Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

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Ueber
Le Sage's
Leben und Schriften.


Der Autor, der bloß Autor ist, spielt in der großen Welt immer eine unbeträchtliche Rolle; eben so auch in der kleinen, in der litterarischen, wenn er nicht zu Professorgriffen, Sectirereyen und Cabalen à la  . . . . . seine Zuflucht nimmt. Le Sage war weder mehr als Autor, noch liebte er gelehrte Scharlatanerie, mithin war sein Leben leer an großen Ereignissen, wie man es wohl zu nennen pflegt. Anecdoten von ihm aufzutreiben, welche ihn von Seiten seines Geistes und Herzens genau characterisirten, und woran sich die Leser für den Abgang an jenen hinlänglich entschädigen könnten, ist mir, so anecdotensüchtig seine Landsleute auch sind, nicht möglich gewesen. An genauen, unbefangenen, IV kurz, an philosophischen Beobachtern großer Männer in Handlungen, worin alle Tünche nothwendig abfallen muß, worin sie ganz in ihrem Hellen oder in ihrem Dunkeln sich darstellen, hat es von jeher gefehlt. Sonach bin ich nicht im Stande, meinen Lesern mehr vorzulegen, als eine dürre Autorbiographie des gewöhnlichen Schlages: er schriftstellerte, freyte, darbte, und starb.

Seine Lebensumstände sowohl, als die Nachrichten von seinen Schriften sind aus der Französischen RomanenbibliothekJuillet 1776. Second Volume P. 103-33. gezogen, weil ich sie nirgends vollständiger habe finden könnenWomit ich jetzt noch Einiges aus den Anecdotes dramatiques, die 1775 zu Paris in drey Octavbänden erschienen sind, verbunden habe.; einige unbehörige, weder auf den Autor noch seine Werke mehr Licht werfende Kleinigkeiten hab' ich daraus weggelassen. Ob ich gleich keinen Grenzstein zu Bezeichnung des Sein und Mein gesetzt, denk' ich, soll man doch gleich merken, was dem Franzosen gehört, und was mir. V

Völlig so, wie ich es gewünscht, hab' ich bey Entstehung mehrerer Materialien, die ich gewiß noch aufzutreiben verhofft, diese Nachrichten nicht geben können; allein dem Geber nach bestem Vermögen verzeiht man auch die mindere Gabe.

Alain René Le Sage ward gegen 1677 zu Ruys in Niederbretagne geboren. Mit gründlichen Kenntnissen versehen, kam er im fünf und zwanzigsten Jahre seines Alters nach Paris, woselbst er sich an den Abbé de Lionne, den Sohn des Ministers dieses Nahmens, fest ankettete. Da dieser Herr ansehnliche Pfründen zu vergeben hatte, würd' er Le Sage'n gar leicht fortgeholfen haben, wenn Letzterer die geistliche Bahn hätte betreten wollen; dazu empfand er aber nicht den mindesten Trieb, er fühlte bloß Hang zum Roman- und Komödienmachen in sich; was er in beyden Gattungen lieferte, erhielt nicht wenig Beyfall.

Nach einigen Jahren seines Aufenthaltes zu Paris verliebte er sich in die Tochter eines Tischers. Den Vater zu überzeugen, daß ein Mann, der Witz und Talente genug besaß, VI Vergnügungsschriften zu verfertigen, ein Mann von vielem Verdienste sey, hielt äußerst hart; noch sauerer aber ward es ihm, den Anverwandten seiner Geliebten begreiflich zu machen, daß das Autorhandwerk nicht unergiebig sey. Seine Beredsamkeit wäre nicht durchgedrungen, hätte sein Gönner ihr nicht dadurch Nachdruck gegeben, daß er ihm eine Pension von sechshundert Livres aussetzte, deren er aber nur bis zum Tode des Abbé genoß, welcher 1721 erfolgte.

Dieser sein Beschützer war es, der ihn antrieb, das Spanische zu lernen, und die anmuthigsten Romane dieser Nation zu übersetzen, oder vielmehr sich deren Hauptideen und Costum's zu bemächtigen, und sie in seine Sprache überzutragen. Le Sage that dieß auf's meisterhafteste, entfernte sich nie von seinen Mustern, als wenn er mehr Wahrscheinlichkeiten hineinbringen, Wildheiten ausrotten konnte, ohne dabey das eigentliche Gepräge des Originales im mindesten zu verrücken, oder das Interesse zu schwächen.

Sein Leben war eben so einförmig als behaglich, ja, Letzteres selbst nach dem Verluste seiner Pension; denn seine Schriftstellerey trug VII ihm gerade das Nothdürftige ein. Bey vielem Geiste und Geschmacke, und bey vieler Frohlaunigkeit war er sanft, zuvorkommend, und sich stets gleich. Er überließ denen, die auf ihn eifersüchtig zu seyn Ursache hatten, recht gern den Ruhm, mehrere Einbildungskraft und mehr poetische Talente zu besitzen; und dadurch söhnte er sich völlig mit ihnen aus. Daher die allgemeine Achtung, die ihm zu Theile ward.

So sehr Freund der Schauspielkunst er war, so erklärter Feind war er von den Schauspielern, die durch ihren zügellosen Wandel, und durch ihre Dummdreistigkeit und Rodomontaden, wodurch sie damahls dem Mangel an Verdiensten abzuhelfen und bon gré malgré Ruhm zu erwerben suchtenIn der letzten Decade dieses Jahrhunderts haben die Französischen Schauspieler den Ton wieder aufzubringen möglichsten Fleisses gestrebt: allein Mercier, die Verfasser des Pariser Theaterjournals, und andere wackere Vertheidiger der Gerechtsame des Publicums, haben ihn wieder herabzustimmen, und die Bramarbasirer in ihre Pflicht zurück zu scheuchen gewußt. Einige Deutsche Schauspieler beginnen seit Kurzem die nähmlichen Noten anzuschlagen, und beginnen es auf eine solche Art, daß sie männiglich an Meister Langohr gemahnen, wie er die Laute spielen wollte. Ob die Herren denn glauben, daß keine Merciers unter uns aufstehen, und sie in ihre Schranken zurück weisen können? Daß sie es auch vollen Ernstes werden, wenn das Unwesen ferner um sich greifen sollte?, sich die Geißel mit VIII großem Rechte zuzogen, die er ihnen im Gil Blas so aus voller Macht ertheilt. Es mußte ihn daher nicht wenig schmerzen, als er seinen ältesten Sohn diesen Stand ergreifen sah. Doch dieser Schmerz war nicht von langer Dauer; hingerissen in's Schauspielhaus durch die starken Lobeserhebungen, deren der junge Mann sich täglich mehr durch seine Talente erwarb, ward Le Sage Zeuge des großen Beyfalls, welchen das Publicum demselben gewährte, und fand, daß er ihn verdiente. Nicht lange, so war er völlig überführt, daß Montmesny (unter dem Nahmen war sein Sohn auf's Theater gegangen,) Trotz seines Metjes, einer der biedersten und bescheidensten Männer war; deßhalb verzieh er ihm den aus Enthusiasmus gethanen Schritt, und billigte sogar seine Heirath mit einem grundwackern, aber vermögenlosen Mädchen. IX

Obgleich alle Werke von Le Sage kritisch und satyrisch sind, so beleidigte er doch darin niemanden geradezu; wenigstens wagte es keiner seiner Landsleute, sich das anzumaßen, was er von dem oder jenem Spanier sagte; weit klüger hierin, als die Landsleute unsers braven Rabener's, die ihm grimmig auf den Hals fuhren, weil sie sich in den Geckengemählden wieder fanden, zu welchen er alle Farben von Römischen Meistern entlehnt hatte.

