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Fünftes Kapitel.
Freundesweihe. Ein geheimnisvoller Punkt. Ein Fremder wird gemeldet

Der heutige Tag war für die Freunde nicht nur deshalb wichtig, weil der dem einen ein wonnevolles Erlebnis brachte, er war es ihnen vornehmlich deshalb, weil dieses freudige Ereignis zugleich eine feste Grundsäule mehr hinstellte, welche das von den Freunden längst ins Große und Kleine planmäßig und mit Begeisterung entworfene Lebensgebäude tragen helfen sollte.

Otto Jeneveldt stand auf dem Punkte, sich nach bestem Herzenwunsche heute zu verloben und in Kurzem sodann sich zu vermählen. War das geschehen, so traten seine bejahrten Eltern in den Ruhestand zurück, um ihrem einzigen Sohne im unbeschränkten Regimente des Hauses Platz zu machen. Ottos Hauswesen war daher von Stund' an fertig, ruhte auf granitenen Säulen, er selber wurde Ansatz und Mittelpunkt eines neu aufblühenden Familienlebens.

Es konnte nicht fehlen, dass über kurz oder lang auch Friedrich Erbacher in die Lage kam, sich für ein Wesen seines Herzens zu entscheiden, in welchem Falle auch seine bejahrten Eltern gerne bereit waren, sich zurückzuziehen und den gleichfalls einzigen Sohn in den vollen Besitz ihres Hab' und Gutes treten zu lassen. So war auch dieser alsbald im Besitze eines festen, wenn auch bescheidenen Hauswesens, und auch er wurde eines neu aufblühenden Familienlebens Ansatz und Mittelpunkt.

Das war nach dem Plane der Freunde der erste natürliche Unterbau ihres Lebensplanes, und auf so günstigem Grunde der Verhältnisse sollte sich dann en schön gedachtes und begeistert empfundenes Lebensgebäude frei und heiter gipfeln.

Die Schöpfer zweier Familien wollten sie werden, wie solche kaum je nachbarlich beisammen wohnten, eine Musterwelt sollte um sie erblühen, deren heiliges Tagesgestirn die Vernunft und deren treibend Wärme das Herz in reiner Fülle werden sollte. Hatten sie doch seit früher Jugend einen weiten Kreis des Lebens, des Wissens und der Erfahrungen gemeinsam durchwandert, um reif für eine so göttliche Sendung auf Erden in den Schoß der Heimat zurückzukehren.

Das musste man überhaupt der Freundschaft beider jungen Männer lassen: schon frühe ging sie von bloßer Knabenneigung und von ungeteilten Jugendspiele zu bewusster Vereinigung für gleiche höhere Zwecke über und half bestimmtere Regeln in ihr Leben, edlere Begehrungen in ihr Herz und frühzeitig lobenswerte Grundsätze in ihren Charakter pflanzen. Je klarer sie den Hafen ihrer Heimat vor sich sahen, wo sie männlich-tätig einstens landen sollten, desto eifervoller durchstreiften sie die fernsten Richtungen des Lebens und der Wissenschaften, um für ihr Herz und ihren Geist die goldene Ausbeute so groß als möglich zu machen. Jetzo waren sie zurückgekehrt, reich an Schätzen des Geistes und Herzens, und auf dem heimatlichen Schauplatze ihrer künftigen Tätigkeit sollten diese Schätze wieder Same werden zu neuen, goldenen Glücksentfaltungen im engeren Familienkreise sowohl wie in den weiteren Kreisen des Lebens überhaupt.

Dies und noch manches andere, von Jugend auf mit festlicher Stimmung stets bedacht und freudig durchgesprochen, überkam und belebte auch heute wieder die befreundeten Gemüter der beiden jungen Männer, sie fassten, vom sprühenden Feuer bloßer Schwärmereien fern, das Gesamtbild ihres vergangenen Leben noch einmal übersichtlich und weihevoll ins Auge, um, davon ausgehend, die Linien ihres künftigen Lebensbildes umso fester und sicherer ziehen zu können.

Im Laufe ihres Gespräches waren sie vom Tische weg indessen an das eine Fenster des Zimmers getreten und blickten nun, da eine Pause des Nachdenkens eingetreten war, eine Weile schweigsam und seltsam glutenden Auges in das Freie.

Otto Jeneveldt, den die Begeisterung des Augenblicks und das heißere Temperament am meisten mit fortgerissen hatten, besann sich doch zuerst auch wieder uns suchte den Faden des Gespräches wieder anzuknüpfen.

