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Neuntes Kapitel.
Die Heimkehr aus der Stadt. Zweierlei Bericht. Der nächtliche Besuch

Für den folgenden Morgen war beschlossen, wieder gemeinsam zu frühstücken und gegen elf Uhr bei schönem Wetter zu Fuße nach der nächsten Post zu gehen, um dort entweder Herrn von Jeneveldts Rückkehr oder wenigstens einen Brief von ihm zu erwarten.

Friedrich begab sich daher um halb zehn Uhr nach dem Schlosse, wo er die Damen bereits in vollendetem Anzug beisammen traf.

Man ging nach kurzem Verweilen aus dem Garten nach Ottos Kabinett, wo das Frühstück aufgetragen war.

»Sie sehen, Fritz«, sagte Frau von Jeneveldt, ins Zimmer tretend, »wir haben uns wie trauernde Hinterlassene meines Sohnes in dessen Kabinett eingebürgert, hier versammeln wir uns des Morgens zuerst, hier bringen wir die meisten Stunden des Tages gemeinsam hin. Er ist ja unser einziger Gedanke, unser gemeinsamer Kummer! In diesem bescheidenen Raume hat mein Otto so lange gehaust – ach, Sie wissen ja selbst gar wohl, Fritz, wie heilig ihm dieses Zimmer gewesen ist – ich wüsste nicht, wo ich mich ihm näher fühlen könnte als hier.«

Friedrich erzählte aus dem frühen Jugendleben der Freunde einige Momente, welche den Raum desselben Zimmers zum Schauplatz gehabt; sie waren durchaus ergötzlicher Natur, weshalb auch unvermerkt der Ton der Wehmut, den Mutter Jeneveldt angeschlagen, aufgehoben wurde.

Indem Frau von Vollwarth und Mathilde dankbar für diese Wendung zu Friedrich aufblickten, nahmen sie die gute Gelegenheit wahr und lenkten das Gespräch noch weiter auf allerlei, das trösten und erheitern musste.

In Folge dessen fand man sich denn wohl gestimmt beim Frühstückstisch beisammen.

Friedrich erzählte jetzt unter anderem von der Absicht seiner Eltern, ihre Wirtschaft zu vergrößern, und fügte am Schlusse scherzend hinzu:

»Da kann es bald geschehen, dass ich als major domus einen Teil der Hausmacht meiner Eltern auszuüben in die Lage komme. Die bloße Erwartung dessen hat mir heute den Weg hierher bereits ganz anders erscheinen lassen. Ich habe mir weniger die Blümelein am Wege als die Halme der Saaten, mehr die Wolken als Regenbehälter denn als Zierden des Himmels betrachtet. Wundern Sie sich daher nicht, wenn ich, falls wir auf unserem Wege tüchtig durchnässt werden sollten, etwas stark erfreut aussehe, denn ich werde die Tropfen auf meinem Hut vergessen über den Strömen von Segen, die ein milder Frühlingsregen meinen Fluren bringt.«

Dies gab nun Anlass zu allerlei Erörterungen, bis man merkte, dass es hohe Zeit sei, den Spaziergang zu beginnen.

Als Mathilde auf dem Wege eine Feldblume pflückte und ihren äußerst zarten Bau wie die feine Färbung bewunderte, erzählte Friedrich Folgendes:

