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Achtes Kapitel.
Der Brief. Fügungen. Überraschung und feierliche Eröffnungen

Der Brief, welche eben angekommen, war nicht von Herrn von Jeneveldt, doch aber von jemand, der für Mathilde und Friedrich eigentümlicher Umstände halber Interesse hatte.

»Nun, Mathilde«, sagte Frau von Vollwarth, indem sie den Brief der Kommenden entgegenhielt – »rate einmal, von wem uns Nachricht zugekommen ist!«

»Ist der Brief nicht von Herrn von Jeneveldt?« fragte Mathilde enttäuscht.

»Leider nein«, erwiderte ihre Mutter, »aber der Brief ist doch von einer Hand, die uns nicht gleichgültig ist – rate!«

»Wie soll ich von so vielen Bekannten schnell die rechte Person erraten? – Nun – ich will's versuchen – ist der Brief von der Baudirektion Grafenheim?«

»Weit gefehlt, mein Kind – Sieh Dir einmal die Handschrift an …«

Mathilde warf einen Blick auf die Adresse und sagte nach einigem Besinnen:

»Solche Hieroglyphen hat meines Wissens nur der Hauptmann Lieder in seiner Macht – ist der Brief von ihm?«

»Erraten!« sagte Frau von Vollwarth ung gab Mathilde den Brief, während sie zu Friedrich gewendet sagte:

»Lieder ist der Sohn eines pensioierten Generalmajors. Robert Lieder, der hier schreibt, hat nur noch einen Bruder am Leben, der ebenfalls bei der Fahne dient. Als mein Mann noch den bescheidenen Dienst eines Kreissekretärs in der Provinz versah, war der Vater der jungen Leute Oberst in demselben Städtchen, wir verkehrten viel und gerne miteinander und sahen es mit Vergnügen, dass auch unsere Kinder sich miteinander vertrugen. Obwohl nun damals unsere Nachbarschaft nicht länger als zwei Jahre dauerte, so unterhielten wir doch noch lange nachher einen lebhaften Briefwechsel miteinander, der erst dann zwischen uns Eltern erlosch, als die Frau des Obristen gestorben war. Nichts desto weniger schrieben die Söhne des späteren Generalmajors noch oft an uns und haben es seitdem nie unterlassen, uns zu besuchen, wenn sie ihr Weg in unsere Nähe brachte. Und so ist denn auch heute dieser Brief ein Beweis von der liebenswürdigen, durch lange Jahre bewährten Anhänglichkeit des jungen Offiziers, da er uns in einem Augenblick noch zu schreiben und von uns Abschied zu nehmen eilt, welcher ihn nach dem Schauplatze des Krieges entführt. Er ist nämlich auf dem Wege zur französischen Armee, die sich an der russischen Grenze sammelt.«

Mathilde hatte den Brief gelesen und sagte nun:

»Aber das ist ja merkwürdig, Mutter: Eduard Lieder – sein Bruder – befindet sich gegenwärtig in derselben Festung, wo man Otto gefangen hält – er ist, wie Robert hier schreibt, dem französischen Gouverneur als Deutscher zu Seite gegeben – ach, warum haben wir das nicht früher gewusst! Wer weiß, wie viel das Otto genützt und seinem Vater die Wege zur Rettung erleichtert hätte!«

»Ja, es ist sehr zu bedauern, dass dieser Brief nicht einige Tage früher kam«, sagte Frau von Vollwarth und wendete sich an Frau von Jeneveldt: »Wenn man wüsste, dass Dein Mann noch in der Stadt ist und dass ihm dieser Brief noch rechtzeitig in die Hände käme, wäre ich allerdings dafür, ihn sofort noch an ihn abzuschicken.«

Frau von Jeneveldt, die stille und nachdenklich dasaß, erwiderte nach einer Weile:

»Freilich – freilich – aber aufs Ungewisse hin – und wenn man bedenkt, dass es in diesem Augenblick nicht rätlich ist, Briefe so ohne Weiteres hin und her zu senden, namentlich, wenn sie Personen aus der Umgebung des französischen Gouverneurs betreffen – ich glaube fast, es werde besser sein, die Ankunft der morgigen Post abzuwarten. Kommt mein Mann, so wäre es an und für sich zu spät mit dem Briefe, kommt er nicht, so erhalten wir wenigstens Nachricht, wie lange mein Mann noch in der Stadt verweilt.«

Frau von Vollwarth gab ihre Zustimmung und sah Fritz Erbacher fragend an.

Dieser erwachte mit einiger Verlegenheit aus einem Nachdenken, in welches er seit der Mitteilung über den Inhalt des Briefes versunken war.

