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Elftes Kapitel.
Gefangen

Otto Jeneveldt verhaftet! Wie ein Verbrecher, umringt von Waffen, in verschlossenem Wagen fortgeführt! Und das alles in einem Augenblicke, wo er eben, frei gegeben, der Braut und den Seinigen folgen wollte!

Wie ist diese Wendung der Dinge möglich gewesen? Was hat sie herbeigeführt?

Wir haben Otto Jeneveldt, wie er nach scheinbar überstandener Gefahr im Begriffe stand, den Fremden aus dem Saale des Schlosses über die Treppe nach dem Hofe zu begleiten, dort von seiner willkommenen Freiheit Gebrauch zu machen und wie auf Sturmesflügeln seiner Braut zu folgen.

In der Tat sollte sich dieser Absicht nicht sobald ein Hindernis entgegen stellen.

Der Fremde war heiter-gesprächig, keine Silbe erinnerte mehr an seine amtliche Sendung, er schien sich harmlos für diesen und jenen Gegenstand des Hauses zu interessieren, blieb zu wiederholten Malen auf der geschmückten Treppe stehen und ließ sich hier eine Statuette, dort eine Blume, die er nicht sogleich erkannte, nennen; so erreichte man den großen Hof des Schlosses.

Hier zeigte sich, dass die Soldaten inzwischen manches für ihr Behagen eingeleitet hatten.

Mitten im Hofe stand ein großer Tisch mit Speisen und Getränken, und in bunten Gruppen lehnte oder saßen die essenden Krieger herum; die Eisenfresser lieferten wieder den Beweis, dass sie sich von Zeit zu Zeit auch unmetallisch Speisen und statt Menschenblut Flaschen Rebenbluts behagen lassen.

»Was habe ich Ihnen gesagt?« bemerkte der Fremde lächelnd zu Otto, »man hat sich ungeladen zu Tische gesetzt und wird sich auch schwerlich schon im Genusse stören lassen. Drum wird es geraten sein, sich noch eine Weile ferne zu halten und die Herren ihre Tafel geruhsam vollenden zu lassen.«

»Möge es den Herren wohl bekommen«, erwiderte Otto, »ich wünsche nur, sie genössen, was sie vor sich haben, mit dem tröstlichen Gedanken, dass man ihnen freiwillig verabreicht hätte, was sie sich genommen …«

»Stille! Stille! In solche Beliebung der Menschen ist nicht gut drein zu reden.«

»Ja wohl«, sagte Otto und reichte dem Fremden die Hand zum Abschied, »es wäre auch wohl wunderlich genug, wenn ich in diesem Augenblick nichts Besseres zu denken und zu fühlen hätte! … Wir scheiden nun, mein Herr – und scheiden mit dem angenehmen Gefühle, dass wir und näher stehen bei der Trennung, als es der Fall war beim Willkomm!«

»Immer ein Glück in dieser Welt – immer ein Trost für jene, die sich das beim Abschied sagen können – und doch – darum eben, weil unser Begegnen eine so erfreuliche Wendung genommen – geize ich fast mit den Augenblicken, die mir's möglich machen, in Ihrer Nähe zu sein … Mein Herr! … Sie haben den Trost, dass Sie dem Ziele Ihres Herzens näher rücken, ob Sie auch hier ein wenig länger zurückgehalten werden; Ihre Braut wird kommen, und setzten Sie keinen Fuß aus diesem Schlosse! Darum – mir zu Liebe, mein Herr, gewinnen Sie es eine kurze Weile noch über Ihr Herz und leisten Sie mir Gesellschaft, nur so lange, bis die Reiter dort ihr Mahl beendet haben – dann scheiden und verlassen wir das Schloss zu gleicher Zeit!«

Der Fremde hatte während dieser Worte seine Schritte durch den Hofraum gelenkt und schien der Erfüllung seines Wunsches gewiss zu sein.