Stocktaub»Er mußte sich eines Höhrrohrs bedienen, und man war genöthigt aus allen Kräften zu schreyen, wenn er hören sollte. Dessen ungeachtet ging er nach, wie vor, in alle Vorstellungen seiner Stücke, und verlor, so zu sagen, kein Wort davon. Er sagte sogar, er habe nie besser vom Theaterspiele und von seinen Stücken urtheilen können, als seitdem er die Schauspieler nicht mehr hörte.« und fünfundsechzig Jahre auf seinen Schultern, sicherte sich Le Sage 1742, nach Montmesny's Tode vermuthlichEr starb jung, bedauert von den Zuschauern und der Gesellschaft, bey welcher er stand, und wobey er edel-comische Charactere und Bauernrollen, auch wohl Intrigants spielte., sammt seiner Frau und einer Tochter, die ihn nicht hatten verlassen wollen, bey seinem zweyten Sohne hin, einem Canonicus zu Boulogne sür X Mer. Dieser sowohl, als seine übrige Familie, waren bemühet, ihm sein Alter so behaglich als möglich zu machen. Sein Tod erfolgte 1747 zu Boulogne sür Mer, im Schooße der Seinigen.

Seine Schriften nun anlangend, so theilen sich selbige in zwey Hauptäste; in romanischeRomanisch. Ich wage dieses Beywort, weil die beyden vorhandenen Adjectiven, Romantisch und Romanhaft, ganz etwas anderes bezeichnen., und in dramatische.

Das erste Werk, das Herr Le Sage 1695 bekannt machte, war eine paraphrastische Uebersetzung der Briefe des Aristänet aus der Ursprache, wobey ihm Danchet, der des Griechischen sehr mächtig war, geholfen haben soll. Sie macht zwey Duodezbände aus.

Sein nächstes Werk war unstreitig seine Uebersetzung, oder vielmehr seine Verbesserung der Thomas Corneilleschen Uebersetzung des allbekannten und allübersetzten Romans von Matteo Aleman, des Guzman d' AlfaracheSie kam 1701 in zwey Duodezbänden heraus, und erschien Deutsch im Jahre 1752 zu Leipzig in zwey Bänden, unter dem Titel: Gußmanns von Alfarache lustige Lebensgeschichte, Andern zum Beyspiele von ihm selbst beschrieben, und ihres besondern Inhalts wegen in's Deutsche übersetzt. Diese Dolmetschung ist herzlich hölzern, so wie alle die folgenden von den Le Sagischen Schriften.. XI

Bey dieser Ueberarbeitung gewann Le Sage den Spaniern Geschmack an, und die unsterbliche Satyre des Miguel Cervantes fesselte ihn ganz an sich. Er besorgte eine neue Ausgabe der Uebersetzung des Don Quixot's, die durch die Herren aus dem Port Royal soll gemacht worden seyn, und die wenigstens von einem ganz genau an sie geketteten M. Filleau de Saint-Martin herrührt. Er vermehrte selbige mit den zwey letzten Bänden des Cervantes; worauf er auch die Fortsetzung des Don Quixot vom AvellanedaWovon nicht lange nachher in Deutschland eine Uebersetzung herauskam, die sich aber ziemlich selten gemacht hat. 1704 in zwey Bänden herausgab, an vielen Stellen glücklich verbessert, wie Herr Bertuch in seiner Vorrede zum fünften Theile seines Don Quixot's versichert. Lange nachher publicirte Le Sage in sechs Bänden eine neue Fortsetzung des Don Quixot's. Freylich weit, XII sehr weit unter dem Originale, doch nicht ohn' alles Verdienst. Vielleicht nimmt der Herr Bibliothekar Reichard Gelegenheit, das Deutsche Publicum durch seine Romanenbibliothek mit dieser Fortsetzung bekannt zu machen.

Nach diesen Fortsetzungen des Don Quixot's erschien Gil BlasDie dritte Auflage der Hamburger Uebersetzung dieses Romans erschien daselbst 1742 unter dem Titel: Der Spanische Robinson, oder sonderbare Geschichte des Gil Blas von Santillana. Aus dem Französischen des Herrn Le Sage übersetzt. Sie verstümmelt zwar das Original sehr oft, zeilen- auch manchmahl periodenweis, hat viel Nonsensikalisches, dessenungeachtet sind viele glückliche Stellen darin; und bedenkt man die Zeit, worin sie verfaßt worden, so zieht man sie derjenigen bey weitem vor, die 1768 bey Walther zu Dresden herausgekommen ist und die an Plattheit, Hölzernheit, (die wohlberüchtigte Bunkliade ausgenommen,) und auch an Untreue, wenig ihres Gleichen haben wird. Man halte sie gegen das Original, und man wird finden, daß ich hier viel zu wenig davon gesagt, als der Verlegen in der Ankündigung gegenwärtiger Uebersetzung. Der Raum verbiethet es, Beläge davon zu geben.
    Auch in's Englische ist der Gil Blas vom D. Smollet übersetzt worden; in welchem Jahre zuerst, kann ich nicht bestimmen. Die Ausgabe, die ich vor mir habe, ist zu Edimburg 1764 in vier Duodezbänden erschienen. Sie ist, wie man vermuthen kann, nicht schlecht, scheint aber in großer Hast gemacht zu seyn; viele sehr statthafte Reflexionen sind überhüpft, viele launige Redarten und Wendungen, die sich doch leicht geben liessen, ganz plattweg gedolmetscht worden; doch findet man hin wieder einige glückliche Aenderungen und Zusätze, die ich einigemahle benutzt habe.
    Gereitzt durch das Glück, das Gil Blas gleich nach seiner Erscheinung machte, gab ein Franzos einige Zeit nachher, als Fortsetzung dieses Werks, die Lebensgeschichte von dem Sohne des Gil Blas heraus, die 1744 zu Hamburg Deutsch erschien, unter dem Titel: Geschichte des Don Alphonsus Blas von Lirias, eines Sohnes des Gil Blas von Santillana. Ein Beweis mehr, daß wackere Väter ganz abgeartete Kinder haben. – Anm. des Uebers.
, und darauf XIII le diable boiteux ein Werk, dessen Hauptidee die glücklichste und fruchtbarste von allen denen ist, die Le Sage bearbeitet hat. Der Spanische Verfasser hieß Luis Velez de Guevara, von dem er, nach seinem eigenen Bekenntnisse in der Zueignung, nur den Titel und die Grundzüge borgte; auch hat er dem XIV Verfasser von Dia y Noche de Madrid einige Stanzen und Züge entwendetDer hinkende Teufel, ein comischer Roman des Herrn Le Sage, aus dem Französischen übersetzt Frankfurt und Leipzig 1764. Ein wenig veränderter Abdruck davon ist 1777 bey Brönner in Frankfurt herausgekommen. Endlich erschien1782 unter dem Titel: Tag und Nacht in Madrid zu Dessau, eine eben so elegante als kraftvolle Uebersetzung dieses Buches von meinem Freunde, Herrn Heß in Coburg. Er hat mit vieler Einsicht »hier und da Manches abgekürzt, Manches gar weggelassen. Eben dadurch sind aus zwey Bänden nur Einer geworden.«.

