Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

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Drittes Kapitel.

Gil Blas wird bey dem Licentiaten Sedillo angebracht. In welchem Zustande sich dieser befand; Schilderung seine Haushälterinn.

Uns war so bange, beym alten Licentiaten zu spät zu kommen, daß wir fast mit einem Satz' aus dem Gäßchen an seinem Hause waren. Wir fanden es verschlossen, mußten anklopfen. Ein Mädchen von zehn Jahren, das die Haushälterinn, Trotz aller Lästerzungen, für ihre Nichte ausgab, öffnete uns, und als wir fragten, ob der Herr Canonicus nicht zu sprechen sey, erschien Jungfer Jacinte. Kein unebnes Gesichtchen, obschon lang' über die Flatterjahre hinaus, und – was mir am meisten auffiel – es sah noch recht glauGlau. Unverkennbare Spuren jugendlicher Frischheit in mittlern, ja sogar höhern Jahren im Gesichte tragend; ingleichen: vor Gesundheit und Wohlbehaglichkeit glänzend. Hier wird beydes bezeichnet. Ein sinnvoller Niedersächsischer, von Lessing und dem geschmackvollen Sprachforscher Herrn Campe, kräftig empfohlener Ausdruck. aus. Dieß Mädchen hatte einen 145 schlechtwollnen, langen Rock an, um selbigen einen breiten Ledergürtel, an welchem auf der einen Seite ein Bund Schlüssel hing, und auf der andern ein großmächtiger Rosenkranz. Wir machten ihr sogleich auf's ehrerbiethigste unsre Verbeugungen, die sie mit vieler Höflichkeit erwiederte, aber mit bescheidener Miene, und niedergeschlagenen Augen.

Der Herr Licentiat, sagte mein Kamerad, hör' ich, braucht einen rechtschaffenen Kerl zum Domestiken; darum komm' ich, ihm einen Menschen vorzustellen, mit dem er, hoffentlich, zufrieden seyn wird. Bey diesen Worten hob die Haushälterinn ihre Augen auf, und sah mich fest an; da sie mein silbergesticktes Kleid mit Fabrizio's Rede nicht reimen konnte, fragte sie ihn: ob ich der sey, der die erledigte Stelle suchte. Ja, sagte Nunnez Sohn, eben dieser junge Mensch ist es; Widerwärtigkeiten nöthigen ihn, in Herrendienste zu gehen, wozu er, wie Sie sehen können, nicht geboren ist. Er wird sich aber, setzt' er mit gar sanfter Stimme hinzu, über all' sein Ungemach zufrieden geben, wenn er das Glück hat, in dieß Haus zu kommen, und bey der tugendhaften Jacinte zu leben, die die Haushälterinn des Patriarchen von Indien zu seyn verdiente.

Bey diesen Worten wandte die alte Beate ihren Blick von mir weg, um ihn auf den 146 höflichen Menschen zu richten, der mit ihr sprach. Seine Gesichtszüge fielen ihr auf, sie däuchten ihr nicht unbekannt. Ich soll Sie kennen, sagte sie, ich weiß aber nicht recht, wo ich Sie hinbringen soll. Keusche Jacinte, antwortete ihr Fabrizio, ich thue mir nicht wenig darauf zu Gute, Ihre Blicke auf mich gezogen zu haben. Ich bin mit meinem Herrn, dem Sennor Manuel Ordonnez, dem Hospitalverwalter, zweymahl hier im Hause gewesen.

Ganz recht, erwiederte die Haushälterinn, nun besinn' ich mich. Ah! da Sie dem Sennor Ordonnez angehören, müssen Sie nothwendig ein recht christlicher, rechtschaffener Mensch seyn; sonst wären Sie gewiß nicht bey ihm in Diensten, und der junge Mann könnte keinen bessern Fürsprecher und Währmann haben. Kommen Sie, fuhr sie fort, ich will Ihnen sogleich Gelegenheit verschaffen, den Sennor Sedillo zu sprechen. 'S wird ihm, glaub' ich, sehr lieb seyn, durch Ihre Empfehlung einen guten Menschen zu bekommen.

