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Achtes Kapitel.
Ein Hoffnungsstrahl

Der Fremde schien der Leidenschaft des jungen Mannes Zeit lassen zu wollen, ihre erste Hitze zu verbrausen, dann zog er sein Schnupftuch aus der Tasche und machte Miene ans Fenster zu treten und die bewaffneten Reiter herbeizuwinken.

»Wenn das«, sagte er ruhig, »Ihre letzte Entschließung ist, so habe ich keinen Grund mehr, die Ausübung meiner Pflicht zu verzögern. Ich rufe die bewaffnete Macht, sie besetzt das Schloss, wir legen Beschlag auf Ihre Papiere und führen Sie, mein Herr, dem Orte Ihrer Bestimmung zu; dies wird so schleunig als möglich vollzogen. Was den Abschied von Ihren Eltern anbelangt, so wird man einige Augenblicke bestimmen, wo er genommen werden kann. Es wird nicht nötig sein, mein Herr, dass ich Augenzeuge bin; man wird ein Zimmer bezeichnen, wo Sie ungestört mit Ihren Eltern den Schmerz des Abschieds bis auf den letzten Tropfen auskosten können …«

Otto Jeneveldt sank auf seinen Stuhl zurück und bedeckte sein Angesicht mit beiden Händen.

Der Fremde fuhr nach einer Weile fort:

»Sie müssen am besten wissen, wie viel Sie gewinnen, wenn in einem so schweren Augenblicke die Träne, der Jammerschrei und die Fieberumarmung der Mutter Ihr Herz zerreißen – wenn Ihr Vater – eben noch voll der Lustigkeit und Freude – urplötzlich von solchen Schicksalsschlägen heimgesucht …«

Otto, in seiner Lage verharrend, winkte nur leise mit der Hand, damit der fürchterliche Redner seine Schilderung nicht vollende; es war nicht gewiss, wollte er zugleich andeuten, es sei genug, um ihn von einem förmlichen Abschiede von den Eltern abzuschrecken, oder wollte er nur sagen, es sei zu viel, das auch noch mit Worten schmerzhaft zu hören, was er in der Wirklichkeit ohnehin bald zu leiden haben würde.

Der Fremde nahm an, als dürfte er aus dem Winke der erstere Bedeutung lesen, trat zwei Schritte näher an den Stuhl, auf welchem Otto saß und sagte, indem seine Stimme plötzlich äußerst milde und vertraulich wurde:

»Sie entschließen sich zu guter Stunde für meinen Rat … Ja, lassen Sie uns das Unabwendbare in der leidlichtsten Form vollführen … Im Übrigen – im Vertrauen, mein Herr – wenn sich herausstellen sollte – auch nur bei dem flüchtigsten Durchblick Ihrer Papiere herausstellen sollte – dass sie nichts Ungewöhnliches, nichts allzu Gravierendes enthalten – in diesem Falle, mein Herr, wäre ich wohl sogar vermöge einer besonderen Instruktion ermächtigt – vor der Hand gegen angemessene Kaution Ihre persönliche Freiheit unberührt zu lassen … Sie können mir glauben, dass ich gerne bereit bin, diese mildeste Form des Verfahrens in Anwendung zu bringen, wenn unter Ihren Papieren nur einiger Maßen Bedenkliches ferngehalten ist und wenn Sie – um was ich freilich besonders ersuchen muss – unnötiges Aufsehen vermeiden.«

In Ottos Seele hatte die Überzeugung, dass einer solchen Macht gegenüber jeder Widerstand vergebens sei, bereits ihre tiefgehende Wirkung getan. Otto gehörte zu jenen Charakteren, welche bei aller Lebendigkeit des Temperaments doch sofort alles nutzlose Wüten aufgeben; sowie eine Notwendigkeit gleich einer überwältigenden Naturkraft hereinbricht und voraussichtlich jede Abwehr vereitelt, ohne in weichlichen Jammer zu verfallen, suche solche Charaktere gleich den verdrängten Besatzungen fester Städte ihren sittlichen Mut nach und nach in die Burg eines höheren Gedankens zu retten und auf das schwere Erlebnis wie auf ein fremdes Schicksal mit Wehmut und zugleich mit Fassung herab zu sehen. Also unangreifbar geworden, mag dann die Wange bleichen und die Träne fallen, es ist nur menschlich, seinen verklärten Schmerz so zu beruhigen und abzuleiten.

Otto Jeneveldt war im guten Zuge, seine sittliche Kraft unter der überstürzenden Wucht seines Erlebnisses hervor zu arbeiten und zu retten, als er sozusagen auf halbem Wege die letzten lockenden Worte des Fremden vernahm, die auf einmal dem ganzen Unglücksfalle den größten Teil seiner Schrecken benahmen.

