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Erstes Buch


Erstes Kapitel
Der Tag bricht an

Der Morgen dämmerte, Mutter Erbacher trat aus der Kammer in die Stube.

Den Schluss ihrer Morgenandacht, ein Stück vom Vaterunser, hatte sie noch auf den Lippen, es wurde sanft erledigt und stieg mit einem stillen Seufzer gegen Himmel; dann begann en holdes, wunderliches, rührendes Walten; so auf leiser Sohle geht eine Mutter in der Christnacht durch das Haus, um ihre Kinder, ungesehen und ungehört, mit lächelnder Seele zu beschenken.

Der Haushahn krähte zum ersten Male, da war in der Stube das kleine Ecktischchen mit blühweißer Leinwand gedeckt, eine Kaffeetasse von Porzellan mit vergoldeten Rändern stand darauf, ein Löffelchen von Silber, eben erst in die Tasse gelegt, schwankte noch hin und wieder; der Haushahn krähte zum zweiten Male, da stand neben der vergoldeten Kaffeetasse auch eine hochaufgefüllte Zuckerdose auf dem Tisch, reiner, klarer Honig in einem schlanken Glase daneben und überdies auch frische gelbe Butter auf grünen Blättern in einem Teller dabei.

Der Hahn krähte zum dritten Male, da regte sich's in der Kammer.

Mutter Erbacher horchte, es nahten Schritte, die Klinke der Kammertür wurde ergriffen, da zog sich die Mutter Erbacher leisen, eiligen Schrittes nach der Küche zurück und machte sich mit verlegen-heiterer Miene am Herde zu schaffen; denn sie vermutete, ihr Sohn, ihr Liebling, ihr einziges Kind, seit Kurzem ›Doktor der Rechte‹ werde aus der Kammer treten, und da wollte sie seinen Blicken ausweichen, die verwundert, fragend, lächelnd bald auf sie und bald auf das festtägig besetzte Tischchen fallen würden.

Doch war es nicht der Sohn, es war der Vater Erbacher, der aus der Kammer trat.

Vollständig angekleidet und ein volksübliches Lederkäppchen auf dem Wirbel des Kopfes, blieb er an der Türe stehen und sah um sich.

Suchte er sein Weib? Prüfte er am Morgenschein, der durch das Fenster fiel, wie hoch es an der Zeit?

Auf dem festlich besetzten Tischlein in der Ecke blieb sein Auge schließlich haften.

Er schien nachzudenken; lächelte dann, schob die Lederkappe gegen das linke Ohr und blickte sozusagen mit dem ganzen Gesichte zufrieden drein. Er dachte:

»Das hätten wir alle, samt und sonders, klafterhoch übersehen; sie aber nicht; ja, ja, so was ist einer Mutter ihre Sache.«

Um sich von seinem Weibe in solcher Zufriedenheit und Betrachtung am Tischchen nicht ertappen zu lassen, wischte er sein Lächeln von den Mundwinkeln, rückte seine Lederkappe wieder mitten auf den Wirbel und ging durch das Haus, um nach Knechten und Mägden zu sehen.

Mit dem Anordnen und Befehlerteilen im Stall und auf dem Futterboden sollte es heute nicht viel zu sagen haben; Vater Erbacher äußerte nur das Nötigste, legte heute nur dem ›Schweizer‹, einem Prachtstiere, die Hand auf den Rücken und ging dann nach der Stube und Kammer zurück, um zu horchen und zu sehen, ob sein Sohn im Stüble schon erwacht sei und sich rege.

Da fiel ein Schuss.

Der Erbacher dachte: »Was ist das?« drehte sich um und blickte durch das Fenster.

Da fiel ein zweiter Schuss im Garten hinter der Scheuer.

Die Tauben fuhren schlaftrunken aus den Löchern ihres Kobels, im Hofraume schrie und rannte das Geflügel sinnlos durcheinander, im Nebenbau blökten die Lämmer, die Hunde wurden rege, Haus- und Stalltüre flogen angelweit auf und ließen die erstaunten und neugierigen Köpfe der Knechte und Mägde sehen.

Der Erbacher war nur einen Augenblick befremdet und im Zweifel geblieben, von wem die zwei Schüsse in so früher Morgenstunde herrühren konnten; er trat vom Kammerfenster an die Kammertüre, drückte sie schnell und leise auf, fand richtig seines Sohnes Bette leer, den jungen Herrn verschwunden – nun ja: der Erbacher hatte es gleich erraten, sein junger Doktor habe wieder einmal die halbe Nacht mit »kurzen Prozessen« gegen das Wild des Waldes verbracht und kehre eben heim:

»Der ist mir auf den Kanabetten (Kanapees und Betten) der Stadt nicht schlarampig worden«, dachte er und ging mit behaglich-stolzen Schritten aus der Kammer nach der Stube und von da nach dem Vorhof, um den Sohn unter den Ersten zu sehen und zu grüßen.

Wie ein Tausendkünstler durch einen Pistolenschuss hundert Lichter auf einmal entzündet, indem er in die Szene tritt, so hatte Friedrich Erbacher, indem er sich dem Elternhause näherte, seine Doppelflinte gelöst und Menschen und Tieren, die noch schlaftrunken wankten und dämmerten, das helle Lebenslichtlein angezündet; nun trat er aus dem Garten zwischen der Scheuer und einer getürmten Bretterschichte hervor.

Aller Augen waren neugierig, heiter und beruhigt auf ihn gerichtet; Knechte und Mägde dachen oder sagten wohl auch leise: »Unser jung' Herr Doktor«; der Erbacher, der auf dem Steintritt vor der Haustüre stand und mit seinem Lächeln um die Lippen in tausend Nöten war, dachte mit leuchtendem Blicke: »Er ist mein Sohn«; dann rief er diesem entgegen:

»Nun, Fritz, wo Du auch hingezielt hast, Du hast doch hier herum manche Schlafmütz' vom Kopf geschossen.«

Der Scherz war nicht ohne Beziehung auf das Gesinde ausgesprochen und wurde mit lebhafter Heiterkeit aufgenommen.

Friedrich kam den Hof herüber; er war in hübschem Jagdanzuge, seinen runden, grünen Hut zierte eine kleine Reiherfeder.

Er war ein schöner und kräftiger junger Mann.

Indem er sich dem Erbacher näherte, sagte er munter: »Vater, was glaub Ihr auch? Mein Freund im Schlosse droben feiert heute seinen Verlobungstag, sollen da keine Freudenzeichen geschehen?«

Der Erbacher lächelte und nickte Beifall, trat sodann bei Seite, um den Sohn durch die Haustüre einzulassen; Vaterstolz, Freude, verlegener Respekt vor seinem Doktor-Sohne machten, dass er diesem mit wunderlichen, langen Kraftschritten nach der Stube folgte.

In einem Hause, wo alles recht grundmäßig zusammenstimmt, gibt es selten eine Familienfreude für die Herrenstube allein, sie wandert ungeheißen durch alle Räume des Hauses und teilt den Herzen ihre milden Verklärungsgaben mit; so ging auch jetzt im Hause Erbachers ein gewisses freudiges Behagen auf Knechte und Mägde über, welche den Stolz und die Liebe der Eltern für den trefflichen Sohn wohl kannten und wussten, wie viel Freude nun in der großen Stube lebendig werden möge; man ging nicht ohne Lächeln und stille Lobeswinke hierhin und dorthin an die Arbeit.


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