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Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Nachwort

»Bald nach Deiner Abreise«, fuhr Altringer fort, »war mein Übel wieder ganz beseitigt, und ich beschloss, Dir nach dem Klosterhof zu folgen. Ich wollte Dich im Auge behalten, Dir im Falle unerwarteter Bedrängnis zu Hilfe kommen, unter allen Umständen aber am Jubiläumstage den Vorsitz übernehmen.

Meine Abreise geschah in aller Stille; niemand sollte ahnen, wohin und in welcher Absicht ich die Reise antrete.

Da ich Deine Reiseroute mit Dir vereinbart hatte, konnte ich dir mit Leichtigkeit folgen. – Du warst mit in heiterer Stimmung vorausgegangen; hattest Dir überall während des kürzesten Aufenthaltes Freunde erworben – besonders im ›blauen Träubel‹ zu Hallbach«, bemerkte der Altringer lächelnd. »Ich erfuhr dies ohne Umfrage, denn es war noch überall von Dir die Rede.

Thalbrücken hatte ich zur Schlussstation ersehen. Hier war ich dem Klosterhof nahe, konnte ohne Schwierigkeit über die dortigen Vorfälle in Kenntnis gelangen und gegebenen Falles rasch zur Hand sein. Um Deine Mitteilungen sofort zu erhalten, legitimierte ich mich bei der Post. Ich hatte Deine Briefe eine halbe Stunde nach ihrer Aufgabe bereits in Händen; meine Antworten schickte ich nach der Hauptstadt, wo sie durch meinen Freund Haller für Dich auf die Post kamen. Deine wenigen Depeschen ließ ich ruhig an den Ort ihrer Bestimmung gelangen, da ich binnen einigen Stunden deren Inhalt erfahren und durch den Freund beantworten lassen konnte.

Die Prozessgeschichte war beigelegt – Deine Nachrichten über die arme Frau vom Lande hatten mich befriedigt: Du wirst über die Unglückliche das Denkwürdigste noch erfahren … Die Vorboten des Jubiläums, einzelne Gäste, kamen bereits an; da beschloss ich, einen Tag in Sonndorf zuzubringen, um der Gerichtsverhandlung beizuwohnen, welche mit Recht so großes Aufsehen erregte. Obwohl ich den Staatsanwalt und den Vorsitzenden des Gerichtshofes kannte, wollte ich doch mein Inkognito nicht aufgeben und mischte mich bescheiden unter das in Scharen zuströmende Publikum. Es war gerade der Tag, an welchem das Zeugenverhör beendet wurde und der Staatsanwalt das Schlusswort erhielt.

Erschüttert, entsetzt hatte ich während der Rede Rohrbachs, die den Schuldigen wie ein umzingeltes Wild enger und unentrinnbarer in seine Beweis- und Anklageringe einschloss, länger und schärfer ins Auge gefasst – als mir die Züge des Verbrechers (dessen jetzt erst entdeckter Name mir bereits aufgefallen war) trotz der krassen Entstellungen, die ihnen ein maßlos ausgeartetes Leben aufgeprägt, mehr und mehr bekannt erschienen. Noch schwankte ich zwischen Gewissheit und Zweifel, als der Blick des Verbrechers auch mich entdeckte, wie mit Fanghacken sich an mein Antlitz heftete – im Anschauen erstarrte, in sich zu kehren schien – feucht wurde – um plötzlich in einer wahrhaft dämonischen Glut aufzulodern und eine jähe Gemütskatastrophe anzukündigen.

Der Angeklagte – seinerzeit einer der vortrefflichsten Gelobenden, mit allem ausgestattet, im Leben hervorzuragen, einer meiner besten Freunde – hatte mich erkannt und sich plötzlich an unsern Schwur, an den Tag des Jubiläums aufgerüttelt und von einem romantischen Zuge hingerissen, bat er, die Verhandlung abzubrechen, ihm in die Gefängniszelle zu folgen. Dort ersuchte er um die Begünstigung, beim Jubiläum erscheinen zu dürfen, wo er – der bisher verschlossen war wie ein Turm ohne Zugang – über sein Leben und seine Schuld offen und ohne Rückhalt Rechenschaft ablegen – ungeahnte Geständnisse machen wolle …