Wir folgten Jungfer Jacinte'n. Der Canonicus wohnte unterwärts, hatte vier wohlvertäfelte, hinter einander weggehende Zimmer. Sie bath uns, in dem ersten zu verweilen, und ging in das zweyte, wo sich der Licentiat befand. Nachdem sie sich mit ihm eine Zeit lang besprochen hatte, kam sie wieder, und sagte, wir möchten herein kommen. 147

Wir fanden den alten Podagristen in einem Großvaterstuhle vergraben, ein Kopfkissen unter seinem Haupte, Kissen unter den Armen, und die Beine auf ein großes Kissen voller Flaumfedern gelegt. Wir näherten uns ihm, ohne dabey unsers Rückens zu schonen, und Fabrizio, als Wortführer, wiederhohlte nicht nur, was er bereits der Haushälterinn gesagt hatte, sondern begann meine Verdienste ihm vorzuposaunen, und trug mit einem großen Wortflusse die Ehre vor, die ich in meinen philosophischen Dispüten beym Doctor Godinez erlangt hatte; gleich als ob man ein großer Philosoph seyn müsse, um Diener eines Canonicus zu werden.

Indeß streut' er durch die Lobsprüche, die er mir beylegte, dem Licentiaten Staub in die Augen. Da Letzterer noch überdieß merkte, daß ich Gnaden gefunden hatte vor Jungfer Jacinte'n, sagt' er zu meinem Währmanne: Ich nehme diesen jungen Menschen in Dienste. Es scheint mir ein recht guter Junge, und ist es auch gewiß, da ihn mir ein Bedienter des Sennor Ordonnez aufgeführt hat.

Sobald mich Fabrizio angenommen sahe, macht' er dem Canonicus eine tiefe Verbeugung, der Haushälterinn eine noch tiefere, und ging sehr zufrieden hinweg, nachdem er mir zugeraunt hatte: wir würden uns schon noch wieder sehen, ich möchte nur sogleich da 148 bleiben. Sobald er fort war, fragte der Licentiat, wie ich hiesse, weßhalb ich mein Vaterland verlassen hätte, und lockte mir durch diese Fragen meine Begebenheiten ab. Er und Jacinte ergetzten sich daran gar sehr, besonders an dem zuletzt mir aufgestoßenen Abenteuer. Camilla und Don Raphael erregten in ihnen eine so starke Lachlust, daß es dem alten Podagristen bey einem Haare das Leben gekostet hätte. Denn da er aus allen Leibeskräften lachte, befiel ihn ein so heftiger Husten, daß ich glaubte, er würde den Geist aufgeben. Sein Testament hatt' er noch nicht gemacht; nun kann man denken, ob die Haushälterinn nicht in Todesängsten war. Zitternd an jedem Gliede, ganz ausser sich vor Schreck, rannte sie dem Alten zu Hülfe, und that das, was man bey Kindern zu thun pflegt, wenn sie den Husten bekommen; rieb ihm die Stirn, und klopfte ihm auf den Rücken. Für dießmahl hatte aber der Tod nur blinden Lärmen geschlagen. Der Alte hörte auf zu husten, und die Haushälterinn ihn zu quälen.

Nunmehr wollt' ich meine Erzählung zu Ende bringen; allein Jungfer Jacinte, die einen neuen Husten besorgte, setzte sich dagegen, führte mich sogar aus der Stube des Canonicus und in ein Kleiderzimmer, wo unter vielen andern Kleidern der Rock meines Vorgängers hing. Sie ließ mich selbigen 149 anziehen, und hing meinen an dessen Stelle. Mir war es gar angenehm, ihn aufheben zu können, weil ich noch dereinst davon Gebrauch zu machen hoffte. Hierauf gingen wir hin, das Mittagsbrot zu bereiten.

Ich schien in der edlen Kochkunst nicht ganz Neuling. Zwar hatt' ich das Glück gehabt, meine Lehrjahre unter der Jungfer Leonarde zu stehen, die für eine tüchtige Köchinn passiren konnte, gegen Jungfer Jacinte aber gar nicht in Anschlag gebracht werden durfte. Diese kochte vielleicht sogar den Oberkoch des Erzbischofs von Toledo zu Boden. Sie war Meisterinn im Gesottenen und Gebratenen. Was stärkenders als ihre Kraftbrühen konnte man nicht finden, so gut verstand sie den Saft aus dem dazu genommenen Fleische zu mischen, und ihre Ollapodridas und Salpicons waren auf die Gaumenkitzelndste Art zubereitet.

Als das Mittagsbrot fertig war, kehrten wir nach dem Zimmer des Canonicus zurück, dem die Haushälterinn ein Tellertuch umband, indeß ich neben seinem Großvaterstuhle den Tisch deckte. Einen Augenblick darnach trug ich eine Potage auf, die man dem berühmtesten Seelsorger in Madrid hätte vorsetzen können, und zwey Entreen, welche die Sinnlichkeit eines Vicekönigs zu reizen vermögend gewesen wären, wenn Jungfer Jacinte, aus Besorgniß, des Licentiaten 150 Zipperlein zu erregen, die Würze daran nicht hätte fehlen lassen. Beym Anblick dieser beyden Schüsseln bewies mein Herr, den ich an allen Gliedern gelähmt glaubte, daß seine Arme ihm noch nicht völlig den Dienst versagten. Er half sich mittelst selbiger aus allen seinen Kissen ziemlich rasch auf, und schickte sich gar wacker zum Essen an. Ob ihm gleich die Hand zitterte, so konnte er sich doch noch ihrer bedienen; fuhr damit in die Schüssel und nach dem Munde, doch so, daß er auf dem halben Wege über die Hälfte auf's Tischtuch und auf's Serviett verschüttete.

