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Der Stein erwacht

Um diese Zeit fingen die Kulturvölker an, die heiligen Stätten Griechenlands auszugraben. Die Deutschen Olympia, die Amerikaner Argos, die Engländer Sparta, die Franzosen Delphi. Bernhard Menniken widmete sich einer gleichen Aufgabe in seinem Lande. Er gab sich, unterstützt von Lenates, daran, auf seinem Grunde eine römische Jagdvilla aus der geräuschvollen Zeit, da Kaiser Konstantin ein wenig südlich von dieser Gegend in der alten Stadt Trier seine Residenz hatte, auszugraben. Dem Hofmarschall Marcius Fulvo wurde es zuviel des Gewehrrasselns der Offiziere und des Gedränges der Aktuare auf den Gängen und Treppen in der Hofburg des Imperators, er resignierte nach einer glänzenden Laufbahn und in kluger Voraussicht der orientalischen Wirren, denen der Kaiser entgegenging, um fern von eitlen Geschäften in ländlichen Freuden und bukolischem Behagen seinen Lebensabend zu verbringen. Er baute dem Nordwinde abgekehrt in den unerschöpflichen Jagdgründen eine behäbige Villa, stellte sie unter den Schutz und Schirm der Göttin Diana und des benachbarten castrum ad septem fontes und errichtete drüben am grünen Bergeshange Dianen einen niedlichen Tempel. Das Mittelalter verwandelte ihn in ein Kapellchen der Jungfrau Maria, das später als Heiligtum der »allerseligsten Jungfrau von den Kannenbäckern« kunstreich erneuert wurde, sodaß das heilige Örtchen durch die Jahrtausende dem zarten Dienste der keuschen Jungfrau, ob in Gestalt der Göttin Diana oder der Jungfrau Maria, erhalten blieb. Er fand in Anlage und Aufriß des weitläufigen Hauses die klügste Anpassung einer feinen Kultur an Baustoff und Klima des lateinischen Germaniens. Nichts Römisches und Südliches, kein flaches Dach, keine offene Säulenhalle waren gedankenlos in das nördliche Barbarenland übertragen, sondern alles war orts- und sachgemäß übersetzt worden.

In Andacht und liebender gründlicher umständlicher Sorgfalt richteten die beiden Männer ein kleines Museum von römischen Funden ein und füllten damit die leeren Räume der ehemaligen Töpferwerkstatt. Mit Gewissenhaftigkeit und idealer Muße, welche wissenschaftliche, nicht mit einem Zeitmaße zu bewertende Arbeiten auszeichnet vor den hastigen Verrichtungen des geschäftigen kämpfenden vierundzwanzigstündigen Tages, numerierten und katalogisierten sie das Wichtige mit dem Unbedeutenden, Säulentrommeln, skulptierte Kapitäle, eiserne Kuhglocken, Fragmente aus Terrasigillata mit Legionsstempeln, Siegelringe, eine Hundekette, vier Zähne, Austernschalen, Münzen, ein verstümmeltes Reliefbildnis der von Aktäon im Bade belauschten Diana. Wie man im Volke über diese brotlosen Arbeiten dachte, das erläuterten die harmlosen Spottworte, die abends in den Schenken erfunden wurden: »Die Goldsucher«, »die verkehrten Naturforscher«, »die römischen Kanalratten«, »die Gecken auf eigne Faust«, »die verdammten Maulwürfe« (darauf hat der Wiesenbauer einen natürlichen Haß).