Dies alles hast Du bereits durch Deinen Freund Rohrbach erfahren; dass er Dir nicht auch meine Anwesenheit und vom dem, was in Sonndorf weiter vorfiel, Mitteilungen machte, geschah auf meinen ausdrücklichen Wusch; ich selbst wollte Dich im Klosterhof überraschen und dein Berichterstatter sein.«

Mit großer Selbstüberwindung hielt Hilarius mit dem zurück, was ihm das Herz bewegte, um die Mitteilungen des Vaters nicht zu unterbrechen; dieser fuhr nach einer Pause fort:

»Dem Verbrecher war kaum gestattet worden, beim Jubiläum zu erscheinen, als er mit Heftigkeit ersuchte, unter den Zuhörern des Gerichtssaals mich ausfindig zu machen und zu ihm zu führen … Unschwer wurde ich gefunden, und in der seltsamsten Stimmung begab ich mich zu ihm …

Mein Sohn! – Möge Dir ein solches Wiedersehen nie das Herz erschüttern; es ist für den Schuldigen eine Qual, nicht zu schildern, für den Reinen ein Weh, nicht zu sagen … Ein Verbrecher lag an meinem Halse, dessen jahrelang betäubtes, scheintotes Gewissen plötzlich wieder auflebt und rücksichtslos seine Geißel schwingt … Wie fließend Blei rannen die Tränen des Verlorenen über seine gefurchten Wangen und brannten auf meiner Hand; wie Todeszucken trieb und stockte der Atem in seiner Brust; er gestand Dinge, enthüllte Geheimnisse, die jeder Vorstellung von wildester Verruchtheit spotten! … Doch Du wirst ja hören – zwar nicht mehr von ihm selbst, doch durch die mildere Wiedergabe der Berichte, was diesen unglücklichen Kollegen erst schrittweise, dann aber in jähem Falle unter die schwärzesten Verlorenen stürzte! … Und vieles, mein Sohn, was er mit gestand, betrifft auch mich – auch Dich – und manche Personen, die uns nahe – und bald näher stehen werden.« …

Altringer zog ein Paket hervor und übergab es versiegelt, wie es war, dem Sohne.

»Hier ist enthalten«, sagte er, »was Du zunächst erfahren darfst und sollst. Öffne es nicht jetzt, auch morgen nicht früher, als Du an dem Orte angekommen bist, den ich Dir bezeichnen werde … Dort lies«, fuhr er mit bewegte Stimme fort, »dort erstaune – aber freue Dich auch der Enthüllung, obgleich dieselbe der schwärzesten Menschenbrust entstammt!«

»Vater!« rief Hilarius, das Paket mit Zögern nehmend, in höchster Neugierde und Spannung.

»Überwinde Dein Herz nur noch für wenige Stunden«, fuhr Altringer fort, »Dich wird der Tag mit seinen Ereignissen mehr als entschädigen … Für jetzt wisse nur noch, dass der Verbrecher von dem Augenblicke unserer Begegnung an mich nicht mehr von seiner Seite lassen wollte, um unter der Last seiner Schuld nicht zu erliegen, um stark genug zu bleiben bis zum Tag der Abrechnung. Er beschwor mich bei den Erinnerungen, die aus unserer Jugend wie Sterne einer besseren Welt herüber leuchten, ihm meine Nähe nicht zu entziehen; und auch die Richter baten, dem Schuldigen als Halt zu dienen, damit er die Kraft bewahre, seine Geständnisse ohne Rückhalt abzulegen. So kam es, dass ich bis zur Überführung des Verbrechers nach dem Klosterhof in Sonndorf blieb und nach meiner nächtlichen Ankunft hier, statt Dir meinen erwünschten Besuch sogleich zu machen, aufs Dringlichste in die Gefängniszelle gerufen wurde, wo der Verbrecher Anfälle von Tobsucht hatte und erst durch meine Anwesenheit und Zurede wieder ruhiger wurde … Und nun zur Ruhe, mein Sohn; Gott führe den Jubiläumstag weihevoll herauf und segenbringend vorüber.«

*


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