»Ich begegnete einst auf einer Wanderung über Feld einer armen Bauersfrau, die eben, einen Bündel Raingras tragend, sich nach Haus begab; knapp an ihr vorübergehend, bemerkte ich unter den Gräsern und Blumen ihres Bundes ein besonders zartes Gewächs von äußerst schöner, hellblauer Färbung. Ich blieb stehen, bat auch die Frau ein wenig still zu halten und mir die Blüte zu überlassen. Lächelnd gewährte sie mir dies, besah sich auch nun selbst die kleine Pflanze, konnte aber doch nicht umhin, zu bemerken: Armes, unnützes Feldgras, Herr, das besser gar nicht auf die Welt käm'; aber wenn's beliebt, fügte sie hinzu, in meinem schlechten Gärtlein daheim stehen andere Blumen, da kommet einmal, Herr, da sollt Ihr haben, was Euch besser ansteht! Und in der Tat nahm ich aus Neugier die Einladung an und kam auf meinem Rückweg nach dem Gärtlein jener Frau. Aber wie erstaunte ich, da nichts zu sehen als Büsche von Salbei und die einfachste Gattung von Rosen und Nelken! Die Frau aber pflückte mir einen hübschen Strauß davon und sagte: Das ist doch etwas anderes als all' das schädlich Ding da auf dem Felde draußen! Ich dankte, lobte die Blumen ihres Gärtleins und ging nachdenklich fort. Ich konnte nicht sogleich erraten, wie eine so auffallende Befangenheit des Urteils möglich war! Die Gartenblumen hielten auch nicht entfernt den Vergleich mit vielen Wiesen- und Feldblumen aus – und dennoch eine solche Parteinahme für jene! Endlich glaubte ich etwas aufzufinden, was einer Erklärung ähnlich sah, ich dachte: Sieh' das Volk ist gewohnt, sich täglich, was es braucht und was es haben möchte, durch Arbeit zu erringen. Arbeit und Genuss, Genuss und Arbeit gehen bei ihm Hand in Hand, und infolgedessen scheint ihm ein Genuss, zu dem sein Verdienst oder seine Anstrengung in keinem Bezuge steht, dein rechter Genuss. Die Feldblume, welche ihm üppig zwischen den Ähren emporwächst, hat es weder die Absicht gehabt zu pflanzen, noch ist es ihm erwünscht, sie auf dem Acker zu sehen; der Nutzen des Feldes macht es blind gegen die Schönheit jeder unnützen Pflanze, und auch an Wiesenblumen geht es gleichgültig vorüber, da sie ihm nur Futter sind oder wenigstens keine Pflege gekostet haben. Anders nun bei Blumen des Gartens! Diese muss das Volk sich pflanzen, muss für sie den Boden umgraben, muss sie begießen, muss um ihretwillen auf Wind und Wetter achten – das Volk verdient sich durch Sorge und Mühe den Anblick und den Geruch der Blume – und darum, darum besonders gewährt die Gartenblume, und wäre sie auch tausend Male unbedeutender, mehr Behagen als die Feld- und Wiesenblume – darum wird sie wohl diesen so auffallend vorgezogen … Nur bei Kindern …«, fuhr er fort und wollte noch eine Bemerkung hinzufügen, aber Mathilde fiel ihm ins Wort:

»Ach, dass Sie mir den Gedanken von den Lippen nehmen, Erbacher – ja, ja – bei Kindern findet sich unparteiische Liebe für jede Gattung Blumen noch ungetrübt! Kinder haben sich weder für die Blume des Feldes noch für die Blume des Gartens bemüht, beide sind für ihr Auge, für ihr bloßes Verlangen vorhanden, ja die frei dastehenden Wiesen- und Feldblume hat einen Vorzug mehr, indem sie dem Belieben des Kindes jederzeit erreichbar ist, während die Gartenblume gefangen innerhalb ihrer Umzäunung dasteht und ihren Farbenschimmer meist nur aus der Ferne genießen lässt! Ich erinnere mich noch recht gut, wie mir als Kind nichts so herrlich vorkam, als mitten durch hohes Gras und Blumen einer Wiese zu gehen und sagen zu könne, was Du von all' den Dingen wünschest, das ist Dein!«

»Ja, ja«, sagte ihre Mutter lachend, »wir sind auch nie auf das Land gekommen, ohne dass Du ganze Garben von Feld- und Wiesenblumen mit heimgebracht hättest, so dass ich oft nicht wusste, wo Platz und Gefäße finden, um den Reichtum in dem Zimmer unterzubringen.«

Es fehlte nicht an weiteren Anregungen zu ähnlichen Gesprächen, und da man von Zeit zu Zeit auch stehen blieb, um sich einen Gegenstand zu betrachten, so verging mehr als eine Stunde, bis man bei der nächsten Post ankam.

Jetzt war es hohe Zeit!

Denn man hatte sich kaum vor dem Postgebäude niedergelassen, als in einiger Entfernung das Posthorn erklang und der Wagen die Straße daher rollte.

Klopfenden Herzens, errötend und erblassend, trat Frau von Jeneveldt bis an den Rand der Straße vor, und in großer Entfernung folgte ihre Begleitung – als auch bald aus dem Fenster des Postwagens ein Männerkopf blickte – der Kopf des Herrn von Jenefeldt.

Er grüßte und winkte mit dem Schnupftuch aus dem Wagen, und ehe fünf Minuten vergingen, stand er grüßen und umarmend unter seinen Lieben.

