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Zweites Buch


Erstes Kapitel.
Nach dem Sturm

Einige trübe Tage waren dahingegangen, endlose Wolkenschleier hatten Himmel und Erde gleich der Werkstätte eines Künstlers geheimnisvoll verhüllt, um den schaffenden Geist des Frühlings in der Vollendung seines Werkes nicht zu stören; und siehe da, mit einem Male zerriss die Sonne wieder die finsteren Vorhänge der Luft, das Werk der Neugestaltung der Erde war vollbracht, die singenden Herolde der Luft, die Lerchen, stiegen jubelnd zum Himmel, um nach allen Richtungen zu verkünden: der Herr ist sichtbarlich gekommen, die Erde ist neubelebt und froh wie am ersten Tag!

Wie fiel da auch so mancher dunkle Schleier von der Menschenbrust, hinter dem bereits der Geist des Trübsinns angefangen, ein Werk des Schmerzes aufzurichten! …

Friedrich Erbacher verließ heute zum ersten Mal sein Zimmer wieder.

Seit seiner Heimkehr aus dem Schlosse am Verlobungsmorgen des Freundes hatte ihn mehr als ein Sturm des Gemütes auf das Krankenlager geworfen, und es hatte wenig gefehlt, dass die Fieber der Seele nicht auch die Kraft des Körpers ergriffen und an den Rand des Verderbens rissen.

Er war nun auf dem Wege der Genesung.

Die Festlichkeit seines Charakters kam ihm bei Zeiten zu Hilfe gegen die alles vor sich niederwerfende Macht seines Herzens; das für kurze Zeit entfallene Steuer der Gedanken wurde wieder mannhaft ergriffen, und gestützt auf einen starken Willen konnte dem allmäligen Verlaufe der Wogen mit Fassung zugesehen werden.

Friedrich hatte wieder lebhaft an sich erfahren, wie wichtig es sei, dass der Mensch von Jugend auf sein Gemüt an hohen Ideen erbaue und durch erhabene Empfindungsweise stärke, denn ohne Hilfe dieser mächtigen Engel der Seele, die gleich dem Herrn über die Wogen des Lebens dahin schreiten, wäre sein Gemüt nicht so siegreich aus den Stürmen hervorgegangen, welche ihn zwischen Liebe und Freundschaft hin und her geworfen.

Es war nicht bloße Sehnsucht nach Bewegung in freier Luft, was Friedrich heute aus seinem Zimmer lockte; sein erster Gang in die schöne Natur sollte zugleich einem höheren Entschlusse dienen, der im stürmischen Rate seines Herzens gefasst war.

Man hatte im Schlosse trotz der eigenen Leiden eine lebhafte Sorge über Friedrichs Unwohlsein gezeigt, zu öfteren Malen des Tages musste ein Diener sich in Erbachers Hause nach dem Befinden des Kranken erkundigen, ja, Herr von Jeneveldt selbst hatte sich täglich am Krankenlager eingefunden, um sich persönlich von der Gefahr zu überzeugen, in welcher der Freund seines Sohnes schwebe; Friedrich benützte daher seinen ersten Gang ins Freie zu einem Gegenbesuch im Schlosse.

Es lag ihm daran, dort die Sorge und Aufmerksamkeit von seinem Zustande abzulenken und die Meinung von seiner vollen Genesung zu befestigen; ferner lag ihm daran, durch sein Erscheinen und durch die Art seines Auftretens auf Mathildes Herz beruhigend zu wirken.

Denn Mathilde allein unter allen Schlossbewohnern mochte den innersten Grund und die Tragweite der Gefahr seiner Krankheit richtig ermessen haben – sie sollte beim ersten Begegnen wenigstens ungewiss über die Nichtigkeit ihrer Vermutung gemacht werden; Friedrich lag daran, durch die Art seines Erscheinens darzutun, dass die überstandene Krisis zugleich das Ende der Krankheit oder wenigstens aller größeren Gefahr sei.

Denn in seinem eben bestandenen Kampfe zwischen Liebe und Freundschaft war die Freundschaft Siegerin geblieben.

Beschlossen war, das Verhältnis zwischen Otto und Mathilde sollte auf keine Weise störend berührt, im Gegenteil sollte das Bündnis zwischen beiden sobald als möglich zu Stande kommen.

Dass hierzu vor allem nötig war, den Freund durch jedes wirksame Mittel aus seiner Gefangenschaft zu erlösen, verstand sich dann von selbst.

