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Sechstes Kapitel.
Der Fremde

Der Fremde, welcher Otto Jeneveldt zu sprechen wünschte, stand, als dieser aus seinem Kabinette trat, erwartend im festlich geschmückten Saale da und grüßte mit einer leichten Verbeugung, indem er mit etwas heiserer Stimme sagte:

»Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie an diesem Tage – zu dieser Stunde – irgendwie in einer bedeutsamen Stimmung oder Vorbereitung unterbreche.«

»Nicht doch – bitte, mein Herr«, erwiderte Otto, »ich versäume in diesem Augenblicke wenig oder nichts, wenn ich Ihr Anliegen anhöre.«

Während dieser mit dem ruhigen Tone der Höflichkeit gesprochenen Worte deutete Otto nach einer gegenüber befindlichen Türe, um anzuzeigen, dass ein Weiteres wohl schicklicher und bequemer sich in einem anstoßenden Zimmer verhandeln lasse.

Der Fremde nahm die Einladung bereitwillig und mit einer gewissen Hast entgegen, verneigte sich wieder ernst und flüchtig und trat in das an den Saal grenzende Zimmer.

Hier lud Otto Jeneveldt den Fremden ein, sich niederzulassen, setzte sich ihm gegenüber und sagte dann:

»Nun, mein Herr, wollen Sie mit mitteilen, was Sie hergeführt?«

Das lange, hagere, aschgrauen Gesicht des Fremden nahm eine marmorne Ruhe an, während seine Augen etwas unstet auf dem Boden suchten; hierauf erwiderte er:

»Was mich herführt, mein Herr – ist wenig, insoweit es mich betrifft; insoweit es aber Sie angeht, mein Herr – freilich, da mag es etwas mehr, vielleicht viel – ja in Erwägung aller Umstände – mag es leider nicht willkommen sein.«

»Dann Sie werden wohltun, mein Herr«, versetzte Otto Jeneveldt, »statt der allgemeinen Andeutungen, die beunruhigen müssen, lieber gleich zur Sache zu kommen, die, so viel ich denke und hoffe, so schlimm nicht sein kann.«

Der Fremde setzte sich in vorgebeugter Lage, indem er den linken Ellenbogen auf den Stuhlarm stützte; dann formte und presste er eine Weile mit den Fingern seiner rechten Hand an seiner Unterlippe, verengte die Lider seiner Augen, so dass sie einen langen, stieren, stechenden Blick auf den Teppich des Bodens hefteten – endlich sagte er mit derselben marmornen Ruhe des Gesichtes gleichsam halb vor sich hin:

»Es ist wohl richtig, mein Herr, was ich vernommen habe – man ist im Begriffe – auch alle Vorbereitungen im Hause deuten darauf hin – eine Verlobung, Ihre Verlobung soll gefeiert werden?«

»Meine Verlobung; es ist so, mein Herr«, erwiderte Otto, nicht ohne Überraschung bei dem seltsamen Anblick des Fremden, obwohl er auch nicht im Entferntesten ahnte, welches schauderhafte Werk hinter einer eigentlich so harmlosen Vorrede lauere.

Der Fremde änderte weder Stellung noch Miene noch den kalten, fast schläfrigen Ton der Stimme, und fuhrfort:

»Wie ich hörte, ist das Fräulein, Ihre künftige Braut, noch nicht angekommen, wird erst diesen Vormittag, nicht sehr frühe vor zwölf Uhr erwartet, und zwar aus der Hauptstadt, in Begleitung ihrer Mutter – einer verwitweten Regierungsrätin – Vollwarth von Namen …«

»Das ist alles richtig – wer es auch war, der Ihnen Auskunft gab über die Lage der Dinge in unserem Hause, man hat Ihnen mit Sachkenntnis die Wahrheit gesagt«, erwiderte Otto.

»Das ist mir lieb«, sagte der Fremde wie oben. »So steht also nur noch aus, durch Sie selbst zu erfahren, für wann es eigentlich bestimmt war, Ihre Hochzeit zu feiern.«

»Bestimmt war, meine Hochzeit zu feiern«, sagte Otto Jeneveldt mit Staunen und war im Begriffe aufzustehen; doch fasste er sich noch bald genug und fuhr mit ernstem, entschiedenen Tone fort: »Bestimmt ist: unsere Hochzeit wird von heute über acht Tage gefeiert.«

Der Fremde schwieg eine Weile, dann, in seiner früheren Art und Stellung verharrend, fing er an, auf sehr familiär-nachlässige Weise an den Nägeln seiner rechten Hand zu kauen und sagte ohne aufzusehen:

