Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

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Neuntes Kapitel.

Auf die Posse folget ein Trauerspiel.

PinWir verlauerten mehr denn die Hälfte des Tages im Holze, ohne einen Reisenden wahrzunehmen, der für den Geistlichen hätte ausbaden können. Endlich verliessen wir es, um nach unserer unterirdischen Höhle zurückzureiten. Wir wollten es dießmahl bey der komischen Begebenheit bewenden lassen, die uns aufgestoßen war, und womit wir uns noch unterhielten, als wir von ferne einen Wagen mit vier Mauleseln stark auf uns zutraben sahen. Er wurde von drey Reitern begleitet, die, wie es mir schien, wohl bewaffnet und völlig bereit waren, uns zu empfangen, wenn wir verwägen genug wären, sie anzugreifen.

Rolando ließ seinen Trupp Halt machen, um hierüber Kriegsrath zu pflegen, und es wurde der Angriff beschlossen. Sogleich stellt' er uns in Reih' und Glied, und wir rückten der Kutsche in völliger Schlachtordnung entgegen. So vielen Beyfall ich auch im Gehölz erhalten, so verspürt' ich doch ein so gewaltiges Zittern an meinem ganzen Leibe, und ein unglückweissagender Angstschweiß bedeckte mich vom Scheitel bis zur Ferse. Was noch das Beste war, so befand ich mich an der 62 Spitze zwischen dem Hauptmann und dem Lieutenant, die mich dahin gestellet hatten, um mich gleich an's Feuer zu gewöhnen. Rolando merkte, was bey mir vorging, sah' mich von der Seite an, und sagte mit einer wilden Miene zu mir: Hör', Gil Blas! halte Dich ja wohl! Weichst'u, so wisse, ich schieß Dich auf'n Kopf. Ich war zu gut überzeuget, daß er Wort halten würde, um seine Warnung in den Wind zu schlagen. Deßhalb war ich auf weiter nichts bedacht, als meine Seele Gott zu empfehlen, denn ich hatte von der Einen Seite nicht weniger zu fürchten, als von der andern.

Indeß kam der Wagen sammt den Reitern näher. Sie merkten, was für ein Schlag von Leuten wir wären, und da sie aus unserer Stellung unser Vorhaben erriethen, hielten sie einen Büchsenschuß von uns still. Sie hatten sowohl wie wir Carabiner und Pistolen. Während daß sie sich fertig machten, uns Stirn zu biethen, stieg ein wohlgemachter und reichgekleideter Mann aus dem Wagen, schwang sich auf ein Handpferd, das einer von den Reitern beym Zügel führte, und stellte sich bloß mit einem Degen und zwey Pistolen bewaffnet an die Spitze der Uebrigen. Ob gleich sie nur viere gegen neune waren, denn der Kutscher blieb auf dem Bocke, so rückten sie uns mit einer Kühnheit entgegen, die meine Erschrockenheit verdoppelte. Gleichwohl 63 hielt ich mich, obschon an jedem Gliede zitternd, schußfertig, doch drückt' ich, um die reine Wahrheit zu sagen, meinen Carabiner mit verschlossenen Augen und weggewandtem Gesichte ab; solchergestalt kann ich diesen Schuß nicht auf meinem Gewissen haben.

Ich werde von dem Treffen keine weitläufige Relation liefern, denn ob ich gleich gegenwärtig war, so sah' ich doch nichts. Indem meine Furcht alle meine Sinnen betäubte, so erblickt' ich nichts von dem ganzen gräßlichen Schauspiele. Nur das Einzige weiß ich, daß ich nach einem schrecklichen Feuern meine Spießgesellen aus vollem Halse: Victorie! Victorie! rufen hörte. Durch dieß Gejauchze verflog der Schreck, der sich aller meiner Sinnen bemächtiget hatte, und ich sah' auf dem Schlachtfelde die vier Reiter entseelet hingestrecket. Unserer Seits hatten wir nur Einen Mann eingebüßet; den aus dem Kloster entsprungenen Mönch, der für seine Abtrünnigkeit und ruchlose Spöttereyen über die Skapuliere den verdienten Lohn empfangen hatte. Einer von den Unsrigen war in die rechte Kniescheibe geschossen worden, und unser Lieutenant hatte einen Streifschuß bekommen.

Sennor Rolando lief sogleich an den Schlag des Wagens. Er erblickte darin eine vier bis fünf und zwanzigjährige Dame in Ohnmacht, worin sie schon vom Anfange des 64 Gefechtes gesunken war. Sie kam ihm bildschön vor, ungeachtet des jämmerlichen Zustandes, worin sie sich befand. Indeß er seine Augen an ihr weidete, waren wir auf Beute bedacht. Zuerst versicherten wir uns der Pferde von den erschossenen Reitern, die durch die Flintenschüsse erschrecket, nach dem Verlust ihrer Führer sich hier- und dorthin zerstreuet hatten. Allein die Maulesel hatten sich nicht von der Stelle gerühret, obgleich der Kutscher während der Action vom Bocke gesprungen, und davon gelaufen war. Wir stiegen ab, spannten sie aus, und beluden sie mit vielen Koffern, die wir hinten und vorn' auf dem Wagen angeschnüret fanden.

Als dieß geschehen war, wurde die noch immer nicht wieder zu sich gekommene Dame auf des Hauptmann's Befehl aus dem Wagen gehoben, und einer der stärksten und bestberittensten Räuber mußte sie zu sich auf's Pferd nehmen, den Wagen nebst den ausgeplünderten Leichen liessen wir auf der Heerstraße, und die Dame, die Maulesel und Pferde führten wir mit uns. 65

 


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