Höflichkeit und Dank vermochten wirklich so viel über Ottos Herz, dass er, obwohl mit fliegender Röte auf den Wangen, nach einigem Zögern sagte:

»Nun – wenn es Ihr besonderes Verlangen – wenn es Ihnen wirklich so viel wert ist, dass ich …«

Der Fremde fiel ihm in das Wort:

»Verlieren wir keine Silbe mehr darüber«, sagte er, »hier ist der Garten. Treten wir ein. Der Morgen ist so angenehm, und Sie wissen ja, die Nähe eines Glücklichen steckt mit glücklichen Gefühlen an!«

Sie traten in den Garten.

Ein harmloses Gespräch über den Wert und Reiz eines elterlichen Stammhauses, das für Kinder und Enkel derselbe Schauplatz bleibt, welcher Jugend und Alter dauernd an sich fesselt, beschäftigte beide Männer, als sie die breiten Wege des Gartens auf und nieder schritten.

Es musste Otto auffallen, dass bald auch zwei Soldaten in den Garten traten und mit gezogenen Säbeln, scheinbar etwas suchend, hier durchs Gebüsch und dort in den Boden stachen.

Otto ließ darüber ein Wort der Verwunderung fallen, worauf der Fremde scherzend sagte:

»Das ist nicht übel. Die haben gewiss unseren Spaziergang unrecht verstanden und meinen auch ohne meinen Wink eine Pflicht zu erfüllen, wenn sie jedes Stück Boden, das wir betreten, für verdächtig halten. Lassen wir sie gewähren. Wir wissen nur zu gut, wie vergebens ihr Bemühen sein wird.«

Etwas ernster setzte er hinzu:

»Das sind die zwei nämlichen Burschen, die mich neulich bei einer anderen Untersuchung begleitet und wirklich durch einen ähnlichen Eifer zu einer bedenklichen Entdeckung geführt haben. Sie stöberten im Winkel eines Gartens einen Verrat Munition und Gewehre auf. Wie die Sache stand, war über den Zweck derselben kein Zweifel. Der Inquisit, kaum frei erklärt, wurde umso fester genommen und sieht den Folgen eines schweren Prozesses entgegen.«

Das Gespräch hatte wieder eine harmlosere Wendung genommen, als der Fremde vor einer Gruppe Bienenstöcke stille hielt und sagte:

»Es ist mir immer ein großes Vergnügen, diese Welt oder diesen wunderbaren Staat im Kleinen zu betrachten. Diese Ordnung, dieser rastlose Fleiß, diese allgemeine Tätigkeit, diese musterhafte Treue, welche dem Ganzen alles zuwendet und sich mit dem begnügt, was nach mathematischem Überschlag ohne Gefährdung der Gesellschaft jedem einzelnen abgelassen werden kann – es ist erstaunlich, reizend zu betrachten!«

In diesem Augenblicke traten auch die Soldaten zu den Bienenstöcken und stachen unter und neben denselben herum, ohne ein Wort zu sagen.

Otto erblasste.

Der Fremde aber sagte leise:

»Nun scheinen ihnen auch die Bienenstöcke gefährlich. Wollen wir gehen, um die liebenswürdigen Tierchen nicht länger beunruhigen zu lassen?«

Aber bevor sich Otto aus einer Art Betäubung empor raffen konnte hatte einer der Soldaten seinen Säbel bereits in die Fuge eines Bienenstockes gerückt, trennte ein Brett im Rücken des Stockes – und eine Sammlung beschriebener und gedruckter Papiere fiel heraus!

Wie mit einem Zauberschlag verändert, stand der Fremde da.

»So – so – so«, sagte er ruhig, aber mit demselben Tone und mit derselben Miene, welche ihn beim ersten Begrüßen so widerwärtig hatten erscheinen lassen: »Geheime Fächer, verborgene Papiere? Lasst und doch sehen …«

Man reicht ihm die Papiere.

