Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

 << zurück weiter >> 

Gil Blas

von

Santillana.


Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

Wird vom Ey angehoben, nach gewöhnlichem Romanschlendrian.

Mein Vater Blas von Santillana hatte bereits eine geraume Zeit unter der Armee Seiner Katholischen Majestät gedient, eh' er auf den Gedanken kam, sich in seiner Vaterstadt zur Ruhe zu setzen. Hier heirathete er die Tochter eines ehrbaren Handwerkers, die schon weit über ihren Frühling hinaus war. Nach zehn Monathen ihrer Ehe kam ich zur Welt. Dieß bewog meine Aeltern nach Oviedo zu gehen und daselbst Dienste zu nehmen; mein Vater ward EscuderoEscudero, eine Art Kammerdiener, der seine Gebietherinn auf Spaziergängen, zu Besuchen, in Kirchen und Komödien, zu Wagen, zu Pferde, oder zu Fuß begleiten muß. Jede Spanierinn, die nur etwas Figur machen will, hat einen dergleichen. Je ansehnlicher die Dame, je bessers Standes ist auch der Escudero, und je größer sein Gehalt. Die Männer verlangen, daß sie nicht allein im ceremoniösen, sondern auch im moralischen Sinne die Führer ihrer Frauen seyn sollen, sie sind aber nur denn zu oft ihre Spürer und die Hehler ihrer Intriken. Da nun dergleichen Lohnführer unsern Sitten ganz fremd sind, und wir dafür keinen Ausdruck haben, so war es nothwendig, den Spanischen beyzubehalten; selbigen durch Stallmeister zu dolmetschen, wie gar oft schon geschehen ist, wäre ungereimt. – Anm. d. Uebers. und meine Mutter DuennaDuenna bezeichnet in dem Sinn, wie es hier genommen wird, eine Art Gouvernante, der die Beschäftigungen des Escudero völlig obliegen. Die verehlichten Frauenzimmer haben deren so wohl als die unverehelichten. Oft sind es die ehmahligen Erzieherinnen der jungen Weiber, welche die Duennas machen, und also um so viel gefälliger gegen sie; meistentheils aber werden sie ihnen von dem Herrn Gemahl gesetzt, und dann – sind sie eben so wenig strenge. Unter dieser Classe von Leuten befinden sich die geschicklichsten Liebesintrikenmacherinnen in ganz Spanien. – Anm. d. Uebers.. 4

Da all' ihr Hab und Gut in ihrem Lohne bestand, so würd' es mit meiner Erziehung gar mißlich ausgesehen haben, hätt' ich nicht in eben der Stadt einen Oheim gehabt. Er war der älteste Bruder meiner Mutter und mein Pathe, ein ehrlicher Canonicus, Nahmens Gil Perez. Stellen Sie Sich, meine lieben Leser, ein Männchen vor, viertehalb Schuh hoch, mit einem Bacchuswanste und tief zwischen den Schultern liegendem Kopfe, so haben Sie meinen Oheim. Uebrigens 5 war es ein Geistlicher von gewöhnlichem Schrote, das heißt, ein Mann, der mehr für seinen Bauch sorgt, als für seinen Kopf und für seine geistliche Herde. Seine nicht unebne Präbende gab ihm dazu Mittel an die Hand.

Er nahm mich als ein Kind zu sich, um mich zu erziehen; da er mich sehr muntern Kopfes fand, so beschloß er, meinen Verstand anzubauen. Zu dem Ende kauft' er mir ein ABC Buch und übernahm es mir lesen zu lehren; dieß war ihm so heilsam als mir. Denn indem er mir die Buchstaben kennen lehrte, legt' er sich selbst wieder auf's Lesen, um das er sich immer herzlich wenig bekümmert hatte, und durch vieles langes Studiren bracht' er es endlich so weit, daß er sein Breviarium – was er sonst nie gekonnt – schnell vom Blatte weglas. Latein hätte er mir auch noch gern gelehrt, denn auf die Art würd' er das Lehrgeld ebenfalls selbst verdient haben, doch leider! hatte der arme Gil Perez in seinem Leben nicht gewußt, was für ein Ding ein Donat sey. Er war vielleicht (denn für gewiß geb' ich es nicht aus) der allerunwissendste Kanonicus im ganzen Kapitel, auch soll ihm nicht seine Gelehrtheit, sondern die Erkenntlichkeit einiger gutherzigen Nonnen, deren wohl verschwiegner und glücklicher Geschäftsträger er gewesen war, zu seiner Präbende, und ihr 6 Einfluß ihm unexaminirt zum Priesterorden verholfen haben.

