Wilhelm Meinhold
Die Bernsteinhexe Maria Schweidler
Wilhelm Meinhold

 << zurück weiter >> 

9. Kapitel

Wie mich die alte Magd mit ihrem Glauben demütigt und der Herr mich unwürdigen Knecht dennoch gesegnet

Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöset, der sich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. Ps. 103.

Ach, ich armer, elender Mensch, wie soll ich alle Wohltat und Barmherzigkeit fassen, so mir der Herre schon des andern Tages widerfahren ließe. Ich heulte für Freuden, wie sonst für Jammer, und mein Töchterlein tanzete in der Stuben wie eine junge Rehe und wollte nit zu Bette gehen, wollte nur weinen und tanzen, wie sie sagete, und dazwischen den 103ten Psalm beten und dann wieder weinen und tanzen, bis der Morgen anbrechen würd. Da sie aber noch merklich schwach war, untersagte ich ihr solchen Fürwitz, angesehen dies auch hieße, den Herrn versuchen, und nun merke man, was fürgefallen.

Nachdem wir beide mit großem Seufzen am Morgen erwacht waren und den Herrn angerufen, er wölle uns in unsern Herzen offenbaren, was wir tun söllten, konnten wir gleichwohl noch immer nicht an einen Beschluß kommen, dahero mein Kind vermahnete, so sie anders so viel Kräfte in sich verspüre, ihr Lager zu verlassen und Feuer in den Ofen zu werfen, dieweilen unsere Magd weg sei. Wöllten nachhero die Sache ferner in Überlegung ziehen. Sie stand dahero auch auf, kehrete aber alsobald mit einem Freudengeschrei zurücke, daß die Magd sich wieder heimlich in das Haus geschlichen und allbereits Feuer in den Ofen gestochen. Ließ sie mir also vors Lager kommen und verwunderte mich über ihren Ungehorsam, was sie hier ferner wölle, als mich und mein Töchterlein noch mehr quälen, und warumb sie nicht gestern mit dem alten Paasch gezogen? Aber sie lamentierte und jünsete, daß sie kaum sprechen konnte, und verstand ich nur soviel: sie hätte mit uns gessen, darumb wollte sie auch mit uns hungern, und möcht ich sie nur nit verstoßen, sie könne nun einmal nit von der lieben Jungfer lassen, so sie schon in der Wiegen gekennet. Solche Lieb und Treue erbarmete mich so, daß ich fast mit Tränen sprach: »Aber hastu nit gehört, daß mein Töchterlein und ich entschlossen seind, als Bettlersleute ins Land zu gehen? Wo willtu denn bleiben?« Hierauf gab sie zur Antwort, daß sie mit wölle, angesehen es gebührlicher vor sie als vor uns wäre, schnurren zu gehen. Daß sie aber noch nit einsäh, warumb ich schon wöllte in die weite Welt ziehen. Ob ich schon vergessen, daß ich in meiner Antrittspredigt gesaget, daß ich bei meiner Gemein in Not und Tod wölle verharren? Möchte dannenhero noch ein wenig verziehen und sie selbsten einmal nach der Liepen senden, dieweil sie hoffe, bei ihrer Freundschaft und anderswo was Rechtes für uns aufzutreiben. Solche Rede, insonderheit von meiner Antrittspredigt, fiel mir fast schwer aufs Gewissen, und ich schämete mich für meinen Unglauben, sintemalen nicht allein mein Töchterlein, besondern auch meine Magd einen stärkern Glauben hätten denn ich, der ich doch wöllte ein Diener beim Worte sein. Erachtete also, daß der Herr, um mich armen, furchtsamen Mietling zurückzuhalten und gleicherweis mich zu demütigen, diese arme Magd erwecket, so mich versuchen gewußt wie weiland die Magd im Palast des Hohenpriesters den furchtsamen St. Petrum. Wandte dahero wie Hiskias mein Angesicht gen die Wand und demütigte mich vor dem Herrn, was kaum geschehen, als mein Töchterlein abermals mit einem Freudengeschrei zur Türen hereinfuhr. Siehe, ein christliches Herze war zur Nacht heimlich ins Haus gestiegen und hatte uns zwo Brote, ein gut Stück Fleisch, einen Beutel mit Grütze, item einen Beutel mit Salz, bei einer Metzen wohl, in die Kammer gesetzet. Da kann nun männiglich schließen, welch groß Freudengeschrei wir allesamt erhoben. Auch schämete mich nit, für meiner Magd meine Sünden zu bekennen und in unserm gemeinen Morgengebet, so wir auf den Knien hielten, dem Herrn aufs neu Gehorsam und Treu zu geloben. Hielten dannenhero diesen Morgen ein stattliches Frühstück und schickten noch etwas an den alten Paasch aus. Item ließ mein Töchterlein nun wieder alle Kinderlein kommen und speisete sie, bevorab sie aufsagen mußten, erst mildiglich mit unserm Fürrat. Und als mein kleingläubig Herz darüber seufzete, wiewohl ich nichts sagete, lächelte sie und sprach: »Darumb sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen.«Matth. 6,34.