Die vorläufigen Veröffentlichungen der französischen Expedition in Delphi, von Pariser Freunden übersandt, wurden am Abend auf Seffent freudig und innig studiert. Das Gespräch kam auf das Wort des Moralisten Sokrates, das an der Stirne des Apollotempels geleuchtet haben soll: »Erkenne dich selbst!« »Was so unendlich schwer ist«, sagte Menniken vor sich her. »Das Allerschwerste!« meinte Lenates schnellbereit hinzusehen zu müssen und nickte in fürchterlichem Ernst mit dem Kopfe. Frau Menniken widersprach: »Solche Sprichwörter, Moralsätze und formulierte Meinungen müssen, meine ich, stets mit einem groben Korne Salz verstanden werden. Entsprechend ihrer Kürze kann keine Ausnahme, keine Beschränkung, keine Erläuterung in ihnen Platz finden. Den gewöhnlichen Menschen wird die Selbsterkenntnis jedenfalls sehr leicht sein, schwer aber ist sie für die reicheren Seelen, die sich nicht wie jene nach einer armen Notwendigkeit, sondern nach mannigfachen Möglichkeiten entwickeln.«

»Ja, ja, Madämchen, Madämchen!« lachte in primitiver und grundehrlicher Bewunderung Lenates. Aber auch diese ideale Arbeit stillte Mennikens unruhige Seele auf die Dauer nicht. Jugend und Tatkraft drängten nach unmittelbarer Arbeit an seinem Volke. Doch mit dem Volke fühlte er nicht, das wußte er nun, aber er fühlte für das Volk; nicht mehr sympathetisch, aber sozial. Und er gab sich unverdrossen an neue Arbeit.

Er reiste der jungen Mannschaft des Landes in der Sonntag-Montag-Nacht nach an ihre auswärtigen Werkplätze. Er fand sie in den Riesenwerken an der Ruhr vor glühenden Ungeheuern stehen und in Mietskasernen von Backstein wohnen. Er traf sie vor den gewaltigen Steinbrüchen in den Ardennen. Ein einziges Arbeitshaus war das Tal. Die Wälder hallten wider von dem Getöse. Steine wurden auf langen Kettenwinden in die Tiefe hinabgelassen, hier und da winkte man dann und wann mit einer roten Flagge – einen Augenblick Stille – und dumpfe Donner rollten in den Bergen, die Wände bebten, und Staubwolken flogen auf.

Nun war er daheim. Er ging hinter seinem Gute den steilen verfallenen Pfad hinauf und stand am Rande seiner Grube, neben sich den verlassenen Steinplatz.

Der ganze Steinplatz war durchhellt, jeder Schatten aufgelichtet und durchsichtig. Der klare heitere Ernst des Sonnenlichtes. Nichts von der dämmervollen Morgensonne, wo das Dunkel nicht mehr und das Licht noch nicht herrscht, und die Begeisterung des werdenden und die Erwartung des vielversprechenden Tages ihre Hoffnungsstunden feiern. Auch nichts von der tiefen Ruhe des Abends, wo das Licht nicht mehr und das Dunkel noch nicht herrscht und die lächelnde wehmütige Enttäuschung des gewesenen und die Ermüdung des ausgelebten Tages die Dinge der Erde und des Lebens in stillen milden Händen halten. Der Morgen den pathetischen Schwärmern! Und der Abend, ach, für die stillächelnden Elegiker. Aber der Mittag, der ernste, der klare, Töter der Nacht, aller Schläfrigkeit und Schwächlichkeit, der jedem ernsten wirken Licht auf die Werkbank setzt, um alles, was an ihm liegt, zu tun, daß Werte und Werke entstehen, denen, die arbeiten und unternehmen!

Der Grubenwagen, der herausgeworfen aus der Fahrbahn traurig und verbittert stand wie ein verabschiedeter Beamter, schien sich auf den verkommenen Schienen wieder einrichten zu wollen. Die Schleppkette wollte aufwachen aus ihrem langen rostenden Schlafe. Aus den Ruinen der Steinschuppen und Werkstätten flehten die Geister der Arbeit in dem aufgelichteten Schatten um Erlösung aus erschlaffender Ruhe.