Ruhiger geworden und ernst-lächelnd sagte er:

»Hier, mein Friedrich, hier standen wir vor vielen Jahren, und der Inhalt unserer Rede war unter anderem die Frage an die Zukunft, wie uns wohl einst des Herzens Wünsche sich erfüllen würden, was unserer Liebe Gegenstand und Ziel sein würde. Schnell fertig, wie schon längst vor Deinem Geistesauge vollendet, gabst Du Zug für Zug von Deinem Ideale an, indes ich ohne festes Bild in unbestimmten Strichen malte und selbst gestehen musste, dass ich wohl den ernsten Drang der Liebe, nicht meiner Liebe heilig Bildnis noch zurecht gemacht. Sieh nun! Sieh nun! Es sollte sich finden, dass im Leben, in der Wirklichkeit, ein Ideal mir früher noch begegnete als Dir das Deine; ich steh' am Ziele dieses hohen Glückes, indessen Du, vielleicht beirrt, geblendet von dem allzu hellen Glanze Deines Ideals, im Leben nicht zu sehen und zu finden wusstest, was sich wohl schon oft in Deiner nächsten Nähe hätte finden lassen. O Freund, verschiebe Deine Wahl nicht allzu lange mehr. Dein Auge und Deine Erfahrungen schützen Dich vor einer fehlerhaften Wahl, und kleine Schwächen, die wohl nirgends fehlen, werden Deine Wahl nicht hindern, wo alle andere Deinem Ideale nahe kommt. Siehe! verwöhnt wie ich durch unsere Freundschaft bin, kann ich kaum den nächsten Schritt in meines Lebens Tagewerk vorwärts tun, ohne Dich, ähnlich gestellt und beglückt wie mich, zur Seite zu haben. Auch bleibt das menschliche Herz, ich fühle es jetzt lebendig, solange es nicht zum Genusse seiner irdischen Erlösung durch die Liebe gelangt, ein störrischer Teil unserer Lebenspläne; erst will es selber durch Liebe erlöset sein, bevor es sich harmonisch unserem Streben anschließt zur Glückserlösung der uns umgebenden Welt. Drum nicht lange bedacht, nicht zu wunderlich gezögert! Du warst so oft mein Auge im klaren Erfassen der Dinge, oft mein Fuß im Vorwärtsschreiten durch das Leben; schau' und schreite nun fest und sicher für Dich selbst unter die Blumen des Lebens, Du findest eine für Dein Herz, ich zweifle nicht daran!«

Friedrich schwieg und blickte umschleierten Auges durch das Fenster in das Freie.

Otto Jeneveldt ahnte nicht, welche Erinnerungen und Kämpfe, welches Traum- und Liebesleben er durch seine Worte im Freundesbusen wach gerufen.

Hatte doch Friedrichs Liebe unter den Blumen des Lebens längst gewählt und sich die auserlesenste gefunden! Aber dass sie gefunden und verloren – wie sie gefunden und verloren wurde – darin lag ein Schicksal voll Erschütterungen, welches der Freund dem Freunde zu verschweigen bisher für gut befunden.

Es war das einzige Geheimnis zwischen beiden; Friedrich fand es auch in diesem Augenblicke noch der Freundschaft gegenüber für erlaubt, dasselbe zu bewahren; denn, sagte er sich selber, der Fall ist wunderlich genug, um, verschwiegen, die Freundschaft um keine wesentliche Kenntnis zu bringen, mitgeteilt aber, so viel von seiner Grundwesenheit zu verlieren, dass es kaum derselbe Fall mehr blieb.

Wozu auch reden über Dinge, die vorüber waren?

Friedrich ergriff nach einer Weile nur des Freundes Hand uns sagte:

»Geh' Du mit Deinem Beispiel nur voran – ich habe nie gezögert, dem Freunde in guten Dingen nachzufolgen …«

In diesem Augenblick trat ein Diener in das Zimmer und meldete, ein fremder Herr sei draußen und wünsche mit Otte Jeneveldt zu sprechen.

Noch einige Sekunden blieben die Freunde gedankenvoll und schweigend neben einander stehen, ein schönes Bild zweier Jünglingsköpfe im Rahmen des von Efeu umlaubten Fensters.

Otte Jeneveldt war blond, eine klare, hohe Stirne wölbte sich über seinen freundlich blauen Augen, und auf seinen Wangen drängte sich sanguinisch der lebhafte Wandel des Blutes.

Friedrich war schwarz von Haar, um seine kräftige Stirne drängten sich natürliche, kurze Locken, sein Auge, dunkelbraun, leuchtete von Ernst, Feuer und Güte, während seine etwas gebräunte Wange Zeugnis gab von körperlicher Festigkeit und Frische …

Otto ging, um den Fremden in einem anderen Zimmer zu empfangen – ging, ohne zu ahnen, welchem gewaltsamen Schicksale er entgegen gehe …


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