Solche Weissagung tät der Heilige Geist aus ihr, wie ich nit anders gläuben kann, und du auch nit, mein Lieber, denn merke, was geschah. Zu Nachmittag war sie, verstehe mein Töchterlein, in den Streckelberg gegangen, um Brummelbeeren zu suchen, weil der alte Paasch ihr hatte durch die Magd sagen lassen, daß es dorten noch einige Büsche hätte. Die Magd hackete Holz auf dem Hofe, wozu sie sich den alten Paasch sein Beil geliehen, denn meines hatten die kaiserlichen Schnapphähne verworfen, da es nirgend nit zu finden; ich selbsten aber wandelte in der Stuben auf und ab und sanne meine Predigt aus, als mein Töchterlein mit hoher Schürzen bald wieder in die Türe fuhr, ganz rot und mit funkelnden Augen, konnte aber für Freuden nichts mehr sprechen denn: »Vater, Vater, was hab ich?« – »Nun«, gab ich zur Antwort, »was hastu denn, mein Kind?« Worauf sie die Schürze voneinander tät, und trauete kaum meinen Augen, als ich vor die Brummelbeeren, so sie zu holen gangen war, darinnen zween Stück Bernstein glitzern sah, ein jegliches fast so groß denn ein Mannskopf, die kleinen Stücklein nit gerechnet, so doch auch mitunter die Länge meiner Hand hatten, und habe ich, weiß Gott, keine kleine Hand. Schrie also: »Herzenskind, wie kömmstu zu diesem Gottessegen?« Worauf sie, als sie gemach wieder zu Atem kame, verzählete wie folgt.

Daß sie, nach den Beeren suchend, in einer Schlucht nahe dem Strande zu etwas in der Sonne hätte glitzern gesehen, und als sie hinzugetreten, hätte sie diesen wunderlichen Fund getan, angesehen der Wind den Sand von einer schwarzen Bernsteinader fortgespielet.Kommt auch jetzt noch öfter vor und ist dem Herausgeber selbst begegnet. Doch enthielt die kleine schwarze Ader nur wenige Stücken Bernstein mit Holzkohle vermischt, letzteres ein sicheres Zeichen seines vegetabilischen Ursprungs. Hätte sofort mit einem Stöcklein diese Stücken herausgebrochen, und wäre noch ein großer Fürrat vorhanden, maßen es unter dem Stocke ringsumbher gebullert, als sie ihn in den Sand gestoßen; auch hätte selbiger nit tiefer als zum höchsten einen Schuh sich in den Boden schieben lassen. Item verzählete sie, daß sie die Stätte wieder mit Sand überschüttet und darnach mit ihrer Schürzen überwedelt, damit keine Spur nit übrigbliebe.