Er trat bei Seite, blättert und las in denselben, ließ dann und wann ein schläfriges, bedenkliches »Hm, hm« vernehmen, richtete keinen Blick mehr auf Otto, ging hinweg schritt langsam und immer lesend der Gartentüre zu – trat sodann hinaus und verlor sich wortlos in den Hofraum des Schlosses.

Bald darauf wurde die Gartentüre heftig aufgestoßen, und der Offizier kam mit weinerhitztem Gesichte in den Garten.

Zwei Reiter folgten ihm.

»Der Herr ist unser Gefangener! Er spricht mit niemand im Hause mehr! Begleitet ihn zum Wagen!« sagte der Offizier.

Otto hatte bis jetzt in vollkommener Erstarrung da gestanden.

Kein Laut kam über seine Lippen. Seine Augen starrten wie leblos auf die Stelle des Bienenstockes, wo man die Papiere gefunden hatte.

Jetzt weckt ihn der Verhaftsbefehl des Offiziers halb aus der Betäubung, ein tiefer Atemzug hob seine Brust, dann gab er kein Zeichen von Bewegung mehr und ließ sich ohne Sträuben und ohne Klage nach dem Vorhof führen, wo die Reiter sich tumultuarisch auf die Pferde schwangen und um den Wagen sammelten.

Otto musste in den Wagen steigen, wo der Fremde mit einem marmornen Gesichte, wie ein gänzlich gleichgültiger Unbekannter schweigsam Platz genommen hatte; hierauf nur noch einige Minuten Aufenthalt, noch einige kräftige Züge der Reiter aus Gläsern und Flaschen – und die Pferde stiegen, und die Säbel klirrten – Frankreich holte sich mitten in Deutschland mit Hilfe deutscher Fäuste und Waffen einen Staatsgefangenen! …

Seitdem war etwa eine Viertelstunde vergangen, der Wagen mit Bedeckung hatte in westlicher Richtung erst eine kurze Strecke zurückgelegt, als der Offizier aufmerksam gemacht wurde, ein Reiter folge ihnen von dem Schlosse hei im Carrière.

Wahrscheinlich gleich erratend, wer dieser Reiter sei, wendete der Offizier sein Pferd, hieß noch zwei Kürassiere ihn folgen und trabte dem Nahenden entgegen.

Herr von Jeneveldt war es, der sich so im Fluge näherte!

Erst ganz in der Nähe des Offiziers zog er die Zügel seines Pferdes an und hielt.

»Mein Herr«, sagte er dann mit bebenden Lippen und totenbleich im Gesichte, »was ist vorgefallen in meinem Hause – welches Verbrechens, ja nur welches Vergehens wird mein Sohn angeklagt, dass man ihn so aus meinem Hause schleppt, entführt? Ich will Antwort haben! Rechenschaft will ich haben!«

Der Offizier, wahrscheinlich nicht gleich eines hinlänglich kräftigen Wortes Meister, stieß seinem Pferde die Sporen in die Seiten, dass es bäumte, zwang es dann wieder wie eine Mauer stille zu halten und schrie, sein Auge stier und flammend auf Jeneveldt heftend:

»Was? Was? Antwort haben? Rechenschaft haben? – Subordination! …«

Eine seltsame Pause entstand.

Das Wort »Subordination« schien auf Jeneveldt einen tiefen Eindruck zu machen.

