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Dreizehntes Kapitel.
Manneswort und Meinung

Altringer hatte in seiner Eröffnungsrede, nach herzbewegender Begrüßung der Freunde und Studiengenossen, an den schönen Tag jugendlicher Begeisterung in der Burgruine und an die feierliche Gelobung erinnert: nach fünfundzwanzig Jahren im Klosterhofe Rechenschaft abzulegen über die werktätige Befolgung jener Grundsätze, welche als höchstes Ziel der Mannestätigkeit und Würde aufgestellt wurden. Der hohe Tag jener Gelobung sei erschienen, fuhr er fort, dem schwärmerischen Rufe aus ferner Jugendzeit sei die Mehrzahl Kommilitonen gefolgt, einigen habe der Heldentod für Vaterland und Ehre das Erscheinen unmöglich gemacht, andere haben, wie es im Evangelium von den zum Hochzeitsmahl des Königssohnes Geladenen heißt: Acker und Hantierung vorgezogen, wieder andere, die bereits erschienen waren, haben sich veranlasst gesehen, vor Tag und Stunde der Bekenntnisse sich diesen wieder zu entziehen.

»Sei keinem der Letzteren ein Vorwurf daraus gemacht«, fuhr der Redner fort, »stehen wir doch alle noch mitten im Kampf des Lebens, nehmen wir doch nach dem schönen Tage des Wiedersehens die Waffen wieder auf, um an das Endziel unserer Bestrebungen zu kommen. Das Leben hat Mächte und Gewalten, die mit elementarer Überlegenheit gebieten, Anforderungen, die im rechten Augenblick nicht beachtet, schwere, nie wieder gut zu machende Folgen nach sich ziehen. Hätten doch die Freunde, die weggeblieben oder sich wieder entzogen haben, sich hierauf berufen und bedacht, dass jedem, der, wie wir alle, mit seiner Lebensrechnung noch nicht abgeschlossen, diejenige Rücksicht zugewendet würde, die einem Streiter des Lebens mitten im Kampfe gebührt. Es hätte die Andeutung genügt: ›Lasst die Frucht meines Lebens noch unberührt, sie muss im geheimnisvollen Dunkel des Laubes ausreifen oder sie verdorrt und muss vorzeitig fallen!‹ Die Nachsicht der Freunde wäre ihnen geworden. – Aber indem ich mir erlaube, diese Nachsicht zu betonen, bin ich ohne Zweifel dem Zwecke dieses Tages schon zu nahe getreten, der ja rücksichtlose Rechenschaft verlangt! – Verehrte Freunde! Dass ich's nur gestehe, nicht unbedacht ist dies geschehen. Denn je näher diese feierliche Stunde rückte, desto klarer ist es mit geworden, dass wir mit der Forderung rücksichtsloser Rechenschaft mehr einen schönen Zug des Herzens offenbart, als eine Aufgabe für Männer gestellt, die nur kurze Zeit das Schlachtfeld verlassen, den Kampf des Lebens aber noch nicht ausgefochten haben!«

Lautlose Überraschung folgte diesen Worten; Altringer fuhr fort:

»Sind und denn, muss ich fragen, die Ideale, welchen wir Rechenschaft ablegen sollen, unverändert noch dieselben, die wir am Tage jenes Beschlusses hegten und verherrlichten? Können wir heute als gegeisterte Jünglinge über uns selbst zu Gericht sitzen, indem wir als Männer unser Leben darzulegen haben? Ist nicht jeder von uns gewahr geworden, wie sehr die Ideale sich bescheiden lernen, je näher sie den Punkten rücken, die der Jugend aus der Ferne so heilsam und glanzvoll erschienen sind? Über welches Kriterium unserer Bekenntnisse vereinigen wir uns aber, wenn jene Ideale nicht mehr im vollen Glanz und Umfang gelten sollen? – Freunde! Oft ist mir's erschienen, als erzeuge jedes Leben erst selbst sein richtiges Kriterium und jedes sein besonderes. Ist doch, was wir Leben nennen, eine Mosaik von Zufall und Absicht, von Glücksgeschehen und schwer errungenen Trophäen der Arbeit, und ist doch beim Zusammensetzen dieser Mosaik die Hand eines unsichtbaren Schicksals mindestens ebenso tätig, als der Mensch mit aller Absicht, Einsicht und Vernunft! Wer – und hätte er das einfachste Leben darzulegen – liefe nicht Gefahr, die Gaben des Glücks und Zufalls den Verdiensten seines Verstandes zuzuschreiben und dadurch den hohen Grundsatz: ›Immer nur die Wahrheit!‹ zu verletzen, den wir einst begeistert hingestellt? Wer von uns wollte seiner Verdienste in Amt und Würden erwähnen, ohne gegen tausend Rücksichten zu verstoßen, die Bescheidenheit, Amt und Würden auferlegen? Und doch war unser Grundsatz: ›Überall und immer offenes Visier!‹ Wer von uns, der gerne im Verborgenen Gutes getan, wollte jetzt den Schleier lüften und Taten preisgeben, deren schönster Tugendwert gerade in Bewahrung des Geheimnisses beruht? Meine Freunde, sage keiner, nur in großen Zügen unser Leben darzulegen, wie es sich zu Staat, Religion, Bürger- und Nächstenpflichten verhalten, sei unser Jünglingsbeschluss gemeint gewesen! Wissen wir doch: nur wenigen – und diesen nur selten – ist es vergönnt, auffallende Taten im Guten und Schlimmen zu verrichten; aus kleinen und deshalb nicht wertlosen Schritten und Zügen besteht zumeist das Leben, und diese nicht beachten, heißt das Leben um den größten Teil des Verdienstes bringen und eine Rechenschaft darüber im Voraus entwerten! – Nein, verehrte Freunde! Bescheiden wir uns mit dem Hinweis, dass wir hier erschienen und bereit sind, Rechenschaft zu legen. Verwandeln wir diesen Tag ausschließlich in ein Freudenfest des Wiedersehens. Überlassen wir jedem, sich während unsers Hierseins seinen Vertrauten unter uns zu suchen und nach Bedürfnis seines Herzens dieses zu erleichtern; denn unbedenklich kann dem einzelnen Freundesbusen anvertraut werden, was zurückscheut vor der offenen Versammlung. Erneuern wir das Andenken an die Ideale schöner Jugendjahre; mögen sie als hohe, unerreichbare Sterne uns auch fernerhin noch leuchten! Sehen wir hinab in den Abgrund, welchen einer unserer besten Freunde und Genossen rettungslos verfallen ist. Lernen wir bei diesem Anblick die goldene Mittelstraße schätzen, die das Dauernde und Rechte, wenn nicht am glänzendsten und schnellsten, doch jedenfalls am sichersten erreichen lässt. Mein Lebensgrundsatz war und bleibt: der Mensch ermüde nicht, sein Herz zu veredeln, seinen Geist zu bilden und in jeder Lage würdig zu handeln; denn höher als zu einem trefflichen Menschen bringt es keiner! Kaiser, Könige, Kirchen- und Staatslenker, so blendend ihre äußere Macht und Stellung sei, unterstehen keinem anderen Urteil als der einfache Bürger und Tagewerker; zur Würde eines trefflichen Mensch zu gelangen, sind nur die äußeren Mittel verschieden. Die einen setzen weltgestaltende Kräfte in Bewegung, die anderen sind auf ihre Einsicht und ihrer Hände Kraft beschränkt! – Darum, werte Freunde, nehmen wir diesen Gedanken zur Richtschnur für die Zukunft und verzichten wir darauf, jenen Idealen Rechenschaft zu geben, vor denen weder wir noch irgendjemand, welcher menschlich unter Menschen wohnt, bestehen kann!« …


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