»Von heute über acht Tage … So … Nun, es lässt sich annehmen, mein Herr, dass Sie wohl gewusst haben, was Sie tun, als Sie beschlossen, in dieser prekären Zeit, während so wechselvoller Tage Ihre Hochzeit zu feiern … Angesichts der Lage der Welt – angesichts der möglichen Erschütterungen in Folge des begonnenen, unabsehbaren Krieges –wäre es wohl vielleicht gut gewesen, so zarte Verhältnisse, so wichtige Verbindungen für ein ganzes Leben, noch hinzuhalten, noch auf sich beruhen zu lassen, wenigstens bis die ersten Würfel der Schlachten gefallen und die Umrisse der Zukunft festere Linien angenommen hätten.«

Otto konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Ich bin überrascht«, sagte er, »eine Teilnahme, eine Sorgfalt für mein wenig bedeutsames Leben von einer Seite zu erfahren, wo ich's nicht erwartet hätte. Doch muss ich bei allem Danke dafür gestehen, dass eine solche Zärtlichkeit für mein Schicksal nicht erquicklich sein kann, schon darum nicht, weil Sie selber bereits aufrichtig genug waren, mir das, was Ihre Freundschaft bringt, als – leider etwas Unliebsames zu bezeichnen.«

Der Fremde richtete sich aus seiner nachlässig vorgebeugten Haltung nach und nach empor und sagte nach einer Pause straffer als zuvor:

»Mein Herr – die große Armee Frankreichs hat ihre ersten Bewegungen begonnen; vollständig gesammelt und geordnet wird sie sich bald genug den Grenzen Russlands nähern; Sie wissen, was ein solcher Heereszug, Napoleons kaiserliche Majestät an der Spitze, gelockt und begeistert durch dessen vorleuchtendes Doppelgestirn des Genies und des Glückes, sagen will; ich erwähne nur, was jedermann lebhaft genug erkennt und was täglich zwischen den Zeilen jedes Zeitungsblattes zu lesen ist: der große Gang nach Weltherrschaft ist's, den wir die kaiserliche Majestät von Frankreich eben gehen sehen.«

»Sehr wahr, sehr wahr …«

»Dieser Gang nach Weltherrschaft kann zum Ziele führen oder auch nicht. Noch nie ist bei menschlichen Unternehmungen jede Entscheidung allein von dem Willen und den Mitteln der Menschen selber abgehangen. Wie dem auch sei: Seine kaiserliche Majestät mag aus diesen neuesten Kampfe siegreich hervorgehen oder nicht – so viel ist vorauszusehen: wir werden eine lange Reihe großer Kämpfe und Wirren naher Zeit erleben …«

Otto erwiderte:

»Mein Herr! Ich bin das einzige Kind meiner Eltern. Die Verhältnisse, in welchen ich lebe, können durch manches Opfer, welches die kriegerische Zeit verlangt, empfindlich berührt, aber selbst bei den schwersten Wirren in ihren Grundfesten nicht erschüttert werden. Ich werde unter allen Umständen noch eine Frau und eine Familie bescheiden erhalten können. Zudem lebt von den Eltern meiner Braut nur noch die Mutter – ein Grund mehr, die beiden Frauen aus der mehr gefährdeten Hauptstadt nach diesem Schloss im Gebirge zu retten und hier in männlichem Schutz zu halten. Was aber meine persönlichen Beziehungen zu dem gegenwärtigen Kriege anbelangt, mein Herr, so sind die Verhältnisse der Art, dass ich nicht gezwungen bin, an den Gefahren der Feldzüge teilzunehmen.«

Nach einigem Stillschweigen richtete der Fremde zum ersten Male die Blicke seiner grauen Augen fest und dauernd auf Ottos Angesicht und sagte:

»Mein Herr! … Nehmen wir an, die erste Schlacht und auch die zweite – oder auch der ganze Krieg mit Russland falle für Frankreich schwankend oder wider alle Berechnung und Erwartung – unglücklich aus – mein Herr, haben Sie die Folgen eines solchen Ausgangs auch schon in Erwägung gezogen? … Hat nicht das empörte Spanien in diesem Augenblicke schon so gut als einen Fuß über den Pyrenäen? Wütet nicht England, gärt nicht Italien, rüstet nicht Schweden, kurz jede große und kleine Macht des Kontinents und der Inselreiche gegen dasselbe eine und große Frankreich, das alle hassen und alle fürchten zugleich? … Mein Herr! Was denken Sie … würden nicht alle diese jetzt noch durch den Glauben an Frankreichs Unüberwindlichkeit niedergehaltenen Gefahren plötzlich mit allem Fanatismus hervorbrechen und sich gegen Frankreich kehren, sobald sich diesem in Russland das Glück nicht günstig zeigen würde?«