Unwillkürlich nickte er nur mit dem Kopfe, ohne recht zu wissen, was er durch seinen Beifall bestätige.

Man blieb noch lange im Schatten des Kastanienbaumes bei einander sitzen.

Der Inhalt des Briefes, eine nähere Schilderung der Familie Lieder, dann Herrn von Jeneveldts Reise nach der Stadt und die natürliche Folge dieses Gegenstandes Ottos unglückseliges Schicksal, gaben Stoff genug zu ernsten und warmen Gesprächen.

Indessen war die Mittagsstunde herangekommen.

Da Friedrich seiner Mutter versprochen hatte, daheim zu essen, so empfahl er sich nun und wurde von den Damen, die ihn nicht gerne entließen, eine Strecke begleitet.

Als er hierauf allein die Allee nach dem Dorfe weiter ging, holte er einmal aus tiefer Brust Atem.

»Dank, Dank!« sagte er vor sich hin und blickte freier um sich, »die Proben fallen immer besser aus, unsere Ruhe, unsere Zuversicht wächst, der volle Sieg über unser Herz wird und werden! …«

Friedrich war seit der Abreise des Herrn von Jeneveldt heute zum dritten Male im Schlosse gewesen und hatte also Mathilde wiederholt gesehen und gesprochen.

Die Probe des ersten Begegnens war, nach den gründlichen Vorbereitungen jedes Teils, beiderseits zufriedenstallend ausgefallen, und man setzte unter der Form vertraulichen Verkehres die stillen Herzensexerzitien fort.

Wie weit nun diese Übungen bis jetzt gediehen, haben wir eben zu sehen Gelegenheit gehabt.

Dass Friedrich es namentlich war, der eine so glückliche Wendung möglich machte, kann nicht in Zweifel gezogen werden, da es nur zu deutlich war, dass Mathilde wenigstens bei der Probe der ersten Unterredung wie ein schwaches Rohr derjenigen Richtung hätte folgen müssen, welche Friedrichs Leidenschaft einschlug.

Aber Dank dem wackeren Bekämpfer seines eigene Herzens, an Friedrichs Willensfestigkeit vermochte sich Mathildes wankendes Selbstvertrauen aufrecht zu erhalten und die erste und zweite Probe zu bestehen, – auch die dritte Probe fiel nun ungleich besser aus als alle früheren.

Freilich hatte man beiderseits bisher vermieden, der Vergangenheit mit einer Silbe zu erwähnen; aber das sollte ja auch künftig so gehalten werden, das stand bei Friedrich wie bei Mathilde fest!

Im Weitergehen nach dem Elternhause lächelte Friedrich auch einmal nachdenklich vor sich hin.

Es fiel ihm wieder die seltsame Verkettung von Umständen ein, welche oft geeignet ist, den Zufall des Lebens wenigstens ebenso romantisch erscheinen zu lassen als die bestersonnene Verwicklung einer Dichtung.

Die zwei jungen Offiziere waren Friedrich aus gar früher Zeit bekannt.

Ihre Erscheinung hatte ihm oft genug zu schaffen gemacht, da er noch als Student am Fenster seines Zimmers den Schwärmereien seines Herzens nachhing, denn nicht selten, namentlich an Sonn- und Feiertagen geschah es, das die Knaben Lieder mit Mathilde, wenn sie ihren Hänfling füttern kam, zugleich am Fenster erschienen und mit vertraulichem Übermut ihr Werk zu unterbrechen oder bei guter Laune auch rech liebenswürdig zu unterstützen suchten.

Wie gerne schien Mathilde die hübschen, fröhlichen Knaben um sich zu haben! Und was Wunder auch, dass sie ihr gefielen? Hatten sie doch an solchen Tagen nicht selten äußerst niedliche Uniformen angetan oder erschienen in glänzender Rüstung, wobei sie manchmal wohl als »feindliche Brüder« um das schöne Fräulein Mathilde »bis auf den letzten Blutstropfen« kämpften!

Hätte sich Friedrich nach Beendigung solcher Turniere dann nicht wenigsten damit getröstet, dass der Blick des holden Kindes, der auf ihn herüber fiel, doch wärmer sei als der Preisblick, welcher drüben dem Sieger im Turniere zuteilward: in der Tat, sein junges Herz wäre in Gefahr gekommen, stille zu verbluten!

Und diese beiden Lieder – in welcher Stellung, in welchen Beziehungen zu Mathilde und zu seinem unglücklichen Freunde traf er sie nun wieder! …

Als Friedrich nach Hause kam, fand er seine Eltern in geheimnisvollem Verkehre mit einem Nachbarn.

