Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

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Vierzehntes Kapitel.

Wie ihn Donna Mencia zu Burgos aufnimmt.

Ich war früh heraus, rechnete mit meiner Wirthinn zusammen, die ich schon auf den Beinen und weniger stolz und bey beßrer Laune fand, als gestern. Dieß schrieb ich der Gegenwart drey wackrer Ausreiter von der heiligen Hermandad zu, die sich mit ihr auf einen sehr vertrauten Fuß unterhielten. Sie hatten im Wirthshause die Nacht zugebracht, und vermuthlich waren dieß die angesehnen Cavaliere, für welche die Betten insgesammt bestellt gewesen.

Ich erkundigte mich im Flecken nach dem Wege, der zum Schlosse führte. Von ungefähr wandt' ich mich an einen Mann vom Schlage meines Pennaflorschen Wirths schnackseligenSchnackselig, von Ritter Zimmermann in der vertraulichen Sprache der Hochdeutschen eingeführt. Es bezeichnet jemand, der am Anhören und Vorbringen des albernsten Gewäsches seine größte Wollust findet. – A. d. Uebers. Andenkens. Er ließ es nicht bey 103 Beantwortung meiner Frage bewenden, sondern berichtete mir zugleich: Don Ambrosio sey vor drey Wochen gestorben, und seine Gemahlinn, die Marquese, habe sich in ein Kloster zu Burgos begeben, dessen Nahme er mir nannte.

Anstatt also den Weg nach dem Schlosse zu nehmen, wie ich vorher Willens war, ging ich alsbald nach der Stadt, und flog zu dem Kloster, worin sich Donna Mencia befand. Ich bath die Pförtnerinn, dieser Dame zu melden, ein erst vor Kurzem aus dem Astorger Gefängnisse gekommener junger Mensch wünschte, sie zu sprechen. Die Pförtnerinn geht den Auftrag auszurichten; sie kommt wieder, und läßt mich in den Sprachsaal. Nicht lange so erschien Ambrosio's Witwe in tiefer Trauer am Gitter.

Willkommen, sagte die Dame zu mir mit liebreicher Miene. Vor vier Tagen gab ich jemand in Astorga den schriftlichen Auftrag, Sie aufzusuchen, und Ihnen zu sagen, ich liesse Sie inständigst bitten, mich zu besuchen, sobald Sie freyes Fusses wären. Daß Sie das bald 104 seyn würden, daran zweifelt' ich nicht. Was ich dem Corregidor gesagt, war zu Ihrer Rechtfertigung hinlänglich. Auch erhielt' ich die Antwort, Sie hätten Ihre Freyheit wieder, wo Sie aber hin wären, wisse man nicht. Schon besorgt' ich, Sie nicht wieder zu sehen, und des Vergnügens, Ihnen meine Erkenntlichkeit zu bezeigen, beraubt zu werden, was mich äusserst gekränkt haben würde. Trösten Sie Sich, fuhr sie fort, wie sie wahrnahm, daß ich in einem so elenden Anzuge vor ihr zu erscheinen mich schämte. Seyn Sie unbesorgt wegen des Zustandes, worin ich Sie erblicke. Ich wäre das undankbarste Weib unter der Sonne, wenn ich nach dem mir geleisteten wichtigen Dienste nichts für Sie thäte. Ich will Sie aus der schlimmen Verfassung reissen, worin Sie Sich jetzt befinden. Ich muß und kann es auch thun. Mein Vermögen ist ansehnlich genug, meine Schuldigkeit gegen Sie beobachten zu können. ohne daß mir's lästig fällt.

Meine Begebenheiten, fuhr sie fort, sind Ihnen bis auf den Tag bekannt, da wir Beyde in Haft genommen wurden, von da will ich sie Ihnen weiter erzählen. Als mich der Corregidor von Astorga nach Burgos hatte bringen lassen, begab ich mich nach Ambrosio's Schloß. Meine Ankunft verursachte dort ausserordentliche Bestürzung: allein man sagte mir, ich käme zu spät, der Marques, durch 105 meine Flucht wie vom Donner getroffen, wäre krank geworden, und die Aerzte zweifelten an seinem Aufkommen. Dieß gab mir neuen Anlaß, mich über mein hartes Schicksal zu beklagen. Angemeldet trat ich in sein Zimmer, und warf mich an seinem Bette nieder auf die Kniee. Thränen bedeckten mein Gesicht, und innige Wehmuth preßte mein Herz zusammen.

Was führt Sie wieder zurück, Madam? sagte er, als er mich gewahr wurde. Kommen Sie, Ihr Werk zu betrachten? Nicht zufrieden, daß Sie mir das Leben geraubt haben, müssen Sie mich sterben sehen, um voll gesättigt zu seyn. Sennor, antwortete ich, Ines wird Ihnen gesagt haben, daß ich mit meinem ersten Gemahl floh, und hätt' ich ihn nicht durch einen traurigen Zufall eingebüßt, so würden Sie mich nie wiedergesehen haben. Zugleich erzählt' ich ihm, daß Don Alvaro durch die Räuber erschossen, ich in eine unterirdische Höhle geführt worden sey, und alles das, was sich zugetragen.