Mutter Jeneveldt brach unaufhaltsam in Tränen aus und konnte die Frage nicht länger unterdrücken:

»Eduard, wie geht es unserem Sohne?«

Herr von Jeneveldt schien nicht gesonnen, sofort die verlangte Auskunft in Gegenwart fremder Menschen zu erteilen; er nahm daher mit gefasster Miene, die ihn freilich Überwindung kostete, seine Frau an der Hand und sagte:

»Wir wollen da hernach mit Muße besprechen; vor der Hand sei ruhig, es ist so schlimm nicht, als Du fürchtest.«

Nach diesen Worten sorgte er, dass sein Gepäck auf seinen Wagen überladen werde, dann ließ er schnell noch eine Chaise vom Postmeister holen, damit alle zu Wagen und bequem nach dem Schlosse zurückkehren könnten, hierauf sagte er:

»Nun kommt! Eine Strecke lasst uns zu Fuße gehen, damit ich nur das Nötigste erzähle!«

In einiger Entfernung vom Postgebäude fuhr er fort und erzählte, was er erlebt hatte mit Umgehung jener Umstände, welche das Herz seiner Frau zu sehr beängstigt haben würden.

Im Ganzen hob er hervor, dass nun in wenigen Tagen ein Brief von Otto hier sein werde, dass sie ihm nun künftig auch schreiben dürften, dass Otto treffliche Freunde gefunden, welche ihm die Haft so gut als möglich erleichtern würden.

Frau von Vollwarth konnte nicht umhin, sich sogleich nach einem deutschen Offizier, Namens Lieder, der sich bei dem Gouverneur befände, zu erkundigen und zu bemerken, dass es ein sehr guter und zuverlässiger junger Mann sei, den sie kenne und der gewiss nicht ohne Einfluss auf Ottos Behandlung sei.

Herr von Jeneveldt erwiderte:

»Ei, mit diesem jungen Manne bin ich allerdings zusammen gekommen. Ohne zu wissen, in welchem Verhältnis Otto und ich zu Ihnen stehen, hat er sich doch als wackerer Mensch gezeigt und mir namhafte Dienste geleistet. Ich habe ihn schon auf der Hinreise kennen gelernt, habe ihn dann beim Gouverneur und bei der Frau von Sellwitz wieder gesehen und bin gewiss, dass er fortfahren wird, für Otto zu wirken. Schade aber immer, dass ich nicht Ihre Grüße habe melden können. Indessen soll er sie alsbald erfahren.«

Im Schlosse angekommen, wurden dann die Berichte vervollständigt und ihre Wirkung besonders dahin gerichtet, dass Vertrauen auf Erfolg bei der Frau von Jeneveldt erzielt ward; ihre einzige Klage blieb jedoch:

»Meinen Sohn nicht einmal gesehen! Ihm nicht einmal in wenigen Zeilen sagen dürfen, dass Du ihm nahe, für seine Befreiung und Erleichterung tätig seiest!«

Nachdruck legte Herr von Jeneveldt auf die kräftige Verwendung seines Freundes, Professor Ernst, dessen Familie er mit solchem Behagen und solcher Heiterkeit schilderte, dass unwillkürlich, namentlich die Damen eine gute Stimmung überkam.

Als Herr von Jeneveldt sich umgekleidet und durch einen Imbiss gestärkt hatte, begab man sich nach dem Garten, wo der Frau von Vollwarth gelegentlich zugeflüstert wurde:

»Seien Sie der liebe Seelenarzt meiner Frau, scheinen Sie ihretwillen stärker und getrösteter als Sie sind!«

Frau von Vollwarth nickte zustimmend und erfüllte ihr Versprechen im Laufe des Tages auf das Rühmlichste.

Gegen Friedrich verhielt sich Herr von Jeneveldt indessen anders.

Ihm erzählte er ohne Rückhalt, was er auf der Reise und in der Stadt erlebt, und fügte hinzu:

»Nachdem ich auf diese Weise mit Schrecken entdeckt hatte, dass auch Frau von Sellwitz im Dienste der französischen Polizei stehe, nahm ich unter dem Vorwand, noch vor Tagesanbruch reisen zu müssen, von der Dame Abschied und eilte, so spät es war, zu meinem Freunde Professor Ernst, dem ich das Vorgefallene erzählte. Wir hatten bis nach Mitternacht eine lange Besprechung über manches, was Sie hören werden, Fritz; dann begab ich mich in meinen Gasthof zurück, machte mich reisefertig, und nach kurzem Schlafe saß ich morgens sechs Uhr im Wagen, um – sehr enttäuscht und sehr bekümmert zurückzukehren … Ja, Fritz«, fügte er nach einer Pause hinzu, »ich sorge – wir haben Otto zum letzen Male gesehen – mein Sohn – Ihr Freund – hat wenig oder gar keine Hoffnung, gerettet zu werden.«

