Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

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Zweytes Kapitel.

Was Gil Blas nach dem Abenteuer im Hôtel garni begann.

Nachdem ich höchst fruchtlos mein Unglück beweint hatte, bedacht' ich, daß ich mich eher gegen mein Mißgeschick stählen, als meinem Kummer nachhängen müßte. Ich rief meinen Muth herbey, und um mich zu trösten, sagt' ich beym Ankleiden: Ich habe noch von Glück zu sagen, daß die Spitzbuben nicht meine Kleider, und die Paar Ducaten aus meiner Tasche, haben mitgehen heissen. Diese Artigkeit bracht' ich ihnen gar sehr in Anschlag. Sie hatten mir auch sogar – wie weit ihre Großmuth ging! – meine Halbstiefeln gelassen, die ich dem Wirthe für den Drittel dessen, was sie mich gekostet hatten, hingab. Endlich verließ ich den Hôtel-gaerni ohne, Gottlob! einen Träger zu meinen Sachen nöthig zu haben.

Zu allererst sah' ich zu, ob meine Maulesel noch in dem Wirthshause standen, wo ich den vorigen Tag abgetreten war. Ich urtheilte gleich, daß Ambrosio sie nicht würde da gelassen haben, und wollte der Himmel, ich hätte stets so gescheidt von ihm geurtheilt. Ich hörte, daß er sie noch denselben Abend abgehohlt hätte. Da ich sie also so wenig, als 131 mein Felleisen, wieder zu sehen hoffte, schlendert' ich auf der Straße traurig fort, und dachte nach, wozu ich mich zu entschliessen hätte.

Ich war halb Willens, nach Burgos zurück zu kehren, um noch einmahl zur Donna Mencia meine Zuflucht zu nehmen; doch da ich erwog, daß dieß die Güte dieser Dame mißbrauchen hieß, und daß man mich überdieß für einen Erzgimpel halten würde, gab ich den Gedanken auf. Von nun an verschwor ich es, gegen die Weibspersonen leichtgläubig zu seyn. Jetzt hätt' ich selbst der keuschen Susanne nicht getraut. Ich warf von Zeit zu Zeit die Augen auf meinen Ring, und wenn ich bedachte, daß er Camille'ns Geschenk sey, seufzt' ich darüber gar schmerzlich. Ach! sagt' ich bey mir, ich kenne den Werth der Rubine nicht, aber Leute kenn' ich, die welche vertauschen. Ich glaube nicht, daß ich mir erst von einem Juwelier die Ueberzeugung hohlen darf, daß ich ein Dummkopf bin.

Gleichwohl hätt' ich gern genau gewußt, was mein Ring werth war, deßhalb zeigt' ich ihn einem Geschmeidehändler, der ihn auf drey Ducaten würdigte. Ob mich gleich diese Würdigung nicht erstaunte, so übergab ich dennoch die Nichte des Gouvernör's von den Philipinischen Inseln dem Teufel, oder bestättigte vielmehr mein ihm damit schon gemachtes Geschenk. 132

Als ich vom Geschmeidehändler herauskam, ging ein junger Mann bey mir vorbey, der stille stand, und mich betrachtete. Ob mir gleich das Gesicht bekannt vorkam, konnt' ich mich doch nicht besinnen, wer es eigentlich sey. Wie, sagt' er zu mir, Gil Blas, Du willst mich nicht mehr kennen, oder sollten zwey Jahre den Sohn des Barbier Nunnez so stark verändert haben, daß du ihn nicht mehr kenntest? Erinnere Dich doch Deines Landsmanns und Schulkameraden. Wir haben beym Doctor Godinez so manch liebesmahl über die Quidditäten und Ecceitäten, über die Realitäten und Nominalitäten mit einander disputirt, und manches Argument in Barbara und in Ferio einander vorgelegt.

