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Siebenzehntes Kapitel.
Bühnen-Jubilars Bekenntnisse

»Meine Damen und Herren! Ich habe mir die Frage aufgeworfen, ob ich auch würdig und berufen sei, es wagen zu können, nach so hervorragenden und ausgezeichneten Rednern, wozu ich vornehmlich meinen geehrten Vorredner zähle, an dieser Tafelrunde das Wort zu ergreifen, und ich habe die Frage zu meiner vollen Zufriedenheit gelöst. (Heiterkeit.) Auch habe ich mich gefragt, ob ich nach der Ausnützung geeigneter Stoffe noch eine würdigen Gegenstand zu einer Tischrede finden dürfte, und ich danke meinem Hausgott Jehovah, mitteilen zu können, dass über den wichtigsten und teuersten Gegenstand noch nicht gesprochen worden ist – über meine Person! (Heiterkeit, Beifall.) Obwohl es nach dem Beschlusse meiner ehrwürdigen Kollegen eigentlich nicht gestattet ist, persönliche Bekenntnisse abzulegen, so glaube ich doch, dass die Freundinnen und Freunde um des ausgezeichneten Gegenstandes willen, über den ich sprechen werde, gestatten und beistimmen, dass ich einen Lebensumriss gebe. (Heiterkeit, Zustimmung.) Indem ich für diese Erlaubnis insbesondere den Damen meinen verbindlichsten Dank sage, verspreche ich so kurz und kurzweilig als mit hingebungsvoller Liebe zu dem Gegenstande mich auszulassen. (Heiterkeit. Eine Stimme: Zur Sache!) Ich bin bei der Sache, denn ich bin ganz bei mir selbst! (Gelächter. Der Tafelmeister: Göttlicher Kerl!) Die Wiege meiner Urahnen stand am Fuße des Libanon. Zwischen dieser Tatsache und meiner Geburt in Reuß-Greiz-Schleiz liegt tiefes Dunkel, welches einige Ähnlichkeit hat mit dem Unschuldsdunkel unseres Bruders Pastor, der so trefflich zu beurteilen weiß, was der Religion und Poesie zuträglich ist. (Heiterkeit, in die der Pastor einstimmt.) Dass das Schicksal etwas Besonderes mit mir vorhaben musste, beweist schon der verdächtige Umstand, dass es mich in die Gesellschaft meiner heute hier versammelten Freunde geführt hat, von denen freilich noch nicht zuverlässig gesagt werden kann, dass sie ganz tadellos gehandelt haben, als sie mich in den Ruinen-Rütli-Schwur verwickelten. (Gelächter. Eine lachende Stimme: Schlagt ihn tot!) Wenn die Länge des Weges, den ich in deutschen Vaterländern, Beschäftigung suchend, zurückgelegt habe, ein Beweis ist, dass ich unsern Idealen ernstlich nachgegangen bin, so habe ich mit keinem meiner Jubiläumsbrüder einen Vergleich zu scheuen; denn nachdem ich, ungebührlich erwachsen, den Reuß-Greiz-Schleiz'schen Staub von den Füßen geschüttelt, bin ich von Erziehung Berliner, aus Liebhaberei Österreicher und aus Verdruss (Regierungs-) Mecklenburger geworden. (Heiterkeit.) Auf diesem langen Umwege erwuchs ich aus Leidenschaft zum Schauspieler, aus der nicht mehr ungewöhnlichen Sucht, binnen Kurzem reich zu werden, zum Theaterdirektor; und ich müsste unbescheiden sein, wenn ich verschweigen wollte, dass ich beides, Schauspieler und Direktor, mit seltener Auszeichnung bin. (Gesteigerte Heiterkeit, Beifall.) Von dem Staate, dem ich aus Liebhaberei angehöre, hat ein berühmter Mann einst gesagt, er sei stets um eine Idee und eine Armee zurück. Dies ist nicht mehr zutreffend, seitdem ich diesem Staate angehöre; denn ich bin stets um ein Bonmot und eine Reklame voraus. (Anhaltendes Gelächter.) Wer von dieser Behändigkeit sich überzeugen will, lese ein heute eingelangtes Zeitungsblatt, in welchem über unsere Festlichkeit, einschließlich meiner erfolgreichen Rede, bevor sie noch stattgefunden haben, ausführlich berichtet ist; dies konnte nur meine natürliche Anlage und langjährige Übung zu Stande bringen. (Gelächter. Pressvergehen! Vor das Schwurgericht!) Wenn Sie nach der Ausdauer meines deutschen Patriotismus fragen, so diene Ihnen, vielgeliebt Freundinnen und Freunde, zur Notiz, dass mein deutscher Patriotismus niemals ganz erloschen ist, trotzdem das neue Vaterland, in dem ich mich aus Liebhaberei niedergelassen, vom deutschen Reiche ausgeschieden wurde. mitten im ewigen Wechsel von Regierungssystemen bin ich hier gegen Herrscherhaus und am Ruder befindliche Personen stets loyal geblieben und habe bei vielen Gelegenheiten im Sinne unserer Ideale im Verborgenen Gutes getan, indem ich bei Festlichkeiten keine Landes- und Stadtfahnen vom Theaterbalkon flattern ließ, ohne an den Fahnenstangen, klein und verborgen, mein geliebtes schwarz-rot-goldenes Bändchen hängen zu haben. Dies ist stets dem Volk, aber auch der Polizei verborgen geblieben. (Heiterkeit.) Was meine religiösen Überzeugungen anbelangt, so genügt wohl die Andeutung ›Libanon‹, um niemand zu der Kritik herauszufordern, dass es nicht weit her sei damit! (Heiterkeit.) In der Liebe zum schönen Geschlechte war ich – mit Beschämung sei's gestanden – stets den größten Schwankungen unterworfen; dagegen war ich – und das ist mein Trost – unter allen Verhältnissen der Liebe zu meiner Schönheit treu geblieben! (Anhaltendes Gelächter.) Dies in Kürze mein bescheidenes, tadelloses Leben, dem meine Freundinnen und Freunde ihre Anerkennung nicht versagen werden, wie es meine unbedingte Bewunderung lange schon besitzt!« (Allgemeines Ergötzen, Beifall und Zurufe.)


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