Otte sollte später nie erfahren, auch nicht einmal ahnen, welches Opfer der Liebe des Freundes ihm gebracht, und Mathilde – sollte wenigstens niemals ergründen, wie groß dieses Opfer – je ob ein so ruhiges Verzichten von Seite Friedrichs überhaupt ein Opfer gewesen sei.

Diesen Entschluss zu fassen, hatte keine gewöhnliche Selbstüberwindung gekostet; ihn durchzuführen musste die ganze Kraft und Klarheit seines Geistes, die Unterstützung der vollen Wärme seines Gemütes in Anspruch nehmen; denn er wusste wohl, dass ein fester Vorsatz noch immer kein glücklich erreichtes Ziel ist, insbesondere in der Liebe, die so selten durch Vernunftgründe sich meistern, durch bloßen Willen sich kurzweg abtun lässt …

Da ging nun Friedrich Erbacher den so oft betretenen Weg von seinem Elternhause nach dem Schlosse Jeneveldts; vor einigen Tagen noch hatte er denselben Weg an der Seite seines Freundes zurückgelegt – Ach, was hatte sich seitdem verändert!

Friedrich kam zur Stelle, wo sein Freund am Verlobungsmorgen in die Schwärmereien eines Liebenden ausbrach und zuletzt die eindringlichen Worte sprach: »Du hast noch nie geliebt, aber Du wirst noch lieben; liebe erst und Du wirst begreifen lernen, was in solchen Augenblicken zum Schwärmer macht und Dinge sagen lässt, zu welchen der Mensch in Ruhe nur verwundert sagen kann, ich höre, aber ich fass' Dich nicht!«

Diese Worte hatten damals eine tiefe Wirkung hervorgebracht.

Friedrich gedachte dieser Worte wieder, und die Wirkung musste umso bedeutender sein, da sich seitdem zu gewissen Erinnerungen so erschütternde Tatsachen gesellten.

Noch nie geliebt!

War es doch eine ebenso wundersame als tiefe Leidenschaft, welche Friedrichs Herz seit frühen Jahren ergriffen und seitdem nicht wieder verlassen hatte! Diente doch gerade die Allee zum Schlosse, wo ihm solche Worte gesagt wurden, früher so oft als Schauplatz heftiger Liebesschwärmereien, von denen freilich niemand, selbst der einzige Freund keine Ahnung hatte!

Friedrich verlor sich, indem er langsam nach dem Schlosse ging, lächelnd in das Angedenken jenes Tages, an welchem er zum ersten Male von jener Liebe ergriffen wurde …

An einem Morgen war es wie heute – die Frühlingssonne schien hold auf Dächer und Straßen der kleinen Kreisstadt – Friedrich saß am Fenster seiner im Erdgeschoße befindlichen Wohnung und studierte eben auf einer Karte die große Heimat der Menschen, die Erde; er hatte die Namen und Grenzen der Länder, die Meere und Flüsse, die Gebirge und Länderprodukte, die Bewegung der Erde und die verschiedenen Arten von Völkern übersichtlich kennen gelernt – als ihm plötzlich wie mit einem Zauberschlage eine neue, schönere Welt, die süßeste Heimat des menschlichen Herzens, die Wunderwelt der Liebe aufging.

Denn gegenüber in einem Fenster des ersten Stockwerkes erschien mit einem vergoldeten Käfig, in welchem sich ein lustiger Hänfling herumtrieb, ein Kind von engelhafte Schönheit, das mit reitender Zierlichkeit den Käfig vor sich niederstellte, dem Vögelchen ein Kompliment machte, frohlockend die Türe des Käfigs öffnete und sagte:

»Nun, geh' spazieren, bis gescheuert und Dein Essen bereitet ist!«

Der Vogel hüpfte bis an die Schwelle der Türe, sah sich um, ob seine Freiheit ernst oder scherzhaft gemeint sei, flatterte dann zur äußersten Spitze des Käfigs empor, sah rechts, sah links, betrachtete mit sichtlichem Gefallen die kleine, liebe Herrin, schwang sich auf das seidenweiche Haar ihres Titusköpfchens, dann wieder auf den Käfig zurück, sodann wie neckisch drohend zum Fenster hinaus und weiter auf eine Mauerkante.

Das Mädchen reinigte und ordnete indessen sorgfältig den Käfig, stellte Futter hinein und war in die kleine Wirtschaft des Bauers ganz vertieft; hierauf aber begann ein reizendes Spiel von Mienen, Winken und Worten.