Die Männer saßen am großen Ecktisch beisammen und waren mit großen Kreidestücke bewaffnet, womit sie auf der Tischplatte Berechnungen anstellten; nicht weit von ihnen saß Mutter Erbacher auf der Wandbank und sah dem Eifer der Männer froh nachdenklich zu.

Es wurde nichts gesprochen, und nur das Hin- und Herfahren und heftige Punktummachen mit der Kreide unterbrach die sonst allgemeine Ruhe in der Stube.

Als Friedrich eintrat, schien ein leiser Schreck die geheimnisvolle Versammlung zu ergreifen.

Der Erbacher leitete ein summarisches Verfahren gegen seine Rechnung ein, indem der kurzweg mit dem Ärmel über die Ziffern hinfuhr; die Mutter Erbacher stand etwas verlegen auf und ging nach der Küche, während der Nachbar seine Kreidemalerei auf dem Tische mit dem Schnupftuche austat; er beging dabei nur die kleine Unvorsichtigkeit, mit demselben Schnupftuch sich über die Nase zu fahren, so dass ein Teil der Rechnung auf die Spitze derselben zu stehen kam.

»Mir scheint, ich habe euch gestört«, sagte Friedrich, dies wohl bemerkend.

»Nun, nun, es ist so viel als getan«, sagte Erbacher, den Hut etwas tiefer in die Augen rückend, »so viel als getan! Ah, bist Du zurück? – Alles gut und wohl im Schloss?«

Der Nachbar blickte zum Fenster hinaus, als suche er das Zifferblatt einer Uhr und sagte:

»Es geht auf Mittag, es ist auch Zeit, dass ich heimschau' – wahrlich hoch an der Zeit!«

Damit stand er auf und entfernte sich.

»Auf ein Haar hätt' er uns beim ganzen Handel attrappiert«, sage der Nachbar draußen lachend, während ihm Erbacher einen Wink gab, sich die Nase blank zu wischen.

»Nun, im Grund hätt' es auch gar nicht so viel auf sich gehabt«, erwiderte Erbacher, »dahinter muss er ja kommen, und ich bin kurzweg resolviert und sag' ihm den ganzen Handel heute noch – gleich da, wie er sich zum Essen gesetzt haben wird!«

Als der Nachbar fortgegangen war, kehrte Erbacher in die Stube zurück und setzte sich nicht weit vom Tische, wo dem Sohne das Mittagessen aufgetragen wurde, ruhig nieder.

Sein Weib, das wohl erkannte, was damit gesagt sein solle, ließ sich, als Friedrich aus dem Stübchen zurückkam und zum Essen hinsaß, ebenfalls in bescheidener Entfernung nieder.

Nachdem eine Weile mit Teilnahme über die Dinge im Schloss hin und her geredet wurde, nahm Vater Erbacher den Hut herunter, stellte ihn feierlich neben sich auf die Bank und sagte:

»Hmpthm … Lass Dir's Essen schmecken, Fritz …«

»Danke, danke, ich habe wirklich Appetit, Vater«, erwiderte Friedrich, indem er keine Miene veränderte, obwohl er an dem feierlichen Tone des Vaters und an den glänzenden Augen der Mutter wohl bemerkte, dass etwas Besonderes im Anzuge sei.

»Du hast uns da vorhin beisammen gefunden, Fritz«, fuhr Erbacher nach einigem Stocken fort – »wie wir mit einer Rechnung umgegangen, und wirst nicht erraten, was die Sache eigentlich bedeutet hat.«

»Nun«, erwiderte Friedrich lächelnd, »ich habe wohl bemerkt, dass ich euch nicht im rechten Augenblick heimgekommen bin, aber ihr hättet fortfahren sollen, ich hätte euch nicht gestört!«

