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Einundzwanzigstes Kapitel.

Salve war nach Amsterdam gekommen, um Hochzeit zu halten. Er hatte dazu nur die vier Tage, während welcher die Brigg in Pürmurende die Ladung löschte, und aus Rücksicht für die Garvloits, denen sie die Kosten einer großen Hochzeit ersparen wollten, hatten die beiden beschlossen, sich an jenem Tage trauen zu lassen, an dem sie nach Pürmurende abreisen mußten.

An diesem feierlichen Vormittage entfaltete das Garvloitsche Haus aber auch all seine Pracht. Zu diesem Anlaß wurden aus allen Truhen Staatsgewänder hervorgeholt, die noch aus den vermöglichen Zeiten der Familie stammten. Madame Garvloit trug ein schweres, steifes, grünes Seidenkleid mit eingewirkten Blumen, massiven Schmuck an der Brust, und im Haar einen großartigen vergoldeten Reif, der gleich einer Krone über der Stirn blinkte. Garvloit hatte seiner Leiblichkeit nur einen Teil von seines Großvaters Staatstracht anpassen können, nämlich die Weste aus Goldbrokat, die tief herabreichte und gefährlich stramm saß.

Ein paar ältere Bekannte der Familie und die Kinder waren mit in der Kirche und ebenso der Schiffersohn aus Vlieland, über dessen sanftes, rundes Gesicht schmerzliche Thränen fielen, als Garvloit die Braut mit dem Myrthenkranz und dem langen weißen Schleier zum Altar geleitete. Elisabeth trug an diesem Tag ein Paar ungewöhnlich schöne Schuhe mit Silberspangen, und Salve erkannte in denselben mit frohem Erstaunen jene, die er ihr vor vielen Jahren verehrt. Die Gewißheit, daß sie nun einander untrennbar angehörten, erfüllte beide mit unbeschreiblicher Freude. Wie schlug nicht Elisabeths Herz, als Garvloit sie zum erstenmal »Madame Kristiansen« nannte; und wie beugte sich nicht die Seele unter der Last ihres Glücks, so oft sie es von andern wiederholen hörte!

Man nahm eine Mahlzeit ein, bei der eine eigentümlich gehaltene Stimmung herrschte, denn es fiel den Garvloits nicht leicht, sich von Elisabeth, die sie so liebgewonnen hatten, zu trennen.

Zwei Stunden später war das Paar auf dem Weg nach Pürmurende, und den Garvloits schien es, als sei das Haus ausgestorben.

Als der »Apollo« an dem schönen Nachmittag vermittelst einer der gebräuchlichen, von Pferden gezogenen Schleppschuten den großen Kanal hinan bugsiert wurde, erklangen eben die Glocken von Alkmar, das bekannte, schöne, althergebrachte Glockenspiel. Stumm standen die beiden jungen Leute nebeneinander an der Reling, während vom Turme her die wechselnden Töne erhebend über ihren Häuptern zusammenhallten, und es däuchte sie, dies sei ihr Hochzeitslied.


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