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Zweites Kapitel.
Wiedersehen

Friedrich hatte seit dem Verlobungsmorgen das Schloss nicht wieder betreten, es machte daher einen tiefen Eindruck, zwar die grünen, festlichen Wandbekleidungen überall beseitigt, aber doch hier und dort noch Reste von Zweigen und melancholische Trümmer von der Ehrenpforte zu erblicken.

Sonst hatte alles wieder die Gestalt des gewöhnlichen Lebens angenommen

Dieser und Mägde gingen ihren Beschäftigungen nach; bunte Scharen von Geflügel schritten, Futter suchend, nomadisch durch die weiten Räume des Hofes.

Vor der Türe des Wohngebäudes stand ein Wagen, mit den Pferden des Schlosses bespannt.

Friedrich hatte bereits die Frage, wer ausfahren wolle, auf den Lippen, unterdrückte sie aber und trat in die Türe.

Die vor einigen Tagen so prachtvoll geschmückte Treppe war nun auch bis auf die letzte Stufe ihrer Zierden beraubt.

Wie weich gingen am Verlobungsmorgen die beiden Freunde auf Teppichen diese Stufen empor, rechts und links von Blumen und Statuen umstellt! Friedrich erschrak beinahe über das prosaischen Pochen seiner Schritte, als er heute die nackten Marmorstufen der Treppe betrat.

Vor der Türe des großen Saales hielt er eine Weile inne – nur einige Sekunden – dann ein tiefer Atemzug – und er trat ein …

Er wurde nicht bemerkt, obwohl sich jemand gegenüber am Fenster des Saales befand.

Mathilde war es, die in dunkler Morgenkleidung am Fenster stand, vor sich das Geschenk des Verlobungsmorgens, den schönen, vergoldeten Käfig mit dem Hänfling.

Sie hatte dem Lieblingsvogel eben Futter und frisch Wasser gegeben, stützte jetzt ihre rechte Hand auf die Fensterkante der Mauer und ließ das schöne Haupt nachdenklich sinken.

Obwohl der Vogel fröhlich und dankbar mit seiner neuen Herrin zu liebäugeln schien und obwohl Mathildes großes, blaues Auge sinnend auf ihm ruhte, so waren doch ihre Gedanken nicht bei dem kleinen Zögling im Käfig. Sie waren in der Erinnerung früher Jahre, wo sie auch wie jetzt vor ihrem Käfig zu stehen und ihren gefiederten Liebling zu nähren und abzurichten pflegte –

Damals, ja damals war es, so ihre Blicke dem Käfige oder zwischen den goldenen Stäben desselben ein anderes teures Ziel verfolgen lernten als den Hänfling des Bauers; denn drüben im Fenster des Erdgeschoßes saß ja der schwarzlockige Knabe mit den großen, brennenden Augen und vergaß so oft den Ideengang eines Buches oder verfehlte mit dem Finger den Zug eines Gebirges oder den Lauf eines Flusses, wenn sie ans Fenster trat und scheinbar so geschäftig, so selbstvergessen das kleine Hauswesen des Käfigs besorgte und ihr Spiel mit dem kleinen Zöglinge trieb! Damals, damals war es … ach, Mathildes Sinnen und Denken war jetzt ganz bei jenen Zeiten, ganz bei all den ungetrübten Seligkeiten eines Kinderherzens, die niemals schöner wiederkehren, leider häufig nur ein flüchtig heller Traum in der langen Nacht des Lebens bleiben …

Friedrich hatte nach seinem Eintreten in den Saal eine Weile stille gehalten.

Er war zweifelhaft, solle er grüßen und Mathilde aus ihrem Nachdenken reißen oder solle er ohne Geräusch durch den Saal an ihr vorübergehen und in den anstoßenden Zimmern die Bewohner des Hauses suchen.

Zu Letzterem entschloss er sich.

Er schritt unbemerkt durch den Saal nach Ottos Kabinett, wo er wohlbekannte Stimmen vernahm.

Als er die Türe öffnete, tönte ihm ein lebhafter Ruf der Freude und Überraschung entgegen.

