter und weiter von dem Hauptereignis drängen lassen, so dass ihm, wenn er durch sein nachträgliches Erscheinen die Jubilare nicht unliebsam stören wollte, nur die Wahl blieb, wie ein unberufener Zeuge sich ungesehen in einen Winkel des Festraumes einzuschleichen.

Es lag darin eine herbe Ironie des Schicksals, die Hilarius peinlich empfand, aber auch nicht weiter herausfordern wollte.

Eben hatte ein zweiter Jubilar seinen Vortrag begonnen – nach Stimme und Gewandtheit der Rede der berühmte Abgeordnete und Minister; Hilarius, jeder andern Versuchung sich erwehrend, beschloss, auf einem der Emporien sich stille einzufinden und tat bereits die ersten Schritte – als ein Geräusch aus der Nähe ihn aufmerksam machte, an einem Vorsprung der Kapelle zwei Frauengestalten hervorkamen, leicht und schweigend den wildverwachsenen Raum hineilten und durch eine Lücke der Umfassungsmauer in dem anstoßenden Fichtenwald verschwanden. – Gestalt und Bewegung hatten dem ungesehenen Zeugen sogleich die Schwestern Wahrberg verraten; und da auch ihre Schleier zurückgeschlagen waren, so konnte Hilarius, wenn auch nur flüchtig, ihr Angesicht sehen; es war frei von den Schatten bisheriger Schwermut – und erleuchtet von jener Freudigkeit des Herzens, die Hilarius im Geist vorausgesehen!

Wieder kämpfte Letzterer einen Augenblick mit sich selbst, ob er folgen oder bleiben solle – als ein Ereignis ihn der Mühe überhob, einen schwierigen Entschluss zu fassen … Der zweite Redner im Festraum beschloss soeben seinen kurzen Vortrag unter Beifall – und diesem folgte eine allgemeine, geräuschvolle Bewegung der Jubilare; bald darauf ging die Pforte der Kapelle auf – und gruppenweise, in eigentümlicher Erregung, traten die Jubilare nach und nach heraus … Die Sitzung war unterbrochen worden in Folge eines Antrags, den der Präsident gestellt und den der Exminister kurz und kräftig unterstützt hatte; der Antrag war geeignet, den Zweck des Jubiläums in seiner Hauptbestimmung überraschend zu verändern …


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