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Fünfundfünfzigstes Kapitel

Die See war noch nicht zur Ruhe gekommen und am nächsten Morgen rollte sie in gewaltigen, langen Wellen langsam dahin. Diese suchten der gurgelnden Spur des »Pequod« zu folgen und schoben das Schiff weiter, wie die ausgebreiteten Hände eines Riesen. Die Brise wehte in einem fort und war so stark, daß Himmel und Luft einem wie riesige, sich ausbuchtende Segel vorkamen. Die ganze Welt brauste vom Winde.

Bei dem starken Morgenlicht war die Sonne nicht zu sehen; man erkannte sie nur daran, daß an ihrer Stelle intensives Licht hervorbrach. Und dicke Strahlen, von der Form eines Bajonetts, bewegten sich in Massen weiter. Die See war wie ein Tiegel geschmolzenen Goldes, das in einem Sprudel von Licht und Hitze in die Höhe springt.

Ahab stand lange Zeit für sich allein, wie unter dem Bann einer innerlichen Stille. Wenn das schwankende Schiff seinen Bugspriet senkte, wandte er sich um, die Strahlen der leuchtenden Sonne vorn am Bug zu betrachten. Und wenn das Schiff am Heck tief niederging, wandte er sich nach hinten um, und sah sich die Sonne von rückwärts an. Und beobachtete, wie dieselben gelben Lichtstrahlen mit dem Kielwasser des Schiffes verschmolzen.

Plötzlich wurde er durch einen Gedanken aufgeschreckt. Er stürmte an das Steuer und erkundigte sich schroff, in welcher Richtung denn das Schiff fahre.

»Ostsüdost, Kapitän«, sagte der erschrockene Steuermann.

»Du lügst«, und er hielt ihm die geballte Faust entgegen. »Du hast den Kurs nach Osten zu dieser Morgenstunde, und die Sonne steht am Heck!«

Jedermann war über diese Erscheinung entsetzt; denn was Ahab gerade bemerkt hatte, war den anderen entgangen.

Ahab steckte den Kopf halb in das Kompaßhäuschen und streifte mit einem Blick die Kompasse. Der Arm, der drohend in die Höhe gehalten war, fiel langsam herunter; einen Augenblick lang schien er zu schwanken. Starbuck stand hinter ihm und sah auch hin. Wahrhaftig! Die beiden Kompasse zeigten nach Osten und der »Pequod« fuhr unfehlbar nach Westen!

Aber bevor der erste wilde Schrecken draußen unter den Leuten Fuß fassen konnte, rief der Alte mit einem kalten Lachen aus:

»Ich hab' es! Das ist schon früher vorgekommen. Mister Starbuck, das Gewitter von gestern abend hat unsere Kompasse umgedreht. Das ist alles. Du hast doch früher schon von solchen Dingen gehört?«

»Ja, aber ich habe das nie vorher erlebt, Kapitän«, sagte der bleich gewordene Maat in düsterer Stimmung.

An dieser Stelle muß gesagt werden, daß derartige Vorfälle bei Schiffen, die heftige Stürme durchgemacht haben, mehr als einmal vorgekommen sind. Der Magnetismus der Kompaßnadeln ist, wie alle wissen, mit der Elektrizität identisch, die wir im Gewitter wahrnehmen. Daher ist es kein Wunder, daß solche Dinge vorkommen. Wenn der Blitz das Schiff gehörig geschüttelt hat, so daß einige Spiere und Teile vom Takelwerk zerschmettert sind, dann ist die Nadel manchmal in Mitleidenschaft gezogen worden. Es ist vorgekommen, daß der ganze Magnetismus vernichtet wurde und der Magnetstahl so überflüssig geworden war, wie der Strickstock eines alten Frauenzimmers. Aber in dem einen wie dem anderen Fall bekommt die Magnetnadel aus eigener Kraft niemals wieder den früheren Magnetismus.

Ahab stand nachdenklich vor dem Kompaßhäuschen und betrachtete die umgerichteten Nadeln. Da nahm er mit der ausgebreiteten Hand den genauen Stand der Sonne, und als er beruhigend festgestellt hatte, daß die Nadeln tatsächlich umgekehrt waren, rief er, daß man den Kurs des Schiffes demzufolge ändern sollte. Die Rahen wurden gerichtet, und noch einmal stieß der »Pequod« seine Kiele unerschrocken in den Gegenwind; denn der vermeintliche günstige Wind hatte das Schiff betrogen.