Friedrich stand am Fenster eines kleinen Gartenhauses und blickte schweigend in die Ferne; dann drängte er ein aufsteigendes Weh seines Herzens mit Kraft hinunter und sagte mit Ruhe:

»Ich hoffe – man werde aus Ottos Schicksal ein Schreckens-Exempel für viele statuieren wollen. Ist das der Fall, und ich glaube daran – so haben wir den großen Vorteil – dass wir Zeit gewinnen … Es ist in diesem Augenblick nicht die Zeit, eine Demonstration mit Ottos Tode zu machen – man wird die Demonstration sparen, bis etwa Frankreich in Spanien oder Russland einen Unfall erlitten; träfe das ein – dann, ja dann könnte Ihr Sohn, mein Freund, verloren sein – es müsste denn bis dahin etwas ausgesonnen sein, was retten könnte …«

Man gönnte den Männern nicht länger eine Unterredung unter vier Augen.

Die Damen traten in das Gartenhaus und machten das Gespräch zu einem allgemeinen, tröstlicheren, worauf man gemeinschaftlich zu Tische ging.

Bei Tische und während des Nachmittags boten die Männer alles auf, den wehmütig nachdenklichen Sinn und die oft mitten im Gespräch laut werdenden Klagen der Frau von Jeneveldt zu zerstreuen; Frau von Vollwarth unterstützte die Männer kräftig, und selbst Mathilde gab sich Mühe, äußerlich nicht so traurig auszusehen, als sie wirklich war.

Man hatte es auf diese Weise gegen Abend dahin gebracht, Frau von Jeneveldt in erträglicher Stimmung zu sehen, und sie sagte zuletzt:

»Bin ich nicht gezwungen, Euerm Zuspruch und meiner Sehnsucht nach Hoffnung nachzugeben? Soll ich Eure Mühe durch Tränen und Klagen belohnen? Nun gut, nun gut; Ihr sollt mich heiterer sehen; Otto ist in Gottes Hand wie wir alle – man sagt, was man fest will und durchaus erwartet, das geschehe: ich will und erwarte, dass mein Sohn gerettet werde – und nun hoffen ich, soll das Schicksl dem Glauben und Verlangen meines Herzens auch Genüge tun!«

Man zollte diesen Worten lebhaften Beifall, und Friedrich benützte den guten Augenblick, sich für heute, das es Abend wurde, zu empfehlen …

Als er die Allee zum Dorfe hinab ging, fühlte er wohl, dass er sich noch lange nicht in jener Stimmung befinde, welche nötig war, um seinen Eltern, die gewiss sogleich nach Ottos Schicksal fragen würden, ruhig vor Augen zu treten; auch hatten seine aufgeregten Gedanken noch manches ohne Zeugen auszufechten; er beschloss daher, noch eine gute Weile im Freien zu verbringen.

In Folge dieses Beschlusses lenkte er rechts von der Allee nach einem Feldweg ab und schien es dem Zufall heimzugeben, wohin ihn seine Schritte führen.

Der letzte Schimmer am westlichen Himmel war verschwunden, der Abendstern begann sich dem Horizont zu nähern – als Friedrich sich nach langer Wanderung erinnerte, es sei nun Zeit zurückzukehren.

Er war nicht wenig überrascht, jetzt erst zu bemerken, wie weit er von dem Heimatdorf entfernt war, denn er hatte selbst den Nachbarort im Rücken.

Er lenkte also um und wollte auf dem kürzesten Wege heim, als er plötzlich stille hielt und seine Augen auf einem einzeln stehenden, von altem Mauerwerk umgebenen Hause ruhen ließ, dessen Fenster nur dämmernd beleuchtet waren.

Was auch Friedrich beim Anblick dieses Hauses denken mochte, so viel war entschieden, dass er sich nach kurzem Überlegen dem unheimlichen Aufenthalte näherte, an die verriegelt Türe pochte und auf die mit heiserer Stimme von innen gestellte Frage, wer draußen sei, kurz damit erwiderte: »Nur aufgemacht – gut Freund ist da!«

Nun aber wollte diese Antwort nicht genügen, denn statt der Türe ging ein kleiner Fensterflügel auf und ein Kopf, dessen Züge nur ungenau zu sehen waren, streckte sich heraus.

