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Drittes Kapitel.
Wandlungen zum Bessern. Sorgen unter vier Augen. Abschied. Traum ein Leben

Wir würden uns indessen irren, wollten wir aus diesem Benehmen Mathildes einen Schluss ziehen auf die Vorsätze, welche ihr Herz gefasst hatte, um der bedenklichen Lage, in der sie sich befand, zu entgehen.

Denn Mathilde hatte während der letzten Tage so gut als Friedrich mit sich selbst gerungen, um sich der Bedrängnis zu erwehren, welche ihre Beziehung zu den beiden Freunden heraufbeschwor; und die Vorsätze, welche dabei die Oberhand gewannen, blieben an Reinheit und Erhabenheit hinter denen Friedrichs keineswegs zurück.

Unter allen Umständen, selbst auf die Gefahr hin, ihren Frieden und ihr Glück auf ewig zu verlieren, sollte Mathildes Verhältnis zu Otto aufrecht erhalten und der Kampf ihres Willens gegen die Versuchungen ihrer ersten Liebe siegreich geführt werden.

Nie sollte Otto Jeneveldt erfahren, welche Opfer sein Glück dem Herzen seiner Geliebten koste; nie sollte Mathildes Mutter hinter das Geheimnis kommen, dass der Unbekannte, welcher das Herz ihrer Tochter so früh und wundervoll gefesselt, niemand anders sei, als Ottos wackerer Freund; in seltener Übereinstimmung hatte Mathilde wie Friedrich beschlossen, den Kampf ihres Herzens auf ihr eigenes Innere zu beschränken.

Bezeichnend genug erlag im ersten Drange dieses eingedämmten Seelenkampfes bei Friedrich Erbacher der Körper leichter als die Kraft des Geistes, während bei Mathilde das Herz unendlich ratloser herumgeworfen und gefährlicher ergriffen wurde als die Kraft des Leibes.

Denn ihr war es möglich geworden, unter den Augen der Schlossbewohner alle Kämpfe des Gemüts unter der arglosen Form der Schmerzes über Ottos Schicksal auszufechten, während Friedrich Erbacher nach dem ersten Begegnen schon gezwungen war, um nicht durchschaut zu werden, seine Kämpfe fürs Erste allen Augen des Schlosses zu entziehen.

Während aber dieser Zustand beider den Augen ihrer Umgebung glücklich verborgen blieb, durchschauten sich dagegen Friedrich und Mathilde umso besser.

Der Letzteren war der eigentliche Grund von Erbachers plötzlichem Erkranken keinen Augenblick ein Geheimnis geblieben, und es konnte nicht fehlen, dass zu ihrer Teilnahme, die sie offen zeigen durfte, sich ein tiefer Schrecken gesellte, dass die Leidenschaft Friedrichs neuerdings eine Heftigkeit annehmen könne, der sie doch am Ende vergebens widerstanden hätte.

Die Ungewissheit, in welcher Weise Friedrich bei dem ersten Erscheinen seit der Krankheit ihr entgegentreten werde, hatte eben darum viel zu Mathildes verzagtem und schwankendem Benehmen beigetragen.

Hätte sie gewusst oder auch nur ahnen können, bis zu welcher Festigkeit und Ruhe Friedrich sein Gemüt bemeistert hatte, sie wäre sicher auch gefasster aufgetreten …

Wir haben gesehen, wie Mathilde, nachdem der Wagen Jeneveldts ihren Augen entschwunden war, noch lange regungslos an einem Pfeiler des Erkers stehen blieb und ihre feuchten Augen unbestimmt ins Weite schickte.

Sie erinnerte sich nun, dass sie nicht länger hier verweilen dürfe, ohne bei den Frauen Bedenken zu erregen.

Mit einer Fassung, die wenigstens die bedenklichsten Spuren ihrer Wehmut beseitigt hatte, entfernte sie sich vom Erker, um die Mutter und Frau von Jeneveldt zu suchen.

Ein Gedanke kam ihr jetzt zu Statten, sie hoffte, aus den Mitteilungen der Frauen zu entnehmen, welcher Art das erste Auftreten Friedrichs gewesen sei, daraus wollte sie auf dessen künftiges Betragen schließen.

Selbst im Falle, dass Mathilde einen Schluss zog, der ihre Sorgen nur vermehrte, war durch die bloße Gewissheit, was ihr bevorstand, schon gewonnen; denn sie wusste dann bestimmt, wie groß die Gefahr sei, die sie zu bekämpfen hatte, und konnte bei Zeiten die äußersten Mittel der Abwehr bedenken.

Mathilde fand die Mutter und Frau von Jeneveldt im Garten.

Sie wurde von beiden mit sanften Vorwürfen empfangen.