Gegenüber ragte eine hohe blaue Wand auf. Die Felsen waren ebenmäßig, ohne Verwerfungen aufgebaut; ein einziger Bruch ging hindurch mit geschleppten Schichten am Rande. Hier war beim Bau der Erde ruhige Arbeit, kein heftiger Kampf gewesen. Aber darum schienen sie jetzt doch nicht die tote Ruhe zu ertragen. Nachdem sie einmal aufgeweckt waren aus dem tiefen Dunkel des Grundes, nachdem einmal die Erdhülle von ihnen aufgedeckt war, wollten sie auch nicht mehr mit wachen Sinnen liegenbleiben.

Das Ungebaute rief aus den blauen Felsen. Wohl ist der Mensch Natur, wohl bedarf der Mensch der Natur, die ihm an Kräften und Abmessungen so furchtbar überlegen ist. Aber was den Menschen zum Menschen macht, ist das Übernatürliche, der Geist in ihm, der die Kräfte zu führen und die Massen zu ersetzen versteht. Und das unterscheidet einen Bau von einem Felsen, daß wenig Masse, mit Zweck und Ziel an die rechte Stelle gesetzt, zur Größe der brutalen Wucht aufragt, daß sie vom Geist gewissermaßen aufgeblasen steht, vom Geist erfüllt, vergeistigt.

Was für den Menschen der Gott, ist für den Felsen der Bau.

Als Menniken dem Tieß Bertz von der Notwendigkeit sprach, den heimischen Steinbruchbetrieb zu heben, damit die Jugend daheimbleiben könne, sagte dieser einfach und verständig: »Dummes Zeug. Sie verdienen in der Fremde ja genug.« Wie er aber von geschäftlichen Dingen sprach, hörte Bertz mit Andacht zu. Geschäft und die Begriffe um dieses herum waren ihm liebe Worte. Er wurde warm bei der Erwägung, daß es kein gegenseitiges Unterbieten im Wettbewerb geben solle. Ab und zu verdrossen ihn große Worte wie »soziales Unternehmen«, »Sammlung der Volkskräfte« und mehr. Menniken merkte bald und hütete seine Zunge.

Er ging befriedigt von dannen. Nun würde er denselben Fehler nicht mehr machen. Jan Janklaes, Bürgermeister und Steinbruchbesitzer, klein, dick, rund, auf kurzen Beinen, schlau und katholischen Glaubens voll, war ein Mensch mit sehr gesunden Appetiten. Er aß gut, trank viel und war zum dritten Male verheiratet. Mit einem gewaltigen Kugelkopfe und einem Bulldoggengesicht, ein Rustikus mit einer furchtbaren Stimme, mit einem Fettkragen um den Hals und einer Speckplantage im Nacken hieß er allgemein »der Speckkopf«. Seinen Kindern war es eigentümlich, mit offenem Munde einherzugehen. Als der Scharlemang von den Soldaten nach Hause kam, erzählte er im »Schellenbaum«: »Beim Artilleriemilitär in Straßburg mußten wir, wenn eine Kanone abgeschossen wurde, das Maul offen halten. Daher haben auch die Speckkopfs die Gewohnheit.« Die Speckkopfs waren neun Kinder, die, obgleich von verschiedenen Frauen, in seltenem Frieden lebten. Wie sollten sie auch anders? Der Speckkopf war ein Muster von Familienvater, ein Patriarch und ein Gemütsstarker. Seine Familie wurde als Beispiel schöner Häuslichkeit von den Geistlichen im Beichtstuhl unverträglichen Eheleuten gerühmt. Die sagten dann: Der auch! Mit schwerem Herzen hatte er seine Söhne nach auswärts gehen sehen, aber seine eigene Grube ersoff in Wasser. Dafür aber hielt er seine sechs Töchter bei sich. »Ach was,« rief er, »was sollen sie heiraten! Sie haben es ja gut bei mir. Es fehlt ihnen nichts. Sie haben es nirgends so gut wie hier. Was, Kinder? hahaha ...!« Und die Töchter sagten: »Ja, Vater«, und gingen still an ihre Arbeit. Er rauchte seine Pfeife an und lachte halblaut aus goldener Herzensreinheit. Und die Töchter vertrockneten und verdorrten im gemütlichen Vaterhause.

