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Vierzehntes Kapitel.
Für und wider. Der geheimste Grund

Die stürmische Begrüßung dieser Ansprache schien gleichbedeutend mit der Annahme des Vorschlags, auf die »Generalbeichte« zu verzichten. Sichtbar erleichtert atmeten viele auf, die bis zur letzen Stunde mit sich selbst nicht recht ins Gleiche kommen konnten; leidenschaftlich erregt gaben andere schon während des Beifallsklatschens durch Nicken und Zurufe ihren Nachbarn zu verstehen, wie ihnen aus der Seele geredet worden; und als die Unterbrechung der Sitzung beschlossen war, beeilten sich diese, die günstige Stimmung bei den Freunden zu erhalten und den erwünschten Beschluss herbeizuführen.

Allein weit leichter ist's, die Herzen der Menschen mit Sturm zu nehmen, als in einer gewissen Übereinstimmung für die Dauer zu erhalten. Der augenblickliche Schwung bringt besondere Interessen zum Schweigen, die sofort wieder in den Vordergrund treten, wenn die Pulse langsamer gehen und das mitreißende Beispiel zu wirken nachlässt. – So mancher, der bei seinen Bekenntnissen im Gedränge gewesen wäre, fühlte nach der augenblicklichen Befriedigung, dieser Beichte überhoben zu sein, doch recht lebhaft, wie viel Schönes und Geistreiches er vorzubringen gehabt und wie das Ganze seines Lebensbildes als wohlgerundete Leistung gar erfolgreich gewirkt haben müsste. So mancher, nicht ohne Grund auf eine Errungenschaft des Lebens stolz, bedauerte im Stillen, einer so guten Gelegenheit beraubt zu werden, seiner Verdienste pflichtschuldigst zu gedenken. Insbesondere der Pastor, der – zur Steuer der Wahrheit sei es hervorgehoben – nach der Präsidentenrede nicht applaudiert hatte, war von der Änderung der Tagesordnung nicht erbaut. Er hatte große Dinge vorgehabt für das innere Heil der Bruderseelen und war seit Langem bestrebt gewesen, an den dünnen Faden seiner Erlebnisse gleich Paternosterkügelchen am Rosenkranz neukirchliche Traktätlein reihenweise und endlos anzufügen. Er war auch der erste, der bei den in der Kapelle Zurückgebliebenen ernst und grade gegen das Erlassen der Bekenntnisse auftrat und manchen auch ins Wanken brachte, bis ihn plötzlich ein Gegenagitator die halben Erfolge rasch wieder entriss. Es war der Schauspieldirektor. Dieser war von dem Antrag des Präsidenten anfangs auch nicht sonderlich befriedigt gewesen und machte Miene, mit dem Pastor um die Wette dagegen zu agitieren; allein von dem Augenblicke an, wo er sich sagte, dass gerade sein witziger und pointenreicher Vortrag bei dem Festbankett in Form eines Toastes sich weit glücklicher verwerten lasse, als in einer ernsten, schwerfühligen Versammlung, war er Feuer und Flamme für den Vorschlag des Präsidenten und betrieb nun die Agitation dafür mit staunenswertem Eifer und Erfolg. Gleich einem parlamentarischen Einpeitscher flog er von Gruppe zu Gruppe und ruhte nicht eher, als bis die Jubilare wieder im Festraum versammelt waren, Altringer seinen Antrag formulierte und zur Abstimmung brachte. Die ganze Versammlung, mit Ausnahme des Pastors, erhob sich für den Antrag und – beglückwünschte sich selbst zu diesem Erfolg durch demonstrativen Beifall.