»Und wo warst Du denn? Ich habe Dich vergebens gesucht«, sagte die Mutter Vollwarth – »Weißt Du denn, wer hier war, zum Verwundern erholt und so gefasst und sicher in allem, dass es eine Freude war?«

»Fritz Erbacher«, fiel Frau von Jenveldt ein: »Ja, ja, er ist wieder auferstanden und hat durch sein bloßes Erscheinen um ein Gutes in unseren Hoffnungen wieder gestärkt.«

Ein leichtes Rot zuckte über Mathildes Wangen, sie reichte beiden Frauen ihre Hände und erzählte dann, wie sie von einer vorübergehenden Stimmung verfolgt ihr Erkerplätzchen aufgesucht habe, um niemand durch verzagte Mienen zu betrüben. Dass Friedrich Erbacher hier gewesen und soweit erholt sei, fügte sie hinzu, könne ihr nur Freude machen.

Diese letzteren Worte waren keine bloße Redensart.

Ein Schimmer von Erheiterung erhellte ihre Züge, während sie dieselben sprach.

»Ich hätte auch um Deinetwillen gewünscht, dass Du ihn gesehen hättest«, sagte Frau von Vollwarth: »Er wäre Dein Trost so gut gewesen als der unsere.«

Mathilde erblasste und errötete schnell hintereinander.

Zum Glücke hatten beide Frauen den breiten Sandweg des Gartens entlang sich in Bewegung gesetzt und übersahen diese wunderlichen Zeichen.

Die wenigen und erwünschten Mitteilungen über Friedrichs erstes Auftreten hatten indessen ihre dauernde Wirkung getan.

Ein frischer Mut und die Zuversicht, dass die noch bevorstehenden Kämpfe ihres Herzens um ein Wesentliches erleichtert würden, hoben und stärkten Mathildes Gemüt; sie konnte nicht annehmen, dass Friedrichs durchaus ehrlicher Charakter eine Maske vornehme, die mit seinem Wesen im Widerspruche stehe; war nun aber das feste und tröstliche Auftreten Friedrichs wirklich der offene Ausdruck seiner Fassung – wie konnte noch ein Zweifel sein, dass er mit seinen Entschlüssen gerade dort angelangt war, wohin die ganze aufrichtige Absicht Mathildes auch hinstrebte, bei dem festen heiligen Entschlusse der Entsagung seiner Liebe?

Mit Freuden ging Mathilde auf diesen Gedanken ein, der schnell zur Überzeugung wurde.

Ach, rief es lebhaft durch ihr froh auflebendes Gemüt – wie nützlich und stärkend wird der schwere Kampf uns beiden werden, in dem uns hohe Ideen unterstützen und nach dessen glücklichem Bestehen die Gefühle eines schönen Sieges der Wunderbalsam für die Wunden unserer Herzen werden!

Bei dieser Stimmung konnten die Worte Friedrichs, die er beim Abschied zu Mathildes Mutter gesagt, nicht ohne gute Wirkung bleiben. –

»Er lässt Dir seinen Morgengruß melden und bedauert, Dich nicht gesehen zu haben«, sagte Freu von Vollwarth, »aber er hofft, von nun an täglich das Vergnügen Deines Umgangs zu haben und manches zu Deinem Troste tun zu können …«

Ließen diese Worte noch länger an Friedrichs fester und erwünschter Herzensrichtung zweifeln?

Mathilde sagte sich sofort mit leuchtenden Blicken: das Äußerste ist überstanden, wir werden uns künftig nicht zur Qual, sondern zum Troste leben – Gottlob, gottlob, nun kann noch alles werden! …

Während nun Mathilde auf diese Weise sich von ihren schlimmsten Sorgen erholte, hatte auch Friedrich nicht ohne Selbstüberwindung das Schloss verlassen.

Er hatte den Schauplatz seiner inneren Gefahr mit Fassung betreten, hatte Mathilde gesehen und ihren Anblick, wenn auch nicht ohne Erschütterung, doch mit äußerer Ruhe ertragen; als er in das Kabinett des Freundes trat und den beiden Frauen gegenüber saß, musste er jeden Augenblick Mathildes Eintritt erwarten und konnte sich in Wahrheit sagen, dass er nicht gezittert habe!

Wohl gestand er sich – und er tat es mit voller Aufrichtigkeit gegen sich selbst – dass ihm die Gelegenheit, seinen ersten Besuch im Schlosse abzukürzen, recht willkommen gewesen. Aber die erste, wenn auch kleine Prüfung, war denn doch befriedigend bestanden; sollte er ja erst ganz genesen, sollten seine Beschlüsse ja erst älter und immer in sich fester werden! Auch stand zu hoffen, dass mit jedem neuen Besuche ein Stück neuer Zuversicht errungen werde!

Friedrich hätte somit ziemlich heiter aussehen können, indem er neben Herrn von Jeneveldt dahinfuhr, wenn nicht der Gegenstand, welcher zwischen beiden zur Sprache kam, ein ernster und für beide ein gleich bedenklicher gewesen wäre.

Herr von Jeneveldt, so gefasst er in Gegenwart der Frauen über Ottos Schicksal zu sprechen pflegte, zeigte unter vier Augen mit Friedrich keineswegs eine und dieselbe Zuversicht.