Dieses gewaltige Zauberwort, welches Nagel und Klammer ist, um die Armeemaschine zusammenzuhalten, übte auf Jeneveldt, der mit Leib und Seele Soldat gewesen, auch jetzt noch eine tiefe Wirkung, und es verschlug ihm in der Tat einen Augenblick die Rede; bevor er wieder zu Worte kam, fuhr der Offizier etwas mäßiger fort:

»Ihr Sohn ist Hochverräter – Verschwörer gegen Seine Majestät von Frankreich. Es wurde Aktenstücke vorgefunden, welche dartun, dass Ihr Sohn an Verbindungen teilnimmt, welche die Vertreibung der Franzosen aus Deutschland zum Zwecke haben. Diese Aktenstücke sind in Ihrem Hause gefunden worden – seien Sie froh, wenn sich hieraus nur ein Prozess gegen Ihren Sohn entwickelt! Gott befohlen! – Subordination, Herr Major! Folgen Sie nicht!«

Nach diesen Worten warf der Offizier sein Pferd herum und ritt in Begleitung der Kürassiere dem Wagen nach von dannen …

Herr von Jeneveldt sah jetzt eine Weile unbeweglich dem Wagen nach, welcher ihm den einzigen Sohn, auf Tod und Leben angeklagt, entführte, dann lenkte er schweigsam und gesenkten Hauptes sein Pferd nach dem Schlosse zurück, wo inzwischen Frau von Jeneveldt mit der Braut und der übrigen Gesellschaft den traurigsten Einzug gehalten hatte.

Obwohl selbst auf das Tiefste erschüttert, konnte doch Herr von Jeneveldt, als er zu Hause den Schmerzenszustand der Frauen gewahrte, nicht anders als sich männiglich zu fassen und auf die Gefahr hin, bald durch das fernere Schicksal seines Sohnes schrecklich widerlegt zu werden, den Tröster zu spielen und Beruhigendes zu berichten.

»Man hat mir gesagt«, bemerkte er, »mein Sohn sei mehr aus Verdacht denn als wirklich überwiesen, dass er gegen Frankreich konspiriere, gefänglich eingezogen worden; man will ihn hindern, während der nächsten Wochen gefährlich zu werden – auch soll wahrscheinlich das Aufsehen, welches die Verhaftung meines Sohnes macht, eine berechnet abschreckende Wirkung hervorbringen … Übrigens reise ich so bald als möglich meinem Sohne nach und hoffe noch Tröstlicheres zurückzubringen.«

Etwas Balsam für die verwundeten Herzen enthielt nun diese Nachricht wohl, aber das Erlebnis war zu grell, und die Umstände, welche es begleiteten, waren zu erschütternd, um sich bald und nachhaltig durch einige allgemein lautende Worte trösten zu lassen.

Während die Frauen nach und nach aus der ersten Betäubung sich so weit erholten, dass sie zusammenhängend in Worten ihr Entsetzen aussprechen und so einige Erleichterung finden konnten, zog Herr von Jeneveldt in einem günstigen Augenblick den Freund seines Sohnes, Friedrich Erbacher, bei Seite und sagte ihm:

»Fritz, Sie sind der Freund meines Sohnes. Sie sind mehr als ich in die geheimsten Gedanken und Vorsätze meines Sohnes eingeweiht. Verhehlen Sie mir nicht, was Sie wissen. Mich dünkt, das Leben meines Sohnes ist in großer Gefahr – Otto ist des Hochverrats, der Aufruhrstiftung angeklagt, die Papiere, welche man gefunden hat, sollen die Schuld meines Sohnes zur Tatsache machen.«

Friedrich erwiderte mit seltener Ruhe:

»Ich kenne die Papiere, welche man gefunden hat. Sie bestehen aus einzelnen Flugblättern, welch über die französischen Anmaßungen und Schandtaten in Deutschland schwerer urteilen, als es allgemein gestattet ist. Auch sind Statuten von Vereinen darunter, welche die Hebung des deutschen Volksgefühls gegenüber der Fremdherrschaft zum Zwecke haben. Wir hielten es für Pflicht junger deutschen Männer, die Stimmen und Mahnungen der Zeit nicht ungehört vorübergehen zu lassen, verschafften uns derlei Blätter, lasen sie vereint, begeisterten uns daran und sprachen oft von Zeiten, die uns von der blutigen Räubergewalt Napoleons befreien sollen. Was nebenbei mit Beschlag belegt wurde, besteht aus patriotischen Versen, die uns oft das Herz erleichtern halfen, aus Übungen in staats- und völkerrechtlichen Fragen, in philosophischen Briefen an ideale Personen, auch in Ansprachen an die französische Nation, die sich über der furchtbaren Freude am Kriegsruhm mehr und mehr von ihrer Aufgabe innerer Befreiung entferne.«