Otto Jeneveldt erwiderte nach einigen Augenblicken ruhig:

»Frankreich, indem es, Großes erzielend, großen Gefahren entgegengeht, mag wahrscheinlich alle Möglichkeiten, auch die fernsten, auch die eben erwähnten, wohl erwogen haben; doch ist es ebenso schwer als misslich, darüber Prophet oder Richter sein zu wollen.«

Die Blicke des Fremden wurden schärfer; sie klammerten sich förmlich an jede Miene Ottos

Da Otto, die Bedeutung dieser Blicke ahnend, sich zusammennahm und wirklich volle Ruhe zeigte, begann der Fremde wieder:

»Sie sagten eben, mein Herr, Ihre Verhältnisse seien der Art, dass Sie nicht gezwungen wären, an den Gefahren des beginnenden Feldzugs teilzunehmen … Wie nun? – Wenn es denn wirklich geschehen sollte, dass Frankreichs Unfall in diesem Kriege vom Schicksale beschlossen wäre; wenn in Folge dieser bedenklichen Wendung der Dinge der Unmut, der verhaltene Zorn, die ganze Begeisterung für ein unterworfenes und nun zu rettendes Vaterland nun überall und ungemessen im Rücken der geschlagenen französischen Macht hervorbrechen würden, um allen Orten die schwere Hand des bisherigen Siegers abzuschütteln; wie, wenn es in Deutschland plötzlich hieße: zu den Waffen! Der Augenblick der Befreiung ist da! … Mein Herr, Sie sind jung, die Liebe zum Vaterlande ist Ihnen nicht fremd, kann Ihnen nicht fremd sein – könnten Sie auch dann noch sagen: Ihr Herz und Ihre Verhältnisse stellen Sie außer den Kämpfen und Gefahren dieser Zeit? …«

Otto sah nun klar genug, in welche Netze er jede Miene und jedes seiner Worteliefere, er sagte daher mit der ganzen Vorsicht, welche seine Lage in diesem verfänglichen Augenblicke gebot:

»Mein Herr … Da es noch gar keinen Anschein hat, wie Frankreich aus diesem Feldzuge mit Nachteil, ja als geschlagene Macht hervorgehen solle, so könne unmöglich auch die stillen Hoffnungen und Erwartungen der besiegten Völker in diesem Augenblicke von Belang sein; ich glaube vielmehr, das Vertrauen zu Frankreichs weltbezwingender Macht, die Überzeugung von dem siegeichen Erfolge derselben sei in diesem Augenblicke fester als je – damit fallen Gedanken, Hoffnungen, patriotische Unternehmungen, wie Sie eben erwähnten, überall von selbst.

»Wohl wahr, wohl wahr, mein Herr … Indes – die Hoffnungen der Patrioten sind eigentümlicher Art; je geringer oft ihre Aussichten scheinen, desto verwegener arbeiten sie im Stillen; schon die Verzweiflung, welche sich ihnen beigesellt, ist in solchen Fällen ein wütender Stachel, sich tolldreist in Unternehmungen zu stürzen … Seiner kaiserlichen Majestät von Frankreich Regierung wird daher immer wohl tun, auch bei ihrer festen Zuversicht auf Sieg, auch im offenbarsten Glücke des Krieges – ihre Sicherheits-Maßregeln so zu nehmen – als ob sie bereits von den Gefahren eines misslungenen Feldzugs umrungen wäre.«

»Und dies alles mir zu sagen, sind Sie hierhergekommen?« rief Otto Jeneveldt.

»Gerade heraus, mein Herr – dieses Ihnen zu sagen, bin ich hier; allein ich bin nicht hier aus eigenem Antriebe – ich habe Ihnen auch noch in Folge höheren Auftrags mitzuteilen …«

Otto Jeneveldt stand rasch auf und sagte, ihn unterbrechend:

»Doch wohl nicht, dass es zum Wohle und zur Sicherheit des unüberwindlichen Frankreichs nötig sei …«

Der Fremde stand auch auf und erwiderte:

»Dass es jedenfalls geraten sei, gewisse Personen, selbst auf die Gefahr hin, mancher darunter nicht so ganz gerecht zu werden – wohl im Auge und in der Hand zu behalten – bis die Verhältnisse – die Lage der Dinge eine Milderung der Umstände möglich und wünschenswert machen – und daher – aus diesem einfachen Grunde …«

Er griff in die Brusttasche seines Rockes und zog ein amtsmäßig gefaltetes Papier hervor, das er Otto Jeneveldt überreichte …


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