Kaum hatt' er diese Worte gesagt, so erkannt' ich ihn, und wir umarmten uns mit Herzlichkeit. Wie freu' ich mich, Dich hier zu finden, mein Bester! sagte er. Ich kann Dir mein Vergnügen darüber nicht so beschreiben, als ich es fühle . . . Allein was bedeutet Dein Aufzug? fuhr er mit erstaunter Miene fort. Du bist ja ausstaffirt, wie ein Prinz. Ein schöner Degen, seidne Strümpfe, ein sammttner Mantel und Wams, über und über beblecht! Verdammt! Du scheinst bey den Damen gar gut angeschrieben! Ich wette, ein altes, freygebiges Mütterchen thut ihre milde Hand gegen Dich auf. Du irrst Dich, 133 antwortete ich, so blühend sind meine Umstände nicht. Das mach einem Dummkopf weiß, erwiederte er. Du willst den Zurückhaltenden spielen. Geh! geh! Um Vergebung, wo schreibt sich der schöne Rubin her, den ich da an Ihrem Finger erblicke, lieber Sennor Gil Blas? Von einer abgefeimten Gaunerinn, entgegnet' ich. Fabriz, lieber Fabriz, anstatt bey den Valladolidschen Frauenzimmern eine gute Nummer zu haben, werd' ich vielmehr gewaltig von ihnen über's Ohr gehauen.

Aus dem traurigen Tone, womit ich diese letzten Worte aussprach, nahm Fabriz wohl ab, daß man mir einen Possen gespielt habe. Er drang in mich, ihm zu sagen, weßhalb ich mich so über das schöne Geschlecht beschwerte. Ich entschloß mich also gar leicht, seine Neugier zu. stillen. Weil ich ihm aber gar zu viel zu erzählen hatte, und wir nicht so bald aus einander zu gehen gesonnen waren, so begaben wir uns in eine Schenke, um uns mit mehrerer Bequemlichkeit unterhalten zu können.

Hier erzählt' ich ihm, während des Frühstücks, alle meine Begebnisse von meinem ersten Ausflug' an. Er fand sie sonderbar genug, nahm den zärtlichsten Antheil an der verdrießlichen Verfassung, worin ich mich jetzt befand, und sagte hierauf zu mir: Man muß sich über alles Ungemach des menschlichen Lebens zu trösten wissen. Hierin eben unterscheidet sich die 134 starke und muthige Seele von den schwachen und feigen. Befindet sich der Mann von Kopf im Elende, so harrt er geduldig auf glücklichere Zeiten. Man muß sich nie so niederschlagen lassen, daß man sich nicht mehr seines Mannseyns erinnert, sagt Cicero. So mach' ich es meiner Seits; lasse mich nie von Widerwärtigkeiten zu Boden werfen; ring' mich immer über mein Unglück empor. Ich liebte, zum Exempel, ein Mädchen aus Oviedo von gutem Hause, und ward wieder von ihr geliebt. Ich hielt bey ihrem Vater um sie an, er schlug sie mir ab; ein Anderer hätte sich darüber todt gegrämt, ich aber – bewundere die Schnellkraft meines Geistes – entführe das kleine Ding. Sie war lebhaft, unbesonnen, verbuhlt, folglich gab das Vergnügen stets bey ihr, der Pflicht zum Nachtheile, den Ausschlag.

Ein halbes Jahr lang führt' ich sie Gallizien auf, Gallizien ab; von da wandelte sie die Begier an, nach Portugall zu gehen, weil ich ihr Reiselust beygebracht hatte; sie nahm aber einen andern Reisegefährten. Neuer Anlaß zur Verzweiflung! Doch ich erlag auch unter diesem niederdrückenden Gewichte des Unglücks nicht, und weiser als Menelaus, zog ich nicht gewaffnet dem Paris nach, der mir meine Helena weggekapert hatte; ich wußte ihm vielmehr Dank dafür. Um alle weitläuftige Erörterungen mit der Justiz zu 135 vermeiden, ging ich nicht wieder nach Asturien zurück, sondern näherte mich dem Königreiche Leon, indem ich von Stadt zu Stadt das Geld verschwendete, das mir von der Entführung meiner Infantinn übrig blieb. Denn, wie wir aus Oviedo gingen, hatten wir beyderseits uns gar tüchtig bepackt und besackt, und gar feine Siebensachen beysammen; es zerrann aber alles, so wie's gewonnen war.