Im übrigen würde dorthin auch kein Fremder so leichtlich kommen, angesehen keine Brummelbeeren in der Nähe ranketen und sie mehr aus Fürwitz, und umb nach der Sehe überzuschauen, den Gang getan, denn aus Notdurft. Sie selbsten wolle aber schon die Stätte wiederfinden, alldieweilen sie sich dieselbige durch drei Steinlein gemerket. Was nun unser erstes gewesen, nachdem der grundgütige Gott uns aus sollicher Not gerissen, ja uns, wie es der Anschein war, mit großem Reichtum begabet hatte, kann sich ein jeglicher selbsten fürstellen. Als wir endlich wieder von unsern Knien aufstunden, wollte mein Töchterlein zuerst zur Magd laufen und ihr unsere fröhliche Zeitung hinterbringen. Aber ich untersagete es ihr, maßen wir nit wissen könnten, ob die Magd es ihren Freundinnen nicht wiederverzählete, obwohl sie sonsten ein treu und gottesfürchtig Mensch sei. Tät sie aber solliches, so würde es sonder Zweifel der Amtshauptmann erfahren und unsern Schatz vor Se. Fürstliche Gnaden, den Herzog, will sagen, vor sich selbsten, aufheben und uns nichts nit denn das Zusehen verbleiben und darumb unsere Not bald wieder von vornen beginnen. Wöllten dannenhero sagen, wenn man uns nach unserm Segen fragen würde, daß mein seliger Bruder, so ein Ratsherr in Rotterdam gewesen, und ein gut Stück Geldes hinterlassen, wie es denn auch wahr ist, daß ich für einem Jahre bei 200 Fl. von ihm geerbet, welche mir aber das Kriegsvolk, wie oben bemeldet, jämmerlich entwendet. Item, ich wölle morgen selbsten nach Wolgast gehen und die kleinen Stücklein verkaufen, so gut es müglich wäre, sagend, du hättest sie an der Sehe gefunden. »Solches kannstu auch meinethalben der Magd sagen und sie ihr zeigen, aber die großen Stücke zeigestu niemand nit, die will ich an deinen Ohm gen Hamburg senden, uns solche zu versilbern. Vielleicht, daß ich auch eins davon in Wolgast verkaufe, so ich Gelegenheit hab, umb dir und mir die Winternotdurft auf den Leib zu schaffen, dahero du mitgehen kannst. Die Witten, so die Gemein zusammengebracht, nehmen wir vors erste für Fährgeld, und kannstu die Magd uns auf den Abend nachbestellen, daß sie auf der Fähre auf uns harre, umb die Alimenten zu tragen.« Dieses alles versprach sie zu tun, meinete aber, wir könnten erst mehr Bernstein brechen, damit wir was Rechts in Hamburg kriegeten, was ich auch tate und dannenhero des andern Tages noch zu Hause verblieb, maßen es uns noch nit an Kost gebrach und mein Töchterlein auch sowohl als ich uns erst wieder gänzlich rekreieren wollten, bevorab wir die Reis' anträten. Item wir auch bedachten, daß der alte Meister Rothoog in Loddin, so ein Tischler ist, uns bald ein Kistlein zusammenschlagen würd, umb den Bernstein hineinzutun; dannenhero ich zu Nachmittag die Magd zu ihm schickete, unterdessen wir selbsten in den Streckelberg schritten, allwo ich mir mit meinem Taschenmesser, so ich für dem Feinde geborgen, ein Tännlein abschnitte und es wie einen Spaten formierete, damit ich könnte besser damit zur Tiefen fahren. Sahen uns aber vorher auf dem Berge wohl umb, und da wir niemand nit gewahreten, schritt mein Töchterlein voran zu der Stätte, welche sie auch alsofort wiederfunde. Großer Gott, was hatt's hier für Bernstein! – Die Ader ging bei 20 Fuß Länge, wie ich ungefährlich abfühlen mochte, die Tiefe aber kunnte ich nicht ergründen. Doch brachen wir heute außer vier ansehnlichen Stücken, doch fast nit so groß, als die von gestern seind, nur klein Gruswerk, nicht viel größer, als was die Apotheker zu Stänkerpulver zerstoßen. Nachdeme wir nun den Ort wieder mit äußerstem Fleiß bedecket und bewedelt, wär uns bald ein großer Unfall zugestoßen. Denn uns begegnete Witthansch ihr Mädken, so Brummelbeeren suchte, und da sie fragete, was mein Töchterlein in der Schürzen trug, und diese rot würde und stockete, wär alsobald unser Geheimnis verraten, hätt ich mich nicht begriffen und gesaget: »Was geht's dich an? Sie träget Tannenzapfen, umb damit einzuheizen!«, was sie auch gläubte. Wir satzten uns dahero für, in Zukunft nur des Nachts und bei Mondenschein auf den Berg zu steigen, und kamen noch vor der Magd zu Hause, woselbst wir unsern Schatz in der Bettstätt verborgen, damit sie es nicht merken sollte.


 << zurück weiter >>