Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

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Erklärung des Autors

Da es Leute gibt, die kein Buch lesen können, ohne die darin vorkommenden fehlerhaften oder lächerlichen Charactere auszudeuten, so erklär' ich hiermit diesen boshaften Lesern, sie thun äußerst Unrecht, wenn sie die in gegenwärtigem Buche befindlichen Gemählde auslegen wollen. Ich bekenne hiermit männiglich, daß mein Vorsatz bey Verfertigung dieser Schrift der gewesen ist: die Menschen so darzustellen, wie sie sind. Behüte mich der Himmel, daß ich die Absicht gehabt hätte, auf den oder jenen anspielen zu wollen. Kein Leser nehme sich also das an, was auf andere so gut passen kann, als auf ihn; sonst möcht' er, wie Phädrus sagt: Stulte nudare animi conscientiam; thörichter Weise seine Blöße aufdecken.

In Castilien sowohl als in Frankreich trifft man Aerzte, die durch zu reichliches LVII Aderlassen ihre Patienten zu heilen gedenken. Ueberall gewahrt man die nähmlichen Laster, die nähmlichen Thorheiten.

Nicht immer, muß ich gestehen, hab' ich mich genau nach den Spanischen Sitten gerichtet, und diejenigen, denen der zügellose Wandel der Madridter Komödiantinnen bekannt ist, könnten mir vorwerfen: ich hätte ein zu schwaches Gemählde von denselben aufgestellt. Ich hab' aber geglaubt, die Farben weniger stark auftragen zu müssen, weil sie dem Auge meiner Landsleute sonst zu grell, zu schneidend gewesen seyn würden. LVIII



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