»Verzeihen Sie, mein Herr – wer Sie auch sind – es ist Nacht, und dieses Haus ist eines armen Mannes Schutz – verzeihen Sie, dass ich nochmals frage, wer sie sind, warum Sie zu diesem armen Hause kommen«, sagte die Stimme.

»Seid ruhig, Elias!« erwiderte Friedrich, »ich bin Euch kein gefährlicher Gast, macht aus – Ihr kennt den Erbacher in Voralm – ich bin sein Sohn!«

Sofort flog der Fensterflügel zu, und nach wenigen Augenblicken tat sich der Haustürflügel auf.

»Welche Ehre! Welche Ehre, junger Herr!« rief der Hausbewohner, »hätt' ich doch bei Patriarchen und Propheten schwören können, dass mir heute solche Ehr' nicht sollt zuteilwerden!«

Der Sprecher dieser Worte hob ein Gefäß mit einem Flämmchen, das nicht größer war als eine doppelt genommene Erbse, um zu sehen, ob es Friedruch wirklich sei, der ihn besuchen kam; bei dieser Gelegenheit fiel auch ein Schimmer von Beleuchtung auf das Gesicht des Hausbewohners, das sich keineswegs erbaulich ausnahm.

Friedrich schien nicht gesonnen, seine Unterhaltung unnötig in die Länge zu ziehen, er sagte daher, der Hauswart möge ihn entweder in die Stube führen oder mit ihm auf und ab gehen, um eine einfache Angelegenheit zu besprechen.

Sie es, dass Elias eine Besprechung in so später Abendstunde lieber zwischen vier Mauern als im Angesichte des Himmels führen wollte, er winkte in das Haus, verriegelt dann die Türe und sagte:

»Wir reden hier, junger Herr; wir reden hier«, und nach diesen Worten ging oder schleifte er vielmehr mit zwei wackeligen Beinen der Stube zu und hielt das Licht empor, um den Gast auf die Gefahr des unebenen Weges aufmerksam zu machen.

In der Stube angekommen, stellte er das Lämpchen auf einen kleinen Tisch, deutete mit freundlicher Verzerrung des Gesichtes auf einen Stuhl und beeilte sich selbst, in einem alten Lehnstuhle seine Gestalt, die aus Haut und Knochen, in einen alten, schmutzig glänzenden Pelzrock gewickelt, bestand, so unterzubringen, dass er eigentlich auf dem oberen Teile seines Rückrades saß.

»Nun, mein liebster, gutester junger Herr – da sind wir, da sind wir – also die Ehre Ihres Besuches – was verschafft mir die große Ehre?« begann der Herr des Hauses, indem er einen grünen Augenschirm, den er kurz zuvor abgelegt hatte, wieder aufnahm und über die Augen schob.

Friedrich, nachdem er sich eben gesetzt hatte, stand wieder auf, um das nächste Fenster zu öffnen, indem er sagte:

»Verzeiht, Elias, ich kann die Luft hier nicht vertragen«, dann sich wieder setzend, fuhr er fort:

»Die Angelegenheit, welche mich herführt, lautet einfach so: Ich werde über kurz oder lang eine Summe Geldes brauchen und hoffe, bei Euch Kredit zu finden.«

»Geld – Geld – Hab' ich Geld, junger Herr? Leih' ich Geld, junger Herr?«

»Ich weiß, ich weiß, Elias«, fuhr Friedrich lächelnd fort – »Ihr seid ein armer Mann, der seine Gelder stets so gut bei andern Leuten ausstehen hat, dass er oft nicht weiß, woher einen Groschen auf Brot im eigenen Hause nehmen.«

»Sie scherzen – belieben wahrhaft zu scherzen, junger Herr – aber wer ich bin? Ich bin wahrhaft ein armer Mann!«

»Nun gut, darum komme ich zu fragen, ob ich Kredit bei Euch haben werde oder nicht.

