Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

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Sechstes Kapitel.

Gil Blas practisirt fort mit eben so viel Glück als Geschicklichkeit. Er findet seinen eingebüßten Ring wieder.

Kaum war ich zu Hause, so kam der Doctor Sangrado auch an. Ich sprach mit ihm von den Patienten, die ich besucht hatte, und händigte ihm acht Realen ein, (soviel hatt' ich von den für meine Verordnungen erhaltenen Zwölfen noch übrig). Acht Realen! sagte er zu mir, nachdem er sie gezählt. Das ist wenig für zwey Visiten! Allein man muß alles nehmen. Auch nahm er fast alles; er behielt ihrer sechse, und gab mir die übrigen zwey. Da, Gil Blas, sagte er zu mir, ein kleiner Anfang zu dem Capitälchen, das Du Dir sammeln wirst; überdieß will ich ein für Dich sehr heilsames Pactum mit Dir eingehen. Der vierte Theil dessen, was Du mir bringen wirst, soll Dein seyn. Auf die Art wirst Du bald Reichthümer haben, mein Freund; denn dieß Jahr wird es, so Gott will, Krankheiten die Menge geben.

Ich konnte mit dieser Einrichtung gar wohl zufrieden seyn, denn da ich Willens war, den dritten Theil meines Verdienstes zu behalten, und nachher noch den vierten Theil des Ueberrests einstrich, so fiel mir – wofern anders 179 die Arithmetik eine zuverläßige Wissenschaft ist – die Hälfte des Verdienstes zu. Dieß flößte mir neue feurige Liebe für die Arzneykunst ein.

Als ich den folgenden Tag zu Mittage gespeist hatte, fuhr ich wieder in mein Substitutenkleid, und rückte abermahls in's Feld. Ich besuchte verschiedne Kranke, die ich mir aufgeschrieben, und ob sie gleich verschiedene Krankheiten hatten, so schlug ich sie doch alle über einen Leisten. Bis jetzt war noch alles ganz friedlich und gütlich abgelaufen, und es hatte sich noch Niemand gegen meine Verordnungen gesetzt; allein so golden auch die Praxis eines Arztes ist, so fehlt' es ihr doch nicht an Tadlern und Neidern.

Ich kam zu einem Würzkrämer, der einen wassersüchtigen Sohn hatte. Hier traf ich einen kleinen schwarzbraunen Arzt, Doctor Cuchillo, der, um den Patienten in die Kur zu nehmen, von einem Anverwandten war mitgebracht worden. Ich machte allen Anwesenden tiefe Verbeugungen, und zumahl demjenigen, den man, wie ich glaubte, wegen dieser Krankheit hatte herrufen lassen. Er grüßte mich ganz gravitätisch. Nachdem er mich hierauf eine Zeitlang aufmerksam betrachtet hatte, sagte er zu mir: Ich glaubte alle meine Collegen hier in Valladolid zu kennen, doch muß ich gestehen, daß mir Ihre 180 Gesichtszüge völlig unbekannt sind. Vermuthlich haben Sie – ich bitte meine Neugier zu entschuldigen, lieber Herr Doctor – Sich erst seit Kurzem hier niedergelassen?

Ich. Ich bin ein junger Practicus, der unter Anweisung des Doctor Sangrado arbeitet.

Cuchillo. (höflich) Ich wünsch' Ihnen Glück, daß Sie die Heilungsmethode eines so großen Mannes angenommen! und so jung Sie auch aussehen, so zweifl' ich doch nicht, daß Sie nicht ungemeine Geschicklichkeit besitzen sollten.

Er brachte dieß mit so vieler Treuherzigkeit vor, daß ich nicht wußte, wofür ich es nehmen sollte, ob für Ernst oder für Schrauberey. Eben sann ich auf eine Antwort, als der Würzkrämer diesen Augenblick zu reden ergriff, und zu uns sagte: Ich bin überzeugt, meine Herren, daß Sie beyderseits Ihr Metje aus dem Grunde und in dem Grunde verstehen; wollte Sie daher zum schönsten gebethen haben, meinen Sohn recht in Augenschein zu nehmen, und sodann ihm was zu verschreiben, daß er wieder gesund wird.

Hierauf begann der kleine Medicus den Kranken genau zu beobachten, und nachdem er mich alle die Symptome hatte bemerken lassen, woraus die Natur der Krankheit erhellte, 181 fragte er mich: Auf was für Art ich seine Krankheit zu behandeln gedächte.

