Alain René Lesage
Gil Blas von Santillana
Alain René Lesage

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Viertes Kapitel.

Der Canonicus wird krank; wie ihn der Arzt behandelt; was daraus entstehet, und was Gil Blas vermacht bekommt.

Ein ganzes Vierteljahr lang dient' ich dem Licentiaten Sedillo, ohne mich über die bösen Nächte zu beschweren, die ich bey ihm hinbrachte. Mit Ablauf der Zeit ward er krank, bekam das Fieber, und mit den dadurch entstehenden Schmerzen fühlt' er auch sein Zipperlein sich vermehren.

Nunmehr nahm er – und das war das erstemahl in seinem fürwahr nicht kurzen Leben – Zuflucht zu den Aerzten. Er verlangte den Doctor Sangrado, den ganz Valladolid für einen Hippokrates hielt. Jungfer Jacinte'n wär' es lieber gewesen, daß er vorher sein Testament gemachet hätte. Sie ließ hiervon einige Worte gegen ihn fallen, allein er war in manchen Stücken gar gewaltig halsstarrig, überdieß glaubt' er sich seinem Ende noch nicht so nahe. Demnach sucht' ich den Doctor Sangrado auf, und bracht' ihn mit zurück.

Dieß war ein großer, magerer und blasser Mann, der vierzig Jahre wenigstens der Scheere der Parzen volle Arbeit verschaffet hatte. 157 Dieser gelehrte Arzt gab sich eine gar gravitätische Miene; jedes seiner Worte war abgewogen, und fast jeder Ausdruck hochtönend und fremd; seine Beweise und Schlüsse schienen mathematische Schärfe zu haben, und seine Meinungen klangen höchst sonderbar.

Nachdem er meinen Herrn genau beobachtet hatte, sagte er mit einer Doctormiene: Hier kommt es darauf an, dem Mangel der unterdrückten Trtanspiration abzuhelfen. Andere würden an meiner Stelle sine dubio salsa, urinosa und volatilia verordnen, die mehrentheils sulphurische und mercurialische Particula bey sich führen. Allein alle Purgantia und Sudorifica sind perniciös und eine invention der Scharlatane. Alle chemische Praeparata scheinen bloß zum Verderben der Kranken bereitet worden zu seyn. An was für Nahrung haben Sie sich gewöhnet? fuhr er fort. Ich esse gemeiniglich, antwortete der Canonikus, Kraftsuppen und nahrhaftes Fleisch. Kraftsuppen und nahrhaftes Fleisch! rief der Arzt voller Erstaunen. Kein Wunder, daß Sie krank sind. Leckere Gerichte sind Schlangen unter Rosen, sind die Fallen, welche die Wollust den Menschen leget, um sie desto sicherer in's Verderben zu stürzen. Sie müssen allen den schmackhaften Nahrungsmitteln entsagen. Je insipider, desto zuträglicher der Gesundheit! Sintemahl das Blut insipid ist, so 158 verlanget es auch Gerichte, die seiner Natur quadriren. Und trinken Sie Wein? fuhr er fort. Ja, antwortete der Licentiat, aber mit Wasser vermischt.

O vermischt hin, vermischt her! antwortete der Medicus. Welche regellose Lebensart! Welche entsetzliche Diät! Sie hätten schon längst todt seyn sollen. Wie alt sind Sie? Ich geh' in mein neunundsechzigstes Jahr, antwortete der Licentiat. Ganz recht, sagte der Arzt, frühzeitiges Alter ist allemahl die Frucht der Intemperanz. Hätten Sie Ihr ganzes Leben hindurch nichts zu sich genommen, als reines Brunnenwasser, Sich mit simplen Alimenten begnüget, als exempli gratia, mit gekochten Aepfeln, Erbsen oder Bohnen, so würden Sie jetzt nicht mit dem Podagra gequälet seyn, und alle Ihre Glieder würden mit Leichtigkeit ihre Functionen verrichten. Demohnerachtet desesperir' ich noch nicht, Sie wiederum auf die Beine zu bringen, wofern Sie Sich nur gänzlich nach meinen Vorschriften accomodiren.