Zugleich erhoben sich zwei würdige Frauengestalten von einem noch mit den Resten des Frühstücks besetzten Tische und eilten ihm entgegen.

Frau von Jeneveldt und Mathildes Mutter waren es, die ihn herzlich und laut begrüßten.

»Sie halten Wort«, rief Frau von Jeneveldt und ergriff mit beiden Händen seine Rechte – »Sie haben uns gestern sagen lassen, dass Sie heute kommen würden – wir haben es kaum geglaubt – und nun sind Sie hier!«

Auch Mathildes Mutter empfing ihn mit herzlichen Worten und reichte dem Freunde ihres künftigen Schwiegersohnes die Hand.

Friedrich führte die Damen unter freundlicher Gegenrede auf ihre Plätze zurück und nahm ihnen gegenüber Platz am Tische.

»Wie haben Sie uns gefehlt, dieser Tage her«, sagte Frau von Jeneveldt, aus der kurzen, lebhaften Freudigkeit in tiefe Schwermut zurücksinkend – »Ich hätte geglaubt, ein Stück von meinem Sohne im Haus zu haben, wenn sie uns zur Seite gewesen wären; da hat uns ein böses Schicksal auch Sie entzogen, dass wir uns recht verwaist, recht verlassen vorkommen mussten!«

Die mit mütterlicher Herzlichkeit auf Erbacher gerichteten Blicke füllten sich mit Tränen.

Friedrich bot zu ihrer Beruhigung alles auf, was sich in einem solchen Augenblick sagen ließ und bemerkte dann:

»In so schwerer Zeit ist nicht selten ein ungehemmter Schmerz ersprießlich. Wir waren bisher samt und sonders Patienten und hätten uns wahrscheinlich durch Worte wenig erbaut, wenn unsere Mienen zu gleicher Zeit verdüstert blieben. Nun sind wir, hoffe ich, alle auf dem Wege der Besserung und mit festem Vertrauen und mit Trostesworten wird schon eher was erreicht werden können!«

»Ach, Sie hoffen noch immer das Beste, Fritz, Sie haben im ersten Augenblicke des Unglücks dies schöne Zuversicht bewiesen – ich will ihnen glauben, Fritz, aber ihre Krankheit ließ vermuten, dass Sie von meines Sohnes Zukunft doch weniger hoffen, als Sie sagen, doch mehr fürchten, als Sie gestehen wollen!«

»Ich will nicht leugnen«, erwiderte Friedrich mit einem unsicheren Blick in die Luft, »des Freundes Unglück mag nicht wenig beigetragen haben, mein Unwohlsein hervorzurufen; aber ich darf wohl sagen, dass mein Vertrauen fester war als mein Leib … Ich hatte meiner Gesundheit schon länger vorher eine schwache Seite abgemerkt – eine schwere Stunde hat sich das zu Nutze gemacht und mich aufs Lager geworfen … Doch ist das nun auch glücklich überwunden.«

»Ja, ja, diese Erklärung sind Sie unserer Ruhe schuldig, Fritz; wir wolle sie glauben, weil sie gut lautet und uns zum Troste gereicht; aber hoffen Sie wirklich Ihres Leidens gründlich los zu sein?«

»Nach der Art, wie ich mich fühle, habe ich die feste Zuversicht … Aber zu unserem anderen Patienten! Ist denn immer noch keine Nachricht von Otto hier?«

»Ja doch, ja – seit gestern Abend tausend Grüße und tiefe Zeilen, mit Blei geschrieben.«

Frau von Jeneveldt reichte ihm mit neu hervorbrechenden Tränen einen neben ihr liegenden Streifen Papier, worauf der Name der Festung angegeben war, wohin Otto gebracht werden sollte, mit der Bitte, Wäsche, Kleider und Geld ihm nachzusenden; die herzlichsten Grüße und ein Versuch zu trösten schloss in wenigen Zeilen, welche Otto an der letzten Station seiner Reise auf ein Blatt werfen und durch einen besonderen Boten heimsenden durfte.

