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Sechstes Kapitel.
Zum Abgrund

Wie ein Nachtwandler, der an gefährlicher Stelle nicht durch Zuruf geweckt werden darf, wurde der Gefangene schweigend und gestützt vom Richter und Verteidiger weitergeführt, und es blieb ihm wie bisher anheimgegeben, ob er freiwillig zur Entlastung innerer Bedrängnisse weitere Andeutungen über sein Leben geben wolle oder nicht; sollte ja in der Versammlung der Jubilare das bis jetzt nur teilweise enthüllte Schauerkleid den entsetzten Freunden und Richtern ganz vor Augen geführt werden. Und damit auch keine andere Störung den in sich Verlorenen wecken möge, wählte man zur Wanderung jene verborgenen Seitenwege, die nur selten und zur Stunde voraussichtlich von niemand betreten wurden.

Es blieb auch ringsum stille, bis man ganz am Ende des Gartens in der Nähe einer kurzen Lindenallee gelangte, wo zwei Wandernde schweigsam hin und wieder gingen.

Die schönen Schwestern Wahrberg waren es, welche diese Einsamkeit aufgesucht hatten, um still und ungesehen, ihre Arme um Hals und Nacken geschlungen, den letzten Dingern ihrer Tage nachzusinnen.

Der Staatsanwalt entdeckte sie zuerst und gab den Führern des Gefangenen einen Wink, links einzubiegen und die Richtung wieder nach dem Klosterhof zu nehmen; er konnte nicht umhin, während dies geschah, mit teilnahmsvollem Blick den Wanderinnen, die so tiefen Eindruck auch auf ihn gemacht, verstohlen nachzusehen.

Welche Gegensätze dort und hier!

Ein Weh, geheimnisvoll und rührend, die Schönheit wundersam erhöhend, dort; ein Verzweiflungskampf, abschreckend und entsetzend, in der Gestalt eines Verlorenen hier, der in rätselhaftem Wechsel zwischen Fieber und Ermattung einen Ausweg sucht – sich selbst – das ist der richtige Inhalt seines Sinnens – sich selbst zu entfliehen! … »Vergebens hier – vergebens in alle Zukunft!« stöhnen seine krampfhaften Lippen wie im Traum. Der kalte Schweiß tritt wieder auf seine Stirne, ihm folgt Fieberglut, wie von neu erwachten Stürmen angefacht, und rötet sein Angesicht bis über die Schläfe. Wild blickt er umher; kaum dass er seine Führer sogleich erkennt, die ihn wegen rascher Wendung des Weges kräftiger fassen mussten.

Erst die Rückschau nach dem Klosterhof, der Anblick des Weges, den sie zuvor gegangen, das Hervortreten des Baumes, unter dem er Monika zuletzt gesehen, schien den Gefangenen ganz zu sich zu bringen. Zwei Male hob es mächtig seine Brust, er schöpfte wie unter krampfhaften Beschwerden tiefauf Atem – worauf er mit einer Eile, ja Überstürzung, als wäre ihm nur noch kurze Frist gegönnt, sein Herz zu erleichtern, in seinen Bekenntnissen fortfuhr …

Nach Jahren wieder in die Hauptstadt seines Landes zurückgekehrt, allen seinen Bekannten unkenntlich, trat er als reicher Schottländer auf und war vorerst nicht genötigt, Gelder herauszulocken und schuldig zu bleiben. Eine Engländerin war ihm gefolgt, die er in einem Luxusbade kennen gelernt und wie ein Zauberer zu fesseln gewusst hatte. Sie war ihrer Familie entflohen, hatte an barem Geld und Pretiosen einen hohen Schatz mitgenommen, der nun in toller Verschwendungslust durchgebracht wurde. Ihrer bald genug überdrüssig, war er entschlossen, die Unbequeme nur zu dulden, bis der Rest des Schatzes vergeudet sein würde. Die Sucht nach Veränderung, nach den Reizen neuer Abenteuer spannt wieder alle Segel aus und fand auch bald den Gegenstand, der ihn maßlos anzog – der ihm aber alsbald auch als unerreichbar erscheinen musste. Eine Schönheit unvergleichlicher Art, berückend durch den Glorienschein unentweihter Reize, unnahbar durch ein Herz voll tugendfester Grundsätze, hatte seien wilde Sucht, zu siegen, bald zum Wahnsinn gesteigert, die von dem Augenblicke an alle Rücksichten bei Seite setzte, als kein Zweifel übrig blieb, dass das Herz der Wunderbaren bereits vergeben sei … Um in Verfolgung des Abenteuers durch die Eifersucht und Ansprüche der Engländerin nicht belästigt zu werden, verließ er diese früher als beschlossen war, sah sich dadurch genötigt, selbst wieder Gelder aufzutreiben, die er mit vollen Händen der Verfolgung seines Zieles und dem Spiele opferte, – und als die Gläubiger und Sicherheitsorgane ihn unentrinnbar zu umzingeln drohten, setzte er alles auf eine Karte, schlug den letzten Rest menschlicher Rücksichten in die Schanze, verließ für einige Tage die Hauptstadt und erschien erst wieder – mit Geldern so reichlich versehen, dass er alle Gläubiger zufrieden zu stellen und die Sicherheitsbehörde einzuschläfern vermochte; aber an diesen Geldern – klebte das Blut des ersten Mordes.

