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Siebentes Kapitel.
Der Verhaftsbefehl

Otto Jeneveldt hatte das überreicht Papier kaum entfaltet und einige Blicke auf dessen Inhalt geworfen, als er tief erblasste, auf seinen Stuhl zurücksank und starren Auges eine Weile vor sich hin sah.

»Ich soll verhaftet werden!« sagte er dann mit bebender, klangloser Stimme, »verhaftet an diesem Tage! Hier! In dieser Stunde noch!«

»So lautet der Befehl, und ich bin da, ihn auszuführen«, erwiderte der Fremde.

Eine lange Pause des Schweigens trat ein.

Ottos Haupt sank wie leblos auf die Brust; seine rechte Hand mit dem Verhaftsbefehle lag wie im Fieber zitternd auf seinen Knien; seine Lippen regten sich leise, als gingen lautlose Gedanen darüber, welche auszusprechen er weder Kraft noch Fassung fühlte.

»Mein Herr«, begann der Fremde endlich, im Tone etwas milder als zuvor: »Der Augenblick, in welchem Sie die schwere Hand des Gesetzes fühlen, ist, gern gesteh' ich's selber, nicht geeignet, mir meine Pflicht zu erleichtern, Ihnen den Gehorsam milde an das Herz zu legen; allein, mein Herr – die Dinge in ihrer ganzen Bedeutung erwogen – in Zeiten, wo sich's namentlich darum handelt, ebenso schnell als strenge alle Bestrebungen im Keime zu fassen und zu ersticken, welche einer Tendenz, eines gefährlichen Zieles verdächtig sind …«

Otto Jeneveldt erhob sein Haupt; die Wucht des ersten Schreckens und Schmerzes schien plötzlich einer wunderbaren Fassung zu weichen; er stand auf.

»Mein Herr«, sagte er mit fester Stimme, »glauben Sie nicht, dass es das Bewusstsein der Schuld ist, welches mich eben vor Ihren Augen so auffallend niedergebeugt hat; glauben Sie auch nicht, dass mich aller Mut, alle Fassung einen Augenblick so verlassen konnten bei dem Gedanken an Gefahr, die meiner Sicherheit oder – in so bedenklichen Tagen – sogar meinem Leben drohen mag! Es war das natürliche Entsetzen vor einer Gewalt, die meine schönsten Hoffnungen in einem Augenblicke, wo sie in Blüte standen, überfallen und verwüsten soll … Aber ich habe mich aus dem Bann der ersten Betäubung gerungen und gezeigt soll mir werden, aus welchen Gründen und mit welchem Rechte das Gesetz, wie Sie es nennen, hier die geheiligten Räume des Hauses durchbricht, um mich dem Boden rechtmäßigen Besitztums, den Armen liebender Eltern einer erwarteten Braut so frech zu entreißen!«

Der Fremde erwiderte, indem seine Mienen in die marmorne Ruhe von früher zurückfielen:

»Es ist weder mir noch Ihnen, mein Herr, gestattet, einen Akt der Regierung zur Rechenschaft zu ziehen, wo es sich nur darum handeln kann, ihn unbedingt Folge zu geben. Dem französischen Gouvernement ist zur Kenntnis gekommen, dass man Sie unter diejenigen jungen Männer Deutschlands zähle, welche immer wieder von Neuem das geheime Bestreben zum Widerstande gegen Frankreichs Einfluss in Deutschland aufnehmen und nähren; in Folge dieses Argwohns oder in Folge tatsächlicher Erhärtung dessen, was Ihnen von irgendeiner Seite zur Last gelegt wird, hat es einer kaiserlichen Regierung von Frankreich gefallen, einen Wink der Beschwerde an die heimische Behörde gelangen zu lassen, demgemäß gegen Sie verfahren wird – nicht um zu strafen vor der Untersuchung, sondern um zu untersuchen, ob es auch mit Fug und Recht geschehen dürfe, dass man Sie auf Frankreichs Wunsch hin einer Strafe unterwerfe.«