Als er nichts mehr von der Suppe mochte, trug ich sie ab, und setzte dafür ein Rebhuhn hin, sammt einem Paar gebratener Wachteln, die Jungfer Jacinte ihm zerlegte. Auch hielt sie ihm – wie einem Fünfvierteljahrkinde – zuweilen eine silberne Trinkschale mit etwas getauftem WeineSchon der Umstand, daß der Licentiat seinen Wein nur wenig mit Wasser mischt, beweist, daß er Trinker ist. »In allen Ländern, wo die Weine sehr geistig und stark sind, als in Spanien, Italien, Griechenland, u. s. w. trinken nur Säufer von Profession den Wein pur, die Andern mischen ihn stark mit Wasser.« – D. Uebers. vor, woraus er gar herzhafte Schlücke that. Auf die Entrees hieb 151 er tüchtig ein, und ließ sich das Flügelwerk auch gar wohl zu Gaumen gehen. Als er sich recht voll gestopfet hatte, steckte ihm die Beate das Tellertuch ab, hüllte ihn wieder in seine Kissen ein, und ließ ihn in seinem Großvaterstuhl, wie gewöhnlich, Mittagsruhe pflegen. Nachdem wir abgeräumet hatten, gingen wir heraus, und setzten uns nunmehr auch zum Essen.

Auf die Art speiste unser Canonicus täglich zu Mittage; vielleicht war es der größte Esser im Domkapitel. Allein seine Abendmahlzeiten fielen desto sparsamer aus; er begnügte sich alsdann mit einem jungen Huhn, oder einem Kaninchen und einigen Obstkompots. Essen und Trinken hatt' ich hier vollauf und gut; und hätte ein recht ruhiges Leben geführet, wäre nicht Ein unangenehmer Umstand gewesen. Ich mußte nähmlich des Nachts bey meinem Herrn wachen, und Krankenwärterdienste verrichten. Wohl zehnmahl in Einer Stunde forderte er den Kammertopf, wegen einer Harnverstopfung, und da er stark zu schwitzen pflegte, mußt' ich ihm, wenn sein Hemd durchgenäßt war, ein reines anziehen.

Gil Blas, sagte er in der zweyten Nacht zu mir, Du bist ein geschickter, ruhiger Bursch. Mit Dir, seh' ich, werd' ich gut zu rechte kommen. Vor allen Dingen empfehl' ich Dir, gefällig gegen Jungfer Jacinte'n zu seyn, und alles, was sie saget, so pünctlich zu erfüllen, als 152 ob ich's Dir selbst befehle. Funfzehn Jahr dienet sie mir schon mit einem Eifer sonder Gleichen, und läßt mir so viel Pfleg' angedeihen, daß ich dafür nicht erkenntlich genug seyn kann. Auch, muß ich Dir gestehen, ist sie mir werther, als meine ganze Familie. Ihrethalben jagt' ich meinen Neffen, den Sohn meiner leiblichen Schwester, aus dem Hause, und ich that Recht daran. Er hatte für das arme Mädchen nicht die mindeste Achtung, und gab ihr, statt ihrer Anhänglichkeit an mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die spitzigsten Worte; hieß sie sogar eine Bethschwester, der übermüthige Bengel; denn heutzutage ist Frömmigkeit in den Augen der jungen Leute Häucheley. Dem Himmel sey Dank, ich bin den Schurken los. Ich ziehe die Treue, die man gegen mich äußert, der Blutsfreundschaft vor, und ich werde Niemanden gewogen, der mir nicht gute Dienste leistet.