Von diesem Augenblicke an schien ein neuer Geist über die Jubilare zu kommen, ein Geist festlichen Urbehagens, ungetrübter Munterkeit. Wer durchaus sich gedrängt fühlte, einige »unvorbereitete« Worte an die »Freunde und Brüder« zu richten, ersah sich das Festbankett als die geeignete Gelegenheit – und es waren nicht wenige, welche diesen Sprecherdrang verspürten, darunter der Pastor, welcher retten wollte, was eben noch zu retten war. Wie ernst der Letztere diesen Vorsatz nahm, war aus dem Umstande zu ersehen, dass er sich behufs Umwandlung seines Vortrages in Toastform auf sein Zimmer zurückzog, während die übrigen Jubilare von dem Festraum aus, wo die Vorbereitungen zum Bankett sofort begannen, nach allen Richtungen des Klosterhofes sich zerstreuten, um die nächste Stunde so gut und munter als möglich hinzubringen. Hierbei suchten und fanden die sympathisierenden Charaktere sich bereits zusammen; kleinere und größere Kreise waren gebildet, ehe man's dachte, deren angesehenster wohl aus dem Exminister, Medizinalrat und Altringer bestand. Einige Feinschmecker, wie der Ästhetiker und Justizrat, saßen alsbald wieder bei Heimann'schen Weinen und Delikatessen, während der Verwaltungsrat mit Genossen, verstärkt durch die beiden Komiker, gleich parlamentarischen Wilden überall flüchtig zusprachen und endlich selbst bis in die Werkstätte des Festbanketts, die Küche, vordrangen, wo sie zu großer Augenweide Monika und zwei hübsche Hilfsköchinnen entdeckten, und kaum wieder hinauszuschaffen waren. – Einen ganz vertraulichen Kreis hinter Schloss und Riegel bildete der Schauspieldirektor mit den Journalisten und einige Jubilaren, die vor Kurzem bei Altringer gegen die Zulassung von Berichterstattern lebhaft gesprochen hatten. Es mochte Letzteren nun doch sehr erwünscht erscheinen, auch ihre Toaste in den Blättern hervorgehoben zu sehen, und so stießen sie recht animiert mit den »Vertretern der öffentlichen Meinung« an und ließen im Voraus einige Hauptgedanken »zu beliebigem Gebrauche« durchblicken …

Nur für wenige Augenblicke gelang es Hilarius, seinen Vater allein zu sprechen. Der letzte Beschluss der Jubilare hatte ihn auf das Höchste überrascht, er wollte lange nicht glauben, dass es sein Vater gewesen, welcher den Antrag auf Erlass der Bekenntnisse gestellt habe. Die Gründe diese Antrags kennen zu lernen, war Hilarius nun sehr gespannt.

Er drückte vor allem, da er mit seinem Vater allein war, sein Bedauern aus, die Festrede versäumt zu haben und erwähnte mit sichtbarer Verlegenheit der Umstände, welche ihn von dem Hauptereignis des Festes abgedrängt hatten.

Altringer lächelte und sagte: »Über meine Ansprache kannst du gelegentlich das Nötige erfahren; aus den Umständen, die Dich so unversehens von dem Ziele ablenkten, ersiehst Du wieder die Macht des Zufalls, die eine so bedeutsame Rolle im Leben spielt.«

Hilarius drückte nun seine Verwunderung aus, wie sein Vater zu dem Beschlusse Anlass eben konnte, der dem Jubiläum einen ganz anderen Charakter verleihen musste.

Hierauf erwidert Altringer nach einer Pause:

»Mein Sohn, dies ausführlich zu erklären, muss ich einer ruhigeren Stunde vorbehalten; für den Augenblick genüge Dir, was ich Dir vertraue.«

Er wiederholte in Kürze, was er in der Versammlung gesprochen und fuhr dann fort:

»Hierbei verschwieg ich zwei Punkte, die mich mehr als alle anderen zu dem Antrag bewogen haben. – Ein feierliches Gelöbnis, wie das unsere, kann seinen Wert und seine Würde nur bewahren, wenn alle, die es abgelegt haben, dasselbe auch bei veränderter Stimmung und Ansicht noch schätzen und hochhalten. Unser Schwur war der Ausfluss einer höchst sittlichen und patriotischen Begeisterung, und je höher die Wogen jugendlicher Schwärmerei dabei gingen, desto mehr gibt dies Zeugnis von dem schönen vollen Schwung unserer Gemüter. Solche Augenblicke verdienen unsere Achtung, unsere pietätvolle Erinnerung auch in späteren Jahren umso mehr, als das Leben dem Gemüte nur selten Anlass gibt zu ungetrübtem Aufschwung. Bei welchen Gesinnungen und Stimmungen meine Kollegen nach fünfundzwanzig Jahren auch angelangt sein mochte, dem heutigen Festtag durfte keiner ferne bleiben, dem nicht Krankheit oder zwingende Lebensumstände das Kommen unmöglich machten. Keinem konnte zugemutet werden, dasselbe jugendliche Herz, dieselbe Begeisterung und Schwärmerei mitzubringen; allein von jedem durfte verlangt werden, dass er des schönen Tages edler Begeisterung wenigstens pietätvoll gedenke, wie ja auch das Herz die reine Lehre der Religion über den Kämpfender Konfessionen hochhalten soll. Mir war die Aufgabe zugefallen, die Ehre und Würde des Tages zu wahren, und da war es vor allem meine Pflicht, jeder vornehm-frivolen Handlung des Tages die Spitze abzubrechen und jede Ausbeutung des Festes zu persönlich-eitlen Zwecken abzuwehren. Dass der Reichskanzler und der jetzige Staatsminister gehindert waren, ihren Geschäften einen Tag für die heutige Feier abzuringen, wirst Du wohl nicht ernstlich glauben, mein Sohn. Ich sah aus ihren Entschuldigungsschreiben ihr vornehmes Niederlächeln auf uns alle, die mit der Eierschale jugendlicher Schwärmerei auf den alternden Häuptern hierher kommen und mit rührender Einfalt ihr Pater peccavi hersagen würden. Ich musste mit Verdruss gewahren, wie andere es kaum der Mühe wert hielten, sich durch ein paar nichtssagende Zeilen zu entschuldigen, der rschriftlichen Bekenntnisse gar nicht zu gedenken, zu denen sie im Falle ihres Ausbleibens verpflichtet waren. Wie neugierig mögen diese ›des Ausgangs‹ harren, um dann ›als praktische Männer‹ über die ›abgelegten Beichten‹ sich berichten zu lassen und sie zu belächeln! – Aber, mein Sohn, vielleicht hätte ich durch diese Wahrnehmung mich noch nicht bestimmen lassen, dem Jubiläum eine so gründliche Wendung zu geben, wenn nicht eine nähere Gefahr mich zu einem raschen Schritte gedrängt hätte. Eine kurze Beobachtung meiner alten Freunde genügte, zu entdecken, dass eine Anzahl derselben weit entfernt sei, Bekenntnisse abzulegen, die ihr Leben offen und ehrlich den Jugendidealen gegenüber hielten, dass sie vielmehr den Zweck verfolgen würden, sich in aller Form und auf Kosten der Wahrheit ein eitles Zeugnis ununterbrochenen Wohlverhaltens auszustellen, ja sogar – wie ich aus Bemerkungen der Verwaltungsrates entnommen – den heutigen Tag für Privatinteressen auszunützen gedenken. Da fehlte eben nur noch, dass der Verwaltungsrat als Pointe seines Vortrags die Glückseligkeitslehre von der Börse und von den Gründungen ausspielte und uns Kommilitonen zur Abnahme seiner Schwindelaktien presse – um die Feier und Würde des Tages unheilbar zu schädigen! – Nun galt es, unverweilt zu handeln und mit Hilfe der Überraschung mehr als durch Beredsamkeit der Frivolität, der Unwahrheit und der eigennützigen Entwürdigung des Tages zuvorzukommen. Meine Eröffnungsrede, seit längerer Zeit mit Sorgfalt gedacht und geformt, ging von Grund aus in Trümmer, und ich war gezwungen, mitten im Gedränge erschütternder und verwirrender Ereignisse mich zu einer Improvisation zusammenzufassen, deren bester Teil der Erfolg ist, welchen sie errungen« …


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