Sturmeder war dem Bankier Buller, der als Junggeselle lebte, auf seine Villa bei Sonndorf gefolgt und hatte dort nach sorgfältiger Vorbereitung aller Umstände den Raubmord ausgeführt.

Richter und Staatsanwalt nahmen nur durch Blicke Akt von diesem allgemeinen Bekenntnis und warteten mit Spannung ab, was der in wachsende Ekstase geratene Gefangene Weiteres gestehen würde.

Diesem schien nun jede Selbstbeherrschung verloren zu gehen, indem er fortfuhr, seine Leidenschaft und den vergeblichen Aufwand aller Mittel für dieselbe zu schildern. Je stärker sich die Nachfieber der ersten Bluttat einstellten und die Gefahr zunahm, von dem Auge der Gerechtigkeit als Mörder erspäht zu werden, desto maßloser wuchs die Begierde, sich durch einen unerhörten Erfolg zu betäuben. In seltsamster Vermischung toll-schwärmerischer Gefühle glaubte er mit der Angebeteten zugleich die Heilige zu erobern, die den Wunden und Fiebern seines Gewissens zu gebieten im Stande sein würde; doch wurde diesen und allen Illusionen mit einem Male ein Ziel gesetzt. Der Auserwählte, Sohn einer angesehenen Familie, war und blieb der Sieger über das Herz der Unvergleichlichen, und untrügliche Anzeichen ergaben, dass er im Begriffe stehe, um die Hand der Geliebten anzuhalten. – Alle guten Geister flohen nun aus der Brust des Abenteurers, und gespornt vom Dämon der Eifersucht und Rache – beschloss er den Tode des jungen Nebenbuhlers …

Eine Pause entstand jetzt, und der Gefangene unterlag einer tiefen Wandlung seiner Stimmung. Die bisherige Aufregung, immer unwillkürlich zu Geständnissen fortreißend, wich einer unheimlichen Ruhe, ähnlich der Ruhe vor einem Gewitter. Das fieberhafte Rot auf Stirn und Wange wich einer aschgrauen Blässe, und die zuckende Lippe schien sich zu bedenken, das Geständnis fortzusetzen. Als dieses wirklich geschah, schluckte die Stimme sich manchmal selbst, so dass es wie krampfhaftes Schluchzen klang; das Auge, wie von finsterem Weh umflort, sank zu Boden.

Kurz, dumpf und trocken klang zunächst die Mitteilung selbst.

Sturmeder hatte in Erfahrung gebracht, dass der Nebenbuhler der Geliebte und ihre schöne Schwester beredet habe, mit ihm den letzten Maskenball zu besuchen. Die Anstalten waren auf das Geheimnisvollste getroffen. Der junge Mann sollte um eine bestimmte Stunde in der Domhofgasse neben einem Schanklokale vorfahren und die Damen erwarten, welche, um ihr Vorhaben vor dem sittenstrengen Vater zu verbergen, bei einer alten Tante ihren Ballanzug besorgten. Zur bestimmten Stunde war der Wagen zur Stelle, der junge Mann saß wartend in der Wagenecke. Jetzt wurden in der Wohnung der Tante zwei bisher beleuchtete Fenster dunkel, vermutlich war die Toilette in Ordnung, und die Lichter folgten den schönen Masken in das Vorzimmer. – In diesem Augenblick rauchte der Rachedürstende aus dem Schatten einer Torsäule des Schanklokales hervor, wo er alles beobachtet hatte. Die Straße war stille; der Kutscher, um noch einen raschen Trunk zu tun, war einen Augenblick in die Schenke getreten; das war der Moment, wo Sturmeder kochenden Bluts, mit einer Wut, als gälte es, der Menschheit eine Vernichtungswunde zu versetzen, an den Wagen trat, den Schlag aufriss und mit Blitzesschnelle dem ruhig Wartenden ein Messer in die Brust stieß; den nur einmal Aufseufzenden in die Ecke festdrücken, den Wagenschlag wieder schließen und in die angrenzende Straße verschwinden, war das Werk des nächsten Augenblicks …