Starbuck ließ nicht erkennen, wie er im geheimen darüber dachte. Er sagte nichts und führte in aller Ruhe die notwendigen Befehle aus. Stubb und Flask, die im geringen Grade seine Gefühle zu teilen schienen, beruhigten sich ebenfalls, ohne zu murren. Was die übrige Mannschaft betraf, so war ihre Furcht vor Ahab, wenn auch einige leise knurrten, größer als ihre Furcht vorm Schicksal.

Wie bei früheren Gelegenheiten, machten die Vorgänge auf die heidnischen Harpuniere fast gar keinen Eindruck. Wenn sie überhaupt einem Eindruck unterlagen, so war es ein gewisser Magnetismus, der von dem unerschütterlichen Ahab in ihre verwandten Herzen überströmte.

Eine Zeitlang spazierte der Alte in rollenden Traumbildern an Deck herum. Zufällig stieß er mit seinem Fuß aus Walfischbein auf die zerschmetterten Kupfer-Fernrohre des Quadranten, den er am Tage vorher gegen das Deck geschleudert hatte.

»Du armseliger und eingebildeter Himmelsgucker und Sonnenlotse! Gestern habe ich dich zerschmettert, und heute hätten mich die Kompasse liebend gern zerschmettert, so, so! Aber Ahab ist noch Herr über den Magneten. Mister Starbuck, eine Lanze ohne Stange her, einen Seemannshammer und die allerkleinsten Nadeln des Segelmachers! Aber schnell!«

Was er nun vorhatte, entsprang einer gewissen Vorsicht, um vielleicht den Mut seiner Mannschaft durch eine Äußerung seiner schlauen Geschicklichkeit neu zu beleben. Durch eine Handlung, die ebenso wunderbar war wie die umgekehrten Kompaßnadeln. Der Alte wußte wohl, daß man mit umgekehrten Nadeln, wenn es auch möglich war, nicht steuern konnte, und man auf den Aberglauben der Matrosen Rücksicht nehmen mußte, die darüber erschraken und es als übles Vorzeichen auffaßten.

»Leute,« sagte er, und wandte sich gefaßt an die Mannschaft, als der Maat ihm die verlangten Dinge übergab, »Leute, der Donner hat die Nadeln des alten Ahab umgedreht, aber aus diesem bißchen Stahl kann Ahab eine eigene Nadel machen, die ebensogut wie eine andere zeigen wird.«

Die Matrosen tauschten verlegene Blicke als Zeichen erstaunter Unterwürfigkeit untereinander aus, als er dies sagte. Mit faszinierten Augen warteten sie darauf, was für ein Wunder folgen würde. Aber Starbuck sah fort.

Ahab schlug mit einem Hammer den Stahlteil der Lanze ab, überreichte das lange Eisenteil dem Maaten und forderte ihn auf, es senkrecht zu halten, ohne daß es das Deck berührte. Dann legte er die stumpfe Nadel mit dem Ende oben darauf, nachdem er den oberen Teil der Eisenrute wiederholt mit dem Hammer geschlagen hatte. Dann hämmerte er nicht mehr so stark, und der Maat hielt das Eisen noch gerade so wie vorhin. Er machte dann verschiedene seltsame Bewegungen mit derselben – ob das zum Magnetisieren des Stahles notwendig war oder nur die Ehrfurcht der Mannschaft erhöhen sollte, war ungewiß – und verlangte dann einen Zwirnsfaden. Er ging nach dem Kompaßhäuschen, nahm die beiden umgekehrten Nadeln heraus und hängte die Segelnadel in horizontaler Richtung mitten über eine der Bussolen auf. Zunächst ging der Stahl rundherum und zitterte an beiden Enden. Aber schließlich kam er an der richtigen Stelle zum Stehen, als Ahab, der auf dieses Ergebnis ausdrücklich gewartet hatte, von dem Kompaßhäuschen zurücktrat, mit ausgestrecktem Arm darauf zeigte und ausrief: »Nun seht selbst hin, ob Ahab keinen Magneten machen kann! Die Sonne steht im Osten, und der Kompaß zeigt es euch!«

Da starrte einer nach dem anderen die Nadel an, denn nur mit ihren Augen konnten sie solch eine Dummheit bezeugen, und einer nach dem anderen schlichen sie davon.

Dann konnte man Ahab mit seinen feurigen Augen voller Verachtung und Siegesbewußtsein in seinem verhängnisvollen Stolz sehen.


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