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Sechzehntes Kapitel.
Heimanns Leben 2.

Heimann wusste, dass Recha mit dem halachischen Talmud sich leidenschaftlich beschäftigte und alles, was darauf Bezug hat, mit erstaunlicher Ausdauer las und begrübelte.

Flugs wurde das Hebräische, das Heimann auf der Universität mit Eifer betrieben, wieder hervorgesucht und häufig als Gegenstand der Unterhaltung mit Recha verwertet; allein das führte zu langsam vorwärts, und Heimann fand bald einen kürzeren Weg zum Ziele

Eines Abends nach einem Haustheater, in welchem er wieder einen Triumph gefeiert, näherte er sich der Verehrerin mit einem Zeitungsblatte, in welchem folgendes Inserat sich befand:

 

»Für wissbegierige Israeliten!

Eine zwanzigjährige Tochter Zions, reich und unabhängig, die sich lebhaft mit der Gelehrsamkeit des halachischen und mit der Schönheit des hagalischen Talmud beschäftigt, wünscht die Bekanntschaft eines gleichstrebenden jungen Mannes zu machen behufs regelmäßiger Studien und Disputationen in der angedeuteten Richtung.«

 

Heimann bemerkte: »Morgen melde ich mich, das hat sein Anziehendes!«

Recha knitterte das Zeitungsblatt zusammen und erblasste.

Sie ahnte die Gefahr einer solchen Annäherung; wie leicht konnten gemeinsame Studien gemeinsame Neigungen wecken, insbesondere bei Heimanns geselligen Vorzügen! Und gab der Akt des Inserierens nicht ohnehin Anlass zu dem Verdachte, dass es hier überhaupt auf die Eroberung eines jungen Mannes abgesehen sei?

»Sie werden sich also melden bei der Ineratendame?« rief Recha aufstehend und erregt. »Und meine Studien interessieren Sie nicht?«

»Schönste Recha!« rief Heimann mit gut geschultem Pathos, »ob mich Ihre Studien interessieren?« er sah sich vorsichtig um, ob die Fensternische, in welcher er stand, einen Kniefall vor Beobachtung sichere; und als dies nicht der Fall war, zog er nur die Hand Rechas an seine Lippen und sagte: »Bei allem, was mit teuer ist, sie interessieren mich, Ihre Studien; die Inseratendame wird mich niemals bei sich sehen!«

Recha drückte im dankend die Hand, warf ihm einen vielsagenden Blick zu und verlor sich unter den anwesenden Gästen.

Des andern Morgen dampfte Heimann eben seine Frühstückszigarre, als ihm ein duftendes Billet überbracht wurde, in welchem Recha ihn mit Erlaubnis der Eltern zu gemeinsamen Studien des halachischen und hagalischen Talmud einlud, die zum gelinden Schrecken Heimanns den größten Teil seiner freien Zeit in Anspruch nehmen sollten. Allein wer der Zweck will, muss auch die Mittel wollen; Heimann erwiderte sofort in einem feurigen Briefchen, dass er sich glücklich schätze, einer solchen Einladung gewürdigt zu werden, und schloss einige zarte Verslein bei, des Sinnes, dass er sich von diesen Studien »die höchste Fruktifizierung seines Glückes« verspreche! … Diese Phrase – damals noch ohne die später so verrufene Nebenbedeutung – verstand er allerdings etwas anders als Recha, die nur den schwärmerischen Ausdruck der Liebe darin sah. Und Heimann unterließ nichts, die Herzensgläubige in ihrer glücklichen Täuschung zu bestärken; denn die Studien und Disputationen gingen erst sachte und bald ausschließlich in die bunteste Unterhaltung über, das gemeinsame Blättern im Talmud hatte zuletzt keinen andern Zweck mehr, als so nahe als möglich zusammenzurücken, und jede kaum begonnene Disputation wurde von Seiten Heimanns mit dem Siegel eines Kusses rasch und energisch geschlossen, indem er ausrief: »Du hast Recht! Du hast immer Recht! Du mein einziger, Du mein liebster Talmud! …«

Eines Tages nahm Heimann an einem Festdiner teil, bei welchem der Champagner in Strömen floss und die »höhere« Stimmung einen tollen Charakter annahm. Heimann, der für einige zum Besten gegebene Toaste reichlich durch Beifall belohnt wurde und durch fleißigen Genuss des Perlweines sich selbst belohnen half, erinnerte sich mitten im Festjubel an die Stunde für halachische und hagalische Disputationen, war pflichttreu genug, aus den hochgehenden Wogen des Festes sich loszuringen und zu Recha zu eilen – aber auch mit dem festen Entschluss: »heute alles zu wagen!« Die Genüsse des Reichtums, die ihm heute die Sinne wieder ganz gefangen genommen, stachelten seinen von Humor beflügelten Vorsatz zum äußersten Schritte, und so rief er auf dem Wege zu Recha: »Ich wage es – ich wage es – mag daraus werden, was da wolle!«

Das Ein- und Auftreten Heimanns bei Recha war merkwürdig genug. Unverkennbar angeheitert, vom tollsten Humor gedrängt, suchte er nichtsdestoweniger eine ernste und gemessene Haltung zu behaupten, die bald einer köstlich imitierten Sentimentalität wich und jetzt zu einem so energischen Kniefall führte, dass Recha erschrocken von ihrem Stuhle auffuhr.

»Recha! Jetzt oder nie, wie Don Carlos sagt«, rief Heimann, – »jetzt oder nie muss die Entscheidung fallen. Du musst mein werden, mein sein – oder das Schicksal will einer Katastrophe Vorschub leisten – einer Katastrophe, sage ich …«

Recha sah starr auf ihn nieder: »Heimann, Heimann« – stotterte sie.

»Jetzt oder nie!« wiederholte Heimann und erhob die Hand wie zum Schwure.

»Aber, mein Gott – meine Eltern!« fuhr Recha fort.

»Eltern hin oder her; jetzt oder nie, wiederhole ich! Ich besitze das Geheimnis, jeden Widerstand Deiner Eltern zu brechen. Es kostet mich ein Wort, und der Widerstand ist beseitigt; mein Zauberspruch lautet: ›Ich trete zum Judentum über!‹«

Bei diesem Worte fuhr Recha wie aus einem Traume empor; mit einem halb unterdrückten Rufe, der Entzücken und Überraschung ausdrücke, wand sie sich aus Heimanns Händen los – stotterte: »Gott ist groß!« – und eilte nach den Zimmern der Eltern.


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