Als ich meine Erzählung geendet hatte, reichte mir Don Ambrosio die Hand, und sagte zu mir: Nun ist alles vorbey: ich führe von nun an keine Beschwerden mehr über Sie. Wie kann ich Ihnen wohl mit Recht Vorwürfe machen? Sie finden einen geliebten Gatten wieder, verlassen mich, um ihm zu folgen. Kann ich diesen Schritt wohl tadeln, darüber 106 murren? Nein, Madam, das wäre unbillig, äusserst ungerecht. Auch hab' ich Ihnen nachzusetzen verbothen, obgleich Ihr Verlust meinen Tod unmittelbar nach sich zog. Ich schätzte in Ihrem Räuber seine geheiligten Rechte, ja sogar Ihre Anhänglichkeit an ihn. Kurz, ich ließ Ihnen Gerechtigkeit widerfahren, und durch Ihre Rückkehr gewinnen Sie meine völlige Zärtlichkeit wieder. Ja, trauteste Mencia, Deine Gegenwart erweckt in mir Freude die Fülle. Doch werd' ich deren nicht lange mehr geniessen. Ich fühle, meine letzte Stunde rückt heran. Kaum bist Du mir wieder geschenkt, so muß ich Dir ein ewiges Lebewohl sagen.

Bey dieser rührenden Rede verdoppelten sich meine Thränen. Der Jammer, der meinen Busen füllte, kam zum völligen Ausbruch. Ich vergoß weniger Thränen über meinen angebetheten Don Alvaro. Don Ambrosio's Ahndung von seinem Tode hatte ihn nicht betrogen. Er starb den folgenden Tag, und ich blieb im Besitz eines beträchtlichen Vermögens, das er mir gleich bey unserer Verbindung vermacht hatte. Ich werd' es nicht übel anwenden. Ob ich gleich noch jung bin, so wird man mich doch nicht in die Arme eines dritten Gemahls eilen sehen. Das können nur meines Bedünkens Weiber, die jedem feinen Gefühl, aller Scham abgestorben sind, und 107 überdieß hat die Welt für mich keine Reitze mehr. Ich will meine Tage in diesem Kloster verleben und dessen Wohlthäterinn werden.

So sprach Donna Mencia mit mir, zog hierauf eine Börse hervor, und händigte sie mir mit den Worten ein: Hier haben Sie hundert Ducaten, um Sich kleiden zu können. Besuchen Sie mich ja wieder. Ich bin nicht gesonnen meiner Erkenntlichkeit so enge Grenzen zu setzen. Ich sagte der Dame tausendfachen Dank und schwur, Burgos nicht zu verlassen, ohne von ihr Abschied genommen zu haben; ein Schwur, den ich zu brechen nicht Willens war.

Hierauf sah ich mich nach einem Wirthshause um, trat in das erste, das beste, und verlangte eine Stube. Um nun der üblen Meinung, die mein Kittel dem Wirthe beybringen konnte, vorzubauen, sagt' ich zu ihm: So wie er mich hier sähe, wär' ich im Stande mein Logis gut zu bezahlen. Bey diesen Worten beantlitzte mich Majuelo (so hieß der Wirth) aufs genaueste, und antwortete darauf mit einer kalten und schalkischen Miene: – denn er war ein geborner Spötter – Er wär' auch ohne diese Versicherung überzeugt gewesen, daß ich was Ehrliches würde bey ihm drauf gehen lassen, unter meiner schlechten Hülle gucke was Vornehmes hervor, und er zweifle gar nicht, daß ich ein Edelmann sey, der recht im Vollen säße. 108

Ich merkte wohl, daß der Schalk meiner spottete, und um den Schäckereyen mit Eins ein Ende zu machen, zeigte ich ihm meine Börse, und zählte sogar meine Ducaten in seinem Beyseyn auf einen Tisch hin. Der Anblick meiner Barschaft, merkt' ich, bracht' ihm vortheilhaftere Gedanken von mir bey. Ich bath ihn, einen Schneider hohlen zu lassen. Lieber einen Trödler, sagte er. Der bringt Ihnen allerhand Kleider, und so sind Sie auf der Stelle bekleidet. Ich billigte seinen Rath und beschloß, ihn zu befolgen, weil sich aber der Tag bereits neigte, verschob ich den Einkauf bis morgen, und war nur auf ein gutes Abendbrot bedacht, um mich wegen der schlechten Mahlzeiten zu entschädigen, die ich seit Verlassung der Raubhöhle gehalten hatte.

 


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