Ich kam mit einem einzigen Ducaten nach Palenzia, wofür ich mir ein Paar Schuhe kaufen mußte; der Ueberrest reichte nicht weit. Ich war in der Klemme, Meister Schmalhans schon vor der Thür, ich griff also zum Ersten zum Besten, zum edlen Lakayenstand. Anfänglich kam ich bey einem großen Kaufmanne, einem Tuchhändler, in Dienste, der einen wilden, wüsten Jungen zum Sohne hatte. Hier fand ich mich zwar vor dem Hunger gedeckt, aber zugleich in gar artige Verlegenheit gesetzt. Der Vater befahl mir, den Sohn zu bespioniren, der Sohn bath mich, den Vater betriegen zu helfen. Ich mußte wählen, und zog die Bitte dem Befehle vor; wegen dieses Vorzugs bekam ich den Abschied. Nachher begab ich mich zu einem alten Mahler, der mich aus Freundschaft in den Grundfäden seiner Kunst unterrichten wollte, mich aber bey dieser Unterweisung Hunger und Kummer leiden ließ. Dieß 136 machte mir die Mahlerey und den Aufenthalt in Palenzia verhaßt.

Ich kam endlich hierher nach Valladolid, und zum größten Glücke in das Haus eines Hospitalverwesers, wo ich mich noch befinde, und wie im Himmel bin. Sennor Manuel Ordonnez, mein Herr, ist ein rechter exemplarischer Mann, denn er wandelt stets mit niedergeschlagenen Augen und einem großen Rosenkranze in der Hand daher. Er soll von Jugend an darauf bedacht gewesen seyn, den Armen Erleichterung zu verschaffen. Geld zu haben, dacht' er, ist eine zu drückende Bürde. Dieserhalb strengte er alle seine Kräfte an, selbige seinen Pflegbefohlenen leichter zu machen, und es ist ihm geglückt. Auch ist der Segen des Himmels dafür nicht ausgeblieben. Indem er so den Grundstein zum ewigen Wohle der Armen gelegt, legt' er ihn auch zu seinem zeitlichen.

Als mir dieß Fabriz erzählt hatte, sagt' ich zu ihm: Mir ist es recht lieb, daß Du mit Deinem Schicksale zufrieden bist; doch, unter uns, ich dächte, Du könntest in der Welt eine bessere Rolle spielen, als die Rolle eines Bedienten. Ein junger Mann von Deinen Talenten kann einen höhern Flug nehmen. »Das verstehst Du nicht, lieber Gil Blas. Wisse, für einen Kerl von meiner Laune gibt es keine bequemere Lage, als die meinige. 137 Einem blödsinnigen Tropfe kann vielleicht der Bedientenstand sauer werden; allein ein Bursch von Kopf befindet sich da im Paradiese. Geht ein großes Genie in Dienste, so verrichtet er selbige nicht maschinenmäßig, wie ein Schafskopf. Er nimmt sie mehr um zu befehlen, als um zu dienen; beginnt sogleich seinen Herrn auszustudieren, sich nach seinen Grillen zu fügen, gewinnt sein Vertrauen, und führt ihn sodann bey der Nase herum.

»So macht' ich es bey meinem Verweser. Ich errieth sogleich, was für ein Vogel unter den Federn steckte; merkte, daß er für einen Heiligen wollte gehalten seyn. Ich that, als hielt' ich ihn dafür, denn das kostet nichts; ich ging sogar noch weiter, copirte ihn, und spielte vor ihm eben die Rolle, die er vor andern Leuten spielt. So betrog ich den Betrieger, und stieg stufenweise bis zu seinem Factotum. Auch hoff' ich mit der Zeit durch seinen Zuschub noch für die Armen arbeiten zu können, und alsdann den Grundstein zu meinem zeitlichen Wohl zu legen, denn ich fühle so, wie er, große Begierde, ihnen Erleichterung zu verschaffen.«

»Eine schöne Aussicht, lieber Fabriz, wozu ich Dir viel Glück wünsche. Ich, meiner Seits, werde mein ehemahliges Vorhaben ausführen, mein gesticktes Kleid in einen Licentiatenrock verwandeln, nach Salamanka 138 gehen, daselbst dem Universitätsfähnlein folgen, und eine Informatorsstelle annehmen.«

Ein allerliebstes Project! rief Fabriz. Ein herrlicher Einfall! In Deinem Alter so ein Thor zu seyn, und Donatreiter zu werden. Weißt Du wohl, Unglücklicher, wozu Du Dich durch Ergreifung dieses Metjes verbindest? Sobald Du in Deinem Posten bist, wird Dich das ganze Haus beobachten; Deine kleinste Handlung mit mückenseigerschen Augen untersuchen; Dich nöthigen, stets eine Larve zu tragen, den Tartüf und den Besitzer aller Tugenden zu spielen. Fast keinen Augenblick wirst Du Deinen Vergnügungen schenken können. Ein ewiger Krittler Deines Untergebenen, wirst Du Deine Tage hinbringen, ihm Latein einzubläuen, und alles, was er Wohlstandwidriges sagt oder vornimmt, ihm zu verweisen. Und was wird die Frucht so vieler Bemühungen und so vieles Zwanges seyn? Ist an dem Junker kein gutes Haar, hat er einen Strohkopf, so werden die Aeltern sagen, Deine Erziehung ist Schuld daran, und Dich ohne Belohnung fortschicken, ja vielleicht Dir Dein Gehalt nicht einmahl auszahlen.

