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Zweites Kapitel.
Ein festlicher Morgen

Es war indessen Tag geworden.

Der Erbacher und sein Sohn traten in die Stube. Auf das festlich geputzte und besetzte Ecktischchen war inzwischen auch noch ein blaues Schüsselchen Äpfel mit roten, lachenden Wangen gestellt worden.

Die ganze liebliche Christbescherung erblickend, blieb der Sohn des Hauses stehen und fragte verwundert:

»Was ist denn das?«

Der Erbacher rieb sich lächelnd hinter den Schläfen und sagte mit einem Blick auf die Küchentüre:

»Ich glaub', wir hätten beide darauf vergessen, dass wir heute Deinen Tag (d.h. Geburtstag) haben; sie aber hat ein besser Merk auf solche Dinge.«

Friedrich ließ es geschehen, dass ihm der Vater die Doppelflinte sachte aus der Hand nahm und sie an die Wand lehnte, um sie bald nachher zu reinigen; er selber blieb einen Augenbick nachdenklich stehen und ging dann nach der Küche.

Indem er die Tür öffnete und auf die Schwelle trat, sagte er liebevoll:

»Guten Morgen, Mutter; es scheint ja, wir werden Gäste kriegen?«

Mutter Erbacher stand am Herd, schürte die hell aufschlagende Flamme und war bemüht, mit der Gabelseite des stählernen Wenders Stück für Stück von den gelbbraunen Pfingstkuchen aus dem Fett der Pfanne zu heben und auf einen Teller zu häufen.

Sie errötete und wusste nicht gleich zu antworten; dabei überglutete die prasselnde Flamme des Herdes ihr Gesicht wie ihre kräftige und trotz der Jahre noch straffe Gestalt, so dass sie dastand wie verklärt.

Lächelnd sagte sie dann, ohne von der Beschäftigung aufzublicken:

»Du bist uns Gast genug, Deine Studie hat Dich lang genug vom Haus gehalten; Dein Tag ist heute, wo Du geboren bist.«

Friedrich trat nun ganz in die Küche, machte der Mutter die Freude, das schöne Aussehen der Kuchen zu loben und sagte dann:

»Es tut mir nur leid, dass ich gerade heute von der Jagd mit leerer Tasche heimkomme, es ist mir nicht ums Jagen gewesen, ich werde im Schlosse droben den Tag über viel sitzen und reden müssen, da bin ich vor Tag schon aus dem Nest und habe meine Spaziergänge vorher abgemacht.«

Die Mutter nahm jetzt die Schüssel mit den Kuchen und ging damit nach der Stube.

»Du sollst auch nicht hungrig auf das Schloss«, sagte sie, »wo so viele Gäste zusammenkommen und manche vornehm auf sich warten lassen, muss man erst daheim von Grund aus 'gessen haben. Komm jetzt, guck' dazu, Fritz, rechtschaffen; Du bist dann so den ganzen Tag im Schloss, und wir können Dir nichts Gutes mehr erweisen.«

Indem Friedrich nach der Stube folgte, sah er den Vater bereits die Doppelflinte eifrigst reinigen, er sagte:

»Überlast das mir doch, Vater; lieber holt mir Eure zwei alten Pistolen, wir wollen sie in Stand setzen und meinem Freund im Schloss zu Ehren ein feierliches Freudenschießen geben.«

Während der Erbacher nach der Kammer ging, um die Pistolen zu suchen, brachte die Mutter Erbacher den Kaffee und erneuerte ihre bittende Mahnung, dass sich Friedrich doch ja gleich zu Tische setzen solle.

Er tat es; nicht ohne zum Mitessen einzuladen, wenn auch wie immer vergebens.

»Das sei für sie keine Morgensuppe«, erwiderte die Mutter; »sie und der Vater würden ihre Sach' schon noch bekommen, für ihn sei's da und ihm sei's von Herzen vergönnt.«

Der Erbacher kam aus der Kammer mit zwei riesigen Pistolen zurück, setzte sich in bescheidener Entfernung dem Sohne gegenüber auf eine Wandbank und reinigte an den ›Brummbässen‹, wie er die Pistolen nannte, indem er sagte:

»Du erzählst uns auch gar nichts von der Brau des jungen Herrn droben. Woher ist sie? Wer ist sie? Kennst Du sie auch?«

Friedrich erwiderte halb zerstreut und nachdenklich: »Ich weiß eben nicht viel von ihr zu sagen. Ich selbst kenne sie nicht. Der junge Jeneveldt hat sie vorigen Winter in der Hauptstadt gesehen und liebgewonnen; was er und andere sagen, soll sie schön und brav sein, sie lebt bei ihrer Mutter, die seit zwei Jahren Witwe ist; ihr Vater ist Regierungsrat gewesen.«

Die Küchentüre stand offen, Mutter Erbacher, die am Herde jetzt die Morgensuppe für die Hausbewohner bereitete, sah und horchte, einen Kochlöffel in die Seite stemmend, aufmerksam nach der Stube bei dieser Mitteilung ihres Sohnes; sie verfiel in allerlei Gedanken, als derselbe seinen kurzen Bericht über die Braut des Freundes geschlossen hatte.

Nun wieder in das Feuer des Herdes blickend, schien sie sich in stille Fragen, Hoffnungen und Pläne zu verlieren: Welche Braut wohl einmal ihrem Fritz bestimmt sein möge? Wann und ob sie diese Mutterfreude noch erleben werde?

Lange und lebhaft stiegen solche Gedanken wogend in ihrem Herzen auf und nieder; ihr großes, braunes Auge glomm von äußerem und innerem Feuer; es hatte allen Anschein, dass die Morgensuppe vor ihren Augen missraten wäre, hätte nicht bald ein Pistolenschuss vor dem Hause ihr mütterliches Sinnen, Sorgen und Freuen unterbrochen.

Dem ersten folgte sogleich ein zweiter Schuss, bald ein dritter und vierter.

Der Erbacher uns sein Oberknecht nahmen furchbare Ladungen; die Schläge rüttelten mächtig an den Wänden des Hauses.

»Geht auch manches Himmelfenster in Trümmer«, sagte der Erbacher, »wir geben dem braven jungen Schlossherrn die Ehre!«

Er hatte sich nämlich mit dem Oberknecht an die Kanonade gemacht, weil, wie er sagte, Fritz ja ohnehin nicht Zeit dazu habe, indem er sich für das Schloss frisch umgewanden müsse.

Die Lärmschüsse der Freude vor Erbachers Hause blieben nicht ohne Folge in der Nachbarschaft des Dorfes.

Man hatte kaum den Grund der Pistolensalven erfahren, als man hier und dort auch nach alten, verrosteten Pistolen, Vogelflinten und Stutzen griff, um gelegentlich wieder einmal einige ›Puffer‹ durchs Fenster rasseln zu lassen, denn es kann im Volke nicht leicht etwas dämonisch-fieberhafter zum Nachtun reizen als das mächtige Krachen der Gewehre …

Wie in stiller, feierlicher Rührung sah das reinlich weiß getünchte Schloss des Gutsbesitzers Jeneveldt herunter auf das freundlich huldigende Dorf, und indem die hohen Linden über dem Dache leise im Winde wankten, schien es dankend und lächelnd seine grüne Sammetkappe zu rücken für die Ehre, welche man ihm an diesem Familienfesttag so liebevoll erweise …


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