Ich. Meine Meinung ist, man muß ihm täglich Ader lassen,. und fleissig warmes Wasser zu trinken geben.

Cuchillo. (mit einer Schalksmiene lächelnd.) Und glauben Sie ihm dadurch das Leben zu erhalten?

Ich. (im festen Tone.) Unstreitig. Sie werden den Kranken zusehends genesen sehen. Dieß beydes sind Specifica gegen alle Arten von Krankheiten, und darum können Sie keine andere Wirkungen hervorbringen. Fragen Sie den Sennor Sangrado.

Cuchillo. Sonach hat Celsus sehr Unrecht, zu versichern, ein Wassersüchtiger könne nicht leichter geheilet werden, als wenn man ihn Hunger und Durst leiden ließe.

Ich. O Celsus ist mein Orakel nicht. Er irrte sich so gut, wie jeder andre, und manchmahl geh' ich ganz grade seiner Meinung entgegen, und fahre gar wohl dabey.

Cuchillo. Aus diesen Reden erkenn' ich die sichere und beliebte Methode, die Doctor Sangrado allen jungen Practikern einschwatzen will. Aderlassen und Wassertrinken sind seine Universalmedicin. Mich nimmt es daher gar nicht Wunder, daß so viel brave Leute unter seinen Händen umkommen. 182

Ich. (ziemlich heftig.) Keine Anzüglichkeit! Wahrlich! einem Manne Ihres Standes steht's gar fein an, dergleichen Vorwürfe zu machen. Gehen Sie, Herr Doctor! gehen Sie! Man schickt viele Kranken in die andre Welt, ohne ihnen grade zur Ader zu lassen, oder warmes Wasser zu trinken zu geben, und vielleicht haben Sie mehr denn ein andrer in's Grab gefördert. Wollen Sie dem Sennor Sangrado gern in die Haare, so schreiben Sie wider ihn, und wir wollen sehen, auf wessen Seite die Lacher seyn werden.

Cuchillo. (gleichfalls hitzig.) Beym heil'gen Jago und beym heil'gen Dionysius! Sie kennen den Doctor Cuchillo noch nicht. Sie müssen wissen, daß ich in jedem Sattel gerecht bin, mit jedem die Lanze brechen kann, und Sangrado'n nicht im mindesten fürchte. Trotz seiner Eitelkeit und Einbildung ist er weiter nichts, als ein ausgemachter Geck.

Ich ward aufgebracht, daß solch' Wichtlein so schwatzte, und antwortete ihm mit Bitterkeit, er stimmte eben den Ton an, und so kam's bald von Worten zum Schlage. Eh' uns der Würzkrämer und dessen Anverwandter auseinander bringen konnten, hatten wir Zeit genug, uns einige Püffe zu geben, und einander ein Paar Hände voll Haare auszuraufen. Als die Fehd' ein Ende hatte, bezahlten sie mir meinen Besuch und behielten meinen 183 Gegner, der ihnen vermuthlich geschickter vorkam wie ich.

Nach diesem Abenteuer wäre mir bey einem Haar ein gleiches aufgestoßen. Ich ging zu einem dicken Cantor, der am Fieber darnieder lag. Kaum hatte mich dieser von heissem Wasser reden hören, so bäumte er sich gewaltig gegen dieß Specificum. Er hob an zu fluchen, schläuderte mir eine Million Schimpfworte an den Hals, und drohte mir, mich zum Fenster hinauszuwerfen, wo ich mich nicht bald trollte. Ich ließ mir dieß nicht zweymahl sagen, sondern begab mich über Hals über Kopf fort. Weiter mocht' ich heute keine Patienten besuchen, deßhalb ging ich in das verabredete Weinhaus. Ich fand Fabrizio'n schon dort. Da wir beyde in Zechlaune waren, ging es gar munter her, und wir kehrten in einem ganz artigen Zustande zu unsern Herren zurück, d. h. mit einem Jesuiterräuschchen.