Der Speckkopf empfing den Menniken mit brüllender Freundlichkeit. Menniken begann eine sehr sachliche, streng geschäftliche Auseinandersetzung. Aber der Alte wurde unruhig und hörte nur mit einem halben Ohre zu. Er erklärte, er habe genug, um mit seinen Kindern ruhig und angenehm zu leben. »Überhaupt,« schrie er, »was soll diese Jagd nach dem Mammon! Die vergiftet die Seele des Volkes! Die löst alle Bande der Familie und der guten Ordnung, zerstört den Frieden des Familienlebens, Himmeltausenddonnerwetter! Darum laufen einem die Söhne fort. Etwas mehr Ideale! Daß einem die Söhne auch daheimbleiben bei Vater und Schwestern, was Kinder? Hört Ihr wohl, etwas mehr Ideale!« Er brüllte. »Vater,« sagte die Berta mit gewohnheitsmäßiger Ruhe, »du sollst nicht so schreien, der Herr Menniken versteht dich.« Da lachte der Alte breit und gemütlich und blickte aus seinen Schweinsäugelchen Menniken lustig an. Als der nun lebhaft anfing: das gerade habe er gewollt, die Jugend im Lande halten, alle überzähligen Hände beschäftigen, die jungen Männer ihren Familien, Geschwistern erhalten ... da fiel der Alte ein, brüllend, wie ein Löwe königlich brüllt in der Wildnis, und erklärte Menniken für das Licht des Jahrhunderts.

»Dankbarkeit ist eine Tugend; wer sie erfährt, der schätzt sie sehr«, sagte sich Menniken, indem er das Speckkopfshaus an der Pavei verließ.

Er kam in den »Vogelsang«, zu einem Hause, das einsam in einer Wiese lag. Die Kühe weideten hastig und scharf. Auf dem Giebel knarrte eine Windfahne, einen Viehtreiber mit Rind darstellend. Es war das Haus des Michael Michel. Der doppelte Michel war ein sehr langer, sehr hagerer, sehr trockener Mensch. Sein Temperament war wie ein Bach in einer Sandlandschaft; nur gelegentlich schwoll es an, schwoll es über, wurde rasend und wild wie der Bach zur Schneeschmelze. Er hatte Zorn für einen ganzen Stamm. Im Zorn hatte er seine Frau, die er mit einem Viehhändler im Verdacht hatte, mit einem Karrenbaum erschlagen. Obgleich er eine entehrende Strafe hinter sich hatte, war er gern in der Landschaft geduldet, weil er am allerwenigsten liebreichen Hund zu spielen wußte, sondern oft um eine Bohnenstange prozessierte. Er hatte ein Hasenmaul und schielte. Seine Hände hatten manchen Schippenstiel poliert.

»Hn?« frug er mit starkem Nasal, wie er Hasenmäulern eigentümlich ist. Und als er, die kurze Pfeife rauchend, alles gehört hatte, meinte er: »Hn!« Er wurde höflich und sagte, auf die Steinbank vor dem Hause weisend: »Verpuppt Euch einen halben Tag. Ich mach' alles mit, wobei ich Geld verdienen kann, Aber sagt dem Tieß Bertz, er soll mit vier Pferden auf den Plan losgehen; denn er scheint gerade für ihn gemacht. Ich werde ihn sonst prozessieren, weil er heimlich ein Loch in die Trennungswand unsrer Gruben geschlagen, daß das Wasser aus der seinen in die meine läuft. Der Bertz ist ein tüchtiger Geschäftsmann, und eine Schurkerei stellt auch der Beste einmal im Leben an, Donner Gottes! Ajüß, Menniken!« Dann ging er einem Kalbe nach, das ins Wilde gelaufen war.


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