So ein Leckermaul der Licentiat auch war, so versprach er doch, ihm in allen Stücken zu gehorchen. Sofort schickte mich Sangrado nach einem Wundarzte, dessen Nahmen und Wohnung er mir sagte, und ließ durch selbigen meinem Herrn sechs gute Teller Blut zapfen, um den Abgang an 159 Transpiration zu ersetzen. Nachher sagt' er zum Wundarzt: In drey Stunden kommen Sie wieder, Meister Martin Onnez, und lassen wieder so viel, morgen fangen Sie von vorne an. Ein grundfalscher Gedanke, daß das Blut zur Conservation des Lebens nöthig sey. Ein Kranker kann nicht zuviel Blut verlieren. Alldieweil er keine motiones oder beträchtliche exercitamenta corporis zu machen im Stand' ist, und weiter nichts zu thun hat, als nicht zu sterben; so bedarf er nicht mehr Blut, als ein Schlafender. Das Leben bey allen beyden bestehet bloß im Puls und in der Respiration.

Weil der gute Canonicus sich einbildete, ein so großer Arzt könne nicht Fehlschlüsse machen, so ließ er sich ohne Widerstand die Ader schlagen. Nachdem der Doctor häufige und reichliche Aderlässe verordnet hatte, sagte er, man müsse auch dem Canonicus alle Augenblicke warmes Wasser zu trinken geben. Dieß, versicherte er uns, im Ueberfluß getrunken, seye das bewährteste Specificum für alle Arten von Krankheiten.

Er ging hierauf fort und sagte zu Jungfer Jacinte'n und mir mit der zuversichtlichsten Miene, er stände für das Leben des Patienten, wenn seine Vorschriften genau befolget würden. Die Haushälterinn, die vielleicht seine Methode mit andern Augen ansahe, betheuerte: man würde sich pünctlich darnach 160 richten. In der That setzten wir auch Wasser an's Feuer, und da uns der Arzt vor allen Dingen anbefohlen hatte, selbiges nicht zu schonen, so liessen wir unsern Herrn sogleich zwey bis drey Maß hinterschlürfen. Eine Stunde darnach wiederhohlten wir dieß, und indem wir von Zeit zu Zeit neue Ausfälle auf ihn thaten, goßen wir eine Sündfluth in seinen Magen. Da uns von der andern Seite der Wundarzt durch das Menge Blutabzapfen half, so brachten wir in weniger denn zwey Tagen den alten Canonicus ganz auf die Hefen.

Wie ich ihm noch ein großes Glas von Specificum hinterstürzen wollte, sagte der arme Geistliche, der es nicht mehr herunterzubringen vermochte, mit schwacher Stimme zu mir: Halt ein, Gil Blas; gib mir nichts mehr, mein Freund. Ich sehe wohl, ich muß sterben, trotz der wundersamen Kraft des Wassers, und ob ich gleich keinen Blutstropfen mehr im Leibe habe, befind' ich mich doch darum nicht besser. Ein deutlicher Beweis, daß der geschickteste Arzt von der Welt unser Ziel nicht weiter hinausstecken kann, wenn wir leider an selbiges gekommen sind. Ich muß mich zur Reise nach jener Welt anschicken. Geh, hohl einen Notarius; ich will mein Testament machen. 161

Bey diesen letzten Worten, die mir gar nicht widrig klangen, stellt' ich mich hochbetrübt, wie jeder Erbe im ähnlichen Falle zu thun pflegt, und verhehlte die Freude, womit mich dieser Auftrag erfüllte, und sagte: O so ganz schachmatt sind der Herr Licentiat, Gottlob! noch nicht, daß Sie nicht noch sollten wieder aufkommen können. Nein, nein, mein Sohn, erwiederte er, mit mir ist es aus. Das Podagra, merk' ich, tritt in den Leib, und mein Stündlein rückt heran. Eile nur risch, wohin ich Dir gesagt.