»Gott sei Dank! So ist doch eines gewiss und eines bekannt über das Schicksal des Freundes«, sagte Friedrich, die Zeilen wieder auf den Tisch legend – »Das Schlimmste des Schlimmen wäre gewesen, wenn man aus Ottos Aufenthalte ein Geheimnis gemacht und ihn so gänzlich von allem Verkehre mit den Seinen abgesperrt hätte!«

»Das habe ich auch gesagt, als diese Zeilen kamen, die mich sonst so schmerzlich berührten«, bemerkte Frau von Jeneveldt – »Wir versäumen daher auch nicht, die erste Gelegenheit so gut als möglich zu benützen, mein Mann ist eben beschäftigt, sich zu diesem Ende reisefertig zu machen.«

»Darum also steht der Wagen bespannt im Hofe …?«

»Ja«, erwiderte Frau von Jeneveldt: »Mein Mann lässt sich bis zur nächsten Post bringen, dann wird er Tag und Nacht dem Aufenthalte unseres Sohnes zueilen, um wenigstens in Bezug auf Bequemlichkeit Rat zu schaffen, wenn es nicht möglich ist, des Sohnes Befreiung sogleich zu erwirken … Doch da höre ich Schritte – es ist mein Mann!«

Es waren feste und schnelle Schritte, welche durch ein anstoßendes Zimmer näher kamen; nach wenigen Sekunden ging die Türe auf, und Herr von Jeneveldt trat ein.

Er sah auffallend verändert aus.

Seine frühere Heiterkeit war verschwunden und von dem militärischen Humore keine Spur mehr vorhanden.

Der Anblick Friedrichs war ihm so unerwartet, dass er unwillkürlich stehen blieb und zweifelhafte Blicke auf ihn heftete.

Dann aber warf er einen leichten Überwurf, den er überm Arme trug, rasch auf einen Stuhl und umarmte den genesenen Freund seines Sohnes.

Er wollte sprechen, die Stimme gehorchte ihm nicht sogleich; er wollte Friedrich erfreut in die Augen blicken, aber er fühlte, dass sie sich trübten.

Daher trat er bei Seite, strich einmal flüchtig mit der flachen Hand über die Stirne und sagte dann mit Fassung und ziemlicher Heiterkeit:

»Nun, das ist schön, das ist schön, Fritz; so kann ich doch meinem Otto, wenn ich anders ihn zu sehen kriege, von Ihrem Wohlsein melden – Sie wissen doch, dass ich auf dem Wege zu ihm bin?«

»Ich habe es eben erfahren«, erwiderte Friedrich: »Möge die Reise ja recht gute Folgen haben!«

Herr von Jeneveldt nahm ihn am Arme und zog ihn neben sich nieder:

»Ich habe noch eine Viertelstunde Zeit«, sagte er, »und diese will ich gern noch unter Euch zubringen.«

Er begann hierauf dem Freunde seines Sohnes auseinander zu setzen, was er mit seiner Reise nach der befestigten Stadt vorhabe und was er davon hoffe.

Während dieser Erläuterung neigte sich Frau Vollwarth zur Frau von Jeneveldt und sagte ihr leise ins Ohr:

»Wo nur meine Tochter bleibt? Ich will hinaus und nach ihr sehen. Mathilde bedarf des Trostes fast mehr als wir, die Gegenwart von Ottos Freund wird auf sie auch glücklich wirken.«

Sie erhob sich geräuschlos und entfernte sich nach dem Saale, während ihr Frau von Jeneveldt beifällig winkte.

Aber Mathilde war bereits nicht mehr im Saale zugegen.

Sie war vor einer Weile aus ihrem Dahinträumen am Fenster durch das lebhafte Gespräch im anstoßenden Kabinette geweckt und nach einigem Horchen neugierig geworden, wessen wohl die Stimme sein möge, die sich drinnen hören ließ; hierauf war sie näher an die Türe des Kabinetts getreten, um etwas von dem Inhalte des Gespräches zu verstehen – und erkannte bald genug, wer hier zum Besuche gekommen.