Seine Umschmelzung wurde zu Madrid in's Spanische übersetzt, und als Originalwerk geachtet. Neunzehn Jahre nach ihrer ersten Erscheinung, und nach vielfältigen unveränderten Auflagen arbeitete sie Le Sage ganz um, und vermehrte sie mit einem neuen TheileClarke sagt in seinen Briefen über Spanien: (Köhlerscher Uebersetzung. Lemgo, 1765.) »Es wäre zu wünschen, daß El Diablo coxuelo, den Herr Le Sage nach der neuern Art umgeschmelzt hat, wodurch er auch anderwärts sehr bekannt geworden ist, von Wort zu Wort aus der Urkunde des Guevara in fremde Sprachen wäre übersetzt worden, so würde man daraus eine unzählige Menge alter Spanischer Sitten und Gebräuche, und die Nahmen der adelichen Häuser, von welchen die meisten mit ihren Titeln und Geschlechtern noch übrig sind, kennen lernen.« (S. 204 und 205.) So richtig auch diese Anmerkung ist, so läßt sich doch auch nicht läugnen, daß auf der andern Seite der Roman durch Le Sage's Behandlung sehr gewonnen hat.. XV

Man hat noch zwey andere Werke in der Gattung vom Le Sage; das eine ist aus dem Spanischen übersetzt, das andere nur nachgeahmt. Das erste ist betitelt: Histoire de Stevanille Gonzales surnommé le Garçon de bonne humeurAufgeweckte und ergetzende Geschichte des Estevanille Gonzalez, mit dem Zunahmen des Lustigen, welcher sehr wunderliche Abenteuer erlebt, vom Herrn Le Sage, aus dem Spanischen. Hamburg, 1763. Eine neuere, ziemlich gute Uebersetzung desselben erschien 1791 zu Wien.. Der Held dieser kleinen Geschichte, die zu Brüssel in Spanischer Sprache erschien, hundert Jahre zuvor, eh' sie Le Sage übersetzt, soll wirklich existirt haben, und lustiger Rath beym Grafen Piccolomini, dem General der Spanischen Kriegsheere in den Niederlanden, gewesen seyn, und seinen XVI Lebenslauf selbst niedergeschrieben haben; Le Sage hat aber in selbigen wieder viel eigene Züge verwebt. Im Grunde hat dieser Roman mit dem Guzman von Alfarache und dem Gil Blas Aehnlichkeit; doch ist er weit unter Letzterm.

Das zweyte Werk ist le Bachelier de SalamanqueDer Baccalaureus von Salamanca, oder Geschichte des Don Cherubim's de la Ronda, aus dem Spanischen, 3 Theile, Hamb. 1746. Mein viel zu zeitig verstorbener Freund, Herr Jünger, dem unser Theater so außerordentlich viel verdankt, was freylich unsere wenigsten Parterres anerkennen, gab zu Leipzig bey Weigand 1783 in zwey Theilen diesen Roman unter dem Titel: Schulstaub und Hofluft, oder der glücklich gewordene Hofmeister, sehr vorzüglich verdolmetscht heraus.; es trat erst im Jahre 1741 ebenfalls in zwey Duodezbänden an's Licht, und ist eigentlich nur Nachahmung aus dem Spanischen, ob es gleich der Titel für eine Uebersetzung aus einer Spanischen Handschrift gibt. Ein gar anmuthiger Roman; er enthält interessante Situationen, wohlgezeichnete Charactere, und XVII feine Satyre; doch unmittelbar nach dem Gil Blas muß man ihn nicht lesen, weil diese beyden Fictionen ein wenig zu viel Aehnlichkeit haben.

Le Roland amouré hat Le Sage aus dem Italiänischen, und zwar aus einem Gedichte in dieser Sprache gezogen. In Italien wird dieß Gedicht, das von Matteo Maria Bojardo Conte di Scandiano, verfertigt worden, sehr geschätzt, ob gleich nicht so, wie Ariost's Orlando furioso, dem es zum Muster gedient hat, und der eigentlich dessen Fortsetzung ist. Le Sage hat dieß Gedicht in einen echten Roman verwandelt, oder vielmehr, dasjenige in einen Roman nach neuestem Schnitte gebracht, was Bojardo nach den alten Romanziers der Franzosen, welche die Thaten Carl des Großen, seines Neffen Roland, Renaud's, u. s. w. beschrieben haben, poetisch behandelt hatte. Die erste Edition dieses Buches ist von 1717, die zweyte von 1720, und die dritte von 1742 insgesammt zu Paris und in zwey Duodezbänden. In unserer Sprache ist es nicht bekannt geworden. XVIII

An Mille et un JoursKam 1745 zu Leipzig übersetzt heraus., die 1710 und 1711 zur Nachahmung von Mille et une Nuits erschien, welche bereits 1704–8 ans Licht getreten war, hat er Antheil gehabt. Tausend und Eine Nacht ist zwar durch M. Galland aus Arabischen Schriftstellern gezogen, so wie Tausend und Ein Tag aus Persischen Autoren durch M. Petit de la Croix; allein beyde Werke unterscheiden sich dadurch von einander, daß M. Galland seines, in Rücksicht auf den Styl, durch niemand ist verschönert worden, und daß M. Petit de la Croix zum Le Sage seine Zuflucht genommen, wodurch dieß Werk ein lieblicheres Colorit erhalten hat; doch weder das Verdienst der Neuheit dieser Gattung, noch so viel Interesse, als in Tausend und Einer Nacht liegt, hat selbiges ihm verschaffen können.