»Nun, im Grund ist besser, wir merzen den Geheimkram lieber jetzt als nachher aus … Hör', Fritz …Du bist unser einziges Kind, Fritz – was wir haben, ist Dein, war wir ersparen, kommt Dir zu Gute. Wärst Du einfach Landmann blieben, so wäre unser Haus und Hof groß genug und schön genug, es könnte alles sein und bleiben, wie es eben ist. Aber Du hast studiert, Du stehst in Bund und Freundschaft mit der Herrschaft oben, Du wirst einmal keine vom Land weg heiraten – Du kannst also nicht so hersitzen auf den Fleck, wo Deine Eltern gesessen: da muss hinzugetan, verbessert, verschönert werden. Wie Du uns tröstest, wird Herr Otto, Dein Freund, nicht lange gefangen sein, wird frei werden und seine Heirat ausführen. Gut. Du hast fest beschlossen, unser Haus und Gut nicht an Fremde zu lassen, willst sie behalten und schätzen, willst künftig hier leben, als Nachbar bei dem Freund. Nun gut und recht, mein Sohn. Aber dann können wir nicht zufrieden sein, wie Du es sein willst. Unser Hof muss vergrößert werden; es muss einen Aufseher tragen; so was geht jetzt nimmer. Nun sieh! Unser Nachbar da will seine Sach' zu Geld machen, will lieber Pferdehandel treiben – und hat uns seinen Hof verkauft. Dieser zum unsern getan, gibt schon ein Gütchen, das sich sehen lässt. Jetzt wirst Du nicht demütig dastehen neben dem Schlossherrn, Du wirst im Jahre eine und die andere Gasterei bestreiten können, man wird wissen, dass Du auch so noch ein ganzer Mann bist und nicht verzagen brauchst, wenn heute ein Gast aus der Stadt und morgen die Herrschaft vom Schloss auf freundlichen Besuch zu Dir kommt. Du sollst noch eines wissen. Es liegt Dir Geld bereit, auf dass Du Dir Dein Elternhaus in einer Weis' herstelltest, wie Du's wünschest und wie es auch die beste Stadtfrau lieben müsste. Darum hast Du uns vorhin so vertraut beisammen gesehen; wir haben Überschlag und Abschlag gemacht und so, wie alles bemessen ist, bleibt Dir vom Fleiß Deiner Alten zuletzt auch noch bar Geld. Das also ist unser Geheimnis, so weißt Du's nun. Jetzt magst Du heute oder morgen Dir um eine Hausfrau seh'n: wir Alten weichen, wann Du vorwärts willst.«

Friedrich hatte bald nach Beginn dieser Eröffnung zu essen aufgehört und hatte mit Aufmerksamkeit und Bewegung die Worte des Vaters bis zu Ende vernommen.

Nach einer Weile blickte er mit klaren, wahrhaft kindlichen Augen die bewegte, erwartungsvolle Mutter und hierauf den etwas warm gewordenen Vater an und sagte:

»Gute Eltern, ich habe zwar mein Leben lang immer gesehen, wie sorgsam ihr für mich gewesen seid, aber heute habt ihr es zu einem Hauptstück in eurem Liebeswerk gebracht. Was soll ich euch als Dank erwidern? Ich will euch nur sagen, dass ihr mich von Herzen recht erfreut habe. Ich will als dankbarer Sohn eure Gabe empfangen, aber eines, Vater und Mutter, müsst ihr mir dagegen noch versprechen …«

»Was? Was, Fritz?« fragten beide Eltern mit einem Munde.

»Ihr müsst mir den Gefallen tun und jetzt noch alles sein und bestehen lassen, wie es ist. Ihr seid noch rüstig, euch macht das Wirtschaften noch Lust und Freude; die Zeit ist so, dass ich noch wenig im Sinn habe, euch aus eurer Geschäftigkeit zu drängen. Lasst mir noch Bedenkzeit, ich werde euch schon eines Tages sagen, jetzt bin ich da, euch abzulösen. Was den Handel mit dem Nachbarn anbelangt, so ist er abgeschlossen und lässt sich nicht mehr ändern, gut. Aber den Bau des Hauses verschieben wir auf später. Gerne will ich euch das größere Wesen lenken helfen, aber ich weiß noch nicht gewiss, ob ich nicht manchmal werde auf einige Zeit verreisen müssen – darauf müsst ihr freilich schon gefasst sein. Kurz und gut, liebe Eltern, lasst uns einverstanden sein in dem, was ich da sagte.«

Die Eltern sahen sich an, als hätten sie noch etwas auf dem Herzen, aber da der Erbacher mit den Augen winkte, so ließ auch die Mutter ihre stillen Bedenken fallen, man verständigte sich aufs Beste, und Fritz wurde gedrängt, sein Mittagessen zu vollenden …

Denselben Tag schrieb Mathilde unter anderem in ihr Tagebuch:

»… Er, der meine Gefahr gewesen – ist meine Rettung geworden; er, der mich zu meinem Verderben in den Händen hatte – hat mich großmütig freigegeben und mit frohem Mute beseelt, um die folgenden Kämpfe zu bestehen. Dank ihm, dem großmütigen Retter und Beschützer! Warum mir nicht gestehen, was ich mir nicht verbergen kann? Nun hoffe ich zuversichtlich, wird noch alles, alles werden!«


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