Sennor Sangrado merkte davon nichts, weil ich ihm den mit dem Doctorchen gehabten Strauß mit so vieler körperlichen Beredsamkeit erzählte, daß er mein Feuer für einen Ueberrest der durch den Kampf erzeugten Hitze hielt. Ueberdieß ging es in meiner abgestatteten Relation mit auf seine Rechnung, und da er sich gegen Cuchillo nicht wenig erbittert fühlte, sagte er zu mir: Recht so, Gil Blas, daß Du die Ehre unsrer Remediorum gegen diesen 184 homuncio, dieses opprobrium Facultatis nostrae souteniret und defendiret hast. So behauptet er denn, man dürfe den Wassersüchtigen kein Wasser trinken lassen? Der Ignorant der! Ich behaupte meines Orts, man müsse es ihnen verstatten. Wasser ist im Stande, jede Art von Wassersucht zu heilen, so wie es bey Flüssen und für Gesichtsbleiche gut ist; eben so ist es in denen mit Hitze und Frost abwechselnden Fiebern vortrefflich, und wunderkräftig selbst in denen Krankheiten, die man den kalten, seroesen, phlegmatischen und pituiroesen Feuchtigkeiten zu attribuiren pflegt. Eine Meinung, wovor solche junge Medici, wie Cuchillo, freylich zurückstutzen, die aber jeder rechtschaffne Arzt behaupten muß und kann. Hätten die jungen Herren nur etwas Logik, so würden sie, statt mich, wie sie jetzt thun, zu diffamiren, meinen Methodum admiriren, und meine eifrigsten Sectatoren werden.

Sonach argwöhnte Sangrado nicht im mindesten von mir, daß ich getrunken hätte, so sehr war er im Harnische; denn um ihn noch mehr gegen das Doctorchen aufzubringen, hatte ich in meine Erzählung allerhand Umstände einfliessen lassen, die auf meinem eignen Grund und Boden gewachsen waren. Indeß merkte er, so sehr er auch mit dem abgestatteten Berichte beschäftigt war, daß ich diesen 185 Abend mehr Wasser als gewöhnlich trank. In der That hatte mich der Wein durstig gemacht. Ein jeder andrer als Sangrado hätte aus meinem Heisdurst und der großen Gier, womit ich trank, Verdacht geschöpft. Er aber bildete sich treuherziglich ein, daß ich am Wasser Geschmack bekäme, und sagte lächelnd zu mir: Wie ich merke, Gil Blas, hast Du keine so große Aversion mehr vor diesem Getränk. Bey Gott! Du trinkst es wie Nektar hinter, und das nimmt mich gar nicht Wunder. Ich wußte wohl, daß Du habitum darin bekommen würdest. Jedes Ding hat seine Zeit! antwortete ich ihm. Jetzt wollt' ich ein Oxthöft Wein für eine Kanne Wasser hingeben. Diese Antwort erfreute den Doctor ungemein, der eine so schöne Gelegenheit, die Vorzüglichkeit des Wassers zu erheben, nicht vorbeyließ. Er hielt ihm eine Lobrede, nicht als frostiger Redner, sondern als Enthusiast: Tausend und aber tausendmahl ästimabler und unschuldiger, als unsre heutigen Tabernen und Weinhäuser waren die Thermopolia verwichner Jahrhunderte, wo man nicht so schändlich Vermögen und Leben durch Ströme Weins verschwelgte, sondern wo man zusammenkam, sich auf honette Art die Zeit kürzte, und ohn' alle Gefahr warmes Wasser trank.

Man kann nicht genugsam die Prudenz jener weisen Polizeyaufseher admiriren, die 186 öffentliche Plätze anlegten, wo jedem Hinkommenden Wasser zu trinken gegeben wurde, und die den Wein in den Apotheken verschlossen, damit nur dessen Gebrauch auf Verordnung der medicorum erlaubt würde. Welch' ein Zug von Weisheit! Unstreitig sind es noch glückliche Spuren jener Frugalität, des goldnen Jahrhunderts würdig, wenn man noch heut zu Tage Personen antrifft, die so, wie ich und Du, weiter nichts trinken als Wasser, und die sich vor allen Krankheiten præserviren, oder sie zu heilen glauben, wenn sie es warm trinken, nicht siedend, denn siedend, hab' ich observiret, ist es weit schwerer, und dem Magen minder zuträglich.

Während daß er dieß Meisterstück von Rede hielt, dacht' ich mehr denn einmahl laut auflachen zu müssen; dennoch hielt ich an mich. Ich that sogar noch mehr, trat in die Gesinnungen des Doctors ein, tadelte den Gebrauch des Weins, beklagte diejenigen, die unglücklicherweise diesem höchst schädlichen Getränke Geschmack angewonnen hätten. Hierauf füllt' ich, weil ich meinen Durst noch nicht gelöscht genug fühlte, einen großen Becher mit Wasser an, und nachdem ich ihn mit langsamen Zügen ausgeleert hatte, sagt' ich zu meinem Herrn: Kommen Sie, Herr Doctor, lassen Sie uns von diesem wohlthätigen Getränke zechen. Lassen Sie in Ihrem Hause 187 jene alte Badstuben wieder aufleben, deren Verlust Sie so bedauern.