Aus Tausend und Einem Tage hat Le Sage viele Plane zu seinen comischen Opern genommen, von denen nachher ein Paar Worte.

Im Jahre 1713 gab Le Sage ein anderes Werk in zwey Bänden heraus, betitelt: XIX Aventures du Chevalier de Beauchesne, Capitaine des Flibustiers; ein historischer RomanMeines Wissens hat man keine Deutsche Uebersetzung dieses Romans.. Der Verfasser macht seinen Helden aus Canada gebürtig, läßt ihn erst mit den Wilden, dann mit den FlibüstiersEine Art Seeräuber, die im Anfange dieses Jahrhunderts in Amerika viel Aufsehen machten. Verwichene Messe ist bey Voß in Berlin eine kurze Geschichte von selbigen, und zumahl von den Vornehmsten unter ihnen, herausgekommen. Krieg führen. Es stoßen ihm bald kriegerische, bald verliebte Abenteuer auf, die in einem sehr angenehmen Tone erzählt sind. Die Hälfte des Buchs macht eine große Episode aus, welche die Geschichte eines Franzosen, des Grafen von Moneville, enthält, der seiner Buhlschaft nach Canada, und bis zu den Huronen folgt, von denen sie unumschränkte Beherrscherinn wird. So wenig wahrscheinlich diese Historie auch ist, so viel Interesse hat sie doch durch die anmuthige Behandlung erhalten. Im letzten Buche kommt Le Sage wieder auf den Chevalier XX de Beauchesne zurück, der sein Korsarenhandwerk mit bestem Erfolge forttreibt. Der Roman ist nicht geendiget; der Verfasser gibt zu verstehen, der Held davon sey wieder nach Frankreich zurückgekehrt, wo er zu Tours einen stillen, ehrbaren Wandel geführet hätte, und in einem hohen Alter gestorben sey; seine Witwe habe seine selbstverfaßte Lebensbeschreibung zum Drucke mitgetheiletHier ist Hrn. Eschenburg's Urtheil über Le Sage'ns Schriften von der romanischen Art, (s. Beyspielsammlung zur Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften B. VIII. Abtheil 2 S. 225 und 226) »Seine Umkleidungen Spanischer Romane sind musterhaft und einzig in ihrer Art; und nie hatte ein Schriftsteller zu dergleichen Arbeit mehr Geschick und entschiedenern Beruf. Im Gil Blas von Santillana, seinem Meisterstücke, fühlt sich der Leser gar bald mit ihm in einer Gesellschaft, die er nie wieder zu verlassen wünschet, und wird auf die angenehmste natürlichste Art von einer Scene und Situation zu andern hinübergeführet, ohne irgend Gewalt oder Ermüdung zu fühlen. Gern läßt man sich mit ihm in die kleinsten Nebenumstände ein, weil er sie durch neue und treffende Züge höchst anziehend zu machen weiß. Der Gil Blas ist die beste und originalste Arbeit dieses mit so vieler echten Laune begabten Schriftstellers, ob er sich gleich dabey einige Spanische Romane, besonders die Vida del Escudero Marcos de Obregon zu Nutze gemacht hat. Unmittelbarer aus Spanischen Originalen geschöpft, aber doch frey und eigenthümlich bearbeitet sind seine übrigen komischen Romane: sein Diable boiteux seine Geschichte des Gusmann d'Alfarache; sein Estevanille Gonzalez, nach einem überaus witzigen aber wegen seiner vielen Anspielungen unübersetzbaren Originale; und sein Bachelier de Salamanque. Die ganz angenehmen Proménades de S. Cloud sollen »gleichfalls von ihm seyn.«. XXI

Im Jahre 1735 erschienen von Herrn Le Sage Dialogen unter dem Titel Journées des Parques, sehr philosophischen Inhalts. Zu finster für seine Landsleute, munterten diese ihn nicht auf, in dergleichen Arbeiten fortzufahren.

Endlich gab er noch im Jahre 1743 eine Sammlung von merkwürdigen Zügen aus der Geschichte, und von witzigen Einfällen in den Druck, die den Titel führet: Mélange amusant, und worin er strenge Auswahl beobachtet hat. Es ist nur ein kleines Bändchen von zweyhundert Seiten; immer stark genug, wenn man in eine solche Collection nichts als lauter Neues und Interessantes aufnehmen will. Allen XXII übrigen Sammlungen der Art läuft diese unstreitig den Rang ab.

Wir kommen nunmehr zu seinen theatralischen Werken. Die Stücke, die er für das Französische Theater gearbeitet hat, machen zwey Bände aus. Im ersten befinden sich vier Lustspiele, von denen zwey aufgeführet worden sind, und zwey nicht. Er zog sie alle viere aus dem Spanischen. Das erste führet den Titel: Le Point d'honneur, und ist von D. Francisco de Rojas; das nähmliche, das Scarron unter dem Nahmen: Jodelet Dueliste behandelt hat. Le Sage ließ seines anfänglich in fünf Acten auf dem Französischen Theater spielen, im Jahre 1702; im Druck ist es aber nie anders erschienen, als in dreyen. In der Gestalt wollt' er es dem Italienischen Theater geben, im Jahre 1725 unter dem Titel: l'Arbitre des differends. Es konnte aber auf beyden Theatern nicht mehr als eine oder zwey Vorstellungen aushalten. Der Geschmack, den man zur Zeit des Cardinal Richelieu an dergleichen Stücken fand, hatte sich mit Anfange dieses Jahrhunderts bereits sehr in Frankreich verloren; daher glückte dieses Stück nicht, XXIII obwohl es eines der besten und wohlintriguirtesten der Spanier ist. Im Jahre 1707 machte Le Sage einen zweyten Versuch, und gab sein Don Cesar Ursin, dessen Stoff er dem berühmten Dramatiker der Spanier, Calderon, abgeborget hat. So über die Maßen vortrefflich auch die Intrike in selbigem ist, so höchst unwahrscheinlich fand man sie; bey der ersten Vorstellung ward er ausgepocht, und er hielt sich nur unter dem Deckmantel des Cristpin rival de son maitreIm Deutschen unter dem Titel: Der Diener, Nebenbuhler seines Herrn, bekannt. Beym Umfüllen dieses champagnerartigen Getränks, wie sich irgend einmahl Herr Dyk ausdrückt, scheint mir aller Geist verflogen zu seyn., den Le Sage jenem Stücke zuzugesellen schlau genug war»So unwillig das Publicum über Cäsar Ursin schien – es kehrte sich an die Gegenwart des Prinzen de Conti nicht – so günstig nahm es den Crispin auf. Le Sage hat mehr denn hundertmahl erzählet, diese Stücke hätten, wie sie nachher bey Hofe vorgestellet worden wären, ein ganz verschiedenes Schicksal gehabt. Mit dem Cäsar schien man ganz zufrieden zu seyn, das Nachspiel hingegen betrachtete man als eine Farce. Allein der Verfasser gestand mit seinem gewöhnlichen Freymuthe: die Stadt habe weit gesünder geurtheilet als der Hof.« – D. Uebers.. XXIV

Die zwey andern Stücke im Spanischen Geschmacke, die Le Sage hat drucken lassen, die man aber nie gespielt hat, sind: le traitre puni dem Francisco de Rojas nachgeahmt, und Don Felix de Mendoce, nach dem Lope de Vega.

