Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

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Vorbericht zur dritten Auflage.

Vor fast zwanzig Jahren erschien die erste Edition der vorliegenden Uebersetzung, die ungeachtet mannigfaltiger Flecken Beyfall fand. Sogar Bürger und ein noch lebender, eben so gründlicher Gelehrter, als ausgezeichnet-witziger Kopf billigten sie im Ganzen, wie ich aus sehr guter Hand weiß. Der Deutsche Merkur (Juliusstück von 1779. S. 96-100.) war bis auf verschiedene größere und kleinere Ausstellungen mit dieser Dolmetschung eben nicht unzufrieden. Dieß alles, und die vielen Mängel, die ich selbst einige Jahre später an dieser Arbeit entdeckte, feuerten mich zu dem Wunsch an: möchtest du doch bald im Stande seyn, deiner Uebersetzung einen gewissen Grad von Vollkommenheit zu geben. Jetzt erst bey dieser dritten Auflage ist mein Wunsch in Erfüllung gegangen, indem die zweyte Ausgabe zu einer Zeit herauskam, XLVI wo ich schlechterdings nicht Hand an dieselbe legen konnte, daher sie denn weiter nichts als ein unveränderter, vielleicht mit einigen Druckfehlern noch vermehrter Abdruck der ersten Edition ist.

Bey der gegenwärtigen Durchsicht des Gil Blas hab' ich alle die Archaismen, womit ich dem Werke den Anstrich des vorigen Jahrhunderts zu geben vermeinte, viele zu derbe Ausdrücke – meine Arbeit fiel leider! gerade in die Periode der Kraftgenies und schmeckte häufig nach dieser alles schwindlig machenden Epoche – so wie mehrere zu niedrige Sprüchwörter und sprüchwörtliche Redensarten ausgetilgt, und im Styl manches berichtigt, und denselben mehr zugeründet. Die Erinnerungen im Deutschen Merkur sind größtentheilsWegen des: da ging es erst aus dem hohen Ff, und so soll huschhusch! die ganze Posse zu Ende gespielt werden, so wie in dem: es wurmt mich, hab ich verschiedene Freunde zu Rathe gezogen, denen es gewiß an Feinheit des Gefühls nicht fehlt und sie empfinden in allen dreyen das Niedrige nicht. Was besonders das Huschhusch! anlangt, so denk' ich: das Fräulein Aurore de Guzman soll nicht durch den naiven Ausdruck geschändet werden, welchen die Tochter des Obersten Galotti ohne Bedenken braucht und eben dadurch veredelt. Im Vorbeygehen bemerkt, ich begreife nicht, wie der Herr Prof. Heinaz das äußerst widrig und niedrig tönende wischen dem Zeitworte huschen, in dem Sinn von schlüpfen genommen, vorziehen kann. Des Nahmens: Schönlinchen hat der Prinz von Austurien sich bedient und der Graf sagt ihm denselben aus Spott nach; im Munde eines Liebhabers, sollt' ich meinen, kann ein zuckrichter Ausdruck sehr füglich statt finden. Oder fehlt es den Spaniern an süßtändelnden Liebkosungsnahmen?
    Das wie'n Davidchen kam vorher zu oft vor, jetzt hab' ich es bloß einem Häscher in den Mund gelegt. Weßhalb sollte dieser nicht brauchen können, was der gemeine Mann um Halle herum z. B., der nicht Bauer ist, häufig als höchste Vergleichung zu nehmen pflegt? Sancho erinnerte mich nur wieder an diese Vergleichungsweise. Die Sainte Nitouche steht nicht im Originale; ich verdiene also den Vorwurf nicht, der mir in der Recension des Gil Blas im Merkure hierüber zu Theile wird. Ich glaubte, Gil Blas könne aus Scherz eine in Spanien ganz unbekannte Heilige erschaffen, allein die neuesten Reisebeschreibungen von diesem Lande belehren mich, daß kein Spanier sich so etwas erlauben wird.
    Weßhalb ich Teint und nicht das Deutsche Gesichtsfarbe genommen habe? Weil es mir in Laur'ens Munde zu affectirt klang. Eben so ging es mir mit dem Oberdeutschen Bas' und Muhme, was mir, sobald Gil Blas schreibt, recht gut däucht, und andern Personen aber im Gespräch gebraucht altväterisch oder mindestens steif vorkommt.
    Zum Schluß kann ich auf das heiligste versichern, daß es mir gar nicht in den Sinn gekommen ist, den Ton des Deutschen Don Quixote nachahmen zu wollen. Bloß drey oder vier Ausdrücke hab' ich diesem Werke abgeborgt, und etwa ein oder anderthalb Dutzend Sprüchwörter. Derselbe Fall ist mit dem Tristram Shandy. Voraussetzen, daß der himmelweite Unterschied in dem Styl dieser drey Werke mir nicht eingeleuchtet habe, heißt mich gar zu stumpfäugig annehmen.
von mir befolgt, XLVII und die väterlich-ernsten Belehrungen und Zurechtweisungen mit innigstem Danke benutzt worden, die unser großer Wieland mir in seinem XLVIII Merkur wegen Tarpa und wegen der Falschschreibung einiger Griechischen Nahmen angedeihen zu lassen geruhte. Letztere hatt' ich, im Vorbeygehen bemerkt, schon entdeckt, eh' er mich auf dieselbe aufmerksam machen wollte. Ueber den ersten aber war ich noch im Dunkeln, ungeachtet ich zwey junge Männer, deren einer ehmahls aus einer der Sächsischen Fürstenschulen, so wie der andere im Kloster Bergen, die Alten unter sehr geschickter Anleitung mit leidenschaftlichem Eifer studierte, um Rath gefragt XLIX hätte. Bey meinem äusserst schwachen Gedächtniß war es mir gänzlich entfallen, daß ich von zwey sehr vorzüglichen Humanisten, welche im Joachimsthalischen Gymnasium den Horaz erklärten, in meinen Schuljahren über jenen Kunstrichter hinlängliche Auskunft erhalten hatte.