»Der Name ist gut …«

»Es wird sich um eine Summe handeln, die nicht eben klein ist!«

»Wo soll ich eine Summe hernehmen, die nicht eben klein ist, junger Herr? –Soll ich nicht so fragen? Nun –nun – und wie groß soll die Summe sein, die nicht klein ist?«

»Drei bis viertausend Gulden.«

»Dank Ihnen für die gute Meinung, junger Herr, aber wär' ich ein Mann von viertausend, so wär' ich auch ein Mann von zehn und zwanzigtausend und könnte sagen: junger Mann, Sie haben Kredit! – So aber – und was soll ich sagen? – Sie haben Kredit? – Ei,ei – Und wann wär' Ihnen gedient mit drei, viertausend? 's ist bei Moses und Abraham eine Summe!«

»Tag und Stunde kann ich nicht bestimmen, es können Monate vergehen, bis ich siebrauche.«

»Der Name ist gut …«

»Ihr kennt meine Eltern …«

»Die Eltern sind gut …«

»Ich bin ihr einziger Sohn …«

»Der einzige Sohn ist gut …«

»Wir leben in Eintracht mitsammen …«

»Die Eintracht ist gut – Ihr Vater kann einsteh'n – Ihr Vater ist gut …«

»Mein Vater darf so lange von der Schuld des Sohnes nicht wissen, bis der Schein, den ich Euch bei Empfang des Geldes ausstelle, abgelaufen ist.«

»Abgelaufen ist – hm, hm – gesetzt, dies wär' nicht gut …«

»Es kommt auf Euch an, dies so zu halten«, sagte Friedrich und stand auf – »wollt Ihr kreditieren oder nicht?«

»So hitzig, junger Mann? – ich sag': gesetzt! – ich meine aber wirklich, dass es gut ist, und wann und wann wollt Ihr das Geld hier borgen?«

»Vielleicht nach einigen Monaten erst …«

»Warum nicht gleich?«

»Ihr versprecht, mir das Geld zu geben, wann ich's verlangen werde – das ist alles, was ich jetzt will. Denn, wäre es mir nicht zu tun, dass diese und vieles andere ein Geheimnis bleibe, so wüsst' ich wohl das Geld von meinem Vater selbst zu erhalten!«

»Gut – es ist ja gut. – Nun, der Name bürgt mir wohl – sag' ich nicht immer so? – Ich sag' ja gut …«

»Nun dann – so will ich geh'n und sag' Euch; gute Nacht! Wir seh'n uns später wieder.«

»So eilig wieder fort? Erlaubt – erlaubt …«

Elias hatte sich bei diesen Worten erhoben und das Licht ergriffen, um hinaus zu leuchten – blieb aber nachsinnend stehen, indem er sich an die Lehne seines Stuhles hielt und einen Blick auf Friedrich heftete.

»Das alles ist gut, junger Herr«, fuhr er fort, »wie aber leih' ich so viertausend Gulden Geld? … Der arme Mann muss leben – lebt er doch sein Tag' von Zinsen nur und möcht' verderben geh'n!«

»Haha! Nun wohl, Elias, seid Ihr zufrieden mit dem höchsten gesetzlichen Zins?«

»Weiß Gott, junger Herr – es wird mir bang, woher ich soll viertausend Gulden nehmen – Gesetzeszins? – Was nicht arm ist, mach Gesetz noch arm …«

»Sechs Prozent …?«

»Ich lieg im Grab …?«

»Nun bei Gott, so werdet Ihr, Lazarus, bei sieben Prozent doch wieder aufzuwecken sein?«

»Bei Moses! – sieben Prozent? – Ich führ' kein Glied!«

»Nun, wie viel wollt Ihr haben, wenn Ihr wieder lebendig werden sollt?«

»Junger Herr – mit acht Prozent leg' ich mich auf die linke Seit' – mit neun auf die rechte Hüft' – mit zehn steh' ich auf, aber verschlagen an Arm und Bein – mit elf leg' ich mich wieder nieder – mit fünfzehn schlaf ich ein – mit sechzehn bin ich immer noch ein armer Mann – aber ich schlag' ein!«

Friedrich lachte, sagte aber dann ernst:

»Ihr seid ein unglücklicher Mann, das geb' ich zu – sehr unglücklich, denn Ihr hättet ein Geschäft mit mir machen können; so geb' ich jeden weiteren Gedanken auf – ich habe die Lust verloren, einen so teuren Toten wieder zu erwecken!«

»Nun – ach doch Geduld! Lieg' ich im Grab? Bin ich doch schon wieder auferstanden! Steh' ich nicht frisch und gesund vor Ihnen? – Was wollen Sie geben?«

»Nicht mehr und nicht weniger als acht Prozent – damit punktum!«

»Sollt' mich wieder strecken – bei Moses und den Propheten! Aber ich tu's nicht – weil Sie es sind, junger Herr! Kommen Sie, wann Sie wollen, bringen Sie den Schein mit, wie er gut ist – ich werde leben! Ich werde leben! …«

Ende des ersten Bandes.

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