Der zweyte Band seines Theaters enthält drey Stücke. Das erste ist: Crispin rival de son maitre, im Jahre 1707, wie eben sagt worden, zum erstenmahl aufgeführet. Es ist nur Posse, allein so drollig, und so wohl dialogirt, daß man es stets mit großem Vergnügen sieht. Montmesny, der Sohn von Le Sage, spielte La Branche, einen von den beyden spitzbübischen Bedienten in selbigem ganz vorzüglich.

Türcaret machte zu seiner Zeit (1709 erschien er) großes Aufsehen, und hat nachher vielen Beyfall gehabt»Dieß Stück,« sagt Herr Eschenburg (in seiner dramatischen Bibliothek S. 173) »erklären die Kunstrichter einstimmig für sein bestes Lustspiel. Es ist eine beissende Satyre auf die Traitons oder Finanzpächter, deren Türcaret einer ist, der an eine Baronesse, deren Liebhaber er macht, große Summen und Geschenke verschwendet, am Ende aber entlarvet, und wegen einer für einen Betrüger geleisteten Bürgschaft in Verhaft genommen wird. Eine der schönsten Scenen ist die, wo eine gewisse Frau Jacob zu der Baronesse kommt, und sich als Türcaret's Schwester angibt, ohne zu wissen, in welchem Verhältnisse jene mit ihm stehet.«. Man findet darin XXV Gemählde, die zu der Zeit, da es verfertiget wurde, sehr treffend waren, und Scenen, worin man wirklich die Meisterhand erkennt: jetzt ist das Verdienst des Treffenden weggefallen; es gibt keine Finanzpächter mehr, die dem Türcaret ähneln, und zu denen aus Valogne ein so lächerliches Weib kommen kann, als Madam Türcaret»Ehe dieß Stück auf dem Theater erschien, reitzte es in den gesellschaftlichen Zirkeln die Neugier ganz ungemein. Die Düchesse de Bouillon (Martinozzi) ließ Le Sage'n bitten ihr sein Stück vorzulesen. Er willigte darein, da er aber nicht im Stande war, nach dem Essen das Vorleseramt ohne äußerste Beschwerde seiner Brust auszuhalten und sein Lustspiel nicht zu Ende zu bringen riskirte, bath er die Dame, daß sie ihm erlauben wolle, an dem verabredeten Tage um zwölf Uhr kommen zu dürfen. Dieß ward ihm zugestanden. Le Sage fand an dem festgesetzten Tage sich erst um zwey Uhr ein. Die Gesellschaft, welche die Ursache, die den Dichter verhindert hatte, früher zu kommen, nicht wußte, war höchst ungeduldig, und murrte laut. Unser Komiker machte bey seinem Eintritte viele Entschuldigungen, und sagte, er käme eben von Palais, wo ein Prozeß, der ihn hätte zu Grunde richten können, entschieden worden sey. Statt diese Entschuldigung anzunehmen behandelte ihn die Düchesse hart und hochfahrend, und sagte zum Schluß: er habe sie durch sein Wartenlassen auf eine sehr unverschämte Weise um zwey Stunden gebracht. Die sollen die Frau Düchesse sogleich wieder gewinnen, versetzte Le Sage mit echtem Republikanermuthe, ich werde Ihnen mein Lustspiel nicht vorlesen. Rasch ging er mit diesen Worten seines Weges, und so sehr man ihm auch nacheilte, so viel man auch in ihn drang, so kehrte er nicht wieder um; und nie setzte er mehr einen Fuß in das Hôtel de Bouillon. Diesen edlen Trotz möchte wohl keiner der damahligen, noch der folgenden Dichter des Königreichs Frankreich, Rousseau, Diderot und Cailhava etwa ausgenommen, bewiesen haben. Dazu waren sie viel zu sehr Hofschranzen.
    »Die Finanzpächter, die sich in Türcaret sehr angegriffen fühlten, suchten Hof und Stadt dahin zu vermögen, daß die Vorstellung dieses Stücks nicht Statt fände. Es gelang ihnen nicht. Vermuthlich stützten sie sich bey ihren Insinuationen auf die schlechten Sitten aller in diesem Stücke vorkommenden Personen, die in der That nichts weniger als erbaulich sind.«
    »Zwey Veranlassungsgründe, die nicht von dem Worte des Stücks sich herschreiben, unterbrachen den glücklichen Fortgang der Vorstellungen; die übermäßige Strenge des Winters von 1709 und das Murren Vieler, welche in den aufgestellten Schilderungen zu starke Aehnlichkeit fanden. Dieser letzten Ursache wegen hielt es unstreitig so schwer, daß Türcaret wieder auf die Bühne kam. Endlich geschah es doch auf Befehl des Dauphin's, und nun war der Beyfall dieses Lustspiels für immer entschieden.«
. Auch die Nüanzen der XXVI übrigen Personen haben sich gleicher Weise verwischt; bloß die einzige Rolle des Marquis XXVII würde Vergnügen verursachen, zumahl wenn sie mit all der Grazie gespielt würde, die Montmesny hineinzulegen wußte. So wenig schön und edel auch seine Figur war, (versichern die Romanbibliothecare, die davon Augenzeugen gewesen sind,) so glaubte man dennoch, wenn er den Marquis vorstellte, eine Standesperson zu sehen, die sich unter schlechter Gesellschaft befindet, und mit selbiger herumfoppt.

Im Jahre 1733 erschien Le Sage mit einem kleinen Stück auf dem Französischen XXVIII Theater, das wenigen Beyfall hatte, so schnurrig auch dessen Inhalt ist. Es hieß La Tontine, und drehte sich um die Leibrenten herum, die man unter diesem Nahmen aufgebracht hatte, und wovon der Zuletzthinterbliebene den ganzen Nutzen zog. Le Sage nimmt darin einen ziemlich betagten Mann an, der, weil er sein Geld wohl unterzubringen, selbiges bis zu seinem Tode geniessen, und dessen Ertrag seinen Erben auf eine geraume Zeit zu hinterlassen Willens ist, einen starken stämmigen Stallknecht wählt, Nahmens Ambroise, und eine große Summe auf sein Leben zeichnen läßt, in der Hoffnung, daß er es recht hoch bringen soll. Weil nun sehr viel daran liegt, Ambroise'n lang' am Leben zu erhalten, so läßt man ihm am Essen und Trinken nichts abgehen; da aber die veränderte Lebensart seinen Magen ein wenig in Unordnung gebracht hat, ist sein Herr mit nichts beschäftigter, als ihn wiederherzustellen; er gibt ihn einigen Aerzten in die Cur, die durch Diät, Purgiren und Aderlassen das Uebel noch weit ärger machen. Ambroise ist ganz trostlos und versichert: das Medicinerpack hätte ihm den Garaus gemacht; er fühl' XXIX es, er müsse sterben. Da er seinem Herrn keinen schlimmern Streich spielen kann als den, so ist dieser hierüber in der tödtlichsten Angst; und seine Winseleyen geben sowohl als die Tobereyen des Ambroise sehr comische Scenen.