»Was vielleicht in ruhigen Zeiten ungefährlich vorübergegangen wäre«, sagte er einmal, »kann jetzt mit meinem Sohne das betrübendste Ende nehmen. In so stürmischen Zeiten, wo der verwegene Gedanke nach Weltherrschaft alles aus den Angeln hebt, hat die Gerechtigkeit leider nicht Zeit und Geduld wie im Frieden, und etwas schwerer oder leichter auf der Waage wird gar nicht beachtet.«

Nach einer Pause fuhr er fort:

»Wenn ich an Ort und Stelle die einflussreichen Personen gesprochen und sie zu milder Behandlung meines Sohnes bewogen habe, werde ich, vielleicht nicht ohne Nutzen, zwei Bekannte aufsuchen, die ich längst gerne wieder gesehen hätte. Dies sind eine Frau von Sellwitz und Professor Ernst. Frau von Sellwitz war einst an einen fernen Verwandten von mir verheiratet, verlor ihren Mann, einen hochgestellten Beamten, vor etwa drei Jahren und lebte seitdem als Witwe nicht ohne Einfluss auf die ersten Kreise der Stadt. Mit ihrer Hilfe vermag ich vielleicht manches, was ich jetzt noch nicht zu hoffen wage. Professor Ernst ist bis zur Schlacht von Jena Offizier in einem preußischen Artillerie-Regiment gewesen; nach jener unglückseligen Schlacht quittierte er wie ich und ergriff mit Vergnügen eine Gelegenheit, seine mathematischen Kenntnisse an den Mann zu bringen, indem er die Stelle eines Professors erhielt. Seitdem lebte er stille und zufrieden im Kreise einer wundersamen Familie. Als einen langjährigen Freund habe ich ihn vor zweit Jahren besucht und freue mich von Herzen, sowohl ihn als die Seinen wieder zu sehen. Bei diesen vortrefflichen Menschen, denen ohnehin das traurige Schicksal Deutschlands sehr zu Herzen geht, hoffe ich lebhafte Fürsorge für meinen Sohn zu wecken, damit ihm, wenn ich etwa unverrichteter Sache zurückkehren muss, wenigstens alle Milderung des Schicksals zuteilwerde, die erreichbar ist.«

Unter diesen und ähnlichen Mitteilunge war die Fahrt zur nächsten Post vollendet.

Der Postwagen stand bereits zur Abfahrt bereit und es musste zwischen Jeneveldt und Friedrich ohne Zaudern Abschied genommen werden.

Man reichte sich denn die Hand, drückte sie gegenseitig und blickte sich still und ernst ins Auge – dann stieg Jeneveldt ein, der Postillon blies ins Horn, und der Wagen eilte davon.

Friedrich verweilte nicht länger auf der Post und fuhr etwas langsamer, als er gekommen war, zurück.

Der Morgen war seitdem noch klarer und milder geworden.

Das leiseste Windesregen trieb Wolken Duftes von den blühenden Baumzweigen, und unter dem tiefblauen Firmamente wimmelte es von zitternden Punkten, den Lerchen, die Ströme Wohlauts auf die jungfräuliche Erde niederschickten.

Friedrich hatte eine Stunde erregten Herzens hingebracht, es war daher natürlich, dass jetzt mildere Stimmung, eine leise Abspannung überhandnahm.

Ohne dass er es eigentlich fühlte, schlief er endlich ein, indem der Kutscher, der dies merkte, langsam heimfuhr.

Aber die Milde der Luft, die balsamischen Blütendüfte und der Gesang der Lerchen folgten ihm auch in den Schlaf und setzten sich in Verbindung mit seinen Träumen.

Es kam ihm vor, als lebe er wieder als Knabe in der kleinen Stadt und genieße wie einst die kindlichen Gefühle erster Liebe.

Er sah vom Fenster des Erdgeschoßes die idyllischen Szenen mit dem Hänfling, sah sich dann aus der engen Stube mit seinem Buche in der Hand durch Feld und Wälder eilen, dem Gesang der Vögel horchen und »vom Schönsten auf den Fluren« hier und dort ein Sträußchen binden. Er floh die Kameraden, suchte sie auf und floh sie wieder, und wenn er nirgends Ruhe fand – in einem Kapellchen mit wundertätigem Muttergottesbilde ward ihm wieder wohl nach langem Stürmen.

So träumte Friedrich bunt durcheinander, bis der Wagen einen raueren Landweg fuhr und das Rütteln den Schläfer weckte.

Da war von all' den süßen Dingen der Vergangenheit nur der Lerchengesang für sein Ohr, der Blütenduft für seinen Geruch noch übrig – er schlug die Augen auf – und die liebe Heimat war es, die er vor sich hatte; es war auch höchste Zeit, als er den Kutscher stille halten ließ; denn schon war man eine Strecke am Hause seiner Eltern vorüber, und es hätte sich leicht fügen können, dass Friedrich erst im Schlosse wieder erwachte.

Er stieg aus, und nachdem er Grüße und Beruhigungen über die Fahrt dem Kutscher für die Schlossbewohner aufgetragen, ging er ziemlich wohl und heiter dem Elternhause zu …


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