Sag' mir also nichts von einer Informatorstelle, das ist wahre Galeerensclaverey. Sprich von einem Lakayendienste, der ist Dir so bequem, wie eine Dorfpfarre. Hat ein Herr Fehler, so schmeichelt der gute Kopf von 139 Bedienten denselben, ja, er weiß sie sogar oft zu seinem Besten zu lenken. In einem guten Hause lebt ein Diener ohn' alle Unruhe; ißt, trinkt sich satt, und schläft dort so ruhig, als gehört' er selbst mit zur Familie, kümmert sich weder um Bäcker noch Metzger. Ich würde kein Ende finden, mein Schatz, wenn ich Dir alle die Vortheile herrechnen wollte, deren die Bedienten genießen. Folg' mir, Gil Blas, laß Dir den Appetit zur Informatorschaft vergehen, und richte dich nach meinem Beyspiele.

»Ganz gut, lieber Fabriz, doch man trifft nicht immer Verweser an, und wenn ich mich zum Dienen entschlöße, möcht' ich wenigstens nicht gern schlecht ankommen.« »Da hast Du Recht, und ich nehme das auf mich; steh' Dir für eine gute Stelle, sollt' es nur auch bloß darum seyn, um einen wackern Jungen der Universität wegzukapern.«

Das unfern von mir schwebende Elend, und Fabriz's zufriedene Miene überzeugten mich mehr, als seine Gründe; ich entschloß mich, Dienste zu nehmen. Hierauf verliessen wir das Weinhaus, und mein Landsmann sagte mir: Ich will Dich sogleich zu einem Manne führen, an den sich die meisten Lakayen wenden, die brotlos das Pflaster treten. Er hat Spione, die ihm alle Familienvorfallenheiten hinterbringen. Er weiß, wo es an 140 Bedienten fehlt, und hält nicht nur ein genaues Verzeichniß der ledigen Stellen, sondern auch der guten und bösen Eigenschaften der Herren. Der Mann ist, ich weiß nicht mehr, in welchem Kloster, Bruder gewesen; und er ist's auch, der mich untergebracht hat.

Indem wir uns von diesem lebendigen Adreßcontor unterhielten, führte mich der Sohn des Barbier Nunnez in eine Sackgasse. Wir traten in ein Häuschen, worin wir einen Mann von etlichen funfzig Jahren an einem Tische schreiben fanden. Wir grüßten ihn sehr ehrerbiethig; es sey nun aber, daß er von Natur stolz war, oder daß er, gewohnt, bloß mit Lakayen und Kutschern umzugehen, den Gebrauch hatte, seine Gäste sehr cavaliermäßig zu empfangen; genug, er stand nicht auf; er neigte bloß den Kopf ein wenig, doch faßt' er mich scharf in's Auge.

Ich merkte wohl, daß er erstaunte, daß ein junger Mann in einem gestickten Sammtkleide Bedienter werden wollte. Er konnte sich eher vorstellen, daß ich einen für mich verlangte. Doch Fabriz ließ ihn nicht lange in der Ungewißheit, sondern sagte zu ihm: Sennor Don Arias von Londonna, erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen besten Freund vorstellen darf; einen jungen Mann von gutem Hause, den Unglücksfälle zu dienen nöthigen. Ich bitte, ihm eine gute Stelle anzuweisen; aus seine 141 Erkenntlichkeit können Sie rechnen. Ihr seyd all' über Einen Leisten, meine Herren, antwortete Arias frostig. Eh' man Euch unterbringt, versprecht Ihr goldne Berge; seyd Ihr aber einmahl angekommen, so denkt Ihr nicht weiter daran. Ueber mich haben Sie Sich doch hoffentlich nicht zu beschweren? erwiederte Fabriz. Hab' ich meine Sache nicht gut gemacht? Ihr hättet sie noch weit besser machen können, antwortete Arias. Ihr steht Euch so gut, als ein Rendant, und habt mich bezahlt, als hätt' ich Euch bey einem Autor angebracht.