Und das mit Recht, Herr Licentiat! hob ich an. Erkenntlichkeit muß stets das Geboth der Natur besiegen. Ohne allen Zweifel, erwiderte er, und aus meinem Testamente wird man sehen, wie wenig ich mir aus meinen Anverwandten mache. Meine Haushälterinn wird gut darin bedacht seyn, und ich werde Dich auch nicht vergessen, wenn Du mir ferner so dienst, wie bisher. Der Bediente, den ich gestern fortjagte, hat sich muthwillig 153 um ein gutes Vermächtniß gebracht. Hätte der Holunke mich nicht durch seine Aufführung genöthiget, ihm den Abschied zu geben, so hätt' ich ihn reich gemacht. So war's aber ein hochmüthiger Flegel, der vor Jungfer Jacinte'n gar keinen Respect hatte, ein fauler Bärenhäuter, der nicht Hand, nicht Fuß rühren mochte; dem's gar nicht anstand, bey mir eine Nacht zu durchwachen, und wenn er mir einige Dienstleistungen that, glaubte Frohndienste zu thun.

O der nichtswürdige Bube! rief ich, als wenn Fabrizio's Geist über mich gekommen wäre. Er verdiente nicht, einem so rechtschaffenen Herrn zu dienen. Unermüdet muß der Diensteifer desjenigen seyn, der das Glück hat, in Dero Diensten zu stehen. In seiner Schuldigkeit muß er sein Vergnügen finden, und sich für nicht beschäftiget halten, wenn er gleich Schweiß und Blut für Sie vergießt.

Diese Worte behagten, wie ich merkte, dem Licentiaten gar wohl, noch besser aber behagte ihm die Versicherung, in jedem Stücke der Jungfer Jacinte auf pünctlichste zu gehorchen. Da ich also für einen Menschen wollte gehalten seyn, der sich durch keine Strapazen abschrecken ließ, so verrichtete ich meine Dienste bestmöglich, ohne mir je eine Klage darüber entwischen zu lassen, daß ich die Nächte auf den Beinen seyn mußte. Indeß war es 154 mir höchst unangenehm, und ich würde meines Dienstes bald überdrüßig geworden seyn, hätt' ich nicht an dem Vermächtnisse meine Hoffnung geweidet. Den Tag über ruht' ich einige Stunden, sonst hätt' ich es nicht aushalten können. Die Haushälterinn behandelte mich – die Gerechtigkeit muß ich ihr lassen – mit vieler Schonung. Vermuthlich hatt' ich dieß der Ehrerbiethigkeit und Gefälligkeit zu verdanken, womit ich ihre Gunst zu gewinnen bemühet war. Befand ich mich mit ihr und Inesille'n (so hieß ihre Nichte) bey Tische, so gab ich ihnen reine Teller, schenkte ihnen zu trinken ein, kurz, bediente sie mit der vorzüglichsten Achtsamkeit, Dadurch erwarb ich mir ihre Freundschaft.

Eines Tages, da Jungfer Jacinte Einkaufs halber ausgegangen war, und ich mich mit Inesille'n allein befand, begann ich mich mit ihr zu unterhalten. Ich erkundigte mich, ob ihre Aeltern noch lebten. Nein, sagte sie. sie sind schon lange, lange todt, sagt chere Tante. Ich habe sie gar nicht zu sehen gekriegt. So wenig rund auch diese Antwort war, so glaubt' ich es doch dem kleinen Mädchen ganz treuherzig. Ihre einmahl in Gang gebrachte Zunge plauderte mehr aus, als ich zu wissen verlangte. Sie sagte mir, oder vielmehr erfuhr ich durch die ihr entschlüpfenden Naivetäten, daß chere Tante einen guten Freund habe, der sich auch bey einem alten Canonicus 155 befände, dessen Pfründeinkünfte er verwaltete, und daß also diese glücklichen Domestiken darauf rechneten, das, was sie bey ihren Herren zusammengeraffet hatten, durch eine Heirath, deren Süßigkeiten sie schon im Voraus schmeckten, in Einen Kasten zu legen.

Ich habe bereits gesagt, daß Jungfer Jacinte, obschon ein wenig in die Jahre, noch eine blühende Gesichtsfarbe hatte. Sie sparte freylich nichts zur Erhaltung derselben. Außerdem nahm sie alle Morgen ein Clystier, und Abends, eh sie sich niederlegte, treffliche Kraftbrühen zu sich: überdieß schlief sie in der Zeit, daß ich bey meinem Herrn wachte, ganz ruhig. Was aber noch mehr als alles zur Erhaltung ihrer GlauheitGlauheit. Dieß Hauptwort ist nach der Analogie von Schlauheit gemacht und nach der oben gegebenen Erklärung des Beywortes glau füglich von Oberdeutschen Lesern zu verstehen. Wir können dieß Wort abwechselnd mit Frische, das wir den Mahlern abgeborget haben, gebrauchen, oder noch besser, das letztere der höhern, ersteres aber der vertraulichen Sprechart ausschliessend widmen. – A. d. Uebers. beytrug, war, wie mir Inesille sagte, ein Fontanell an jedem Beine. 156

 


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