Er zollte diesen Worten Beyfall, und ermahnte mich eine ganze Stunde lang, nie etwas anders zu trinken, als Wasser. Um mich an dieß Getränk zu gewöhnen, versprach ich ihm, alle Abende davon in großer Quantität zutrinken, und um dieß Versprechen desto leichter halten zu können, so legt' ich mich mit dem festen Vorsatze nieder, alle Tage in's Weinhaus zu gehen.

Der unangenehme Vorfall beym Würzkrämer hielt mich nicht ab, meine Profession fortzusetzen, und des folgenden Tages wieder Aderlässe und warmes Wasser zu verordnen. Ich kam eben von einem Poeten heraus, der wahnwitzig war, als mich eine alte Frau anredete, und mich fragte, ob ich ein Arzt wäre? Ich bejahte es. »Nu, wenn's so ist, so bitt' ich Sie zum schönsten, lieber Herr Doctor, mit mir zu kommen. Meine Muhme ist mir seit gestern krank geworden, und ich weiß gar nicht, was ihr fehlen muß.«

Die Alte führte mich in ihr Haus, und sodann in ein ganz sauberes Zimmer, worin ein Frauenzimmer im Bette lag. Ich trat näher, um sie in Augenschein zu nehmen. Ihre Gesichtszüge fielen mir gleich auf, und nachdem ich sie genau beantlitzt hatte. erkannt' ich 188 sie für die Abenteuerinn, die ihre Camilla's Rolle so wohl gespielt hatte. Sie ihrer Seits schien sich meiner nicht mehr zu erinnern, entweder weil ihre Krankheit sie zu sehr angriff, oder weil mein Doctorhabit mich ihr unkenntlich machte.

Ich nahm ihren Arm, um an ihren Puls zu fühlen, und ward an ihrem Finger meinen Ring gewahr. Bey dem Anblick eines Gutes, dessen ich mich zu bemächtigen berechtigt glaubte, gerieth mein Blut in heftige Wallung, und mir wandelte gar sehr die Lust an, ihn ihr mit Gewalt zu entreissen. Da ich aber bedachte, diese Weibspersonen möchten hierüber ein Zetergeschrey anstimmen, worauf Don Raphael oder irgend ein andrer Mädchenschirmer herbeyeilen möchte, so unterdrückt' ich meine Begier, und fand es für besser, mich jetzt zu verstellen, und erst dieserhalb Fabrizio'n zu Rathe zu ziehen.

Indeß drang die Alte in mich, ihr zu sagen, was ihrer Muhme eigentlich fehle. So sehr Dummkopf war ich nicht, ihr zu gestehen, daß ich es selbst nicht wüßte; vielmehr macht' ich den Einsichtsvollen, kopirte meinen Herrn, und sagte gar gravitätisch: Die Krankheit rühre von der Nichttranspiration der Patientinn her; folglich müsse ihr auf's schleunigste zur Ader gelassen werden, weil Aderlaß den 189 Mangel an Transpiration auf's natürlichste ersetzen könne, und damit alles nach unsrer Regel sey, verordnet' ich auch warmes Wasser.

Ich kürzte meinen Besuch so viel als möglich ab, und eilte zu Nunnez's Sohn, der eben mit einem Auftrage von seinem Herrn beladen aus seinem Hause kam. Ich erzählt' ihm mein neues Abenteuer, und fragte ihn, ob er es für gut hielte, daß ich Camille'n durch die Hand der Gerechtigkeit in Haft nehmen liesse. Um's Himmels willen nicht, antwortete er. Auf die Art kriegtest Du Deinen Ring nicht wieder. Die Gerechtigkeit gibt nichts gern heraus. Besinn' Dich doch auf Deine Gefangenschaft in Astorga; blieb da nicht alles in ihren Händen, Dein Pferd, Dein Geld, ja sogar Deine Kleider? Durch List müssen wir Deinen Diamanten ihnen wegzupractisiren suchen. Sey nur unbesorgt, ich will schon irgend einen Pfiff ausfindig machen. Jetzt muß ich nach dem Hospitale, und dem Schaffner im Nahmen meines Herrn ein Paar Worte sagen; unterwegs will ich darauf sinnen. Geh' Du derweil' ins Weinhaus, und laß Dir die Zeit nicht lange währen. Ich werde bald wieder bey Dir seyn.