Otto konnte ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken; er ließ sich wieder auf seinen Stuhl nieder und sagte:

»Freilich, freilich – man untersucht mich ein Jahr lang, um sich meine Unschuld zu vergewissern – und befreit mich dann in einer schönen Stunde, um zu zeigen, dass ich auf die Befehle Frankreichs hin daheim bestraft werden solle? Mein gekränktes Leben, mein so lange zerstörtes Paradies hat kein Recht darauf, mit Schonung bedacht und behandelt zu werden … doch, mein Herr«, setzte er mit steigender Wallung hinzu, »eh' ein solcher Missbrauch meiner eigenen Regierung durch fremde Willkür geschehen darf – will ich wenigstens zeigen, will ich wenigstens …«

»Mäßigen Sie sich, mein Herr«, fiel ihm der Fremde in die Rede, »es ist zu Ihrem wahren Besten, und ich will gerne, wo an entscheidender Stelle Ihre Sache geführt werden wird, ein Wort der Rühmens fallen lassen: beleidigen Sie das Gesetz nicht auch noch da, wo es schon als beleidigt vor Ihnen steht –ergeben Sie sich willig in das Unvermeidliche, da Ihr Widerwille alles nur verschlimmern könnte.«

Nach diesen Worten ging er an das Fenster und zeigt in das Freie.

»Sehen Sie«, sagte er, »dort unten, wo die Bergwaldung in ein heiteres Buchenwäldchen ausläuft, glänzen die Helme der bewaffneten Macht, welche mir zu Gebote steht. Ein Wink mit meinem Taschentuche aus diesem Fenster führt mir jene Reiter herauf. Dass sie nicht schon mit mir gekommen sind, unbekümmert, wie Sie und die Ihrigen schmerzhaft berührt werden könnten, das haben Sie nur einer billigen Rücksicht von meiner Seite zu danken. Zwingen Sie mich nicht, diese Rücksicht bedauern zu müssen und hören Sie mich an.«

Otto war unwillkürlich dem Fenster näher getreten und blickte hinaus.

Am Saum des Buchenwäldchens ritten Kürassiere ab und zu; Helme und Waffen blinkten im Sonnenstrahle.

Der Fremde fuhr fort:

»Mein Herr! Ich bin über die heutige Tagesordnung Ihres elterlichen Hauses wohl unterrichtet. Ihr Vater ist eben voll Eifers, Anstalt zu treffen, dass die Ankunft der Braut auf keine Weise übersehen werden möge. Im Hofe stehen Wagen bespannt, Pferde gesattelt, um sofort Ihrer Braut entgegen zu eilen, wenn ihr Reisewagen auf der Straße sichtbar wird. Mein Herr – unter solchen Umständen wird es von Ihnen abhängen, ob Ihre Verhaftung in aller Stille und ohne unmittelbaren Abschied von Ihren Eltern stattfinden solle oder ob Sie vorziehen, den ganzen schmerzlichen Tumult eines gewaltsamen Abschieds zu erregen und zu bestehen – ohne in Ihrer Sache etwas zu nützen; denn Ihre Verhaftung ist nicht zu umgehen …«

Otto blickte noch immer lautlos zum Fenster hinaus; ein vorübergehendes Erstarren hatte ihn abermals ergriffen.

Der Fremde sagte nun weiter:

»Mein Vorschlag wäre dieser, mein Herr. Sie entschließen sich, mit mir unter dem Vorwande einer wichtigen Besprechung auf diesem Zimmer zu bleiben, bis der Ruf ertönt, Ihre Braut sei im Nahen. In diesem Augenblicke wird Ihr Vater zu Pferde, werden die Damen in den Wagen steigen, man wird einen Diener senden, um Sie vom eiligen Aufbruche zu benachrichtigen – dann senden Sie den Diener mit der Bitte zurück, man möge nur eine kurze Strecke sich vorausbegeben, Sie würden im nächsten Augenblicke folgen. Es ist kein Zweifel: auf diese Botschaft hin werden die Ihrigen keinen Anstand nehmen, wirklich eine Strecke vorauszueilen, hoffend, Ihr Pferd werde Sie ihnen schleunig genug nachführen. Sobald nun Ihre Eltern nordöstlich vom Schlosse zu Tale eilen, gebe ich von diesem Fenster aus der bewaffneten Macht mein Zeichen, sie kommt ungesehen die südliche Allee herauf, besetzt so lange alle Ausgänge des Schlosses, bis wir die Papiere – Ihres Zimmers gesammelt und gesichtet haben – dann teilen Sie mit mir einen indessen angekommenen Wagen, folgen uns – und ersparen Ihren Eltern und sich selbst einen Abschied, der, abgesehen von aller Nutzlosigkeit, Ihnen den Akt der Verhaftung nur in hohem Grade schmerzhafte machen müsste.«

Otto erwachte wie aus einem entsetzlichen Traume.

»Nein! Unmöglich! Nimmermehr!« rief er durchwühlt von Schmerz und Verwirrung: »Ich soll fort, ohne das Auge meiner Mutter, ohne das Angesicht meines Vaters noch zu sehen? Ich soll fort, ohne die Ankunft meiner Braut abzuwarten, ohne ihr Lebewohl zu sagen, ohne ihr ein Wort des Trostes zurückzulassen?«

»Mein Herr, man wird Ihnen gestatten, in einigen Zeilen Ihren Eltern und Ihrer Braut Lebewohl zu sagen und so viele Tröstungen beizufügen, als Ihnen gut und rätlich scheint.«

In diesem Augenblick trat Mutter Jeneveldt, begleitet von ihren Freundinnen, aus dem Gärtchen in den großen Hof des Schlosses.

Ihre heiter-wehmütige Stimme erreichte Ottos Ohr.

Sie sprach von ihrem Sohne, von der Braut desselben, sie sprach von dem und jenem, was die letzten Tage gebracht und was die nächsten Tage bringen sollten. Indem sie also sprach, lenkte sie ihre Schritte langsam dem großen Tore zu, welches am schönsten geschmückt und, für den festlichen Einzug der Braut bestimmt war; wahrscheinlich war sie im Begriffe, nach ihrem Manne zu sehen, welcher voll militärisch-heiteren Eifers, so ganz bei seiner Unternehmung war, dass er von der Batterie seiner »Augenkanone« nimmer weichen wollte.

Otto eilte mit ausgebreiteten Armen an das offene Fenster und rief mit gewaltsam gepresster Stimme:

»Ah – meine Mutter! Da geht sie hin ohne Kummer und ohne Ahnung von dem, was mich hier bedroht! Sie spricht von ihrem Sohne und von ihrer künftigen Tochter und schwärmt von schönen Tagen, welche kommen sollen. Hat denn mein Schicksal keine bessere Art gewusst, keine bessere Stunde – womit habe ich es so tödlich beleidigt, dass es zu seinem Überfalle den Augenblick benützt, wo mein ganzes Herz im Tempel des Glückes vor dem Altare liegt und seinen Gottesdienst der höchsten Wonne feiert? O tempelschänderische Gewalt«, fuhr er wütend fort, indem er sich zum Fremden kehrte, »ausgesuchter Folterakt, zu welchem man Sie hierher gesendet – Herr, ich merk' es wohl, nicht so sehr um meinen Schmerz ist Ihnen zu tun, ich soll ohne Abschied scheiden, um Sie mit dem Anblick der ganzen Barbarei zu verschonen, deren Abgeordneter und Werkzeug Sie sind. Aber Sie irren sich; ich will Ihnen diesen Gefallen nicht erweisen; mein Herr; Sie sollen Ihr Teil Peinigung zu tragen haben. Ich will meinen Abschied nehmen, will ihn vor Ihren Augen nehmen – und sollte es mir das Herz in zehntausend Stücke zerreißen!«


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