Alle die übrigen dramatischen Arbeiten des Herrn Le Sage sind für das Théâtre de la Foire verfertiget und sechzig an der Zahl; von 1713 bis 1738 gemacht, das heißt binnen zwanzig Jahren. Dieß Theater hatte einen Vorzug vor andern, der bey unserm Autor sehr viel galt: man konnte auf selbigem Gedanken wagen, zwar gut an und für sich selbst, allein bloß hingeworfen, übel zusammenhängend, die man in so großer Unordnung auf keine andere Bühne hätte bringen dürfen. Eh' wir zu den Stücken selbst kommen, müssen nothwendig einige Erläuterungen über den Zustand jenes Theaters vorangeschicket werden. Den Canevas der Stücke, und selbst den Dialog verfertigte Le Sage, und die Gesänge Dorneval, indem er Le Sage's Gedanken versificirte. Unterweilen vereinigte sich auch Füzelier, Piron, Autreau, le Grand, la Font mit ihm, XXX und die Stücke, woran sie arbeiteten, waren weit besser, denn diese Männer hatten Geist, und Dorneval nicht.

Während der Zeit, daß Le Sage das Théâtre de la Foire schirmte, zog ein fürchterliches Ungewitter nach dem andern gegen selbiges auf; bald verhinderte die Französische Comödie sie am Singen, bald die Oper sie am Sprechen. Diese Truppe wäre zu Seiltänzen und zur Pantomime heruntergebracht worden, hätte Le Sage nicht vorgbauet, und stets Mittel erfunden, jedem Verbothe eine Nase zu drehen; bald verfertigte er Stücke, wovon die Textesworte auf Tafeln oder Rollen geschrieben waren; das Publicum sang sie ab, und die Acteurs begleiteten sie nur mit GestenManche Schauspieler würden das Auditorium manches Ortes, dessen tägliche Ohrenqual sie sind, ungemein verbinden, wenn sie sich des obigen Mittels bedienten, in Operetten sowohl als in andern Stücken . . . . Doch der Vorschlag geht nicht, besinn' ich mich eben. Die Damen und Herren, die von Declamation nichts verstehen, verstehen körperliche Beredsamkeit eben so wenig. Wie sollten sie also mit Gesten begleiten können, was die Zuschauer absängen oder abläsen? – A. d. Ueb.; bald XXXI lieh er sich ihnen, Stücke zu machen, die aus Monologen bestanden, oder bestimmter, worin bloß Ein Schauspieler sprechen durfte; bald gab er vor: sie würden in fremden Zungen reden, als Schinesisch und Wildisch; zu dem Ende machte er an all' den Worten, welche die Acteurs zu sagen hatten, barbarische Endungen. Zum Beyspiel in dem vorgeblich Schinesischen Stück, betitelt: Arlequin Barbet, Pagode et Médecin sagt Harlequin, indem er einer Schinesischen Prinzeßinn seine Liebeserklärungen macht: Princesseao, je vous adoreao. Und sie antwortet ihm: l'Empereurao me ferao mourirao. In einem andern Stück, l'Isle du Gougou genannt, sagte ein Irokes zum Harlequin: Arlequinec je t'assommerec. Harlequin versetzte darauf: Coquinoc, ne hoc te craignoc pas hoc.

Als Le Sage, Dorneval und Füzelier die Operacomique auf der Foire de St. Germain 1722 nicht länger unterstützen konnten, arbeiteten sie Stücke für das Marionettentheater aus, unter andern eine Parodie des Romulus von la Mothe, die ganz erstaunenden Beyfall fand; man schraubte, höhnte sie hierüber XXXII nicht wenig, allein die Einnahme der Marionettentheaterdichter war sehr gut, und so trösteten sie sich.

Le Sage hat nur in der kurzen Zeit für das Italienische Theater gearbeitet, da die Italienische Truppe auf der Foire Saint-Laurent spielte, welches auch zu der Zeit geschahe, da man das Theater de l'Hotel de Bourgogne ausbesserte.

Diejenigen von den sechzig komischen Opern des Le Sage, die, nach der Meinung der Bibliothécaires, mit mehr Sorgfalt behandelt, noch jetzt viel Wirkung hervorbringen würden, sind in den neun Bänden des Théâtre de la Foire enthalten, die 1737 gedruckt worden sind. Sie müßten etwas überarbeitet, den alten Vaudevillen neue Musik untergeleget, der Ton der Lustigkeit dieser Stücke wenigstens zum Theil, (warum nicht ganz? Mit der Lustigkeit der Franzosen geht's so wie mit der Deutschen in den Lustspielen sehr zu Rande) beybehalten, und das Interesse, das in einigen davon liegt, hervorspringender gemacht werden.

Achmet und Almanzine zum Beyspiel (im 6ten Bande des Théâtre de la Foire) ist vielleicht eines der anmuthigsten Stücke von XXXIII Le Sage; auch hat es, (mehrentheils ein sehr unrichtiger Probierstein!) den meisten Beyfall erhalten. Man findet darin Interesse und frohe Laune. Die Hauptschwierigkeit, es für das jetzige Theater einzurichten, läge darin, einen Schauspieler zu finden, welcher jung und von niedlicher Figur genug wäre, den Sohn des Großweßirs zu machen, der sich in Weibskleider wirft, und so statt seiner Schwester in's Serail führen läßt. Der Stoff ist aus einem kleinen Romane, Voyage de Zulma dans les Pays des Fées betitelt. Sollte an diesem Romane wirklich so viel Gutes seyn, als die Bibliothécaires darin finden, so kann ich meinen Lesern Hoffnung machen, auch hiervon einen Auszug in Herrn Reichard's Romanenbibliothek zu erhalten.