Gleichwohl hatt' ich länger als drey Stunden an dem verabredeten Orte gewartet, eh' er sich einfand. Ich erkannt' ihn nicht sogleich. Er hatte nicht nur ein anderes Kleid 190 angezogen, und die Haare aufgebunden, sondern auch das halbe Gesicht mit einem falschen Knebelbarte bedeckt. An seiner Seite drohte ein großer Degen, dessen Stichblatt wenigstens drey Fuß im Umfange betrug. Ihm folgten fünf Leute, welche so wie er, die entschlossenste Miene hatten, gar mächtige Knebelbärte, und lange Raufer trugen.

Diener Sennor Gil Blas, sagt' er zu mir. Er sieht hier in mir einen ganz neugebacknen Alguazil, und in diesen wackern Männern, Häscher von eben dem Teige. Er kann uns nur immer zu dem Weibsen führen, die ihm den Diamanten gestohlen hat; soll'n wiederhaben, auf mein Wort. Bey diesen Worten umarmt' ich Fabrizio'n, weil ich aus diesen Worten sogleich das Stückchen errieth, das er meinetwegen zu spielen gesonnen war, und bezeigte ihm wegen dieser ersonnenen List meinen Beyfall. Auch begrüßt' ich die Häscher. Es waren dieß drey Bedienten und zwey Barbierburschen, die er genau kannte, und zu diesen Rollen beschwatzt hatte. Ich ließ Wein geben, damit meine Rotte ihren Gaumen ausspühlen konnte, und mit anbrechender Nacht begaben wir uns nach Camillen's Wohnung.

Wir finden die Hausthür zu, klopfen an, die Alte kommt und öffnet. Da sie meine Gefährten für Spürhunde der Gerechtigkeit 191 hielt, die nicht ohn' Ursach in ihr Haus kamen, so befiel sie kein kleiner Schreck. Nur getrost! liebes Mütterchen, sagte Fabrizio, wir kommen wegen 'ner ganz kleinen Sache hieher. Lange soll's nicht dauern, denn viel Federlesens pflegen wir eben nicht zu machen. Mit diesen Worten stiegen wir nach dem Zimmer der Kranken hinauf. Die Alte, die einen silbernen Leuchter in der Hand hatte, leuchtete uns. Ich nahm ihr den Leuchter ab, trat nah an's Bett, und indem ich mich Camille'n zu erkennen gab, sagt' ich zu ihr: Treulose, erkennst Du den allzuleichtgläubigen Gil Blas, den Du betrogen hast? Ha! Du Boshafte, endlich, nach langem Suchen, find' ich Dich wieder. Der Corredigor hat meine Klage angenommen, und diesen Alguazil hergesandr, Dich in Verhaft zu nehmen. Thun Sie, was Ihres Amts ist, sagt' ich, mich zu Fabrizio'n wendend.

Sie dürfen mich an meine Schuldigkeit nicht erinnern, antwortete dieser in einem Baßtone. Ich besinne mich eben auf den feinen Zeisig da. Hat schon 'ne gar hübsche geraume Zeit auf dem schwarzen Register gestanden. Erheben Sie Sich nur, meine Prinzessinn, setzt' er hinzu, und werfen Sie Sich hurtig in's Zeug. Ich werde, wenn's Ihnen gefällig ist, die Ehre haben, Sie nach den hiesigen Stadtgefängnissen zu führen. 192

Als Camille sahe, daß bey diesen Worten zwey mächtige Knebelbärte von Häschern sie aus dem Bette zu reissen im Begriffe standen, richtete sie sich, so krank sie auch war, in die Höhe, faltete ihre Hände gar de- und weh-müthiglich, sah mich mit Augen der Erschrockenheit an, und sagte zu mir: Erbarmen Sie Sich meiner, Sennor Don Gil Blas. Ich beschwöre Sie, bey der keuschen Mutter, die Sie geboren hat. Ich bin mehr unglücklich, denn strafbar. Sie werden davon überzeugt werden, wenn Sie meine Geschichte anhören wollen.

Ich. Nichts davon gnäd'ges Fräulein! Ich weiß, Sie sind eine gar treffliche Romanstellerinn.

Camille. Nun dann, weil mir keine Rechtfertigung verstattet wird, so will ich Ihnen Ihren Diamant wieder zustellen, aber machen Sie mich nicht unglücklich. (Hier zog sie den Ring vom Finger, und gab ihn mir.)

Ich. Damit bin ich noch nicht zufrieden, ich verlange auch die tausend Ducaten zurück, die mir im Gasthofe entwandt wurden.