Nach einer Pause fuhr er fort:

»Es ist kein Zweifel – will die französische Politik in diesem Augenblicke ein Opfer, so ist Ihr Sohn, so ist mein Freund verloren. Geht sie aber halbwegs ohne leidenschaftliche Gewalt zu Werke, so muss Otto seine Freiheit in kurzer Zeit wieder erhalten. Denn man wird vergebens Beweise suchen, dass wir diese Papiere zur weiteren Erhitzung der Gemüter angewendet hätten. In unser Geheimnis war niemand eingeweiht als unsere eigenen brausenden Gemüter, und die Papiere gingen aus unseren Händen keinen anderen Weg als nach der stillen Gefängnisstätte jenes Bienenstockes.«

»Aber wie ist euer Geheimnis an die Behörde gekommen? Wie konnte mein Sohn verdächtig werden?«

»Es ist mir nur begreiflich – wenn sich unter Ihrer Dienerschaft ein Verräter findet, der im Dienste der geheimen Polizei steht und keinen Schritt Ihres Sohnes unbeachtet ließ.«

Dieser Argwohn sollte sich sogleich bestätigen.

Der Reitknecht kam bestürzt in den Saal und sagte, ein Diener sei auf einmal wunderlich erkrankt, werde in wilden Zuckungen herumgeworfen und schreie fortwährend, er müsse sterben und bitte um Gottes Gnade und Barmherzigkeit willen, sein gnädiger Herr möge ihn noch eines Blickes würdigen, er habe ihm etwas Wichtiges zu vertrauen!

Herr von Jeneveldt begab sich nach der Bedientenstube und erfuhr hier aus dem Munde des Burschen, dass er insgeheim gewonnen gewesen, auf den jungen Herrn ein obachtsames Auge zu haben; nachdem er lange vergebens beobachtet, habe er Herrn Otto einmal nachts während eines Spazierganges im Garten geheimnisvoll Papiere in die Rückseite eines Bienenstockes verbergen sehen, was er nachher öfter wiederholt. Dies habe er nun der Behörde angezeigt, ohne zu ahnen, dass aus dieser Sache ein solches Unglück für den jungen Herrn und für das ganze Haus entstehen werde; er flehe nun auf den Knien um Erbarmen und Verzeihen, er wolle der guten Herrschaft gerne aus den Augen gehen, wenn er seine Pein überlebe – aber nur ein Wort der Nachsicht, des Erbarmens erbitte, erflehe er von seiner Herrschaft!

Herr von Jeneveldt sah mit schmerzlichem Nachdenken auf den Burschen – sagte ihm dann einige Worte, die wie Verzeihung klangen, und entfernte sich mit der Bemerkung, dass sie beide nicht länger unter einem Dache bleiben könnten …

Indessen waren die meisten der zum Verlobungsfeste geladenen Gäste im Schloss erschienen und suchten die allgemeine Trauer zu teilen und zu mildern.

Friedrich Erbacher aber ersah einen guten Augenblick, um das Schloss zu verlassen.

Er hatte bis jetzt unter bewundernswerter Selbstbemeisterung den Damen Gesellschaft geleistet und durch geistige Kraft und Sicherheit im Unglück eine Stütze abgegeben für die wankenden Gefühle der Frauen; nun aber hielt er es für sein eigenes Wohl und seine Festigkeit nicht mehr geraten, länger im Schlosse zu verweilen, er eilte durch das südliche Schlosstor ins Freie und musste hier nach wenigen Schritten sich selber eine Stütze suchen, um auch jetzt noch aufrecht zu bleiben.