Ohne mich an die Adelunge und Adelungchen zu kehren, welche die vertrauliche Sprechart der Deutschen gar nicht vervollständigt wissen wollen, hab' ich, auf Herrn Campe'ns treffliche Preisschrift gestützt, manches alte Kraftwort, manchen guten Provinzialausdruck beybehalten, und noch einige Landschafts- sowohl als Klang-Wörter dazu aufgenommen. Manche Provinzialismen sind nur für augenblicklichen Gebrauch berechnet, z. B. Hopheichen in Torribio Scipio's Munde und einige ähnliche Ausdrücke. Die ich aufgenommen wünschte, hab' ich nach ihrem vollen Gehalt in Anmerkungen aufgeführt.

Herr Campe wird es mir verzeihen, daß ich in dieser Uebersetzung oft gegen die Sprachreinigkeit gesündigt habe. Hier ist meine Entschuldigung in Lessing's Worten: (S. dessen Leben und literarischen Nachlaß Thl. 3. S. 194. L und 195.) »Im Dramatischen (folglich auch in Romanen) »kommt es mehr darauf an, der Person ihr angemessene als gute Worte in den Mund zu legen.« Ueberdieß, setz' ich noch mit Deutschem Freymuthe hinzu, sind mir mehrere von Herrn Campe und seinen sprachforschenden Freunden vorgeschlagene Verdeutschungen nicht sinnerschöpfend genug.

Und nun zum Schluß noch zu einem Recensenten des Gil Blas in der allgemeinen deutschen Bibliothek! (B. 42. S. 101.) Ich habe von dem, was er angeführten Ortes vorbringt, gar keinen Gebrauch machen können. Seine Kritik ist theils aus SchikaniersuchtOder wäre dieß keine, wenn er da, wo die Personen sich edel und elegant ausdrücken, über lächerliche Kostbarkeit, und da, wo Sprache des gemeinen Lebens im Munde der Leute von den untern Classen geredet wird, über Pat is schreyt? Wäre dieß keine, wenn er Ausdrücke, die an der Stelle, wo sie standen, gut waren, herausreißt und sie an einander reiht, um so die Leser zu täuschen? geflossen, weil ich seine Collegen und das Haupt der Bibliothekare angegriffen hatte, theils ist sie kleinigkeitsjägerische LI Schulmeisterey.Dahin gehört z. B. sein weitläuftiger Beweis, daß man die Ausrufungsformel: der Teufel! nie ohne Artikel brauchen müsse; wer weiß das nicht? Ich hatte aber verschiedene sehr lebhafte Leute, die nicht daran dachten, das Französische diable nachzuahmen, den Artikel wegbeißen hören und brauchte dieß ohne Bedenken nach. Um nicht wieder einem solchen Schulmeister in die Hände zu fallen, hab' ich den Artikel hergestellt. Hierbey muß ich noch eine merkwürdige Aeußerung des Recensenten anführen, die, daß beyde Nationen (die Deutsche wie die Französische) an gescheidten Flüchen gleich arm wären. Es scheint, der fürsorgliche Mann will uns eine Sammlung von solchen Flüchen liefern. Wer hätte wohl geglaubt, daß Flüche mehr als »sinnlose Exclamationen« (wie der Recensent sie selbst einige Zeilen zuvor definirt) leichtsinniger Personen seyn könnten? Zu widerlegen wäre der liebe Mann gar leicht, wenn es mir nur hier nicht an Raum dazu gebräche; überdieß möchte es den meisten Lesern ein zu langweiliger Spaß geworden seyn. Ein Paar von den Behauptungen dieses Krittlers will ich aber doch ausheben. Lessing, ein Mann, dessen Stimme noch immer in der Gelehrtenrepublik von vieler Bedeutung ist, war der Meinung: man müsse gute ausländische, uns fehlende Sprüchwörter kurz und bündig in unsere LII Sprache übertragen. Mein Recensent hingegen sagt: »Man müsse stets uns eigenthümliche Sprüchwörter liefern. Mögen doch die französischen Sprüchwörter so viel Energie haben, als sie wollen, sobald sie in eine andere Sprache als Sprüchwörter übergetragen werden, verlieren sie alle Kraft und Schönheit. Die Leser mögen selbst urtheilen. Ohne Blut geht, wie das alte Sprüchwort sagt, nichts in den Kopf. Der Faden führt, wie man sagt, zum Knaul.Man hat schon folgendes Sprüchwort mit Faden im Deutschen: Wo der Faden am schwächsten ist, da bricht er. Weßhalb sollte man nicht aus dem häuslichen Stande der Frauen noch ein ähnliches, eben so verständliches Sprüchwort entlehnen? Wo man's am wenigsten denkt, springt der Has' aus. Und solcher unhehülflichen Sprüchwörterübersetzungen könnten wir, wenn wir Lust zu excerpiren hätten, eine Menge anführen.«