Camille. O fordern Sie nur Ihre Ducaten nicht von mir, Sennor. Der Verräther Don Raphael, den ich seit der Zeit nicht mehr gesehen, hat sie in eben der Nacht mitgenommen. 193

Fabrizio. Ho Püppchen, denkt Ihr denn damit durchzukommen? Uns einschwatzen zu können, Ihr habt nicht ein Stück von der Pastete abgekriegt? So mit blauem Auge läßt man Euch nicht weg. Ihr habt zur Bande des Don Raphael's gehört, und das ist hinlänglich, Euch wegen Eures vorigen Lebenswandels zur Rechenschaft zu ziehen. Ihr müßt viel auf Eurem Herzen haben. Ihr werdet so gut seyn, mit in's Gefängniß zu kommen, und da alles rein herauszusagen. Die gute Alte werd' ich auch mitnehmen. Alte Hennen, sagt man, geben fette Suppen; und sie muß, wie ich glaube, eine Menge ganz kurioser Geschichtchen wissen, die der Herr Corredigor mit vielem Vergnügen anhören wird.

Bey diesen Worten wandten die beyden Weiber alles an, uns zu erweichen; erfüllten die Stube mit dem jämmerlichsten Klaggeschrey; sparten nicht Seufzer, nicht Thränen. Indeß, daß die Alte bald vor dem Alguazil, bald vor den Häschern, auf den Knieen liegend, ihr Mitleid zu erregen suchte, bath mich Camille auf's allerrührendste, sie aus den Händen der Gerechtigkeit zu retten. Es war die tragikomischste Scene von der Welt. Ich stellte mich erweicht. Sennor Alguazil, sagt' ich zum Sohne des Nunnez's, da ich meinen Diamanten wieder habe, will ich das Uebrige 194 verschmerzen. Ich möchte nicht, daß das arme Mädchen gekränkt würde; verlange nicht den Tod des Sünders.

Fabrizio. Pfuj doch! so menschlich zu seyn. Sie hätten nicht zu unserm Metje getaugt. Ich muß meine Commission ausrichten, habe den geschärftesten Befehl, diese Infantinnen aufzuheben. Der Herr Corregidor will an ihnen ein Exempel statuiren.

Ich. Ich ersuche Sie, meine Fürbitte statt finden zu lassen, und wegen des Präsents, das Ihnen diese Damen anbiethen werden, ein Auge zuzuthun.

Fabrizio. Hum! das läßt sich hören; das nenn' ich eine wohlangebrachte rednerische Figur. Wir wollen denn sehen. Was könnt Ihr denn dran spendiren, Kinderchen?

Camille. Ich eine Perlenschnur um den Hals, und Ohrgehänge von beträchtlichem Werthe.

Fabrizio. (ungestüm.) Nur nicht von den Philippinischen Inseln, die wollt' ich mir verbethen haben.

Camille. Sie können sie auf Treu und Glauben nehmen. Ich steh' Ihnen dafür, sie sind echt.

Zugleich ließ sie durch die Alte ein Kästchen herbeybringen, aus welchem sie Perlenschnur und Ohrgehänge nahm, und dem Herrn Alguazil einhändigte. Obwohl er sich so 195 wenig als ich auf Edelgesteine verstand, so zweifelte er dennoch nicht, daß sowohl die Steine in den Ohrgehängen als auch die Perlen echt wären. Nachdem er sie aufs allergenaueste betrachtet hatte, sagte er: Diese Kleinodien scheinen mir in der That kauscher zu seyn, kommt noch der silberne Leuchter dazu, den Sennor Gil Blas in der Hand hat, so bin ich für meiner Treue weiter nicht Bürge. Ich glaube nicht, sagt' ich zu Camille'n, daß Sie um einer solchen Lumperey willen einen für Sie so vortheilhaften Vergleich werden aufheben wollen.

Mit Endigung dieser Worte nahm ich das Wachslicht vom Leuchter, gab es der Alten, und den Leuchter Fabrizio'n. Dieser ließ es denn dabey bewenden, vielleicht, weil er sonst nichts in der Stube sahe, was sich leicht fortbringen ließ; hierauf sagte er zu den beyden Weibern: Adieu, Sennoras, seyn sie nun ganz ruhig. Ich will mit dem Corregidor sprechen, und Sie weisser brennen denn Schnee. Wir wissen das Ding schon zu drehen, und er kommt nie hinter die Wahrheit, als wenn uns niemand vermocht hat, um selbige herumzugehen. 196

 


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