Süße Laute verschwendend, bat das Kind den Vogel, sein Herumvagieren in der Welt wieder aufzugeben und zu seiner Herrin zurückzukehren; das Tierchen aber schien sich zu bedenken und ließ Töne wilder Freiheitslust, aber gleich darauf wieder bange Töne des Bedenkens hören; es wetzte sein Schnäbelchen an der Mauer, als gelte es, den stumpfen Mut zur Flucht sich zu schärfen, aber das Schnäbelchen war geschärft und wieder geschärft – indes das Herz des Tieres mehr und mehr verzagte.

Plötzlich schoss der Flüchtling von der Mauerkante hoch in die Luft – und ließ sich dann zitternd auf den Rand des Daches nieder, spähend, was der Fluchtversuch für Eindruck auf die liebe Herrin gemacht haben möge; allein das Mägdlein blieb ruhig stehen und schob zum Futter auch ein Kännchen Wasser in den Käfig; einige frische Laute von Zeit zu Zeit waren die ganze Lockung, um den lieben Flüchtling wieder heimzuführen.

Noch war die Wahl des Vogels nicht entschieden, er sah sich noch immer lüstern in der großen, freien Welt um, als die kleine Herrin plötzlich einen warmen Blick zu ihm empor warf und einige frische Körner zwischen ihre Lippen nahm – das entschied – damit war der Flüchtling gefangen! Solchen Augen und solchen Lippen konnte er nicht widerstehen, er stürzte frohlockend herab, entführte den Rosenlippen Küsse und Körner, schleppte die Beute in den Käfig und ließ gerne wieder die Türe seines goldenen Kerkers mit Schloss und Riegel schließen.

In diesem Augenblick rief eine Stimme: »Mathilde!« Das Mädchen sagte: »Ich komme!« und eilte schnell nach der Tiefe des Zimmers – die Locken des Titusköpfchens bebten im Luftzug – wie wundersame Blicke fielen noch erst nach dem Fenster gegenüber, wo Friedrich seine neue Welt studierte …

Friedrich saß noch lange da, betroffen von den Blicken, verwirrt von den Schätzen einer Wunderwelt – und als er zu den Ländern, Meeren, Bergen und Flüssen der Erde zurückkam, da schien ihm diese selber fremd, er fand sich nicht sogleich auf ihr wieder zurecht …

Soweit hatte sich jenes Erlebnis in Friedrichs Erinnerung jetzt erneuert, als eine Stimme den Träumenden weckte, indem sie sagte:

»Ei, guten Morgen, Herr Erbacher! Ist Ihnen schon so wohl, dass Sie nach dem Schlosse gehen können?«

Friedrich blickte auf und sah denjenigen Diener des Schlosses, der während seines Unwohlseins täglich die Grüße und Nachfragen aus dem Schlosse bringen musste; er war eben wieder im gleichen Auftrag auf dem Wege nach Erbachers Hause.

Friedrich sagte freundlich:

»Ich muss ja Wort halten, Christoph, gestern sagte ich Dir's voraus, Du hast es aber nicht glauben wollen.«

Der Diener sah vergnügt aus und wollte, nachdem er achtungsvoll den Hut gezogen, einige Schritte hinter Friedrich zurückbleiben, um keinen Respektsverstoß gegen den Freund seiner Herrschaft zu begehen, aber Friedrich rief ihn an seine Seite und sagte:

»Wir müssen reden mit einander, sei kein Kind!«

So menschlich angeredet, glaubte der Diener auch gleich etwas Angenehmes sagen zu müssen und rief, indem er zögernd an Friedrichs linke Seite rückte:

»Ach, die Überraschung, die Freude, wenn man sie auf einmal wieder so gesund im Schlosse sehe wird!«

Friedrich lächelte, aber ein stiller Ernst saß fest auf seine Stirne.

Im Grunde war es ihm willkommen, den Diener eine Weile zum Begleiter zu haben. Denn er fühlte, dass das längere Versenken in die Bilder der Vergangenheit seiner ohnehin zu elegischen Stimmung leicht gefährlich werden konnte. Nicht weich und träumerisch, sondern fest und froh wollte er den befreundeten Bewohnern des Schlosses vor Augen treten. Er ließ sich daher mit dem Diener in ein Gespräch ein über gewöhnliche Gegenstände und sammelte inzwischen seine ganze Kraft und Festigkeit für den Besuch.

Als beide an eine Nebenpforte des Schlosses kamen, blieb Friedrich einen Augenblick stehen, als ob er noch einen erquickenden Überblick über die Gegend gewinnen wollte, winkte dann dem Diener, dass er nur vorausgehen möchte, und legte seine Hand beschwichtigend aufs Herz; ein flüchtiges Beben rieselte durch seine Glieder – dann machte er eine rasche Bewegung nach dem Schlosse und trat ein …


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