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Zehntes Kapitel.
Ein Wiedersehen

Ein neuer Gast war im Klosterhof erschienen, der, wie sehr man auch an Überraschungen gewohnt war, doch sofort den Zusammenlauf der im Erdgeschoß Beschäftigten veranlasste.

Eine Frauengestalt, imponierend durch Größe und Haltung, unheimlich durch die starren Züge des Gesichtes und den wilden Blick des unsteten Auges, hatte sich am Tore aufgestellt, eine unvollständig besaitete Harfe von der Schulter geladen und auf dieselbe gestützt, eine Gesangsvortrag begonnen, der das Entsetzen vollendete, welches die durch bunten, verwitterten Flitterstaat abenteuerlich aufgeputzte Erscheinung erregte. Waren die Worte des Vortrags wirr und ohne Zusammenhang, so war die schneidige, stets mit ganzer Kraft einsetzende Stimme, begleitet von den melancholisch-distonierenden Harfenakkorden geradezu unerträglich.

Der Portier hatte bei dem ersten Blick erkannt, dass man es mit einer an Geist und Gemüt Verstörten zu tun habe; er trat daher vor, reichte der Bedauernswerten aus eigener Tasche eine Gabe, um sie zu bewegen, von derm Gesange zu lassen und sich zu entfernen. Allein die Sängerin setzte, in dem sie die lohnende Hand des Portiers verächtlich zurückstieß, ihren Gesang nur energischer fort und maß den Verwegenen, der sie zu stören versucht hatte, mit durchbohrenden Blicken. Als dieser seinen Portierstock drohend zu Boden stieß und das gehörmarternde Geschrei rundweg zu endigen befahl – unterbrach die Sängerin mit einem gellen Aufschrei ihren Vortrag – stützte sich mit der linken Hand auf die Harfe und nahm eine hochtragische Stellung an, indem sie die rechte Hand gebietend aufhob und, gegen die herbeigeeilten Hausgenossen gewendet, aus irgendeiner Tragödie mächtig und ergreifend die Worte rezitierte:

»Noch bin ich Königin – und Tod und Leben
Hängen an dem Winke dieser Hand!«

Hierauf die Harfe wieder erfassend, ging sie mit dem wohlgeschulten Bühnenschritt einer Tragödin gerade auf die Versammelten zu, und als diese zurückwichen, machte sie selbst wieder Halt und sagte, die pathetische Betonung beibehaltend:

»Die Festlichkeit hat ihren Anfang genommen; so meldet nun die Königin des Reichs!«

Der Portier, einen Augenblick ungewiss, was er beginnen solle, trat nun wieder entschlossen vor, fasste die sich malerisch Drapierende kräftig am Arm und forderte mit Nachdruck, die Possen sein zu lassen und sich zu entfernen! – In diesem Momente blitzte ein frisch geschliffener Dolch, den die Fremde aus ihrem Gürtel gerissen, über dem Kopfe des Portiers, und unter wildem Geschrei ergriff ein Teil der Zuschauer die Flucht, der andere eilte dem Bedrohten zu Hilfe und half der Rasenden die Waffe entreißen … Mit dem Dolche schien der Letzteren ein Talisman der Macht und Stärke genommen zu sein, und eine Ahnung ihres Zustandes schien ihr aufzudämmern; sie lehnte sich ermattet an die Harfe, ließ die entwaffnete Hand kraftlos niedersinken und sagte mit von Tränen erstickter Stimme:

»So flieht alles dahin – meine Freude, meine Schätze; und von den Freunden ist keiner geblieben, keiner! – Was wollt ihr von einer Armen, die nur bitten kann: Erbarmen!«

Das leise Schluchzen ging allmälig in heftiges Schüttern über, das aufbrausenden Zorn und Empörung ankündigte und mit hinreißender, tragischer Kraft fuhr die Mitleid und Erbarmen Erregende fort:

»Es sei! – O, sie mögen sich vorseh'n! – Noch bin ich, was ich bin! – Euch alle fordr' ich auf zu Zeugen, wie verfolgt ich bin; ich, die Königin! Fühlen sollen die Sklaven, was mein Machtwort, was Rache ist. Du, Verräter, und Du, den ich an mein umworbenes Herz gezogen – seid verurteilt! Seid gerichtet! Tod über euch! Tod und Vernichtung!«

Und ein zweiter Dolch, den sie verborgen im Kleide getragen, blinkte in der Luft. Er wurde ihr ebenfalls entrissen; diesmal durch Hilarius, der hinzugetreten und rasch entschlossen der Drohenden in den Arm gefallen war; so hielt er sie auch ferner fest und führte sie, um der Szene im Freien ein Ende zu machen, nach der anstoßenden Schenkstube, wo sich eben kein Gast befand. Er bat nur Meinböck, zwei Diener und den Kellner, ihm zu folgen; die Übrigen ersuchte er, zu ihren Beschäftigungen ruhig zurückzukehren. – Seine freundliche Zusprache, sein scheinbares Eingehen auf die wirren Ideen der Unglücklichen wirkten auf diese so beschwichtigend, dass sie sich die Harfe ohne Widerstand abnehmen, von Hilarius an den mitten in der Schenke stehenden, großen Tisch führen und hier setzen ließ.