Eine Weile schien es, als wäre sie plötzlich in ihrer horchenden Stellung erstarrt, dann flog ein leichtes Rot über ihre Wangen, sie trat einen Schritt von der Kabinettstüre zurück und überlegte, ob sie ohne Weiteres eintreten oder ob sie – Nein, nein! Fliehen konnte, fliehen durfte sie nicht! Aber während sie pochenden Herzens und noch unschlüssig da stand, glaubte sie plötzlich Frauenschritte, die Schritte ihrer Mutter zu vernehmen, welche sich der Türe nahten, und es fasste sie ein Schrecken, eine Wehmut, eine Verwirrung, dass sie sich gleichsam selber entfloh und aus dem Saale eilte.

Ihre Mutter suchte sie nun auch überall vergebens.

Sie kehrte endlich nach dem Kabinette zurück, ließ sich wieder geräuschlos an der Seite der Frau von Jeneveldt nieder und sagte ihr ins Ohr:

»Weiß Gott, wo mein Kind sich herumtreiben mag; sie ist weder im Saale noch auf ihrem Zimmer, ich habe sie aller Orten gesucht und nirgends gefunden!«

»Das gute Kind!« erwiderte Frau von Jeneveldt: »Unser trauriges Erlebnis hat eine Rastlosigkeit in ihr Blut gebracht, die ich gar nicht tadeln kann!«

Inzwischen hatte Herr von Jeneveldt dem Freunde seines Sohnes in der Hauptsache mitgeteilt, was er von seiner Reise hoffe, und sagte jetzt, die Uhr aus der Westentasche ziehend:

»Ich muss fort, Kinder, wenn ich die Post nicht versäumen will. Wie wäre es aber? Fühlen Sie sich stark genug, Fritz? Ich glaube, es könnte Ihnen nur zuträglich sein, wenn Sie die halbe Stunde bis zur Post mit mir fahren und ebenso in meinem Wagen zurückkehren. Die Wege sind gut; die Luft ist trefflich, und ich hätte Ihnen noch manches zu sagen.«

Frau von Jeneveldt äußerte ihr Bedenken, ob die Fahrt dem kaum Genesenen nicht schaden dürfte; allein Friedrich sagte selbst:

»Die Fahrt ist bequem und die Luft außerordentlich wohltätig; ich wünsche den Vorschlag anzunehmen.«

So wurde denn der Plan als angenommen betrachtet, und man stand auf, um gemeinsam nach dem Hofe zu gehen, wo die Herren einsteigen wollten.

»Da muss ich nur bedauern, Herr Erbacher«, sagte Frau von Vollwarth im Hinuntergehen, »das meine Tochter Sie heute noch nicht gesehen hat. Sie würde sich gewiss recht sehr gefreut haben …«

Friedrich fasste herzlich ihre Hand und sage:

»Melden Sie Fräulein Mathilde meinen Morgengruß und mein Bedauern, sie nicht gesehen und gesprochen zu haben. Ich hoffe aber von nun an täglich das Vergnügen ihres Umgangs zu genießen und auch manches zu ihrem Troste beitragen zu können.«

Man kam im Hofe des Schlosses an, und die beiden Männer stiegen ein.

»Nun lebt wohl! Lebt wohl!« rief Herr von Jeneveldt noch aus dem Wagen: »Seid Euch indes ein Trost unter einander, bis ich wieder komme; ich hoffe Euch Gutes heimzubringen!«

Er gab dem Kutscher das Zeichen zur Abfahrt, damit ihm das Herz nicht schwerer werde.

Als der Wagen bereits im Gange war, folgten noch Zurufe und Winke der Frau von Jeneveldt, die mit bebender Stimme sagte:

»Was Du Otto von uns allen sagen sollst … Du weißt es … Aber sag' ihm auch …« Siekonnte nicht vollenden; der Wagen eilte zum Tore hinaus und verschwand alsbald den von Wehmut feuchten Blicken der Mutter …

Droben aber, hinter einem kleinen, versteckten Erkerfenster, hatte jemand eine bessere Stelle gefunden, um den fortfahrenden Wagen noch lange, lange im Auge zu behalten.

Es war Mathilde.

An einem Pfeiler lehnend, starrte sie mit verweinten Augen nach der Richtung, welche der Wagen fuhr, und konnte sich auch dann noch nicht von ihrer Stelle trennen, als der Wagen in der Ferne um einen Hügel bog und ihren Blicken ganz entschwand.


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