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Neunzehntes Kapitel.
Fest-Telegramme. Zugereiste. In stillem Kreise.

»Liebe Recha! Der Coup ist gottvoll ausgefallen! Es rast der See von Beifall; unter Glockengeläute – verzeih' diese Reminiszenz – der von unserem Champagner schäumenden Gläser jubeln begeisterte Stimmen Deinen Namen durch den Festraum! Wir haben uns verewigt! Kind und Kindeskinder werden von uns erzählen! Der Segen Gottes und der Börse kann nicht ausbleiben! Küsschen! Schnüsschen! Dein überexener Heimann!«

Der Abgang dieser Depesche fiel in die den Fest-Telegrammen an Frauen, Kinder, Freunde, Bekannte, öffentliche Blätter gewidmete Stunde.

Zwei Boten mit Depeschen waren immer unterwegs zwischen Klosterhof und Thalbrücken. Einer dieser Boten, der um vier Uhr ein Ränzchen mit begeisterten Drahtmeldungen führte, setzte sich neben den Kutscher auf den Bock eines Wägelchens, welches die in starre Apathie versunkene, irrsinnige Künstlerin nach der Landes-Irrenanstalt brachte …

Um diese Zeit betrat den Klosterhof ein Photograph, der die Jubilare in ein Gesamtbild zusammenfassen wollte; und gleich nach ihm erschien auch eine Gesangskünstlerin, die zur Verherrlichung des Tages durch ein Konzert beitragen wollte; es war die Europa-, Asien-, Afrika- und Amerka-Sängerin Fräulein von Tiefensee …

Ganz in der Stille, feierlich bewegt und froh erregt hatte sich inzwischen in dem Zimmer der »Urahne« ein kleiner Kreis von Wohlbekannten zusammengefunden: Altringer und seine Sohn, die sich dem Jubeltreiben unbemerkt entzogen hatten, und Hilarius' Mutter.

Letztere war nach wenigen Stunden höchster Beseligung, in einem schönen, würdigen Anzug, kaum noch zu erkennen. Stattlich erhob sich ihre einst so viel bewunderte Gestalt; ihr immer noch schönes, großes Auge leuchtete von seelenvollem Glanze; ihre Wangen waren leicht gerötet. – Zu sprechen wurde ihr noch schwer, a sie fühlte, dass jedem freudigen Worte der Ausbruch kaum niedergekämpfter Rührung folgen würde. – Sie hatte ungesehen, von Blumen- und Blätterschmuck verdeckt, auf einem Emporium dem Festbankette beigewohnt und unter unsäglicher Freude und Bewunderung Altringer und ihren Sohn reden gehört. Bei der plötzlichen Herausforderung des Letzteren durch den Theaterdirektor, und da Hilarius einige Augenblicke befangen und unsicher schien, presste ihr Entsetzen und Verlegenheit das Herz zusammen, denn sie glaubte nicht anders, als Hilarius werde sich unmöglich helfen können, er müsse wenigstens stecken bleiben. Als er sich aber so mutig und beifallbelohnt durchgeschlagen hatte, weinte und schluchzte sie vor Freude so laut hinter ihrem Blätterversteck, dass nur der Lärm im Festraum ihre Entdeckung verhinderte …

Nachdem die »Urahne«, wie eine Verklärte dasitzend, die Drei, leise sprechend, mit ausgestreckten Armen gesegnet hatte, ließen sich diese an ihrem Lager nieder, und Altringer besprach sein Vorhaben für die nächste Zukunft. – Danach sollte Hilarius' Mutter noch kurze Zeit im Klosterhofe bleiben, sich erholen und stärken, während Altringer in die Hauptstadt zurückkehrte, sein Amt niederlegte und seine Verhältnisse dort in jeder Weise in Ordnung brachte. So bald als tunlich, wollte er zurückkehren, in kleinem, vertrauten Kreise mit der wiedergefundenen Mutter seines Sohnes den feierlichen äußeren Lebensbund abschließen und vom Klosterhofe aus ein schönes Gut beziehen, das ihm Roland zum Kaufe anempfohlene und dessen Kauf bereits gesichert war.

»So, liebe Regina«, schloss Altringer, »wird Dir noch einiger Ersatz geboten werden für Deine unsäglichen Leiden. In der Hauptstadt hättest Du Dich nicht mehr gefunden, aber auf unserem Landsitz kannst Du noch heimisch und glücklich werden. – Sei denn getrost! Sei glücklich und froh! Und erhalte Dich Gott noch lange mir und unserem lieben Sohne!«


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