Ich ward wirklich gewahr, daß er zusehends schlechter wurde, und nunmehr schien mir mein Geschäft so dringend, daß ich über Hals über Kopf wegeilte. Jungfer Jacinte, der noch bänger war, wie mir, er möchte ohne Testament wegscheiden, blieb bey ihm. Ich ging zum ersten Notar, den ich ausgefraget hatte, dem besten, und da ich ihn zu Hause fand, sagt ich zu ihm: Mein Herr Notarius, der Licentiat Sedillo, mein Herr, liegt schier in den letzten Zügen, und möchte gern seinen letzten Willen aufgesetzet haben; aufhalten müssen wir uns aber keinen Augenblick. Der Notar war ein lustiges, altes Männchen, das gern einen Spaß machte. Er fragte, was der Patient für einen Arzt habe. Wie er hörte, der Doctor Sangrado, nahm er hurtig Mantel und Hut, und rief: Da müssen wir 162 wahrhaftig und Gott zueilen; denn der Herr Doctor expediret so rasch, daß er den Patienten keine Zeit läßt, nach dem Notarius zu schicken. Hat mich schon um manch liebes Testament geprellet, der Herr Patron!

Mit diesen Worten eilte er mit mir fort. Indem wir so mit starken Schritten dem Tode vorzutraben suchten, sagt' ich zu ihm: Sie wissen wohl, mein Herr, oft entgehen einem sterbenden Erblasser die Gedanken. Sollte nun ja von ungefähr mein Herr meiner vergessen, so ersuch' ich Sie, ihn an meine treuen Dienste zu erinnern. Recht sehr gern, mein Sohn, antwortete mir der Notar, kannst Dich darauf verlassen. Nicht mehr wie billig, daß ein Herr seinem treuen Diener einen Recompens hinterläßt. Find' ich ihn nur einigermaßen geneigt, Deine Dienste zu erkennen, so will ich ihn dahin bereden, Dir was Ansehnliches zu vermachen.

Als wir in die Stube traten, fanden wir den Licentiaten noch bey völlig gesunder Vernunft; neben ihm Jungfer Jacinte'n, das Gesicht in Theaterthränen gebadet. Sie hatte ihre Rolle wacker gespielet, und den Alten so gestimmet, daß er ihr nicht wenig vermachen konnte. Wir liessen den Notar bey unserm Herrn allein, und begaben uns ins Vorzimmer. Hier begegneten wir dem Wundarzte, der auf des Arztes Befehl 163 kam, einen neuen Aderlaß vorzunehmen, und zwar den letzten. Wir hielten ihn zurück, und die Haushälterinn sagte zu ihm: Verziehen Sie nur ein klein wenig, Meister Martin; jetzt können Sie unmöglich vor den Sennor Sedillo. Er hat so eben einen Notar bey sich, dem er seinen letzten Willen dictiret. Wenn's Testament gemacht ist, können Sie ihm nach Belieben Ader lassen.

Der Beate und mir war mächtiglich angst, der Licentiat möchte mitten im Testiren verscheiden, allein die Handlung ging glücklich zu Ende, und mit selbiger auch unsere Besorgtheit. Der Notar kam heraus, klopfte mich im Vorbeygehen auf die Schulter, und sagte lächelndes Mundes zu mir: Gil Blas ist nicht vergessen worden. Ich empfand bey diesen Worten die lebhafteste Freude, und fühlte mich gegen meinen Herrn für seine Rücksicht auf mich so verpflichtet, daß ich das Gelübde that, Gott auf''s eifrigste für ihn nach seinem Tode anzuflehen, der auch bald darauf erfolgte. Denn nachdem ihm der Wundarzt nochmahls zur Ader gelassen hatte, gab der arme, nur schon zu sehr ausgemergelte Greis beynah' in eben dem Augenblicke den Geist auf.