Die Königinn von Barostan ist gleichfalls eine von den komischen Opern Le Sage's, die Interesse, Lustigkeit, ja sogar Oekonomie hat, und läßt sich weit leichter wieder auf's Theater bringen, als Achmet und Almanzine. Mit der Prinzeßinn von Schina, die zu großen und schönen Divertissements Anlaß gibt, verhält es sich eben so. XXXIV Le Sage hat das Süjet aus Tausend und Einem Tage genommen. (Die Geschichte des Prinzen Kalaf.) Die Pilgrime nach Mekka, deren Süjet sehr artig ist, und mit den Schraubereyen über die Kalender nicht zusammenhängt, die man größtentheils wegschneiden kann. Das Süjet der Prinzessinn von Karizma ist aus Tausend und Einer Nacht gezogen. Die Vorstellung derselben hat keine weitere Schwierigkeit, als daß der Zuschauer seine Einbildungskraft genug in seiner Gewalt hat, um sich eine so schöne Prinzessinn zu denken, daß man sie nicht ansehen kann, ohne wahnsinnig zu werden. Der Salesche Korsar ist aus einer höchst interessanten Spanischen Novelle genommen.

Man sieht, daß die Süjets der ebengenannten Stücke aus orientalischen Erzählungen und Romanen geschöpft sind; sie haben Le Sage'n eben so viel komische Opern geliefert, als Spanien ihm Comödien und Romane; denn eben aus jenem Quelle hat er auch noch le jeune vieillard geschöpft. Das Süjet von selbigem ist sehr schön, vielleicht zu moralisch, und deßhalb könnt' XXXV es, als Erzählung verarbeitet, noch mehr gefallen, als auf dem Theater.

La Statue merveilleuse ist gleichfalls aus Tausend und Einer Nacht gezogen. Es müßte sehr umgeworfen werden, um es vorstellbar zu machen, das Süjet ist aber sehr theatralisch.

Arlequin Hulla, dessen Süjet sehr komisch, und aus dem ersten Theil von Tausend und Einem Tag gezogen istDas nähmliche Süjet hat Gozzi in seinen glücklichen Bettlern und Voisenon in seinem Coulouf dramatisch behandelt, welchen Hr. Dyk unter dem Titel: Schalk Amor oder die geschiedene Frau bearbeitete.; und endlich Arlequin Mahomet, aus dem dritten Theile des ebengedachten Werkes.

Außer diesen Morgenländischen Süjets hat Le Sage noch viele andere behandelt. La Ceinture de Venus ist eines der glücklichsten (im ersten Theil des Théâtre de la Foire); le Temple du Destin; (ebendaselbst) les Arrêts de l'Amour; l'Ecole de Amant und le Tableau du mariage (alle drey im zweyten Theile) XXXVI insgesammt trefflicher Stoff zu Schauspielen verschiedener Gattung. Les animaux raisonnables, le monde renversé; (wovon man eine Deutsche Uebersetzung hat) und l'Isle des Amazones; (Thl. 3.) la Forêt de Dodone und La boëte de PandoreWer Wielanden verehrt – und welcher nur einigermaßen Bildung habende Deutsche thäte dieß nicht? – wird wissen, daß er aus diesem kleinen Stück, welches Le Sage 1721 für die Truppe von Sr. Francisque verfertigte, die damahls auf der Foire de St. Laurent zu Paris spielte, die Idee und einige der besten Scenen entlehnte. Uebrigens nahm unser W. dem Merkur die Harlekins-Maske ab, ließ auch den Prometheus auftreten, und gab »dem Dinge überhaupt mehr Sinn, Gestalt und Handlung. So ward aus dem, was anfangs bloß Uebersetzung seyn sollte, beynahe ein ganz neues (treffliches) Stück.« Es führt den Titel: Pandora und eröffnet das Juliusstück des Deutschen Merkurs von 1779. (Th. 4.) athmen insgesammt mehr Witz und Munterkeit, als in den meisten der neuen Stücke liegt. La Foire des Fées (Th. 5.) ein herrlicher Canevas zu einem Episodenstücke. Les Amours déguisés, davon die Idee sehr glücklich ist, sagen die Bibliothecare, und sich mit vieler Delicatesse XXXVII behandeln liesse, wenn man sie überarbeiten wollte, und endlich l'Amour marin (Th. 8.) gibt ein sehr gutes LustspielEin sehr einsichtsvoller Kenner, Herr Eschenburg urtheilt (in seiner dramatischen Bibliothek S. 173) folgendergestalt über dieselben: »Zu seinen Lustspielen entlehnte er, wie zu seinen Romanen gewöhnlich den Stoff aus Spanischen Novellen und Schauspielen. In seinen frühern dramatischen Arbeiten war ihm noch fast alles Fehlerhafte der Spanischen Schauspieldichter eigen, die er vorzüglich studierte und nachahmte. In der Folge aber bildete er sich eine leichtere und freyere Manier. Menschenkunde, feiner Witz und komische Laune waren ihm in nicht gewöhnlichem Maße eigen; und er besaß die Gabe mit Scharfsinn und Einsicht die Natur zu erforschen, und sie mit eben so viel Wahrheit und Eindruck darzustellen. Schade war's daher, daß er sich durch die einträglichere »Arbeit für die komische Oper, die ihm, im Vorbeygehen gesagt, ihre bessere Form in Frankreich zu verdanken hat, und für das théâtre de la Foire von der eigentlichen komischen Laufbahn ablenken ließ.« – D. Uebers..

Von den Parodien und Anecdotenstücken, die Le Sage und seine Verbündeten über Gegenstände verfertigten, welche zu ihrer Zeit XXXVIII entweder auf dem gelehrten Schauplatz Aufsehen machten, oder die Aufmerksamkeit der kleinen Novellisten an sich zogen, wollen wir nicht reden. Diese Süjets haben für uns ihren Werth verloren: nur so viel davon: sie wußten ihnen die beste, gefälligste Einkleidung zu geben. Zum Beweise hiervon dienen: Arlequin défenseur d'Homére, l'Obstacle favorable, la Tête noire, le Régiment de la Calotte. Eben so wenig wollen wir der komischen Opern des Herrn Le Sage gedenken, deren Verdienst in einer ausgelassenen Lustigkeit bestehet, die heut zu Tage nicht durchgängig würde gebilliget werden; als da sind Les Enragés, l'Enchanteur, Mirliton etc.

* * *

Man erlaube mir auf dem noch übrigen Raume meine Nothdurft in Betreff dieser Uebersetzung mit ein Paar Worten vorzutragen.

Einer solchen Untreue, als man mich wegen einer meiner letzten Uebersetzungen geziehen hat, XXXIX einer Unterschiebung meiner Ideen den Ideen des Autors, hoff' ich, soll man mich bey gegenwärtiger nicht mit dem mindesten Anscheine Rechtens zeihen können. Ich habe ihn treu, doch eben deßhalb nicht buchstäblich gegeben. Daß ich den Deutschen in einen Schweizer verwandelte (S. 128. B. 3) – was ich gerad' aus dem Grunde that, aus welchem Bode statt German Engländer setzte, (S. Yorik's Reisen B. 1. S. 164.) – daß ich die erstaunend schleppenden Ueberschriften der Kapitel zusammendrängte, daß ich, wie oben bereits erwähnet, ein Paar glückliche Aenderungen des Engländischen Uebersetzers benützte, und daß ich hie und da mehr Spanischen Anstrich gab, das alles, glaub' ich, kann mir Niemand als Untreue rechnen. Alles, was ich von der Einen Seite dem guten Gil Blas zu nehmen mich oft genöthiget sah; Sprüchwort, launige Wendung oder Ausdruck; bin ich auf der andern ihm wiederzugeben äußerst beflissen gewesen.