Nun nahm ich das Wort, und sagte zum Sennor Arias, um ihm zu zeigen, daß ich nicht undankbar sey, sollte meine Erkenntlichkeit der Dienstleistung vorhergehen. Hiermit drückt' ich ihm zwey Ducaten in die Hand, mit dem Versprechen, es dabey nicht bewenden zu lassen, wenn ich in einem guten Hause ankäme.

Er schien mit meiner Art zu verfahren wohl zufrieden. Wenn die jungen Herren so sind, seh' ich's gern, sagte er. Jetzt sind treffliche Posten leer. Ich will sie Ihnen hernennen; Sie mögen Sich einen nach Ihrem Gefallen aussuchen. Mit diesen Worten setzte er die Brille auf, blätterte in einem auf dem Tische liegenden Verzeichnisse, und fing an folgendermaßen zu lesen.

Dem Hauptmann Torbellino fehlt ein Bedienter. Es ist ein hitziger, brutaler und 142 launischer Mann, der unaufhörlich poltert, flucht, und seine Leute oft krumm und lahm schlägt. Nur weiter im Texte! rief ich bey dieser Schilderung. Der Hauptmann steht mir nicht an. Meine Lebhaftigkeit nöthigte dem Arias ein Lächeln ab, der weiter las: Donna Manuela von Sandoval, eine betagte Witwe, bärbeissig und gar wunderlich, ist jetzt ohne Bedienten. Sie hat gewöhnlichermaßen nur Einen, den sie aber nicht einen ganzen Tag behalten kann. Seit zehn Jahren hat sie eine Livrey im Hause, die all' ihre Bedienten, groß und klein, dick und mager, anziehen müssen. Eigentlich kann man sagen, daß sie dieselbe nur anproben; dennoch ist sie ganz neu, ob sie gleich schon zwey tausend Lakayen getragen haben. Dem Doctor Alvaro Fannez, Professori Chymiae, fehlt ein Bedienter. Er hält seine Leute im Essen, Trinken und Kleidung sehr gut, gibt ihnen sogar starken Lohn; nur probirt er seine Medicamente an ihnen. Bey ihm sind gar oft Bedientenstellen leer.

Das will ich glauben, erwiederte Fabriz mit lachendem Munde. Wahrhaftig, und Gott! Sie weisen uns gar allerliebste Stellen an. Nur Geduld! sagte Arias von Londonna, wir sind noch nicht zu Ende; das Beste kommt hinten nach. Hierauf las er weiter: Donna Alfonsa de Solis, eine gottesfürchtige Alte, die zwey Drittel des Tages in der Kirche 143 verbethet und versingt, hat seit drey Wochen keinen Lakeyen. Der Licentiat Sedillo, ein alter Canonicus des hiesigen Domcapitels, jagte gestern Abend seinen Bedienten fort . . . . Es ist gut, Sennor Arias von Londonna! rief Fabrizio bey dieser Stelle. Wir halten uns an den letzten Posten. Der Licentiat Sedillo ist ein Freund meines Herrn, und ich kenn' ihn, wie einen Daus. Seine Haushälterinn auch. Sie ist eine alte Beate, heißt Jungfer Jacinte, und ist dort Koch und Kellner.

Es ist eins von den besten Häusern in Valladolid; man lebt dort ganz still und ruhig weg, und bekommt Prälatenfutter. Ueberdieß ist der Canonicus ein kränklicher Mann, ein alter Podagrist, der ehestens sein Testament machen wird. Da kann man sich auf ein Vermächtniß spitzen. Eine allerliebste Aussicht für einen Diener. Gil Blas, setzt' er hinzu, und wandte sich zu mir, laß uns gleich forteilen, und hin zum Licentiaten. Ich will Dich ihm vorstellen, und für Dich bürgen.

Mit den Worten nahmen wir, aus Besorgniß: der Hase möcht' uns aus dem Lager springen, jähling vom Sennor Arias Abschied, der mir für mein Geld die Versicherung gab: Entginge mir ja diese Stelle, so würd' er mir zuverlässig eine andere, eben so gute, verschaffen. 144

 


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