Nur einen Moment stockte hier die Stimme: dann fuhr sie, völlig verändert, von furchtbarer Bewegung durchzittert, fort:

»Jetzt schien eine Welt hinter mir zusammenzubrechen. Milliarden Wehrufe erbrausten in den Lüften über mir; ich floh, wie von unsichtbaren Ruten gepeitscht, von Straße zu Straße, von Stadtteil zu Stadtteil. Um eine Ecke biegend, riss es mich plötzlich zu Boden. Ich glaubte die Stimme meiner guten Mutter zu hören, ganz wie in frühen Kindertagen. – ›Bruno‹, rief sie, ›was hast Du getan?‹ Um dieser Stimme zu entfliehen, raffte ich mich wieder auf, floh ohne Ziel dahin, und immer und immer rief die bebende Mutterstimme: ›Was hast Du getan?‹ Ich suchte Zuflucht in einem Gastlokale, das von aufgeregten Stimmen erbrauste, goss Glühwein auf die zuckenden Lebensgeister, aber aus dem Gewirre der Stimmen schien es fort und fort zu tönen: ›Der ist's! Der hat es getan!‹ – Ich flüchtete wieder ins Freie, von der kalten Nachtluft Mäßigung des Blutes erwartend; aber immer und immer war die klagende Mutterstimme über mir: ›Was hast Du getan? Wie hast Du auch sie, die Unschuld, verwundet!‹ – Unnennbar war mein Gemüt zerrissen – ich sah Mariens Gnadenbild mit dem Schwert im Herzen, sie trug Julianas Antlitz; ich hatte mit dem Stoße in die Brust des Nebenbuhlers auch ihr Herz durchbohrt – und nun war zu Ende alles Glück, alle Ruhe, aller Frieden auf Erden! – Wie im Wahnsinn trieb es mich zum Ballgebäude; eine aufgeregte Menschenmenge umschwärmte das Tor, die Sicherheitswache stellte zahlreichere Posten auf, nur langsam und mit Vorsicht vermochten die noch kommenden Masken die Vorfahrt zu vollenden. – ›Eine Leich ist im Wagen gefunden worden – zwei Frauenmasken sind daraus entschlüpft und in den Ballsaal entkommen‹ – so lief es von Mund zu Mund; ›sie müssen den Mord begangen haben, alle ist in Bewegung, sie zu finden, zu ergreifen!‹ … Und mit einem Male erlag ich einem Weh ohne Grenzen. Die Vorstellung der Angst, des Schmerzes, der Verzweiflung Julianens, die flüchtend und verfolgt im Gewühle der Masken herumirrt, hilflos, verlassen; ah! wie von Rachegeistern mit glühenden Spießen gejagt, eilte ich von dannen. Die Stimme der Mutter immer über mir: ›Was hast Du getan? Wie hast Du sie verwundet!‹ Ich widerstand den Qualen nicht mehr länger – beschlossen ward, dasselbe Mordmesse, das den Nebenbuhler getroffen, sollte mich durchbohren – mich, das Schandmal der Menschheit, den Bluthund, der das Allerheiligste angetastet, den Frieden der Unschuld gemordet; nur einmal, einmal nur wollte ich sie noch sehen – den Schmerz in ihrem Antlitz sehen, den Schmerz der Heiligen, um dann – um dann …«

Die Stimme erstickte. Schaum trat auf die Lippen. Das Blut schoss ungestüm gegen den Kopf des Unseligen, die Augen traten, starr auf einen Gegenstand gerichtet, weit aus ihren Höhlen; da plötzlich – Richter und Staatsanwalt hatten nicht Zeit, sich zu fassen – hatte der Gefangene sich ihren Händen entrissen, mit Blitzesschnelle dem Baum sich genähert, auf welchem Monika das Messer zurückgelassen – und mit dem Rufe: »Ich habe sie gesehen – habe den Schmerz im Antlitz der Heiligen gesehen«, bohrte er sich das Messer mit heftigem, dumpf tönendem Stoße tief in die Brust.

Zusammensinkend und röchelnd fiel er dem zueilenden Richter und Staatsanwalt in die Arme – das brechende Auge noch starr nach der Stelle gerichtet, wo die schönen Schwestern Wahrberg soeben hervorgetreten waren und ohne Ahnung, was unweit ihrer stillen Wanderung vorfiel, nach dem Klosterhofe zurückgingen.


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