Eben als ihm der Odem entfuhr, erschien der Arzt. So schnell er auch seine Patienten abzufertigen gewohnet war, stutzte er doch ein wenig; indeß war er weit entfernet, den 164 Tod des Canonicus dem warmen Wasser und den Aderlässen beyzumessen, er sagte vielmehr beym Weggehen ganz kalt: Man hätte ihm nicht genug zur Ader gelassen, und nicht warmes Wasser genug zu trinken gegeben. Weil der Vollstrecker der hochnothpeinlichen Arzneykunst, ich meine den Wundarzt, sahe, daß seine Hülfe weiter nicht nöthig war, trollte er dem Doctor Sangrado nach. Der eine sagte sowohl wie der andere: Sie hätten dem Licentiaten vom ersten Tag' an das Leben abgesprochen. Auch irrten sie sich fast in der That nie, wenn sie ein solches Urtheil fällten.

Sobald wir unsern Patron leblos da liegen sahen, begannen Jungfer Jacinte, Inesille und ich ein so jämmerliches Trio, daß es die ganze Nachbarschaft hörte. Zumahl stieß die Beate, die die meiste Ursache zur Freude hatte, Klagetöne aus, die aus dem gebrochensten Herzen zu kommen schienen. In einem Hui war die Stube mit Leuten angefüllt, die mehr Neugier als Mitleid herbey führte. Kaum hatten die Verwandten des Verstorbenen von seinem Tode Wind bekommen, so stürmten sie auf seine Wohnung los, und liessen alles verriegeln. Sie fanden die Haushälterinn so betrübt, daß sie anfänglich glaubten, der Canonicus habe kein Testament gemacht. Allein, zu ihrem größten Leidwesen erfuhren sie, daß eins da seye, und zwar in 165 optima forma. Als es geöffnet wurde, und sie sahen, daß der Erblasser seine besten Sachen Jungfer Jacinte'n und Inesille'n vermacht habe, hielten sie ihm eine Leichenrede, die eben nicht seinem Gedächtnisse sehr ehrenvoll war. Zugleich machten sie die Beate herunter, wobey sie mich auch nicht ganz vergaßen. Ich muß gestehen, daß ich es wohl verdiente. Der Licentiat, Gott hab' ihn selig! hatte, damit ich mich Zeitlebens seiner erinnern möchte, folgenden Artikel in Betreff meiner einfliessen lassen:

Item: Wann Gil Blas ein Mensch ist, der bereits einigen Fond in Wissenschaften hat, so vermache ich ihm, zur fernerweitigen Excolirung dererselben, meine Bibliothek, alle meine Bücher und Manuscripte, sonder irgend eine Ausnahme.

Wo diese angebliche Bibliothek seyn konnte, wußt' ich nicht; ich hatte nie eine in irgend einem Winkel des Hauses wahrgenommen; wußte bloß, daß sich in meines Herrn Cabinet auf einem Paar Bretchen einige Papiere und fünf bis sechs Bücher befanden. Und grad' aus diesen bestand mein Vermächtniß. Zudem konnt' ich aus den Büchern eben keinen großen Nutzen ziehen. Das eine führte den Titel: der vollkommene Koch; das andere 166 handelte von der Unverdaulichkeit, und wie selbige zu heilen sey, und die übrigen waren vier Theile eines Breviariums, von den Würmern halb aufgefressen. Die Manuscripte anlangend, so enthielt das seltenste unter denselben die sämmtlichen Actenstücke eines Prozesses, den der Canonicus ehemahls wegen seiner Präbende führte. Nachdem ich mein Vermächtniß mit mehrerer Aufmerksamkeit untersucht hatte, als es verdiente, überließ ich es den Anverwandten, die mich deßhalb so sehr beneidet hatten. Ich stellte ihnen sogar meine Livrey wieder zu, wofür ich meinen Rock zurücknahm, und so begnügt' ich mich für alle meine treugeleisteten Dienste am Lohne. Hierauf empfahl ich mich, um einen andern Herrn aufzusuchen.

Was Jungfer Jacinte'n anlanget, so besaß sie außer denen ihr vermachten Summen noch allerhand gutes Haus- und anders Geräth, das sie durch Hülfe ihres guten Freundes, während des Licentiaten Krankheit, über Seite geschafft hatte. 167

 


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