»So«, sagte er, »hier kann Ihrer Majestät große Angelegenheit ausgetragen werden. Die Schuldigen sollen ihre Strafe – die Unschuldigen ihre Belohnung haben. Ich bin Zeuge und Richter zugleich – ich kenne alle und werde Rechenschaft fordern. – Nun aber Stärkung für die Königin! Bringt Wein, bringt das Beste für die Tafel!«

Der Kellner beeilte sich, den Auftrag auszuführen, während die Unglückliche, müde und gerührt über die hilfreich-milde Behandlung, den Kopf sinken ließ, die Hände in den Schoß legte und nur schweigend, wie es schien, mit staunendem Wohlgefallen ihre Blicke auf Hilarius heftete. Dieser fuhr mit seiner Zusprache so lange fort, bis die Erschöpfte etwas Wein und Speise genossen hatte, dann bemerkte er zu Meinböck, welcher sich neben ihm niedergelassen hatte:

»Sorgen wir vor allem für ein Gemach, wo Ihre Hoheit von der weiten Reise ungestört ruhen und dann die Festlichkeiten frisch gestärkte genießen kann!«

Hilarius bezeichnete die durch die Abreise des Mönchs freigewordene Zelle, und Meinböck entfernte sich; dann fuhr er fort:

»Was geruhen Ihre Hoheit inzwischen zu befehlen?«

Sie sah sich nach der Harfe um und erwiderte: »Ich will ihr Schicksal singen.«

Die Harfe wurde gebracht, ein peinliches Präludium begann, und starren Auges, mit etwas gemäßigter, aber nicht wendige verletzender Stimme wurde eine Ballade vorgetragen, deren Text mit Ausnahme einiger Anspielungen auf Schönheit, Macht und Glanz sowie auf Untreue und Abfall, nicht zu fassen war.

Hilarius wurde es erspart, der Sängerin, nachdem sie geendet hatte, eine Bemerkung über ihre Leistung zu machen; denn dieselbe hatte am Schluss ihres Vortrages durch die hinter Meinböck offen gebliebene Türe einen unter dem Torbogen langsam durchfahrenden Wagen entdeckt, sprang auf, warf die Harfe von sich und rief, der Türe zuschreitend, »Meine Equipage! Nun kommen die lange entbehrten Huldigungen wieder!«

Es war ein geschlossener Wagen, der vor dem Tore halten sollte, um den Richter, Staatsanwalt und Verteidiger nach Sonndorf zurückzubringen.

Hilarius, der die Bestimmung des Wagens kannte, gab scheinbar zu, dass derselbe zu Diensten der Verstörten vorgefahren sei, fasste aber zugleich die gravitätisch zur Türe Hinausschreitende fest am Arme, um sie nach der für sie bestimmten Zelle des Mönchs zu führen.

Die Absicht schien auch ganz nach Wunsch zu gelingen, als unversehens, von einer Nebentreppe herkommend, zwei Hausknechte auf einer Tragbahre den sorgsamst in Decken gehüllten Verwundeten nach dem Hofraum trugen und hier mitten in den Weg niederstellten, den Hilarius gehen wollte. Da auch der Wagen, in welchen der Gefangene gehoben werden sollte, in der Nähe hielt, so sah sich Hilarius plötzlich unliebsam von seinem Ziele abgeschnitten und war in nicht geringer Verlegenheit, die Verstörte zu beschäftigen, bis der Durchgang wieder frei sein würde.

Er grüßte den am Wagen stehenden Arzt, welcher den Gefangenen in den Wagen schaffen und dann nach Sonndorf begleiten sollte, stellte ihn dann mit einem Wink der Verständigung seiner Begleiterin vor und sagte: »Unser Hausarzt; er ist da, um Ihrer Hoheit seine Dienste anzubieten.« – Die Angeredete neigte den Kopf, als nehme sie die Meldung gnädig hin, dann drückte sie die flache Hand gegen die Stirne und sagte dumpf und müde:

»Hier – hier! – nun, nun, wir werden ja wohl sehen!«

Gebeugt und teilnahmslos beobachtete sie dann die Bewegungen der Träger, die den Verwundeten von der Tragbahre nahmen und nach dem Wagen trugen.

»Wer hat dem Manne weh getan?« fragte sie halblaut und ließ ihr traumhaft-starres Auge auf dem Gefangenen ruhen, während der Arzt, welcher seine Aufmerksamkeit zwischen den Trägern und der seltsamen Damenerscheinung teilte, einen geeigneten Augenblick benützte, um Hilarius leise zu fragen:

»Wie kommt diese Fremde in den Klosterhof?«

Hilarius gab eine flüchtige Aufklärung und fragte seinerseits: »Kennen Sie dieselbe?«

»Ehemalige Hofschauspielerin, berühmt durch ihre Kunst wie durch die Erfolge ihrer Schönheit«, erwiderte der Arzt. »Seit Jahren wiederholt der Landes-Irrenanstalt übergeben und wieder frei gelassen!«

Doch war es Zeit, die Aufmerksamkeit wieder dem Gefangene zuzuwenden, welcher bisher, wie in einer Ohnmacht liegend, die Augen geschlossen hatte und jetzt, wahrscheinlich durch das Heben in den Wagen geweckt, erst wie schlaftrunken, dann völlig wach um sich blickte und zuletzt, in der Ecke des Wagens lehnend und schmerzlich atmend, durch das Wagenfenster nach der fremden Dame starrte. Auch diese wendete keinen Blick von ihm und begann, wie Hilarius mit Unruhe gewahrte, an allen Gliedern zu beben und heftig zu atmen.

Der Arzt, ohne den Grund dieser Bewegung zu ahnen, erkannte sofort, dass es nicht ratsam sei, dem Gefangenen, dessen Auge immer starrer wurde, ja grässlich hervortrat, den Anblick der Fremden länger zu gestatten; er stieg in den Wagen und gab das Zeichen zur sofortigen Abfahrt. – In diesem Moment war auch Hilarius nicht mehr im Stande, die konvulsivisch Aufrasende festzuhalte; sie riss sich mit unbändiger Heftigkeit los – jedoch nur, um unter mark- und beinerschütterndem Aufschrei, beide Hände krampfhaft gegen die Stirne pressend, jählings zusammenzubrechen.


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