Wie ein Träumender hob Otto sein bleiches Angesicht ein wenig und richtete fragend einen tränenschweren Blick auf den Fremden.

Es war also möglich – und wenn es bloß auf die Ungefährlichkeit seiner Papiere im Zimmer ankam – war es ja gewiss: eine gewaltsame sofortige Verhaftung erfolgte nicht – es war im schlimmsten Falle ein ungefährlicher politischer Prozess die Folge der Untersuchung – Otto blieb inzwischen auf freiem Fuße und seiner Verlobung und Hochzeit stand von nun an kein wesentliches Hindernis entgegen.

Mit bewegter Stimme sagte daher Otto jetzt zu dem Fremden:

»Reden Sie wahr? …O Sie zeigen mir einen Preis für das Opfer meiner Ergebung, dass ich nicht umhin kann, es zu bringen – ein Stück Papier – und ich will für alle Fälle nur schriftlich von den Teuersten meines Lebens Abschied nehmen.«

Diese Erklärung war kaum abgegeben, als der Ruf, dass die Braut im Nahen sei, außerhalb dem Schlosstore lebhaft erscholl.

Im nächsten Augenblicke war denn auch alles in Bewegung.

Friedrich Erbacher, der nicht wusste, wo sein Freund so lange aufgehalten werde, eilte aus dessen Kabinette durch den großen, geschmückten Saal und rief:

»Otto! Otto! Wo bist Du? Sie kommt, zu Pferd, zu Pferd!«

Drunten im Hofe stürzte das Gesinde aus allen Türen, als wäre die Braut schon durch die Ehrenpforte gezogen, die »Augenkanoniere« des Herrn von Jeneveldt sprangen durch das Schlosstor und nahmen Bock und Hintersitz eines Wagens mit Sturm, während ihnen ihr »Batteriechef«, Herr von Jeneveldt, selber auf dem Fuße folgte und ohne Verweilen sein bereitstehendes Pferd mit lustigem Ernste bestieg.

»Wo ist Otto? Wo ist mein Sohn?« rief er dem Friedrich Erbacher entgegen und reichte ihm die Hand vom Pferde, als dieser gleichfalls eilig den Hof herüber kam.

»Ein Fremder wünschte ihn vor einiger Zeit zu sprechen«, sagte Friedrich, »seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

Inzwischen näherten sich auch die Damen ihrem Wagen und stiegen ein.

Mit wonnigen Augen suchte Mutter Jeneveldt ihren Sohn und rief, als sie ihn allein vermisste: »Friedrich, Friedrich! Wo haben Sie meinen Sohn gelassen? Jeneveldt, wo ist Otto?«

Friedrich, der nun auch zu Pferde gestiegen war, bot seinen Morgengruß und gab Bescheid, soweit er es im Stande war, ritt neben Herrn von Jenevelct bis mitten in den Hofraum vor, und beide riefenhier und dort nach den Fenstern des Schlosses empor, während die Mutter Jeneveldt einen Diener lebhaft dringend absteigen und suchend durch das Schlossgebäude eilen ließ.

»Ich wette«, sagte Vater Jeneveldt scherzend, indem er sein Pferd mit militärischer Bravour Männchen machen ließ – »Ich wette, mein Sohn hat das Freudensignal gehört, und der Prellschuss des Glückes hat ihm die Füße für einige Augenblicke gelähmt; aber er wird aufschnellen und kommen, sobald wir uns in Bewegung setzen – er wird es nicht dulden, dass ihm jemand den Preis des ersten Brautgrußes raube. – Auf denn! Einem so liebenswürdigen Feinde entgegen, der uns überwindet und fesselt, bevor wir uns in ein Gefecht einlassen!«

Der Diener kam aus dem Schlossgebäude zurück und brachte die Nachricht: »Otto sei nur noch zwei Augenblicke mit einem Fremden im Gespräch, man solle nur aufbrechen und voraus eilen, er würde sofort nachkommen.«

»Man hätte sollen die Zugbrücke niederlassen, um jeden störenden Besuch für heute abzuhalten«, sagte Herr von Jeneveldt und spornte sein Pferd voran zum Triumphtore hinaus. Friedrich und die Damen folgten ihm.

Ungern vermisste Mutter Jeneveldt ihren Sohn an ihrer Seite, es wäre ihr jeder Blick auf ihn, den das Glück in dieser Stunde ja so sehr verklären musste, unschätzbar gewesen – aber sie wusste sich der Abfahrt nun nicht mehr zu widersetzen; sie blickte nur einige Male, zuletzt noch unter dem Truimphtore, nach den Fenstern des Schlosses um, damit sie wenigstens noch irgendwo das Haupt ihres Lieblings sehe oder einen frohen Zuruf, einen Wink von ihm erhalte; allein vergebens; von ihrem Sohne war nichts zu sehen und zu hören …


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