Nun frag' ich einen jeden Unparteyischen, wo liegt das Fremdartige, das Kraft- und Saftlose in den angeführten Sprüchwörtern? Sie haben Ründung, Verständlichkeit, mithin auch Schönheit. Was zumahl das Sprüchwort vom LIII Hasen anlangt, so kann das einer so weidgerechten Nation, wie der unsrigen, die so viele Sprüchwörter hat, welche sich auf den Hasen beziehen,Z. B. Da liegt der Hase im Pfeffer. Wo der Hase fällt, da ist er gern. Hase! rufen, eh' er im Netz liegt. Er bleibt bey seinen Worten wie der Hase bey der Trommel. Viele Hunde sind der Hasen Tod. ganz und gar nicht auffallen. Uebrigens muß ich noch bemerken, daß alle im Gil Blas vorkommenden Sprüchwörter, bis etwa auf zwey von mir gewagte, von den Herren Bertuch und v. Soden gedolmetscht worden sind und zwar gerade mit der Körnigkeit, welche Lessing und Eschenburg in solchen Fällen mit Recht fordern. Noch ist nicht zu vergessen, daß die von dem angeblichen Kunstrichter ausgezogenen Sprüchwörter nicht Französischen, wie er wähnt, sondern Spanischen und Englischen Ursprungs sind.

Der mehrerwähnte Recensent sagt ferner: »An gezwungenen und kostbaren Redensarten ist auch kein Mangel, nur ein Paar zur Probe. So wanderte ich nach Toledo zu, ohne jemanden auf meinen Fersen sitzen zu sehen. LIV Desgleichen: Da man vor dem Könige und der Inquisition den Mund halten muß.« Der wenig belesene Mann weiß nicht, daß Lessing, der bekanntlich so sehr das Preciöse vermied, sich des erstern Ausdrucks bereits bedient hat. Was des Sichtlers Verbesserung des darauf folgenden Sprüchwortes und den Tadel anlangt, den er darüber ausgießt, so ist beydes herzlichkläglich und des Anführens hier nicht werth.

Noch zeiht mich der Wohlunterrichtete der Berolinismen, es möchte ihm aber schwer werden, mir deren mehr als zwey oder drey nachzuweisen, dadurch entsteht noch kein verberlinerter, d. w. s. Berliner Patois sprechender Gil Blas, wie er den meinigen tauft. Zugleich thut er hier wieder einen erstaunlichen Mißgriff, was ihm, wie die Leser aus dem bisher Angeführten hinlänglich bemerkt haben werden, oft genug begegnet. »Was würde z. B. Geßner sagen,« hebt er an, »wenn ein humoristischer Franzose seine ausgekörnte Diction in sein Patois umzukleiden sich herausnähme? Und ein verberlinerter Gil Blas ist doch im Grunde nichts besser. Nach meinem Gefühle hätte hier LV nicht der Verfasser von Schäfergedichten, sondern der komisch-moralische Dichter, ein Wezel zum Beyspiel, der bekanntlich sehr elegant schrieb, zum Vergleich aufgestellt werden müssen.

Seiner Beschuldigung etymologischer Blößen bin ich in einer Note begegnet und habe durch Entkräftung seines Hauptbeweises, womit er sich so sehr brüstet, meines Erachtens den Zusammensturz der übrigen zurückbehaltenen Beweise bewirkt. LVI



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