Zu mehrerer Verständlichung hab' ich einige Noten unter den Text geworfen, sacherklärende sowohl als worterklärende. Die XL sacherklärenden sind meistentheils aus einem bekannten BucheBekannten, aber noch lange nicht allgemein bekannten und in seinem ganzen Werk erkannten Buche; aus der Geschichte des Bruder Gerundio. Der durchweg strömende Humor und kaustische Witz des Verfassers, des P. Isla, der darin nicht bloß Theologaster züchtigt, sondern auch Thoren aus verschiedenen andern Ständen, machen es zu einer der unterhaltendsten Lectüren; und Herr Bertuch hat sich durch diese Uebersetzung, so wie nachher durch die des Don Quixot's, die das höchste Siegel der Vollkommenheit trägt, einen Ruhm erworben, den nichts, und am wenigsten das unbedeutende Gebelfer eines bellettristischen Recensenten in der Allgemeinen Bibliothek wankend zu machen im Stande ist. Bod und Bertuch – darüber ist das ganze denkende und parteylose Publicum einstimmig – sind die ersten und einzigen humoristischen Uebersetzer unsrer Nation. Seit einiger Zeit hat sich auch Herr August Wilhelm Schlegel durch seine meisterhafte Uebersetzung des Shakespear zu ihnen gesellt. Das Uebersetzerkleeblatt, in welches mich hineindrängen zu wollen, wie ein hämischer Recensent in der allgem. deut. Bibliothek den Wink fallen läßt, ich nie die thörichte Anmaßung gehabt habe, ist nun vollständig. Ich bescheide mich gern, weit von diesen Halbgöttern mein Plätzchen zu nehmen, und habe dazu, so wie zu dem Geständniß, Selbstgefühl genug, daß der uns zu frühzeitig entrissene Dichter Bok einen weit vollendetern Deutschen Gil Blas und Kandide geliefert haben würde. Um von meinem Vorhaben abzustehen, bedurfte es weiter nichts, als das seinige früher zu erfahren. Noch weit mehr würde dieß der Fall gewesen seyn, wenn ich des Hrn. Kretschmann's Absicht mit dem letztgenannten Romane gewußt hätte. wörtlich genommen; XLI die mehresten davon hätt' ich eben so gut aus Reisebeschreibungen und ähnlichen Quellen in mein Bett leiten können, wozu aber trübes Wasser mit Mühe erst abhellen, und zum Trinken brauchbar machen, wenn man den klaren Strom vor sich hat, und aus selbigem mit der Hand schöpfen kann?

Ich hätte mich bloß mit Citiren begnügen sollen, wird man mir einwenden. Damit wäre aber dem Gros der Leser nicht gedient gewesen; Nachschlagen ist dessen Sache nicht, so wenig als das Gelesene behalten; tausenderley Umstände verhindern sie am letztern. Mithin mußt' ich mich der Mühe des Abschreibens schon unterziehen, die mir aber hier sehr leicht ward.

Der vorgedachte Fall war mit den worterklärenden Anmerkungen. Wer vom Lesepublicum verwendet wohl seine Zeit darauf in XLII Wörterbüchern, Glossarien und Idiotikons herumzuwühlen, und da den Bedeutungen nicht mehr üblicher und unbekannter Ausdrücke nachzuspüren? Und kann man ihm dieß verübeln, da selbst Männer, die sich für Kunstrichter ausgeben, zu gemächlich sind, in diese Schachten hinabzufahren, und die reichen Gänge zu erschürfen, die sich in selbigen befinden? Hat ein Autor oder ein Uebersetzer dergleichen gethan, und daraus an den Tag gefördert, so rufen jene Herren sogleich: Verrostete Ausdrücke, die mit gutem Fug unter's alte Eisen geworfen worden sind! Provinzialismen, welche die Reinigkeit der Büchersprache schänden! Weg damit! weg damit! An's Kreuz mit dem, der sie brauchet!So macht es, Ein Beyspiel statt aller zu geben, ein gewisses Kunstrichterlein, dessen Nahme jeden Bidermann anstinkt, und der ein erklärter Berümpfer und Begeiferer jedes Mannes von hervorragenden Talenten ist. Er, der in all' seinem bisherigen Gesudel noch nicht die mindeste Stärke in seiner Sprache gezeigt hat, will Bürgern, einem der tiefsten Ergründer derselben, lehren, was Kraftwörter sind, wie er sich zu stellen habe, und was ganz verwerfliche Obsoleta und Idiotismen sind. Später that Hr. Adelung etwas Aehnliches. – A. d. Uebers. Ohne das Reichhaltige oder XLIII Näherbestimmende oder Drolligere und den Abgang an beyden im mindesten zu bemerken! Ohne sich daran zu kehren, daß Lessing, und nach ihm unter unsern Prosaisten Bod' und Bertuch, die beyde mit den beneidenswürdigsten Uebersetzertalenten ausgerüstet sind, sich nichts angelegener seyn lassen, als aus beyden Arten die versunkenen, theils auch in öde Winkel hinversteckten, Schätze unserer Sprache hervorzuarbeiten. Ohne auf die Mittel zu achten, durch welche die familiäre Sprache der Franzosen und Engländer den Grad der Vollkommenheit erhalten hat, den sie gegenwärtig besitzet, und die keine andern sind, als die ebenangeführten!

Um die dickbesagten Kunstrichter nun recht mit dem Belang der veralteten sowohl als der provinziellen Ausdrücke bekannt zu machen, hab' ich oft in den Erklärungen derselben weitläuftiger werden müssen, als sonst nöthig gewesen wäre.

In den Anhang dieses Buchs hab' ich alles das hingeordnet, was einige hineingewebte Anecdoten damahliger Zeit, und einige damahls existirende Personen, auf die Le Sage, XLIV trotz der späterhin folgenden Erklärung, offenbar angespielt hat, in ein helleres Licht setzen kann; was ich gleichfalls aus dem oben angezeigten Quelle der Bibliothéque des Romans schöpfte. Auch hab' ich darin Verschiedenes mitgenommen, was von Spanischen Sitten u.s.w. gewußt zu werden verdient, und was manchen bloß romanlustigen Lesern unbekannt ist. Unter dem Vehikel ihrer Lieblingsspeise wird ihnen dieß eher zu Gaumen gehen.

        Berlin,
den 14. März 1779.

W. Ch. S. M—s. XLV



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