Sonach mußt' er mich dem birknen Zepter eines Schulmonarchen anvertrauen; er schickte mich zum Doctor Godinez, den man für den fähigsten unter allen Kathedermännern in Oviedo hielt. Ich nutzte seinen Unterricht so gut, daß ich nach Verlauf von fünf, sechs Jahren die griechischen Schriftsteller ein wenig, und die lateinischen Dichter so ziemlich verstand. Auf die Logik legt' ich mich auch, wodurch ich denn mit Schlüssen und Folgerungen gar mächtig um mich werfen lernte. Das Disputiren ward so sehr mein Element, daß ich jeden Vorbeygehenden, Bekannten oder Nichtbekannten, anpackte, und ihm Argumente vorlegte. Bisweilen stieß ich auf Figuren von Irländischem SchlageD. w. s. knochenfeste, hitzköpfige, steifsinnige und gliederrege Gesellen wie die Irländer sind., denen dieß Wasser auf ihre Mühle war. Da hätte man uns sollen disputiren sehen. Was für Gesichter wir schnitten! Was für Verzuckungen unser Leib bekam! Unsre Augen blitzten Wuth, unser Mund schäumte. Man hätte uns eher für Besessene halten sollen, als für Philosophen.

Dennoch erwarb ich mir dadurch in der Stadt den Nahmen eines jungen Gelehrten, 7 was meinem Oheim kein kleines Vergnügen machte, weil er mich nunmehr bald loszuwerden verhoffte. Na, Gil Blas, sagte er eines Tages zu mir, Du hast nun die Kinderschuh abgelegt, bist siebzehn Jahr alt, und hast was Rechts gelernt. Nu mußt Du Dir selbst forthelfen. Ich will Dich nach Salamanka schicken auf die Universität. Als ein gescheiter Kerl wirst'u schon eine gute Stelle kriegen. Ich will Dir etliche Ducaten Reisegeld mitgeben, und meine Mauleselinn, die ihre zehn bis zwölf Pistolen unter Brüdern werth ist. Zu Salamanka kannst Du sie verkaufen, und von dem draus gelösten Gelde so lange zehren, bis Du wo untergekommen bist.

Einen angenehmern Vorschlag hätt' er mir nicht thun können, denn ich sehnte mich auf's heisseste in die Welt hinaus. Gleichwohl war ich Comödiant genug, meine Freude zu verbergen, und bey meiner Abreise die äusserste Trostlosigkeit darüber zu häucheln, daß ich mich von einem Oheim trennen müßte, dessen so großer Schuldner ich sey. Hierdurch erweicht' ich den guten ehrlichen alten Schlag dermaßen, daß er mit mehr Gelde herausrückte, als er würde gethan haben, wenn er in meinem Innern hätte lesen können.

Vor meiner Abreise nahm ich von meinem Vater und Mutter Abschied, die es an Ermahnungen nicht fehlen liessen; mir einschärften, 8 für meinen Oheim zu bethen, einen rechtschaffenen Lebenswandel zu führen, alle bösen Händel zu meiden, und vor allen Dingen mich nicht an fremdem Gute zu vergreifen.

Nach einer herzlich langen Predigt gaben sie mir das Einzige mit auf den Weg, was ich von ihnen erwartete – ihren Segen. Alsbald stieg ich auf mein Maulthier und ritt zur Stadt hinaus.

 


 << zurück weiter >>