Denn ein furchtbarer Sturm von Gefühlen brach nun aus der Tiefe seines Gemütes hervor und drohte ihn, der bisher wie eine Eiche festgestanden, zu beugen und zu brechen …

Ah! … Der teure, heißverehrte Freund, den er eben noch warm an der Brust gehalten, mit dem er eben noch begeistert eine schöne Zukunft besprochen – dieser Freund war gefangen und fortgeführt; und die Braut dieses Freundes – sie war die eigene Geliebte, die seit frühen Jugendtagen so reizend und wunderbar in das Leben seines Herzens verflochten gewesen – es war mehr, als eine Menschenbrust zu fassen und zu ertragen vermag.

Friedrich lehnte sein schwindelndes Haupt an einen Baum der Allee und starrte sprachlos vor sich hin …

Schon eine geraume Weile hatte sich in diesem Teile der Allee ein Mann gezeigt, der von allerlei Sorgen bewegt, bald unruhig hin und wieder ging und bald wieder ruhig stehen blieb, um, die Hand über den Augen, nach dem Schlosse zu sehen, von wo er jemand dringend zu erwarten schien.

Der Mann war Vater Erbacher; die Kunde von dem, was im Schlosse vorgefallen, hatte ihn dem Schauplatz des Unglücks näher getrieben, ohne dass er es wagte, weiter als bis in die Allee vorzudringen. Hier wollte er warten, ob nicht sein Sohn oder irgendjemand aus dem Schlosse käme, um Näheres über das Vorgefallene mitzuteilen.

Als er daher seinen Friedrich aus dem Tore des Schlosses kommen sah, machte er einige Schritte ihm entgegen und war versucht, ihn anzurufen; doch hielt er mit dem Zuruf wieder an, als er seinen Sohn verzweiflungsvoll stille stehen und das Haupt an einen Alleebaum lehnen sah.

Friedrich selbst war es, der endlich, als er aus seinem Erstarren zu sich kam und seinen Vater erblickte, diesem entgegen ging und ihn begrüßte; er tat es mit jener wunderbaren Fassung, welche dem gebildeten Menschen, der zugleich von tüchtigem Charakter ist, eigen zu sein pflegt.

Vater Erbacher, ernst und bewegt dastehend, den Hut am rechten Ohre verlegen empor schiebend, konnte nur die Frage hervorbringen:

»Du kommst – und ist es wahr, was man sagt: der junge Herr ist in Verhaft und fortgeführt?«

Friedrich bestätigte die Wahrheit dessen und erzählte kurz, was sich ereignet hatte.

Er war mit dem Berichte noch nicht zu Ende, als ihn sein Vater leise mit dem Ellenbogen anstieß und ihn mit den geheimnisvollen Worten unterbrach:

»Ah! Dort steht auch sie; nimm Dir ein Herz, mein Sohn, das wird jetzt Tröstung kosten!«

Friedrich ließ sein Auge dem Wink des Vaters folgen und entdeckte, was er sagen solle.

Die Erbacherin stand nämlich in einiger Entfernung außerhalb der Allee an einer wilden Rosenhecke und wartete auf die Kommenden.

Bewegungslos stand sie da und hatte die Schürze verlegen und wehvoll über das Kinn geschlagen.

»Sie will sich's nicht nehmen lassen«, sagte der Erbacher halblaut, »man werde auch Dir zu Leibe gehen, weil Du ein so vertrauter Freund des jungen Schlossherrn bist, – nimm Dich zusammen und red' ihr diese Sorge aus dem Sinn; käme auch das Unglück wirklich, so wär's noch Zeit mit Sorgen und mit Klagen.«

Friedrich beruhigte den Vater und sagte, er könne mit bester Überzeugung die Mutter trösten, es werde amtlich kein anderes Opfer hier gesucht.

Und mit diesen tröstlichen Worten ging er seiner wartenden Mutter entgegen …

*


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